Marlene hatte gerade aufgelegt, als sie merkte: Die Leitung war noch offen. Genau das rettete sie.
Sie stellte die Tasse Pfefferminztee auf die Marmorplatte ihres Küchentisches und ließ sich in den Sessel am Fenster sinken. Vom Bäckerladen im Erdgeschoss zog der Geruch von frischem Roggenbrot bis in den dritten Stock – so war das immer, montags und donnerstags, wenn Herr Adler seinen Ofen früh anheizte. Ein vertrauter Geruch, an dem Marlene normalerweise Ruhe fand. Heute nicht.
Das Gespräch mit ihrer Schwiegermutter hinterließ, wie so oft, einen faden Nachgeschmack, obwohl Roswitha Kessler am Telefon wie immer die Freundlichkeit selbst gewesen war. Sogar jetzt, beim wiederholten Bitten um Geld, entschuldigte sie sich bei fast jedem zweiten Satz.
„Marlenchen, verzeih der alten Frau", hatte Roswitha kläglich gejammert. „Ich weiß, ich frage schon wieder, aber der Orthopäde sagt, die Behandlung darf nicht unterbrochen werden. Und von der Rente allein, du weißt ja…"
Marlene hatte genickt, obwohl die Schwiegermutter das natürlich nicht sehen konnte. Vor drei Monaten hatte Roswitha mit Tränen in den Augen von ihrer Diagnose erzählt: beginnende Arthrose, teure Physiotherapie, die eine Behinderung verhindern könne. Ablehnen kam für Marlene nicht infrage. Achthundert Euro im Monat waren für ihr Unternehmen keine kritische Summe, und die Gesundheit einer älteren Frau war mehr wert als jedes Geld.
„Roswitha, machen Sie sich keine Sorgen", hatte Marlene sanft geantwortet. „Ich überweise morgen. Und Sie müssen sich wirklich nicht ständig entschuldigen, wir sind schließlich Familie."
„Ach, Marlenchen, was bist du für ein Goldschatz! Wie hat mein Jonas nur so eine Frau gefunden… Ich danke dem Himmel jeden Tag!"
Nach endlosen Dankesbekundungen hatte Marlene sich schließlich verabschiedet und aufgelegt – dachte sie zumindest. Für leere Gespräche blieb ihr kaum Zeit. Ihr Label „Feldmann Fashion", spezialisiert auf nachhaltige Damenmode, verlangte ihre volle Aufmerksamkeit: morgen die Präsentation der Herbstkollektion, übermorgen das Treffen mit dem Investor aus Hamburg. Mit siebenundzwanzig führte sie ein Team von zweiundzwanzig Leuten, das kleine Atelier, das ihr Vater einst in einer Garage in Köln-Ehrenfeld begonnen hatte, war zu einer festen Größe auf dem Markt geworden.
Marlene griff nach ihrem Tablet, um die letzten Skizzen für die Kollektion zu prüfen, als sie Stimmen hörte. Zuerst dachte sie, der Fernseher im Wohnzimmer laufe noch – Jonas schaute gern Nachmittagstalk, wenn er von der Arbeit früher kam. Aber die Stimme klang zu vertraut. Es war die Stimme ihrer Schwiegermutter.
„Jonas, mein Junge, schon wieder Glück gehabt! Morgen füttert mich die Schwiegertochter durch", lachte Roswitha am anderen Ende.
Marlenes Hand erstarrte über dem Display. Das war eindeutig Roswithas Stimme. Aber woher? Sie blickte auf ihr Handy: Der Bildschirm leuchtete noch, das Gespräch lief. Offenbar hatte die Auflegen-Taste nicht richtig funktioniert.
„Wie viel diesmal?" – das war zweifellos Jonas.
Marlenes Herz begann schneller zu schlagen. Ihr Mann sollte im Büro sein, an einem wichtigen Kundenprojekt für eine Werbeagentur arbeiten. Was machte er mitten am Nachmittag bei seiner Mutter?
„Achthundert, wie immer. Es ist wirklich rührend, wie sehr sie sich um meine Gesundheit sorgt!"
Gelächter. Jonas lachte.
„Mama, du bist ein Genie! Und diese Sache mit der Arthrose – das war das Meisterstück überhaupt!"
Marlene nahm das Telefon vorsichtig in beide Hände. Ihre Finger zitterten leicht. Was redeten die da? Was heißt – Idee? Sie hatte doch die Arztberichte gesehen, Roswitha hatte ihr die Überweisungen des Orthopäden gezeigt…
„Ach was, Genie", schnaubte die Schwiegermutter. „Deine Frau ist nur… eine naive Gans. Eine großzügige Gans, immerhin. Und das ist die Hauptsache! Nutz die Gelegenheit, solange sie da ist, mein Junge! Verschlaf das nicht!"
„Werd ich nicht! Ich will das neue Auto. Direkt vom Autohaus. Und keinen Kleinwagen, sondern was Ordentliches. Einen Audi vielleicht. Für mindestens sechzigtausend."
„Donnerwetter, du hast aber Ansprüche!"
„Soll ich mein Leben lang im alten Opel rumfahren? Ich hab schließlich nicht umsonst eine reiche Frau geheiratet."
Eine reiche Frau geheiratet. Die Gelegenheit nutzen, solange sie da ist.
Marlene atmete mehrmals tief durch. Sie konnte nicht glauben, was sie hörte. Das sprach Jonas… Jonas mit seinem leichten Gemüt, mit dem spritzigen Humor, der sie vor vier Jahren binnen Wochen erobert hatte. Jonas, den sie auf einer Modemesse in Düsseldorf kennengelernt und sich Hals über Kopf verliebt hatte. Jonas, der ihr vor einem Jahr mit Tränen in den Augen einen Antrag gemacht und von der großen Liebe und der gemeinsamen Zukunft gesprochen hatte.
„Aber sei vorsichtig. Sie darf nichts merken. Um Himmels willen nicht!", raunte Roswitha fast flüsternd. „Die Schwiegertochter ist naiv, aber keine Dumme, sie führt schließlich ein Unternehmen."
„Ach komm, Mama. Red keinen Unsinn. Marlene ist so verknallt, die holt mir noch den Mond vom Himmel, wenn ich sie drum bitte. Man muss nur die richtigen Worte finden. Ich sag einfach, das Auto brauche ich fürs Geschäft, für den Auftritt bei Kunden und so."
„Du bist mein Prachtkerl! Ich hatte schon Angst, du landest bei irgendeiner Modepuppe ohne Sinn für Familie. Aber du… hast sogar richtig verliebt ausgesucht!"
„Verliebt?" Jonas lachte spöttisch auf. „Mama, du bist echt eine Märchenerzählerin. Seh ich aus wie ein Romantiker? Ich hab mich einfach clever eingerichtet, im Leben und im Job gleichzeitig."
Marlene saß mit dem Handy in der Hand, und der Brotduft von unten kam ihr plötzlich vor wie aus einem anderen Leben. Sie legte das Tablet weg, ohne es bewusst zu tun, und starrte auf die drei kleinen Punkte auf dem Bildschirm, die anzeigten, dass die Verbindung noch stand. Fünfzehn Minuten hörte sie zu. Sie erfuhr, dass die „Arthrose" ein Foto aus dem Internet gewesen war, ausgedruckt beim Copyshop an der Ecke Bergstraße. Dass Roswitha seit einem Jahr eine Liste führte, wen sie als Nächstes „anzapfen" konnten – zuerst Jonas' Tante in Bonn, dann ein Kredit bei der Sparkasse, den nie jemand zurückzahlte, jetzt eben Marlene. Dass Jonas seiner Mutter schon vor der Hochzeit gesagt hatte: „Die heirat ich, die ist unser Lottogewinn."
Sie legte auf, als Jonas' Stimme sich verabschiedete, und blieb noch eine Weile so sitzen, das Handy im Schoß, die Tasse Tee längst kalt.
Am nächsten Morgen kam Jonas zum Frühstück herunter, roch an der Kaffeekanne, machte ein Gesicht, weil sie ihm den italienischen Espresso weggelassen hatte, den er sonst immer bekam, und setzte sich, als wäre nichts. Er redete über sein Werbeprojekt, über einen Kunden aus Bonn, der schwierig sei, über den Verkehr auf der A3. Marlene hörte zu, nickte an den richtigen Stellen und schnitt ihm sein Brötchen auf, wie jeden Morgen.
„Übrigens", sagte er beiläufig, den Blick auf sein Handy gerichtet, „ich hab mir überlegt – wegen Kundenterminen brauch ich eigentlich ein repräsentativeres Auto. Der Opel macht keinen guten Eindruck mehr."
„Zeig mir was du im Kopf hast", sagte Marlene ruhig. „Wir schauen uns das zusammen an."
Sie sah, wie seine Schultern sich entspannten, wie er innerlich schon den Sieg feierte. Er zeigte ihr auf dem Handy einen silbergrauen Audi A6, sechzigtausendzweihundert Euro, Autohaus in Köln-Porz. Sie fotografierte den Bildschirm mit ihrem eigenen Handy, angeblich um sich das später in Ruhe anzuschauen. In Wahrheit brauchte sie den Beweis für später.
Die nächsten zwei Wochen lebte sie wie in einem Film, in dem sie plötzlich die Regisseurin war und nicht mehr die Hauptdarstellerin einer fremden Geschichte. Sie rief ihren Anwalt an, einen alten Studienfreund ihres Vaters, der seit zwanzig Jahren die Verträge der Firma prüfte. Sie ließ sich die Kontoauszüge der letzten elf Monate zusammenstellen: siebenmal achthundert Euro an Roswitha, dazu einmal zweitausendfünfhundert für eine angebliche „Not-OP", die es nie gegeben hatte. Macht insgesamt achttausendeinhundert Euro. Sie ließ sich vom Anwalt erklären, wie man in Deutschland eine Trennung sauber und schnell durchzieht, wenn beide Namen nicht auf gemeinsamem Vermögen stehen – bei ihr stand nur ihr eigener Name auf allem, dem Firmenanteil, der Wohnung, dem Auto. Jonas hatte, außer seinem Gehalt bei der Agentur, nie in etwas Gemeinsames investiert.
Am Freitag, drei Wochen nach dem Telefonat, das nicht richtig aufgelegt worden war, lud Marlene beide zu sich in die Wohnung ein – Jonas und Roswitha gemeinsam, angeblich um „übers Auto zu sprechen und Roswithas nächste Behandlung zu klären". Sie deckte den Tisch mit den guten Tassen, stellte eine Kanne frischen Kaffee hin, dessen Duft sich mit dem Brotgeruch von unten mischte, und legte einen braunen Aktenordner neben ihren Teller.
Roswitha kam in ihrem besten Mantel, mit dem sanften, dankbaren Lächeln, das Marlene inzwischen wie eine einstudierte Maske vorkam. Jonas setzte sich, rieb sich die Hände und warf schon einen Blick auf sein Handy, wahrscheinlich rechnete er die Ratenzahlung des Audi aus.
„Also", begann Marlene und öffnete den Ordner. „Ich habe hier alle Überweisungen der letzten elf Monate. Achttausendeinhundert Euro. Und ich habe hier" – sie legte ein zweites Blatt daneben – „die Aufnahme eines Telefonats vom vierzehnten August, um vierzehn Uhr sechsunddreißig, das versehentlich nicht beendet wurde."
Die Stille am Tisch war die einzige, die in dieser Geschichte etwas bedeutete. Roswithas Gesicht verlor die Farbe, ihre Hand mit der Kaffeetasse blieb auf halbem Weg stehen. Jonas legte sein Handy hin, langsam, als könnte er damit die letzten Sekunden zurückdrehen.
„Marlene, das ist… das kann man erklären—"
„Muss man nicht", sagte sie und schob ihm ein weiteres Dokument zu. „Das ist die Scheidungseinreichung. Mein Anwalt hat sie schon beim Amtsgericht Köln eingereicht, heute Vormittag. Da du außer deinem Gehalt nie etwas in unser gemeinsames Leben eingebracht hast, bleibt dir aus der Ehe genau nichts, worauf du Anspruch hättest – die Firma, die Wohnung, alles läuft auf meinen Namen."
Sie wandte sich an Roswitha. „Und Sie – die achttausendeinhundert Euro fordere ich zurück. Mein Anwalt hat Ihnen eine Frist bis Ende des Monats gesetzt. Danach reichen wir Klage wegen Betrugs ein, mit der Aufnahme als Beweismittel."
„Marlenchen, du verstehst das falsch, ich schwöre—"
„Ich habe Sie fünfzehn Minuten lang gehört, Roswitha. Ihre eigene Stimme. Nichts an dem, was ich gehört habe, war ein Missverständnis."
Jonas stand auf, sein Stuhl kratzte laut über den Parkettboden. „Und der Audi?"
Marlene sah ihn an, ohne Hektik in der Stimme. „Den kannst du dir jetzt selbst kaufen. Vom eigenen Geld. Viel Erfolg bei der Finanzierung."
Sie nahm den Ordner, stand auf und ging zur Wohnungstür, öffnete sie und hielt sie fest, während der Herbstwind vom Treppenhaus hereinzog. Roswitha und Jonas blieben noch einen Moment sitzen, dann gingen sie, wortlos, aneinander vorbei, ohne sich anzusehen.
Marlene schloss die Tür, drehte den Schlüssel zweimal um – am nächsten Tag würde sie ohnehin das Schloss austauschen lassen – und ging zurück in die Küche. Der Kaffee war noch warm. Sie goss sich eine Tasse ein, setzte sich ans Fenster, von wo aus man die Auslage des Bäckerladens sehen konnte, und trank in Ruhe aus.







