Der Blumenladen in der Bahnhofstraße 12

Renate Vogler drehte den Schlüssel zweimal im Schloss, wie jeden Morgen seit siebzehn Jahren. Der Laden roch nach nassem Moos und Nelken, draußen nieselte es auf die Markise von "Blumen Vogler", und irgendwo in der Küche hinter dem Verkaufsraum kochte Wasser für den ersten Kaffee des Tages. Diesen Geruch mochte sie am meisten: gemahlener Kaffee, der sich mit feuchter Erde mischte. Sie hatte es nie jemandem erzählt, nicht einmal ihrem Sohn.

Mathis war einunddreißig, hatte Betriebswirtschaft in Mannheim studiert und kam vor zwei Jahren zurück nach Freiburg, angeblich um "der Mutter zu helfen". Seine Freundin Carolin zog mit ein, dann kam die kleine Frieda, und irgendwann übernahm Carolin die Buchhaltung, weil sie das "ohnehin besser könne". Renate ließ es geschehen. Man lässt vieles geschehen, wenn man müde ist und die Knie beim Treppensteigen schmerzen.

Es war ein Dienstag im März, als der Steuerberater anrief und fragte, warum der Laden seit sechs Monaten unter dem Namen "Blumenhaus Reinhardt GmbH" firmiere. Renate hörte sich die Frage zweimal an, bevor sie antwortete, sie wisse von nichts.

Am Abend, beim Abendessen – Kartoffelsalat, den Carolin immer zu süß machte –, legte Renate die Gabel hin.

"Mathis. Was ist eine Blumenhaus Reinhardt GmbH?"

Er kaute weiter, schluckte, sah zu Carolin. Die stand auf, um Frieda ins Bett zu bringen, obwohl das Kind längst schlief.

"Das war Carolins Idee. Steuerlich günstiger. Reinhardt ist ihr Mädchenname, klingt neutraler für Kunden."

"Und der Laden gehört jetzt dieser GmbH?"

"Formal, ja. Aber du bist ja weiterhin—"

"Ich bin weiterhin was?"

Er sagte nichts mehr dazu an diesem Abend. Renate ging in ihr Zimmer, setzte sich auf die Bettkante und rechnete im Kopf nach, was sie schon lange nicht mehr getan hatte: sechsunddreißig Jahre Ladenmiete, die sie selbst bezahlt hatte, achtundzwanzig Jahre, seit ihr verstorbener Mann Horst den ersten Kredit für das Kühlhaus aufgenommen hatte. Und jetzt, sechs Monate, stand da ein anderer Name auf dem Papier.

Am nächsten Morgen fuhr sie nicht zum Laden. Sie fuhr zur Kanzlei von Dr. Elke Brandmeier in der Kaiserstraße, einer Anwältin, die sie von der Blumenlieferung für deren Praxiseröffnung kannte, vor zehn Jahren. Sie brachte alles mit: den Mietvertrag von 1990, die Grundbuchauszüge, den Kredit fürs Kühlhaus, unterschrieben von Horst und ihr gemeinsam.

"Das Grundstück, auf dem der Laden steht", sagte Dr. Brandmeier nach einer halben Stunde, "gehört Ihnen. Nicht der GmbH. Ihr Sohn und seine Partnerin haben lediglich das operative Geschäft, den Namen und die Kundendaten in eine neue Gesellschaft überführt. Ohne Ihre Unterschrift als Grundstückseigentümerin ist das zwar formal möglich – aber Sie können den Mietvertrag mit dieser GmbH jederzeit kündigen. Sie haben nie einen neuen Mietvertrag mit der Reinhardt GmbH unterschrieben, oder?"

"Nein. Nie."

"Dann zahlt diese GmbH seit sechs Monaten keine Miete an Sie. Das ist unerlaubte Nutzung Ihres Eigentums."

Renate fuhr nicht sofort nach Hause. Sie ging zum Marktplatz, kaufte sich einen Kaffee im Pappbecher bei dem kleinen Stand neben dem Martinsbrunnen und setzte sich auf eine nasse Bank, ohne sich hinzusetzen – sie stand einfach nur da, den Becher in beiden Händen, und schaute den Straßenbahnen zu, die Linie 1 Richtung Littenweiler, Linie 3 Richtung Vauban. Ein Mann führte einen tropfnassen Dackel an der Leine vorbei, der stehen blieb und an ihrem Schuh schnüffelte. Sie kraulte ihn kurz hinter den Ohren, bevor der Besitzer sich entschuldigte und weiterging.

Zwei Wochen später saß Renate mit Dr. Brandmeier im Laden, nach Ladenschluss. Mathis und Carolin waren zum Elternabend von Friedas Krabbelgruppe – Frieda war noch nicht mal ein Jahr alt, aber Carolin ging trotzdem, "zum Netzwerken", wie sie sagte. Renate hatte die Zeit genutzt.

Als die beiden um halb neun zurückkamen, brannte noch Licht im Verkaufsraum. Auf dem Tresen lagen zwei Dokumente: die fristlose Kündigung des faktischen Nutzungsverhältnisses der Blumenhaus Reinhardt GmbH am Standort Bahnhofstraße 12, unterschrieben und mit Eingangsstempel der Kanzlei versehen. Daneben ein zweites Blatt: die Ummeldung des Ladenschilds und der Gewerbeanmeldung zurück auf "Blumen Vogler, Einzelunternehmen, Inh. Renate Vogler".

Mathis las beide Seiten zweimal.

"Das kannst du nicht machen. Wir haben hier Lieferverträge, Carolin hat—"

"Carolin hat einen Namen auf ein Türschild geschraubt, den keiner in dieser Stadt kennt", sagte Renate. "Ich habe siebzehn Jahre lang jeden Dienstag um sechs Uhr die Rosen vom Großmarkt geholt, bevor du überhaupt wusstest, wie man einen Bindfaden bindet. Das Grundstück gehört mir. Der Mietvertrag mit eurer GmbH war nie unterschrieben, also gab es auch nie einen. Ihr habt dreißig Tage, das Inventar der GmbH abzutransportieren, das tatsächlich der GmbH gehört – die Kasse nicht, die habe ich schon vor drei Jahren gekauft, die Rechnung liegt im Ordner."

Carolin stand in der Tür, Frieda auf dem Arm, und sagte gar nichts. Das Kind fing an zu weinen, wahrscheinlich weil draußen ein Lieferwagen zu laut hupte.

"Und ich?", fragte Mathis leiser. "Ich hab hier auch gearbeitet."

"Du kannst gerne weiterarbeiten. Als Angestellter. Bei mir, unter meinem Namen, mit meinem Vertrag. Wenn du willst."

Er wollte nicht. Er zog im Mai mit Carolin und Frieda nach Emmendingen, in eine Wohnung, die Carolins Eltern finanzierten. Der Laden trägt seit April wieder das alte Schild, von einem Schreiner in der Herrenstraße neu lackiert, gleiche Schrift wie damals, als Horst es 1990 hatte anfertigen lassen.

Renate steht jeden Morgen um sechs im Kühlhaus, sortiert die Nelken nach Farbe, macht sich danach einen Kaffee in der kleinen Küche hinter dem Verkaufsraum. Manchmal, wenn es regnet und die Markise tropft, bleibt sie einen Moment länger stehen, die Tasse in der Hand, und riecht einfach nur zu.

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