Ich, die Brille und der Pilot vom Rand der Stadt

Der Himmel über Wolfsburg-Detmerode sah aus, als hätte ihn jemand mit Motten gefüttert. Löchrig, grau durchzogen, mit Fetzen Blau dazwischen, die eher nach Pfützenwasser aussahen als nach echtem Himmel. Ob das an den Emissionen aus dem alten VW-Testgelände lag oder einfach an schlechter Lieferung – wer weiß das schon im Jahr 2071.

Unser Viertel roch nach warmem Asphalt und nach dem Dönerladen an der Ecke, der schon um sechs Uhr morgens die Lüftung anwarf. Bewegung gab es wenig, Geruch reichlich, und wer lange genug hier wohnte, nannte das Zuhause. Als ich an diesem Morgen am Haus von Rico vorbeikam, riss der sein Fenster auf und drehte den Sound lauter. Die Piratenstation „Loser FM“ spielte wieder seinen Lieblingssong, irgendwas mit einem Refrain über einen Typen, der Wolken jagt in pinken Boxershorts.

Rico – alle nannten ihn nur den Piloten, weil er früher mal bei der Lufthansa-Drohnenstaffel gearbeitet hatte, bevor die Firma pleiteging – stand am Fenster im Feinripp-Unterhemd und grinste runter zu mir.

Aus der Seitenstraße kam Hausmeister Boris, mit dem Besen unterm Arm, das Gesicht grau vor Übermüdung.

„Frau Meiser ist gestern mit den Soldaten in den toten Wald gezogen“, sagte Rico, kaum dass ich näher kam. „Bis jetzt keiner zurück.“

„Wegen dem Waschbären?“, fragte ich. Die einbeinige Frau Meiser behauptete seit Wochen, hinter dem alten Munitionslager etwas Besonderes gesehen zu haben, und hatte darauf bestanden, dass man den Wald absperrt.

„Nicht nur deswegen.“ Rico senkte die Stimme. „Vorgestern waren die Jungs vom Bund hier, haben uns alle zusammengetrommelt. Denen ist letzten Herbst eine Rakete abhandengekommen. Streng geheim. Sie haben jeden befragt, der im Hof war, ob was Komisches aufgefallen sei. Dann haben sie uns die hier dagelassen.“

Er kramte eine kleine Metalldose aus der Jackentasche. Zwei Brillen, das Gestell weich, dünn wie Silikon.

„Für erhöhte Wachsamkeit, haben die gesagt. Und dann sind sie mit Frau Meiser losgezogen.“

„Was gibt's hier zu bewachen?“, fragte ich und musterte unseren tristen Hinterhof wie eine Eule.

„Komm mit“, sagte Rico, und wir liefen Richtung Testgelände.

„Guck mal nach rechts.“

Rechts war ein Erdwall, Ginstersträucher, ein Sandhaufen, ein paar Strommasten und der alte Funkturm. Ganz normales Bild.

„Und jetzt setz die Brille auf und guck nochmal genau hin.“

Ich setzte auf – und blieb wie angewurzelt stehen. Hinter dem Ginster hockten zwei Wesen, jedes so groß wie ich plus anderthalb Ricos. Sahen aus wie überdimensionale Waranen. Augen groß wie Suppenteller. Der Hals in dicken Falten. Aus dem Maul tropfte zäher Speichel in den heißen Sand.

Ich nahm die Brille ab – nichts. Setzte sie wieder auf – da waren sie. Ab – weg. Auf – wieder da, reglos wie festgewachsen. Uns beachteten sie nicht. Sie starrten nur zur Startbahn hinüber, dorthin, wo der Wald begann.

„Wenn die Rakete da drin verschollen ist“, sagte ich, „und die Dinger genau dahin glotzen –“

„Dann haben die Soldaten mitten in ihr Nest reinmarschiert.“

Wir liefen den Erdwall entlang, geduckt, die Brillen fest an die Schläfen gepresst. Am Waldrand fanden wir die erste Spur: ein Gewehr, halb im Sand vergraben, der Lauf verbogen wie ein Strohhalm. Weiter drin, zwischen den toten Stämmen, hing Stoff in den Ästen. Uniformstoff.

„Rico“, sagte ich, „das sind mehr als zwei.“

Durch die Brille zählte ich fünf, sechs, sieben der Wesen, die sich zwischen den Bäumen bewegten, träge, aber mit einer Ruhe, die schlimmer war als jede Hast. In der Mitte, auf einer Lichtung, saß Frau Meiser. Unversehrt, aber mit dem Rücken an einen toten Baum gepresst, die Krücke außer Reichweite im Laub. Um sie herum lagen reglose Gestalten in Feldgrau. Drei Soldaten. Ob tot oder nur betäubt, war von hier nicht zu erkennen.

„Wir müssen sie da rausholen“, sagte ich.

„Mit was? Wir haben keine Waffen.“

„Wir haben das hier.“ Ich zeigte auf die Brille. „Als wir sie umgestülpt haben, haben die uns gesehen. Sofort. Als wären wir plötzlich da, wo wir vorher nicht waren.“

Rico begriff schneller, als ich erwartet hatte. „Wir lenken sie ab. Auf der einen Seite, und du holst sie von der anderen.“

„Ich hol sie? Warum ich?“

„Weil du schneller rennst als ich, und ich meine Sandalen schon beim letzten Mal verloren hab.“

Es war kein guter Plan, aber wir hatten keine Zeit für einen besseren. Rico schlich zum gegenüberliegenden Rand der Lichtung, drückte das Gestell seiner Brille nach außen, bis es sich wölbte, presste es an die Schläfen – und stand, für einen Wimpernschlag, mitten zwischen den Wesen, sichtbar wie eine Fackel in der Dämmerung.

Die Köpfe drehten sich alle gleichzeitig. Die großen Augen fixierten ihn, und die Wesen kamen in Bewegung, schwerfällig, aber mit einer Beschleunigung, die ihre Trägheit Lügen strafte.

Ich rannte los, geduckt zwischen den toten Stämmen, direkt auf Frau Meiser zu. Sie hob den Kopf, als sie mich sah, die Augen weit vor Erleichterung und Angst zugleich.

„Die Jungs“, flüsterte sie und deutete auf die drei Feldgrauen im Laub. „Ich krieg sie nicht wach.“

Kein Zeit, um zu prüfen, wer von ihnen noch atmete. Ich packte den nächstgelegenen Soldaten unter den Achseln, zerrte ihn hoch, Frau Meiser stützte sich an mir fest, humpelte mit der freien Krücke, die ich ihr aus dem Laub gefischt hatte. Hinter uns, irgendwo zwischen den Bäumen, hörte ich Rico rufen, dann einen dumpfen Schlag, dann nichts mehr.

„Rico!“, schrie ich, aber ich konnte nicht zurück, nicht mit dem Soldaten am Arm und Frau Meiser, die kaum noch laufen konnte.

Wir erreichten den Waldrand, als hinter uns die Ginstersträucher auseinanderbrachen wie Papier. Ich sah mich einmal um – die Wesen standen dort, wo Rico gewesen war, und von ihm keine Spur, nur die verbogene Brille im Sand, ein Silikonrest, der in der Hitze schon zu schrumpfen begann.

Wir schleppten den Soldaten bis zum Erdwall, dann fiel ich einfach hin, außer Atem, das Herz gegen die Rippen hämmernd. Frau Meiser sank neben mir zu Boden und weinte lautlos, die Hand auf der Brust des Soldaten, der jetzt, endlich, unter ihrer Hand hustete und die Augen öffnete.

Wir warteten nicht auf mehr. Ich zog Frau Meiser hoch, wir schleiften den Soldaten zwischen uns, bis wir den Hof erreichten. Hausmeister Boris ließ den Besen fallen, als er uns sah, und rannte los, um Hilfe zu holen.

Erst als die Bundeswehr-Fahrzeuge im Hof standen, als der Soldat auf eine Trage gehoben wurde und Sanitäter mit Decken kamen, erlaubte ich mir, an Rico zu denken. An die leere Brille im Sand.

Zwei Tage später kam ein Trupp zurück aus dem toten Wald, mit schwerem Gerät, mit Netzen und Betäubungsgewehren. Sie fanden die Rakete, verkeilt tief unter den Wurzeln eines umgestürzten Baums, dort, wo die Wesen offenbar ihr Nest gebaut hatten, um die Wärme des vergrabenen Metalls zu nutzen. Man zog sie ab, die Wesen mit ihr, betäubt, in Container verladen, abtransportiert in Richtung des alten Testgeländes, wo jetzt Zäune standen, die es vorher nicht gegeben hatte.

Rico fanden sie nicht. Nur die Klettsandalen, ordentlich nebeneinander gestellt, als hätte er sie selbst dort hingelegt, bevor er weiterging.

Ich stehe seitdem oft am Fenster, wo früher seine Musik lief. „Loser FM“ sendet immer noch, spielt immer noch den Song mit den Wolken und den pinken Boxershorts, aber niemand dreht mehr laut auf, wenn ich vorbeikomme.

Kaya hat ihren Frisiersalon trotzdem eröffnet. Der erste Kunde war der Soldat, den wir aus dem Wald geholt haben. Er kommt jetzt jede Woche, auch wenn er längst keine Haare mehr hat, die man schneiden könnte. Sitzt einfach im alten Cockpitsessel, lässt sich den Nacken massieren und erzählt von Rico, der ihn, wie er sagt, in der letzten Sekunde noch von sich weggestoßen hat, bevor die Wesen ihn packten.

Ich trage die umgestülpte Brille noch immer in der Jackentasche. Manchmal, an klaren Abenden, gehe ich zum Erdwall, presse das Gestell an die Schläfen und schaue hinüber zum Testgelände, zu den neuen Zäunen, die im letzten Licht glänzen. Ich sehe nichts als leeren Sand. Aber ich schaue trotzdem, jeden Abend, als könnte sich der Winkel noch einmal ändern und mir zeigen, wo er steht.

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