**News Leader 24 — rivel_lyub_r116052_p2_de**
Das Sektglas zerschellte auf dem Parkett, und für einen Moment hörte man in dem ganzen Saal nur das Ticken der Standuhr in der Ecke. Fünfzigster Geburtstag, achtzehn Gäste im Landgasthof "Zur alten Mühle" bei Freiburg, gemietet für einen Abend im November. Und dann kam Bernd — eine Stunde zu spät, den Mantel noch nicht mal ausgezogen, an seiner Seite eine Frau Anfang dreißig in einem viel zu engen roten Kleid.
— Darf ich vorstellen, — sagte er, und seine Stimme trug bis zur letzten Reihe, — das ist Jana. Ab jetzt übernimmt sie deinen Platz. In meinem Leben und im Küchenstudio.
Ich hieß Renate. Zweiundfünfzig Jahre alt an diesem Abend, nicht fünfzig — die Zahl hatte ich mir schon vor zwei Jahren geschenkt, aber das gehört nicht hierher. Ich saß am Kopfende des langen Tisches, zwischen meiner Schwägerin und unserem Steuerberater, und roch den Kürbiscremesuppe, die inzwischen kalt wurde.
Niemand rührte sich. Jemand ließ eine Gabel auf den Teller fallen, das Geräusch war unangenehm laut. Bernd stand da mit diesem Grinsen, das er sonst nur bei Vertragsabschlüssen aufsetzte — er hatte zwanzig Jahre lang ein Küchenstudio geführt und wusste genau, wie man einen Raum lesen konnte. Er erwartete Tränen. Ein Glas an die Wand. Vielleicht ein Bitten, ihn nicht zu verlassen. Schließlich war er der Chef, der Mann mit der Visitenkarte, und ich — die Frau, die im Hintergrund die Bestellungen sortierte.
Ich faltete meine Serviette, legte sie neben den Teller und stand auf.
— Willkommen, Jana, — sagte ich, und meine Stimme zitterte nicht, was mich selbst überraschte. — Setz dich, wohin du willst.
Ich nahm meine Handtasche und den Mantel von der Stuhllehne. Bernd trat mir in den Weg.
— Wo willst du hin? Wir sind noch nicht fertig. — Er senkte die Stimme, fast versöhnlich. — Wenn du dich vernünftig verhältst, darfst du weiter den Einkauf für die Fliesen und Arbeitsplatten machen. Du kennst ja die Lieferanten in Italien.
— Du hast alles gesagt, was zu sagen war, Bernd. Die Rechnung für heute Abend zahlst du. Deine Kreditkarte hängt an der Reservierung.
Ich ging an ihnen vorbei. Jana roch nach einem Parfum, das viel zu schwer für ihr Alter war, süß und aufdringlich wie ein überheizter Wintergarten. Ich sah sie nicht an. Draußen wartete ein Taxi, das ich schon beim Vorspeisenteller bestellt hatte, so ein Gefühl hatte ich gehabt, seit Bernd am Telefon zu ausweichend geklungen hatte.
Zuhause, in meiner Altbauwohnung in der Wiehre, roch es nach dem Basilikum auf der Fensterbank und nach kaltem Zigarettenrauch vom Nachbarn unter mir, der immer auf dem Balkon rauchte, egal bei welchem Wetter. Diese Wohnung hatte ich mir sieben Jahre vor Bernd gekauft, mit dem gesamten Ersparten aus meiner Zeit als Bauleiterin bei einem Fertighaushersteller im Schwarzwald. Sie gehörte nur mir. Kein gemeinsames Eigentum, keine Diskussion.
Ich holte drei Koffer aus dem Abstellraum und packte, ohne Hast, ohne einen einzigen zerrissenen Ärmel: die Anzüge, die gebügelten Hemden, die Uhrensammlung, die Lederschuhe aus Mailand. Ich stellte die Koffer in den Flur und ging schlafen.
Um neun Uhr am nächsten Morgen klingelte es. Bernd, hinter ihm Jana, die ihre Handtasche wie einen Schutzschild vor sich hielt.
— Sehr vorausschauend von dir, — presste er hervor und griff nach den Griffen. — Ich wäre sowieso zu Jana gezogen. Ich erwarte dich um elf im Studio wegen der Übergabe.
Er drehte sich um, ohne eine Antwort abzuwarten. Ich schloss die Tür.
Das Studio lag im Erdgeschoss eines Neubaus in Herdern, große Schaufenster, achtzehn Meter Deckenhöhe im Ausstellungsbereich. Diese Fläche hatte ich von meinem Onkel geerbt, einem Mann, der sein Leben lang Fliesenleger war und sich mit sechzig ein eigenes Ladenlokal gekauft hatte. Er hatte den kompletten Innenausbau bezahlt: die Elektrik, den Estrich, die Klimaanlage, die Schaufensterfronten. Bernd hatte hier vor sechzehn Jahren sein Gewerbe angemeldet und all die Jahre nur die Instandhaltung übernommen — alle drei Jahre einen neuen Anstrich, sonst nichts. Die Miete für das Lokal selbst hatte er nie gezahlt. Genauso wenig wie für meine Arbeitszeit.
Sechzehn Jahre hatte ich das Studio ohne Arbeitsvertrag, ohne Gehalt geführt. Die komplette Kundendatenbank, die Artikelnummern der italienischen Fabriken auswendig, die Zollabwicklung für die Lieferungen, die Monteure koordiniert. Bernd schüttelte den Kunden im Verkaufsraum die Hand und unterschrieb die Verträge.
Als er mit Jana das Studio betrat, saß ich schon im Büro.
— Du bist ja schon da, — sagte er selbstzufrieden. — Zeig Jana die Systeme.
— Genau deswegen bin ich hier. — Ich schob ihm das Diensttelefon über den Tisch. — Hier sind die Zugänge zur Kundensoftware, die Lieferantenkontakte, der Link zur Cloud mit den Lieferterminen. Ab jetzt führe ich dieses Studio nicht mehr.
Jana griff nach dem Handy wie nach einem Preis.
— Noch etwas, — ich zog zwei Ausdrucke aus meiner Ledermappe. — Sechzehn Jahre lang hat dein Gewerbe diese Fläche über einen unbefristeten Leihvertrag genutzt, kostenlos. Das hier ist die offizielle Kündigung. Du hast dreißig Tage Zeit, entweder die Ausstellungsstücke zu räumen oder mit mir einen gewerblichen Mietvertrag zu unterschreiben. Der Entwurf liegt bei, zum ortsüblichen Preis für Herdern.
Bernds Gesicht verfärbte sich.
— Welche Miete, Renate? Das ist doch unser gemeinsames Geschäft!
— Das Gewerbe ist deins. Deine Steuern, dein Gewinn. Die Fläche ist meine. Geerbt, bevor wir geheiratet haben. Für Exmänner gibt es keinen Rabatt.
— Das wagst du nicht! — Seine Stimme kippte, als ihm klar wurde, was ein Umzug bedeuten würde: die Küchenausstellung mit den Massivholzfronten abbauen, die Einbauschränke zerlegen, ein neues Ladenlokal mit Schaufenstern finden, Millionen in einen neuen Innenausbau stecken. Mindestens zwei Monate Umsatzausfall.
— Meine Zeit ist abgelaufen, — ich stand auf und richtete meine Jacke. — Viel Erfolg, Jana. Du wirst ihn brauchen.
Der erste Monat verlief in einer Stille, die mir wie Balsam vorkam. Der erste Riss zeigte sich nach zehn Tagen. Ich trank meinen Morgenkaffee, als der Werkstattleiter der Zulieferfabrik aus dem Sauerland anrief, mit dem wir jahrelang zusammengearbeitet hatten.
— Frau Renate, entschuldigen Sie, dass ich privat anrufe, — sagte Herr Kowalski, hörbar ratlos. — Ihre neue Kollegin hat uns die Spezifikation für die Küche der Familie Brandt geschickt. Laut Planung sollten es Fronten aus massiver Eiche sein, sie hat aber Folienbeschichtung in Nussbaum-Optik eingetragen. Und statt der österreichischen Beschläge steht da Standardware aus dem Baumarktkatalog. Ich hab versucht, sie darauf hinzuweisen, sie hat gesagt, das ginge mich nichts an.
— Herr Kowalski, ich habe mit dem Studio nichts mehr zu tun, — antwortete ich ruhig und schaute aus dem Fenster auf die nasse Straße. — Fertigen Sie nach der offiziellen Bestellung.
Gegen Ende des ersten Monats kam der logistische Kollaps. Das gesamte Liefersystem hatte jahrelang auf meinen persönlichen Absprachen mit bestimmten Speditionen beruht, mit Fahrern, die ich beim Namen kannte. Jana glaubte, Logistik bestehe darin, eine App zu öffnen und einen Termin anzuklicken. An einem Tag sollten drei Lkw gleichzeitig anliefern; sie hatte die Zwischenlager und die Uhrzeiten verwechselt. Zwei Laster blockierten eine halbe Tagesschicht die schmale Zufahrt zum Wohnkomplex, wofür das Studio ein saftiges Bußgeld von der Hausverwaltung kassierte. Der dritte drehte auf dem Terminal einfach um, weil die Vollmacht für die Warenannahme fehlte.
Am letzten Tag des ersten Monats schickte Bernd mir, mit sichtbar zusammengebissenen Zähnen, den unterschriebenen Mietvertrag als Scan. Er hatte keine andere Wahl gehabt. Am Abend ging die erste Zahlung auf meinem Konto ein. Ich schaute auf die Benachrichtigung der Banking-App und lächelte — dieses passive Einkommen fühlte sich angenehmer an als sechzehn Jahre unbezahlte Doppelschicht als Empfangsdame, Logistikerin und Seelentrösterin in einer Person.
Der zweite Monat brachte Bernd echte Prüfungen. Jana zerbrach an ihrer neuen Rolle. Sie hatte geglaubt, Studioleitung bedeute, auf dem italienischen Ledersofa zu sitzen, Cappuccino zu trinken und Kataloge durchzublättern. Stattdessen: endlose Excel-Tabellen, Reklamationen, Fehlbestände. Der lauteste Eklat drehte sich um einen banalen Kleiderschrank. Der Aufmaßtechniker hatte handschriftlich rot vermerkt: fünf Zentimeter technischer Abstand nach oben, wegen der geplanten Spanndecke. Jana übersah die Notiz und gab die volle Nischenhöhe in Auftrag. Der Schrank passte nicht. Der Kunde stand brüllend im Verkaufsraum, die Schaufensterscheiben vibrierten fast. Jana brach in Tränen aus, warf die Unterlagen auf den Tisch und rannte hinaus.
Bernd musste selbst den Kunden beruhigen und neue Türen auf eigene Kosten bestellen. Mitte des zweiten Monats stellte er eine erfahrene Studioleiterin ein, mit Festgehalt plus Umsatzbeteiligung. Was früher unsichtbar und kostenlos meine Arbeit war, wurde plötzlich zu zwei gewaltigen monatlichen Ausgabenposten.
In dieser Zeit trafen wir uns im Büro meiner Anwältin wegen der Vermögensaufteilung. Ich blieb sachlich, verhielt mich strikt nach dem Gesetz.
— Zum gemeinsamen Vermögen zählen, — die Anwältin faltete die Hände auf dem Schreibtisch, — das im Bau befindliche Ferienhaus am Titisee, zwei Fahrzeuge und die gemeinsamen Konten. Frau Renates Wohnung und die Gewerbefläche fallen nicht darunter.
Bernd nestelte an seiner Uhr, unter seinen Augen lagen Schatten, die ich vorher nie an ihm gesehen hatte.
— Ich schlage vor, wir verkaufen das Haus und teilen den Erlös, — sagte er, ohne mich anzusehen. — Die Autos schätzen wir zum Marktwert.
— Einverstanden, — nickte ich der Anwältin zu, — aber es gibt noch etwas: die Ausstellungsmöbel, die Warenbestände, die Ladeneinrichtung, während der Ehe für dein Gewerbe angeschafft — auch das ist gemeinschaftliches Vermögen.
Bernds Gesicht wurde lang. Die Anwältin bestätigte ruhig: — Korrekt. Das Gewerbe bleibt bei Ihnen, Herr Bernd, aber die während der Ehe erworbenen Betriebsmittel müssen bewertet und zur Hälfte ausgeglichen werden.
Das war der entscheidende Treffer. Um mir die Differenz für seinen Geländewagen und die Hälfte der Ausstellungsküchen auszuzahlen, musste Bernd einen Konsumentenkredit aufnehmen. Die Bank gab ihm nur widerwillig Geld, zu hohen Zinsen — sie sah ja, wie stark der Umsatz seines Gewerbes in den letzten zwei Monaten eingebrochen war.
Der dritte Monat brachte die vollständige Krise. Die Küche mit der falschen Folienbeschichtung wurde ausgeliefert. Die Kunden aus der Villa am Titisee, gut vernetzte, ungeduldige Leute, machten vor den Monteuren einen Riesenskandal. Bernd musste den ganzen Auftrag auf eigene Kosten neu fertigen lassen und zusätzlich eine Entschädigung zahlen, damit sie nicht vor Gericht zogen. Dann stellte sich heraus, dass Jana eine Rechnung für eine große Lieferung italienischer Beschläge nicht bezahlt hatte — die Fabrik stoppte zwei Wochen lang alle Lieferungen. Kunden schickten Mahnschreiben mit Fristsetzung. Wegen der Liquiditätsengpässe verspätete sich das Gehalt der Monteure, die daraufhin zur Konkurrenz wechselten.
Jana zog sich zurück, saß nur noch zu Hause und verlangte die Aufmerksamkeit, die Restaurantbesuche, die versprochene Reise nach Mallorca, an die sie sich während der Affäre gewöhnt hatte. Statt eines erfolgreichen, großzügigen Mannes bekam sie einen nervösen Menschen mit Schulden und Klagen, der nachts Kisten schleppte.
Um die aggressivsten Kunden auszuzahlen, den Kredit zu bedienen und die Miete für mich zu zahlen, griff Bernd zur letzten Maßnahme: gelbe Banner im Schaufenster, "Totalräumung, alles muss raus". Die Räume leerten sich. An den Wänden blieben nur die Bohrlöcher der demontierten Regale.
Ich fuhr am letzten Tag des dritten Monats hin, um den Zustand vor der endgültigen Übergabe zu prüfen. Bernd meldete sein Gewerbe ab. Er stand in dem leeren, hallenden Raum, ein zerknittertes Hemd, in der Ecke ein alter Schreibtisch und ein Stapel leerer Kartons.
— Zufrieden? — fragte er, ohne mich anzusehen.
— Ich prüfe die Steckdosen, die Sockelleisten und den Boden, — antwortete ich sachlich. — Ab morgen beginnt hier der Innenausbau für die Apotheke, die den Mietvertrag schon unterschrieben hat.
Er lachte trocken, ein Geräusch wie ein Husten.
— Weißt du, Renate — vor einer Woche hat Jana ihre Sachen gepackt. Gesagt, ich hätte sie belogen. Sie sei mit einem erfolgreichen Mann ausgegangen, nicht mit einem Bankrotteur, der selbst Lastwagen entlädt.
— Das tut mir leid, — ich machte eine Notiz im Übergabeprotokoll und reichte ihm das Klemmbrett. — Unterschreib hier, hier und auf der letzten Seite. Die Kaution behalte ich für die Endreinigung.
Er unterschrieb, ohne zu lesen, die Finger zitterten leicht. Ich nahm den Schlüsselbund und ging hinaus. Die Novemberluft roch nach nassem Laub und dem Kamin des Bäckers zwei Häuser weiter.
Zwei Wochen später, ein Samstagabend, ich saß in einer Decke gewickelt auf dem Sofa, ein Krimi lag aufgeschlagen auf dem Tisch, der Fernseher lief leise mit der Tagesschau-Wiederholung. Es klingelte.
Bernd stand vor der Tür. Ohne den Maßanzug, in einer schlichten dunklen Jacke, abgemagert, mit einem kleinen, unbeholfenen Strauß aus dem Blumenladen an der Ecke, wo sonst nur die welken Gerbera im Eimer stehen.
— Renate, — begann er, und in seiner Stimme lag der bittende Ton, den er sonst nur bei hartnäckigen Finanzbeamten benutzte. — Ich hab's begriffen. Ich war ein Idiot. Dieses Geschäft, mein ganzes Leben — das lief nur wegen dir. Ich schaff das nicht ohne dich. Lass uns von vorne anfangen, eine neue Firma, du kennst doch alle Lieferanten.
Ich sah den Mann an, mit dem ich zwanzig Jahre das Bett und das Leben geteilt hatte, und spürte nichts. Keine Wut, keinen alten Groll, nicht mal die süße Genugtuung über seinen Fall. Nur eine zähe Müdigkeit darüber, dass er mich immer noch für dümmer hielt als sich selbst.
— Bernd, — ich öffnete die Tür nicht weiter, die Sicherheitskette blieb eingehängt. — Du bist zu meinem Geburtstag gekommen und hast vor all meinen Freunden gesagt, eine andere Frau würde meinen Platz einnehmen.
— Das war ein furchtbarer Fehler! Hochmut, Torschlusspanik! — Er versuchte, den Strauß durch den Spalt zu schieben. Ich rührte mich nicht.
— Es war kein Fehler, — ich sah ihm in die geröteten Augen, jedes Wort einzeln. — Sie hat meinen Platz eingenommen. Sie konnte nur meine Arbeit nicht.
Ich schloss die Tür, drehte den Schlüssel zweimal um und ging in die Küche, mir einen Kaffee aufsetzen.







