Es war ein Dienstagnachmittag im Juni, halb fünf, die Luft roch nach warmem Asphalt und nach dem Döner-Imbiss an der Ecke Bäckerstraße. Frau Sabine Hoffmann, achtunddreißig, Personalsachbearbeiterin bei einer Speditionsfirma in Bielefeld, zog ihren fünfjährigen Sohn Finn am Handgelenk hinter sich her. Der Bus fuhr in elf Minuten, und davor musste noch die Altpapiertonne an den Container.
Finn blieb stehen. Zwischen den Pflastersteinen vor dem Wertstoffhof wuchs ein einzelner Löwenzahn, schon zur Pusteblume verblüht, die Samen zitterten im Wind wie kleine Fallschirme. Er ging in die Hocke, streckte die Hand aus – nicht um sie abzureißen, nur um sie zu berühren, vorsichtig, so wie man etwas Kostbares anfasst.
„Finn, komm jetzt, ich hab keine Zeit für sowas!" Sie riss ihn hoch, die Papiertüte mit den Prospekten fiel ihr fast aus der Hand. „Wie oft muss ich dich noch anschreien, bis du kapierst, dass wir es eilig haben?"
Der Junge stolperte hinter ihr her, die Unterlippe zitterte, aber er weinte nicht laut. Er schluckte es runter, wie er es schon oft getan hatte. Sabine sah es nicht. Sie tippte schon die nächste Nachricht in ihr Handy, etwas mit ihrer Schwester Katrin wegen des Grillfests am Wochenende.
Katrin war diejenige, die es ihr später sagte. Beim Grillfest, Samstagabend, im Garten hinter dem Reihenhaus in Schildesche, zwischen Bratwürsten und einer Schüssel Nudelsalat.
„Du bist so gereizt in letzter Zeit", sagte Katrin, während sie die Kohlen umschichtete. „Neulich hab ich euch an der Bushaltestelle gesehen. Der Kleine wollte nur eine blöde Pusteblume angucken. Und du hast ihn angefahren, als hätte er dir die Handtasche geklaut."
„Ich hatte den Bus vor Augen, Katrin. Ich kann nicht ewig warten, bis er jeden Stein auf dem Bürgersteig bewundert hat."
„Hat dich denn irgendwer erwartet? Oder war's einfach… Gewohnheit?"
Sabine wollte etwas erwidern, aber es kam nichts. Sie dachte an den Vormittag zurück, an ihre eigene Kindheit in Herford, an ihre Mutter, die genauso zog und schimpfte, immer mit der Uhr im Nacken. Sie hatte sich geschworen, das anders zu machen. Und jetzt stand sie hier, mit einer Bratwurstzange in der Hand, und merkte, dass sie exakt dieselbe Frau geworden war.
Am nächsten Morgen, einem Sonntag, wachte sie früh auf. Finn saß schon am Küchentisch, in Pyjamahose mit Dinosauriermuster, und malte mit Wachsmalstiften auf der Rückseite eines alten Kontoauszugs. Neben ihm lag eine tote Fliege auf der Fensterbank, die er mit dem Finger anstupste, fasziniert davon, dass sie sich nicht mehr bewegte.
„Was malst du da?"
„Die Blume. Von neulich."
Sie setzte sich zu ihm. Auf dem Papier war ein gelber Kreis mit grünen Strichen drumherum, ziemlich schief, aber unverkennbar eine Pusteblume. Unten stand in krakeligen Buchstaben, die er sich selbst beigebracht hatte: FINN UND MAMA.
„Wir waren doch gar nicht zusammen bei der Blume", sagte sie leise.
„Ich hab gedacht, wir gucken sie zusammen an. Aber du warst schon weg."
Sie legte den Stift, den er ihr gerade in die Hand gedrückt hatte, wieder hin und ging zum Fenster. Draußen, im Hinterhof, blühte auf dem schmalen Rasenstreifen zwischen den Mülltonnen ein ganzes Feld Löwenzahn, das der Hausmeister seit Wochen nicht gemäht hatte, weil der Rasenmäher kaputt war.
„Zieh deine Gummistiefel an", sagte sie.
Finn schaute auf, misstrauisch, als hätte er nicht richtig gehört.
„Wir gehen runter. Zu den Blumen."
Sie verbrachten eine knappe Stunde im Hinterhof, pusteten Samen in die Luft, zählten, wie viele Blüten noch geschlossen waren und wie viele schon aufgegangen waren, fanden einen Ohrwurm unter einem Stein, den Finn „Herbert" taufte. Der Bus, die Arbeit, die Einkaufsliste – all das wartete, und zum ersten Mal seit Monaten störte sie das nicht.
Zwei Wochen später kündigte sie in der Spedition ihre Gleitzeitregelung neu, ließ sich einen Tag im Monat unbezahlt freistellen, den sie fest für Finn blockte, keine Termine, kein Handy. Ihr Chef, Herr Brammertz, runzelte die Stirn, als sie es beantragte, aber sie legte ihm nur den Antrag auf den Tisch und sagte, das sei nicht verhandelbar.
Katrin fragte sie beim nächsten Grillfest, ob sie das durchhalten würde, bei ihrem Pensum.
„Ich weiß nicht", sagte Sabine. „Aber ich weiß, was passiert, wenn ich's nicht mal versuche."
Finn hat inzwischen ein kleines Album, in eine alte Butterkeksdose gelegt: gepresste Löwenzahnblätter, ein Ohrwurmbild, das Katrin ihm ausgedruckt hat, und der schiefe Kontoauszug mit der gelben Blume. Manchmal holt Sabine die Dose abends heraus, wenn Finn schon schläft, und schaut sich die Blätter an, ohne etwas zu sagen.







