# Sie lachten ihn aus – bis der Kommissar das Foto erkannte

Ich saß auf der harten Bank in der Polizeiwache in der Kaiserstraße in Nürnberg und wartete darauf, dass der Beamte hinter dem Tresen meine Anzeige fertigschrieb. Mein Fahrrad war zum dritten Mal in zwei Jahren gestohlen worden, ich kannte das Prozedere bereits. Draußen regnete es, und durch das Fenster sah ich, wie die Straßenbahnlinie 4 mit den Rädern durch eine Pfütze fuhr, sodass das Wasser bis auf den Gehweg spritzte. Im Raum roch es nach nasser Wolle und nach dem Kaffeeautomaten, der seit Montag dort stand, ohne richtig gereinigt worden zu sein. Auf der Holzbank mir gegenüber hatte jemand mit einem Messer eingeritzt: *Anna + Timo 2009*.

Die Tür ging auf. Ein alter Mann in einer grauen Regenjacke kam herein. Die Jacke hing schwer vor Nässe an ihm, darunter trug er ein kariertes Hemd und eine braune Cordhose. Er ging zum Tresen, ein Blatt Papier in der Hand. Er legte es vor dem jungen Kollegen ab, der nicht einmal von seinem Bildschirm aufsah.

„Ich möchte Ruhestörung anzeigen", sagte der Alte. „Es ist das dritte Mal diesen Monat. Der Nachbar spielt Musik um zwei Uhr nachts. Ich wohne seit vierzig Jahren in dieser Wohnung. Ich kann nicht schlafen."

Der junge Beamte mit dem geröteten Nacken seufzte. „Haben Sie es mit Ohrstöpseln versucht?"

„Ich habe alles versucht. Die Polizei war zweimal da, aber immer erst, wenn die Musik schon aus war."

Der junge Beamte nahm das Papier, knüllte es zusammen und warf es in den Papierkorb, ohne es gelesen zu haben.

„So läuft das hier nicht", sagte er. „Schreiben Sie eine Beschwerde an die Hausverwaltung."

Der alte Mann schwieg einen Moment. Dann richtete er sich auf. „Ich gehe nirgendwohin. Ich will mit dem Dienststellenleiter sprechen."

„Der hat zu tun."

„Dann warte ich."

Der junge Beamte lachte auf. Das kurze, harte Auflachen hallte im Raum wider. „Warten Sie doch im Regen, solange Sie wollen."

Der alte Mann öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, griff sich aber plötzlich an die Brust. Er taumelte einen Schritt zurück und ließ sich schwer auf die Bank neben mir sinken.

„Ist Ihnen nicht gut?", fragte ich und legte eine Hand auf seinen Arm. „Soll ich Hilfe holen?"

„Geht schon vorbei", murmelte er. „Nur… schwindlig."

Aus seiner Innentasche rutschte ein kleines Farbfoto und fiel zwischen uns zu Boden. Im selben Moment öffnete sich die Tür zum Hinterzimmer, und ein älterer Mann in der Uniform eines Kommissars trat heraus. Er sah den alten Mann blass auf der Bank sitzen, bückte sich rasch und hob das Foto auf, um es ihm zurückzugeben.

Er richtete sich mit dem Bild in der Hand wieder auf. Dann hielt er inne.

Er stand reglos da und betrachtete es. Ein junger Mann in Bundeswehruniform, kurzes Haar, ein ruhiges Gesicht. Der Kommissar hob den Blick vom Foto und sah zu dem alten Mann auf der Bank. Dann wieder auf das Bild. Dann wieder auf den Mann.

„Diese Augen", sagte er langsam. „Dieses Kinn."

Der alte Mann tastete nach der Tasche, in der das Foto gesteckt hatte, als fehle ihm plötzlich etwas. „Das ist mein Sohn", sagte er. „Markus. Er ist in Afghanistan gefallen. Vor zwanzig Jahren."

Der Kommissar ging vor der Bank in die Hocke. Er hielt das Foto noch immer in der Hand.

„Ich kannte ihn", sagte er. „Wir waren… wir waren im selben Zug."

Es wurde still. Der Beamte hinter dem Tresen hatte aufgehört zu schreiben.

„Es gab einen Granatenangriff", fuhr der Kommissar fort. Er hielt inne. Begann von Neuem. „Er hat sich darauf geworfen. Ich lag zwei Meter von ihm entfernt. Ich denke jeden Tag daran, seit damals."

Der alte Mann sagte nichts. Die Hände lagen still in seinem Schoß.

„Elf Mann waren an dem Tag auf Patrouille", sagte der Kommissar. „Zehn kamen nach Hause. Ich bin einer der zehn."

Er stand auf, ging zum Tresen und zog die zerknüllte Anzeige aus dem Papierkorb. Er glättete das Blatt mit beiden Händen, legte es vor dem jungen Beamten ab und legte seine eigene Dienstmarke darauf.

„Sie nehmen diese Anzeige jetzt auf", sagte er. „Sofort. Rufen Sie einen Streifenwagen. Und holen Sie ihm ein Glas Wasser, während Sie dabei sind."

Das Gesicht des jungen Beamten war weiß geworden. Mit zitternder Hand griff er zum Telefon und begann, eine Nummer zu wählen.

Der Kommissar ging zurück zur Bank und legte das Foto behutsam in die Hand des alten Mannes. Er blieb einen Moment stehen und sah ihn an, als suche er nach weiteren Worten, fand aber keine.

„Tut die Brust noch weh?", fragte er schließlich.

„Ein wenig", gab der alte Mann zu.

„Dann rufen wir auch einen Arzt. Nur zur Sicherheit." Der Kommissar zog sein eigenes Handy hervor und trat ein paar Schritte von der Bank weg, um leise zu telefonieren.

Der junge Beamte sprach bereits in sein Telefon: „Ja, die Adresse ist Herrnstraße 12, Erdgeschoss links. Musik in der Nacht. Ja, sofort."

Ich blieb neben dem alten Mann sitzen, während wir warteten. Er fuhr mit dem Daumen immer wieder über den Rand des Fotos, ohne etwas zu sagen. Schließlich stand ich auf. Meine eigene Anzeige konnte warten. Ich trat hinaus in den Regen, der zu feinem Nieselregen geworden war. Als ich durch die Scheibe zurückblickte, sah ich den Kommissar neben dem alten Mann stehen, eine Hand auf dessen Schulter, das Telefon noch immer am Ohr. Der junge Beamte saß über ein neues Formular gebeugt, die Papiere vor sich ausgebreitet. Ich wandte mich ab und ging die Straße hinunter. Die Straßenbahn Linie 4 fuhr vorbei und hinterließ eine nasse Spur auf dem Asphalt.

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Sixty & Me
# Sie lachten ihn aus – bis der Kommissar das Foto erkannte