Achtzehn Jahre mit Sabine, zwei Töchter, ein Reihenhaus in Bergisch Gladbach – und dann kommt eine Neununddreißigjährige aus dem Marketing und stellt alles infrage, ohne dass ich es wollte.

Ich heiße Torsten, bin Vertriebsleiter bei einem Mittelständler für Verpackungstechnik in Köln-Mülheim. Jasmin kam vor gut einem Jahr als neue Teamleiterin zu uns, und ich war derjenige, der sie einarbeiten sollte. Ich schwöre, ich habe nichts gesucht. Wer mit achtzehn Jahren Ehe morgens noch neben derselben Frau aufwacht, sucht nicht mehr. Man hat seinen Rhythmus: Kaffee um sechs, die Kinder zur Schule, Sabine, die im Bad das Radio auf WDR 2 laufen lässt, weil sie den Verkehrsfunk hören will, obwohl sie nie im Stau steht.

Das Projekt, das uns zusammenbrachte, war die Umstellung auf die neue Kundendatenbank. Wochenlang saßen wir in Meetingraum 3, dem mit dem kaputten Rollo, das immer schief hing. Jasmin brachte diesen trockenen Humor mit, den ich sonst nur von meinem ältesten Kumpel aus der Bundeswehrzeit kannte. Sie konnte eine Excel-Tabelle kommentieren wie andere einen Tatort-Krimi. Ich habe zuerst gar nicht gemerkt, wie oft ich anfing, unsere Termine im Kalender zu suchen, bevor ich überhaupt wusste, worum es ging.

Was in der Fassung, die man sich vielleicht über mich erzählt, wie kühle Distanz aussah – das war für mich schlicht Angst. Ich hatte Angst vor mir selbst. Ich fing an, im Meeting bewusst am anderen Ende des Tisches zu sitzen. Ich schickte Mails über Kollegen weiter, statt direkt mit ihr zu sprechen, wo es gar nicht nötig gewesen wäre. Sabine hat das nie bemerkt – sie hatte selbst genug am Hals, ihre Mutter kam damals gerade ins Pflegeheim in Rösrath, jedes Wochenende Fahrerei, jedes Wochenende dieselbe Erschöpfung in ihrem Gesicht, wenn sie abends auf der Couch einschlief, noch bevor der Tatort zu Ende war.

Der Abend, an dem alles kippte, war ein Donnerstag im März. Wir mussten das Angebot für einen Großkunden aus Leverkusen fertigstellen, Abgabe am nächsten Morgen um neun. Halb zehn abends, das Büro leer, nur die Neonröhre über dem Drucker surrte, weil sie einen Wackelkontakt hatte und schon seit Wochen zum Elektriker sollte. Jasmin saß neben mir, wir gingen die letzten Zahlen durch, und ihre Schulter berührte kurz meine, als sie sich zum Bildschirm beugte. Ich spürte das bis in die Fingerspitzen.

Ich sagte: "Sag jetzt nichts." Zu spät. Sie hatte es schon gesagt, mit einer Stimme, die ich vorher nie an ihr gehört hatte: "Ich mag dich zu sehr. Und das ist ein Problem." Mein Puls raste, ich hörte ihn im Ohr. "Du hast eine Familie", sagte sie, fast wie eine Bitte, ich möge das bestätigen, damit sie sich daran festhalten konnte. "Ich weiß", sagte ich. "Deshalb geht zwischen uns nichts." Sie nickte nur, dann stand ich auf, weil ich wusste: Bleibe ich noch eine Minute, mache ich etwas, das ich nicht mehr zurücknehmen kann. Ich ging runter zum Auto, setzte mich rein und blieb zwanzig Minuten auf dem leeren Parkplatz sitzen, bevor ich losfuhr. Zu Hause aß ich das kalt gewordene Abendessen, das Sabine mir hingestellt hatte, und log ihr ins Gesicht, dass die Präsentation einfach lange gedauert hatte.

Die Wochen danach waren die Hölle, das kann ich so sagen. Wir behandelten uns im Flur wie zwei Kollegen, die sich gerade eben kennen. Aber im Pausenraum, wenn jemand von ihrer Familie sprach – "die Zwei sind ja das perfekte Paar, nie Streit" –, konnte ich sehen, wie sich ihre Kiefermuskeln anspannten. Ich wusste, was das bedeutete, weil bei mir dasselbe passierte. Ich fing an, absichtlich länger im Büro zu bleiben, nur um nicht mit ihr im Aufzug zu landen. Meine Assistentin fragte mich einmal, ob bei mir zu Hause alles in Ordnung sei. Ich sagte ja.

Dann kam die Kündigung. Ihre Kündigung, auf dem Schreibtisch der Personalabteilung, ich erfuhr es von unserer HR-Leiterin, bevor Jasmin es mir selbst sagte. Ich ging in ihr Büro, die Tür stand offen, ihr Kaktus auf der Fensterbank hing schief, weil sie ihn nie richtig gegossen hatte. "Warum gehst du?" – "Persönliche Gründe." – "Meinetwegen?" Sie schwieg, aber es war ohnehin klar. "Bleib. Du bist gut hier, das weißt du." – "Ich kann nicht mehr jeden Tag hier sitzen und wissen, dass…" Sie brach ab.

Ich setzte mich ihr gegenüber, auf den Stuhl, auf dem sonst Bewerber saßen. "Mir geht es auch nicht gut damit", sagte ich. "Aber ich habe mich vor achtzehn Jahren entschieden. Ich werde das nicht wegwerfen wegen eines Gefühls, das – vielleicht vorbeigeht." – "Vielleicht?", wiederholte sie, mit diesem bitteren Unterton. "Ich bin mir nicht sicher. Aber ich weiß, dass ich zwei Töchter habe, eine Frau, ein Haus, das wir uns über Jahre aufgebaut haben. Das lasse ich nicht fallen." Sie sagte nichts mehr. "Es tut mir leid", murmelte ich schließlich. "Ich hätte von Anfang an mehr Abstand halten müssen." Sie nickte, stand auf und reichte mir kurz die Hand, wie man es bei einem letzten Kundengespräch tut.

Zwei Wochen später war ihr Schreibtisch leer, der schiefe Kaktus verschwunden, jemand anderes saß auf ihrem Platz. Ich erzählte Sabine an dem Abend, dass eine Kollegin gekündigt habe, mehr nicht. Ich schlief schlecht in dieser Nacht, aber nicht aus Sehnsucht – aus Erleichterung, die sich anfühlte wie Schuld.

Ich habe Jasmin nie wiedergesehen, bis vor drei Wochen. Samstagmorgen, Wochenmarkt an der Wiener Platz in Köln-Mülheim, Sabine kaufte Blumenkohl, unsere Jüngste hing an meinem Arm und wollte eine Waffel. Da stand Jasmin an einem Stand, einen Kaffeebecher in der Hand, neben ihr ein Mann, der ihr etwas ins Ohr flüsterte, sodass sie lachte – ein Lachen, das mir fremd vorkam, weil es so unbeschwert war. Sie sah mich, hob kurz die Hand. Ich hob meine ebenso. Kein Wort. Sabine bemerkte gar nichts, sie stritt mit dem Marktverkäufer über den Preis für den Blumenkohl.

Ich stand da mit meiner Tochter, die an mir zog, weil die Waffel-Warteschlange kürzer wurde, und dachte: Gut, dass ich damals nicht der war, der etwas riskiert hat, das nicht mir allein gehörte. Ich hatte einen Vertrag – nicht auf Papier, aber genauso bindend – mit Sabine, mit meinen Töchtern, mit dem Leben, das wir uns aufgebaut hatten. Am selben Abend, als die Mädchen schliefen, holte ich unsere alte Hochzeitsmappe aus dem Schrank im Flur, die mit dem abgestoßenen Ledereinband, in der noch die Rechnung vom Standesamt Bergisch Gladbag steckt, dreihundertzwanzig Euro, die wir damals kaum hatten. Ich legte sie auf den Küchentisch, offen bei dem Foto vom Sektempfang. Sabine kam rein, sah mich an, sah die Mappe. "Was ist los?", fragte sie. "Nichts", sagte ich. "Ich wollte sie nur mal wieder sehen." Sie setzte sich neben mich, wir blätterten schweigend weiter, bis der Blumenkohl im Backofen anfing zu duften.

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Sixty & Me
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