Ich saß in der Garage, der alte VW Golf stand aufgebockt, meine Hände waren schwarz vom Öl. Auf dem Kotflügel lag Lise's Handy, das sie vergessen hatte. Drei Tage nach ihrem Verschwinden. Der Bildschirm war dunkel, aber ich drehte es immer wieder in der Faust. Draußen roch es nach Currywurst vom Imbiss an der Ecke, und der Kater der Nachbarn lag auf der Motorhaube und schnurrte.
Renata kam in die Tür. „Komm rein. Sie wird nicht zurückkommen.“ Ich antwortete nichts. Ich schaute auf das Handy.
Vor drei Tagen hatte Lise die Universitätsklinik in Leipzig verlassen. Wir waren nicht dort gewesen. Renata hatte beim Frühstück gesagt: „Wenn sie das Kind behält, ist sie für uns gestorben.“ Der Kaffee war kalt geworden. Ich hatte nur geschwiegen. Die Autoschlüssel lagen vor mir auf dem Tisch. Ich habe sie nicht genommen.
Am Nachmittag ging ich zur Polizeiwache in der Innenstadt. Der Beamte hörte sich die Geschichte an und sagte dann: „Wissen Sie, dass Sie sich wegen unterlassener Hilfeleistung strafbar gemacht haben? Sie haben Ihre Tochter mit einem Säugling nicht in die Wohnung gelassen.“ Ich habe ihn angestarrt. Dann bin ich gegangen. Die Straßenbahn kostet 3,20 Euro, aber ich bin gelaufen. Zwei Stunden durch die Stadt.
Ich rief jede Woche in den Krankenhäusern an. Nichts. Renata sagte, das sei besser so. Sie würde die Ausbildung fortsetzen, das Baby weggeben. Ich sagte: „Vielleicht war es falsch.“ Sie antwortete nicht.
Ein halbes Jahr später fuhren wir zum Edeka-Markt am Stadtrand. Ich brauchte Motoröl und Renata Samen für den Schrebergarten. Auf dem Parkplatz sah ich sie zuerst. Lise. Mit einem Baby in einer Trage. Neben ihr ein älterer Mann, der einen Einkaufswagen schob. Der Wagen war voll mit Windeln und Gläschen.
Mein Magen zog sich zusammen. Ich dachte: Wer ist der Alte? Ihr neuer Freund? Renata griff nach meinem Arm. „Ist das Lise?“
Lise sah uns und blieb stehen. Der Mann neben ihr musterte uns. Er legte seine Hand auf ihre Schulter. Lise sagte: „Hallo, Papa. Hallo, Mama Renata.“ Ihre Stimme war ruhig.
Ich trat einen Schritt vor. „Lise, wir haben dich überall gesucht.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ihr habt nicht gesucht. Ihr wusstet, in welcher Klinik ich war.“
Der Mann neben ihr sprach. „Ich bin Ernst. Lise's Großvater. Ihr leiblicher Großvater.“ Ich starrte ihn an. Der Mann fuhr fort: „Ich habe sie aufgelesen, als sie mit dem Baby auf der Straße stand. Ich bin Witwer. Ich hatte nie gewusst, dass ich eine Enkelin habe.“ Er machte eine Pause. „Ich gebe Ihnen nicht die Hand.“
Renata begann zu weinen. Ich stand einfach da. Lise schaute mich an. „Ich erinnere mich an die Schultheateraufführungen, Papa. Und an die Schneekleider, die Mama Renata nachts genäht hat. Aber ich erinnere mich auch daran, dass ihr mich nicht abgeholt habt.“ Sie drehte sich zu Ernst. „Lass uns gehen.“
Sie stiegen in einen grauen Opel Astra. Ich sah, wie Lise auf dem Beifahrersitz saß und das Baby im Fond schlief. Das Auto fuhr weg. Renata schluchzte. Ich stand da, die Einkaufstasche in der Hand.
An dem Abend setzte ich mich an den Laptop. Ich öffnete das Online-Banking. Unser gemeinsames Konto. 40.000 Euro. Ich legte ein neues Konto an, auf Lise's Namen. Ich überwies den gesamten Betrag. Verwendungszweck: „Für meine Tochter und meinen Enkel.“ Dann drückte ich auf Bestätigen.
Renata kam ins Zimmer. Sie sah den Bildschirm. „Was machst du da?!“ Sie schrie. Ich drehte mich nicht um. „Das ist der Preis für unseren Fehler.“ Sie schlug die Tür hinter sich zu.
Ich hörte sie im Schlafzimmer weinen. Ich blieb sitzen. Der Kater der Nachbarn sprang aufs Fensterbrett und maunzte.
Zwei Monate später saß ich wieder in der Garage. Das Handy lag neben mir. Auf einmal vibrierte es. Eine unbekannte Nummer. Ich hob ab.
„Papa, ich bin's.“ Ihre Stimme war leise. „Ich habe dich vermisst. Können wir uns treffen?“
Ich drückte das Handy an mein Ohr. Meine Hände zitterten. „Ja, Lise. Sag mir, wo.“
Ich stand auf und ging zum Auto. Draußen roch es nach Benzin und frisch gemähtem Rasen. Der Kater strich um meine Beine. Ich warf noch einen Blick auf das Handy, dann stieg ich ein.







