Vor dem Schreiben kläre ich kurz die Aufgabe: Ich schreibe die Geschichte aus der Sicht der zweiten Konfliktpartei – hier also nicht Ella, sondern der Ehemann – als eigenständige, komplett umgeschriebene Version mit neuen Namen, neuem Schauplatz in Deutschland und eigenem Finale.
Der Kombi vor der Tierklinik in Rosenheim
Ich weiß genau, wann alles kippte: an dem Abend, als ich aus Stuttgart zurückkam und Vera schon in der Küche saß, das Handy vor sich, den Kaffee kalt geworden, und mich ansah, als hätte ich etwas verbrochen.
Ich heiße Markus, ich bin achtunddreißig, ich arbeite als Gebietsleiter für einen Sanitärgroßhändler, und ich bin, verdammt noch mal, ständig unterwegs. Nicht weil ich es will. Weil mein Chef die Route so gebaut hat: Augsburg, Ulm, Stuttgart, wieder zurück. Vera ist meine Frau seit sechs Jahren, sie arbeitet als Tierarzthelferin in einer Praxis am Stadtrand von Rosenheim, und ich liebe sie – das nur vorweg, damit klar ist, worum es hier eigentlich geht.
An jenem Abend fragte sie mich nicht direkt. Sie fragte drumherum. Wie das Hotel war. Ob ich mit Kollegen essen war. Ob es "jemand Neues im Team" gebe. Ich dachte erst, sie testet irgendeinen Small-Talk-Kram aus einem Ratgeber. Erst später, viel später, hab ich verstanden: Ihre Freundin Sabine hatte ihr am Nachmittag ein Foto gezeigt. Auf Instagram, unter irgendeinem fremden Account, ein Typ, der aussah wie ich von hinten, mit einer Frau am Timmelsjoch, Bildunterschrift "Urlaub mit meinem Schatz". Sabine, geschieden, zweimal betrogen, hat Vera dann noch erzählt, dass angeblich kein Mann treu sei, dass ihr Exmann auch immer "auf Montage" war und dabei bei einer anderen pennte, und dass Vera doch bitte nicht so naiv sein solle.
Ich war nicht auf diesem Foto. Ich war nie am Timmelsjoch. Aber das wusste ich damals noch nicht, weil Vera es mir nicht sagte – sie fragte nur schräg, und ich antwortete normal, und wir gingen beide unzufrieden ins Bett, jeder mit einem anderen Film im Kopf.
Was Vera nicht wusste: Ich hatte an dem Abend selbst ein Problem, das mich mehr beschäftigte als jedes Foto im Internet.
Mein Anruf kam gegen halb elf. Vera saß da mit ihrem Grübeln, und ihr Handy klingelte – ich sah es aus dem Augenwinkel, weil ich gerade in der Diele meine Schuhe auszog. Der Name auf dem Display: Basti.
Ich muss ehrlich sein, was Basti angeht: Ja, ich mochte ihn nicht. Ja, ich hab Vera schon mal gesagt, sie soll den Kontakt einschränken. Nicht weil ich ihm unterstellte, er wolle sie ins Bett kriegen – so pathetisch war das bei mir nicht formuliert, das kam eher von Vera selbst, als sie mir Vorwürfe machte. Ich hatte einfach ein schlechtes Gefühl, seit ich mitbekam, wie Basti ihr nach dem dritten Bier mal gesagt hatte, er hätte sie "damals heiraten sollen, nicht der Handwerker". Das blieb hängen bei mir. Ich bin kein Kontrollfreak, aber so einen Satz vergisst man nicht.
An jenem Abend aber ging es nicht um Eifersucht. Basti rief an, weil sein Hund Bruno, ein zwölfjähriger Labrador, nicht mehr aufstehen konnte, nichts mehr fraß, und er vermutete wieder diese Dehydrierung, die die Tierärzte im letzten Jahr schon mal festgestellt hatten. Er hatte ein Präparat zu Hause, konnte es aber nicht infundieren, sein Auto stand in der Werkstatt, und kein Tierarzt in Rosenheim machte um diese Uhrzeit noch Hausbesuche. Er bat Vera um Kontakte – sie arbeitet ja in der Praxis, kennt die Notdienste.
Vera nahm den Anruf an, mit einem Blick zu mir, der halb Entschuldigung, halb Trotz war. Ich hörte nur ihre Seite: "Basti, warte, ich ruf gleich unsere Notfallnummer an." Dann legte sie auf, wählte ihre Kollegin Frau Lechner, die im Notdienst war, und sagte mir dabei knapp: "Ich muss kurz zu Basti, Bruno geht's schlecht."
Ich hätte an diesem Punkt zwei Wege gehabt. Der erste: schweigen, schmollen, ihr die Autoschlüssel förmlich hinwerfen und mich als der gekränkte Ehemann inszenieren, der mit dem Foto einer Fremden im Kopf sowieso schon wütend war. Der zweite: mitfahren.
Ich nahm meine Jacke wieder vom Haken.
"Ich komm mit."
Vera sah mich an, als hätte ich etwas Falsches gesagt. "Du musst nicht."
"Ich weiß. Ich komm trotzdem mit."
Im Auto, ein alter Skoda Kombi, der nach Vera roch, nach ihrem Parfum und nach dem Hundekörbchen, das wir mal für unseren eigenen Hund gekauft hatten, bevor der starb, saßen wir schweigend nebeneinander. Draußen zog Rosenheim vorbei, die Reifenspur des Regens auf der Kufsteiner Straße, ein Dönerladen mit noch angeschaltetem Leuchtreklame-L, das schon lange kaputt war und "Döner" wie "Döer" leuchten ließ. Irgendwo lief im Autoradio leise ein Lokalsender, Verkehrsdurchsage, dann Werbung für ein Möbelhaus mit Sommerschlussverkauf.
"Warum hast du mich vorhin komisch gefragt, ob im Hotel jemand war", sagte ich, weil ich es nicht mehr aushielt.
Vera hielt den Blick auf die Straße. "Sabine hat mir ein Foto gezeigt. Von dir. Mit einer Frau. Urlaub, stand da."
Ich lachte nicht, weil das hier keine Situation zum Lachen war, aber ich musste den Kopf schütteln. "Vera. Ich war die letzten vier Tage in Stuttgart, im Maritim, mit Herrn Brechtel vom Einkauf und zwei Handelsvertretern. Ich hab jeden Abend um zehn mit dir telefoniert. Wann soll ich am Timmelsjoch gewesen sein?"
"Ich hab dich nicht gefragt, ob du dort warst."
"Nein, du hast drumrum gefragt, und das ist fast schlimmer."
Sie schwieg eine Weile. Dann, leise: "Ich hab Angst, dass ich zu dumm bin, um es zu merken, wenn du mich anlügst."
Das saß. Ich griff nicht nach ihrer Hand, weil sie fuhr, aber ich legte meine Hand auf ihr Knie, kurz, und ließ sie da liegen bis zur nächsten Ampel.
Bei Basti angekommen – eine Erdgeschosswohnung mit einem viel zu kleinen Garten für einen Labrador – lag Bruno auf einer Decke im Flur, die Augen glasig, die Zunge trocken. Basti kniete daneben, in Jogginghose, unrasiert, mit einer Packung Infusionslösung in der zitternden Hand, die er nicht anzuwenden verstand. Vera übernahm sofort, professionell, fast kalt: Sie fühlte den Puls, prüfte die Hautfalte am Nacken, rief noch mal Frau Lechner an und ließ sich anleiten, weil sie selbst keine Approbation hat und nichts falsch machen wollte. Ich hielt Brunos Kopf ruhig, während die Nadel gesetzt wurde, und sah dabei, wie Basti mehrmals Veras Namen sagte, viel öfter als nötig, mit einer Wärme in der Stimme, die nicht dem Hund galt.
Als Bruno nach zwanzig Minuten die Ohren wieder aufstellte und einmal schwach mit dem Schwanz schlug, atmete Basti hörbar aus und legte kurz seine Hand auf Veras Schulter. "Danke. Ehrlich. Ich weiß nicht, was ich ohne dich gemacht hätte."
Und dann sagte er den Satz, wegen dem ich schließlich verstand, warum mein Bauchgefühl all die Monate nicht ganz falsch gelegen hatte: "Du bist echt die Einzige, die für mich da ist, weißt du das?"
Vera zog die Schulter weg, nicht dramatisch, aber bestimmt, stand auf, wusch sich die Hände im Waschbecken der Küche. "Ich bin für Bruno da, Basti. Und ich bin verheiratet."
Auf der Rückfahrt regnete es stärker. Ich fuhr diesmal, Vera hatte die Schlüssel wortlos rübergereicht. An der Kreuzung Kufsteiner/Rathausstraße, während wir bei Rot standen, sagte sie: "Ich glaube, ich muss mit ihm reden. Richtig reden. Nicht wegen dir. Wegen mir."
"Ich glaub, das ist überfällig", sagte ich.
Sie nickte nicht, sie starrte auch nicht ins Leere – sie öffnete ihr Handy, suchte den Chatverlauf mit Basti heraus, die letzten zwei Jahre, scrollte durch die Nachrichten, die ich nie gesehen hatte und die sie mir jetzt zeigte, ohne dass ich fragen musste: Komplimente, die zu warm waren für einen Freund, ein "schade, dass wir uns damals verpasst haben", ein Herz-Emoji nach einem Streit mit mir, den sie ihm erzählt hatte statt mir zu sagen, was sie störte.
Zu Hause, noch in derselben Nacht, schrieb sie ihm eine Nachricht, die ich mitlesen durfte, weil sie das Handy zwischen uns auf den Küchentisch legte: dass sie Bruno gern weiter helfe, wenn es medizinisch nötig sei, aber dass es ab sofort nur noch über die Praxis laufe, mit Rechnung, wie bei jedem anderen Patienten auch. Dass die Freundschaft, so wie sie all die Jahre gelaufen sei, vorbei sei. Sie schickte die Nachricht ab um zwei Uhr vierzehn und blockierte danach seine Nummer im privaten Handy.
Am nächsten Morgen rief Sabine an, um zu fragen, "was Vera jetzt mit dem Foto machen wolle". Vera hielt ihr das Handy hin, auf dem ich inzwischen den echten Instagram-Account des Mannes vom Foto gefunden hatte – ein Handwerker aus Innsbruck, komplett fremd, kein einziger gemeinsamer Kontakt mit mir. Vera sagte nur: "Sabine, das war nicht Markus. Und ich möchte, dass du mir das nächste Mal keine Vermutung mehr als Tatsache verkaufst."
Wir sitzen jetzt manchmal abends in der Küche, ich mit einem Kaffee, den ich diesmal warm trinke, und reden darüber, wie leicht ein Foto, ein Anruf um halb elf und ein Satz einer Freundin fast alles kaputtgemacht hätten, was sechs Jahre gehalten hat. Vera hat die Praxisrechnung für Brunos Infusion trotzdem geschrieben, hundertzehn Euro, ordentlich, mit Rechnungsnummer. Basti hat sie überwiesen, ohne ein Wort dazu.







