Der Kreidestrich

Am ersten Schultag nach den Herbstferien kam ich in die sechste Klasse, die mir die Schulleiterin gleich am Morgen mit hochgezogener Braue zugeteilt hatte. Zweiundzwanzig Gesichter, keines davon sonderlich erfreut. Ich stellte meine Tasche auf das Pult, zog den Stuhl zurück und sah im selben Moment, wie die Sitzfläche von einer dicken Schicht weißer Kreide überzogen war. Irgendwo rechts hinten ertönte ein kurzes Prusten, dann wieder Ruhe. Ich ließ den Stuhl, wie er war, griff nach dem Schwamm, wischte die Kreide ab und schrieb das Datum an die Tafel. Während der ganzen Stunde — Rechtschreibung, Dehnungs-h, siebte Übung im Arbeitsheft — tat ich, als wäre nichts gewesen. Kurz vor dem Gong bemerkte ich, dass ein Junge in der Reihe am Fenster mich unentwegt beobachtete, die Hände flach auf dem Tisch, die Fingernägel abgekaut bis aufs Fleisch.

Der Gong schepperte. Die Klasse strömte auf den Flur, nur dieser Junge blieb sitzen. Er trug ein kariertes Hemd, am Kragen so stark gewaschen, dass die Farbe an den Kanten fast weiß war. Er stand auf und schob vorsichtig den Stuhl an sein Pult. »Die sind nicht böse, Frau…«, er zögerte, weil er meinen Namen noch nicht kannte. »Die testen bloß jeden. Letztes Jahr hatten wir einen Referendar, dem haben sie eine Heftzwecke aufs Pult gelegt, mit der Spitze nach oben. Der hat ganz schön gebrüllt. Sie sind ruhig geblieben. Das war gut.«

Ich fragte ihn, wie er heiße.

»Jonne. Ich wohn den Deich runter, drei Höfe weiter. Wenn mal was Schweres in der Schule anfällt, sagen Sie Bescheid, mein Vater fährt Sie mit dem Trecker.«

»Danke, Jonne. Ich komme zurecht. Aber ich merke es mir.«

Die nächsten Wochen verliefen ruhig. Ich gewöhnte mich an den nassen Nordseewind, der jeden Morgen durch die Kastanien vor dem Lehrerzimmer pfiff, an den Geruch von Heizöl im Kellerkorridor, an die kurzen Gespräche mit der Hausmeisterin, die jeden Freitag einen Blechkuchen auf den Tisch im Kopierraum stellte. Die Kolleginnen waren freundlich, aber knapp, wie Menschen, die schon vielen Neuen beim Scheitern zugesehen haben.

Der Bruch kam an einem Dienstag: Beim Lesen einer Ballade in der achten Klasse fiel mir auf, dass einer von ihnen, ein kräftiger Junge namens Mattis, die Verse nicht las, sondern fast beiläufig dazu summte. Es war kein Summen, es war eine Stimme, die den Raum füllte, ohne laut zu sein. Ich bat ihn, nach der Stunde kurz zu bleiben. Er blieb, die Schulter gegen den Türrahmen gelehnt, misstrauisch. Ich sagte, seine Stimme sei außergewöhnlich, ob er je im Chor gesungen habe. Er lachte kurz auf und rieb sich das Kinn. »Mein Alter fragt, ob du im Kloster warst oder was.«

Am Donnerstag stand sein Vater plötzlich in der Tür. Ohne anzuklopfen. Breite Gestalt im ölverschmierten Arbeitshemd, die Mütze in der Hand, als wäre er bereit, sie jeden Moment aufzusetzen und wieder zu gehen. Er kam sofort auf mich zu, die Schuhsohlen hinterließen feuchte Abdrücke auf dem Linoleum.

»Wollen Sie meinem Jungen Flausen in den Kopf setzen?«, sagte er statt einer Begrüßung. Seine Stimme klang nicht einmal wütend, eher als stellte er eine Rechnung an. »Chor. Wettbewerb. Was soll das? Der Junge hat zu Hause genug zu tun. Wir haben vierzig Schafe, da wird jede Hand gebraucht. Und abends steht der Kerl vor dem Spiegel und summt irgendwelche Strophen, als ob wir im Theater wären.«

Ich legte den Kuli, den ich in der Hand hielt, in die Schale auf meinem Tisch zurück. Das Reiben des Plastiks am Metall war das einzige Geräusch im Raum.

Ich schob ihm den Stuhl an der Seite hin. »Setzen Sie sich doch. Bitte.«

Er setzte sich nicht. Er stützte die Fäuste auf die Tischkante und beugte sich vor. »Ich sage Ihnen, wie das ist: Mein Großvater hat hier den Hof geführt, mein Vater hat den Hof geführt, ich führe den Hof. Der Mattis übernimmt ihn mal. Dafür braucht er keine Lieder. Und wenn Sie ihm weiter solche Sachen einreden, hole ich ihn von der Schule. Er hat neun Jahre, das reicht.«

Ich spürte, wie die Heizung unter dem Fenster summte. Es war der alte Specksteinofen, der nur alle zwanzig Minuten ansprang. Ich sagte: »Ihr Sohn hat eine Stimme, die niemand hier überhören kann. Auch Sie nicht. Ich weiß, dass Sie das gehört haben. Sonst wären Sie nicht hier.«

Er schwieg. Sein Blick fiel auf das Klassenfoto an der Wand hinter mir, auf dem ich nicht zu sehen war, weil es noch aus dem Vorjahr stammte. Dann drehte er sich um und ging. Die Tür fiel nicht ins Schloss; sie blieb einen Spalt offen, als hätte er vergessen, sie zu schließen.

Am nächsten Morgen stand Mattis nicht am Eingang. Auch am übernächsten nicht. Die Klassenlehrerin sagte, der Vater habe angerufen — der Junge werde zu Hause gebraucht, die Lammzeit stehe bevor. Ich wusste, dass die Lammzeit nicht vor März begann.

Ich schrieb dem Vater. Nicht per E-Mail, nicht digital. Ich kaufte im Schreibwarenzimmer der Schule einen Bogen schlichtes Papier und einen Umschlag. Auf die Rückseite des Umschlags schrieb ich die Adresse von Jonnes Eltern, denn Jonne kannte den Hof und hatte mir den Weg erklärt. Ich bat den Vater von Mattis um ein Gespräch, nicht in der Schule, sondern bei mir im Lehrerhaus am Deich. Am Freitag, um halb fünf.

Ich bügelte meine Bluse, stellte zwei Tassen auf den Tisch, legte den Bogen mit den Anmeldeformularen für den Wettbewerb daneben. Um halb fünf war der Tisch gedeckt. Um fünf war die Bluse am Rücken feucht. Um sechs goss ich den Kaffee weg und wusch die Tassen ab.

Am Montag stand Mattis wieder auf dem Schulhof. Als ich an ihm vorbeiging, hob er kurz die Hand, aber er sagte nichts. In der Stunde hielt er den Bleistift so fest, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten. Er summte nicht mehr.

Nach dem Unterricht ging ich in das Büro der Schulleiterin und legte ihr den Brief hin, den ich am Freitagabend noch einmal geschrieben hatte. Sie las ihn zweimal. Dann schob sie mir einen Nachschlag von der Tasse Tee hin, die sie seit dem Morgen in der Hand hatte. »Sie werden sich verbrennen, Frau Eggers«, sagte sie. »Nicht an dem Jungen. An dem Vater.«

In der Nacht wehte ein Sturm vom Meer her, der die lose Regenrinne an der Nordseite des Lehrerhauses gegen die Wand schlagen ließ. Ich lag wach und lauschte dem Klappern, das klang wie jemand, der gegen die Tür tritt.

Am Dienstag kam der Vater in die Schule. Er wartete auf dem Flur, bis die Pause begann, und folgte mir in den leeren Klassenraum. Diesmal setzte er sich auf den Stuhl, den ich ihm hinschob.

»Warum lassen Sie nicht locker?«, fragte er. Es klang nicht drohend. Es klang wie die Frage eines Mannes, der schon sehr früh aufgestanden war und schon sehr lange arbeitete. »Warum ist Ihnen der Junge so wichtig?«

Ich überlegte, ob ich ihm von dem Kreidestrich erzählen sollte, von Jonne, von dem Kuchen im Kopierzimmer. Stattdessen sagte ich: »Weil ich seit September jede Woche sechs Klassen unterrichte. Und keine einzige Stimme hat mich so getroffen wie die Ihres Sohnes. Nicht wegen des Wettbewerbs. Weil er damit denkt. Er singt nicht bloß — er begreift, was in den Texten steht. Das ist selten. Das will ich nicht untergehen lassen.«

Der Vater zog einen Kassenbon aus der Jackentasche und begann, ihn mit dem Daumennagel zu falten. Er sah nicht auf. »Wir brauchen ihn am Hof. Das ist nicht böse gemeint. Es ist einfach so. Wenn ich allein bin, schaffe ich die Tiere nicht. Meine Frau ist krank. Seit elf Jahren. Der Mattis ist der Einzige, der anpackt, ohne zu fragen.«

Ich nannte ihn zum ersten Mal beim Namen. »Herr Petersen. Ich verstehe das. Aber der Junge hat ein Recht auf etwas anderes als nur die Pflicht. Und ein Wettbewerb ist nicht das Ende der Welt. Er ist eine Tür. Weiter nichts.«

Er stand auf und steckte den gefalteten Bon in die Brusttasche. »Eine Tür, hinter der Sie dann nicht stehen. Reden kann jeder.«

Ich stand ebenfalls auf. Ich nahm das Anmeldeformular vom Pult und legte es nicht ihm in die Hand, sondern auf die Ablage neben der Tür, wo die ausgeteilten Arbeitsblätter lagen. »Dann kommen Sie und stellen Sie sich dazu. Am vierzehnten Januar. In der Stadthalle in Husum. Der Wettbewerb ist kostenlos. Wenn Mattis gewinnt, bekommt er einen Platz im Knabenchor in Lübeck. Mit Stipendium. Ich habe die Unterlagen da. Lesen Sie.«

Er nahm die Papiere nicht, aber er warf einen Blick darauf. Im Gehen griff er nach der Klinke, drehte sich nicht um und sagte: »Der Junge darf selbst entscheiden. Aber Sie lassen mich nicht allein, wenn er fährt. Das verlange ich.«

Am Morgen des vierzehnten Januar stand ich am Busbahnhof in Husum. Der Wind pfiff vom Hafen herüber. Ich hielt die Mappe mit den Noten unter den Arm geklemmt und stampfte mit den Füßen gegen die Kälte. Der Bus aus dem Dorf kam mit acht Minuten Verspätung. Zuerst stieg niemand aus, dann ein Paar mit Rollkoffern, dann eine alte Frau mit Hutschachtel. Dann Mattis. Er trug eine dunkle Jacke, die ihm an den Schultern zu eng war. Hinter ihm stieg der Vater aus. Er nickte mir zu, griff nach Mattis' Kragen und zog ihn zurecht, eine Bewegung, als richte er einen Saum an einem Vorhang.

Wir betraten die Stadthalle. Im Foyer roch es nach Bohnerwachs und Kaffee. Der Vater setzte sich in die letzte Reihe, die Mütze auf dem Knie, die Finger darin verkrallt. Ich blieb am Bühnenrand stehen.

Als Mattis an der Reihe war, war seine Stimme zuerst kaum zu hören. Dann legte er die Hände an den Oberschenkeln an und sang. Er sang die erste Strophe, dann die zweite, dann den ganzen Text bis zum Ende, ohne einmal ins Stocken zu geraten. Im Saal hörte man auf, in den Programmen zu blättern. Der Mann am Mischpult ließ die Hand auf dem Regler liegen, ohne etwas zu verstellen. Eine Frau in der dritten Reihe hatte die Strickarbeit auf dem Schoß liegen und rührte die Nadeln nicht mehr. Als der letzte Ton verklang, blieb es einen Moment still, bevor der Applaus einsetzte — nicht der höfliche, kurze, sondern der, bei dem Leute die Hände über den Kopf heben.

Ich sah zur letzten Reihe. Der Vater saß vorgebeugt, die Ellbogen auf den Knien, die Mütze zwischen den Fäusten zusammengedrückt zu einem harten Knäuel. Er klatschte nicht. Er saß nur da und sah zur Bühne, als würde er zum ersten Mal begreifen, was in seinem Haus jeden Abend vor dem Spiegel stattgefunden hatte.

Die Jury verkündete die Platzierungen noch am selben Nachmittag. Mattis wurde Zweiter, knapp hinter einem Mädchen aus Flensburg, das schon seit Jahren Gesangsunterricht nahm. Der Juryvorsitzende erklärte in seiner kurzen Ansprache, dass der Zweitplatzierte nach Vereinssatzung ebenfalls für das Aufnahmeprogramm des Knabenchors Lübeck vorgeschlagen werde, weil in diesem Jahr zwei Stipendienplätze zur Verfügung stünden. Mattis stand auf der Bühne, die Urkunde in der Hand, und suchte mit den Augen die letzte Reihe.

Der Vater war nicht mehr da. Er wartete draußen vor der Stadthalle, an die kalte Backsteinwand gelehnt, die Mütze wieder auf dem Kopf. Als wir herauskamen, sagte er nichts über den Applaus, nichts über die Urkunde. Er nahm Mattis' Tasche, die dieser sich gerade über die Schulter hängen wollte, und trug sie selbst zum Bus.

Zwei Wochen später rief die Schulleiterin mich in ihr Büro. Der Brief aus Lübeck lag auf ihrem Tisch, mit dem offiziellen Angebot: Chorplatz, Internatszimmer, Stipendium ab dem Frühjahrssemester. Der Vater war nicht in der Schule. Er wartete im Wagen auf dem Parkplatz, der Motor lief. Als ich nach draußen kam, kurbelte er das Fenster herunter. »Der Junge packt am Sonntag. Sie fahren mit ihm. Ich habe gesagt, Sie lassen mich nicht allein.«

Am Sonntagmorgen stiegen wir in Husum in den Zug nach Lübeck. Mattis saß am Fenster und sah nach draußen, die Stirn an die Scheibe gelehnt. Ich kaufte ihm am Automaten einen Tee und mir einen Kaffee. Er sagte nichts. Erst als der Zug in Neumünster hielt, zog er ein Blatt Papier aus der Jackentasche. Es war das Anmeldeformular, das ich ihm im Januar gegeben hatte. Er legte es auf den Klapptisch zwischen uns und schrieb mit meinem Kuli, den er mir ohne zu fragen aus der Hand nahm, seinen Namen in jede freie Zeile, obwohl das Formular längst nicht mehr gebraucht wurde. Dann schob er mir das Papier herüber, ohne etwas dazu zu sagen.

Ich nahm es und steckte es in die Mappe zu den Noten.

Auf dem Bahnsteig in Lübeck stand der Vater bereits, er war mit dem Wagen vorausgefahren. Mattis zog seine zu enge Jacke aus, obwohl es kalt war, und reichte sie ihm. Der Vater nahm sie, legte sie sich über den Arm, ohne sie anzusehen, und drückte Mattis eine Zehn-Euro-Note in die Hand. »Für den ersten Monat. Dass du nicht gleich betteln musst.«

Mattis faltete den Schein zusammen und schob ihn in die Hosentasche. Dann stand er einen Moment unentschlossen da, bevor er die Arme um seinen Vater legte. Der Vater hielt die Jacke seines Sohnes mit dem einen Arm, mit dem anderen klopfte er ihm zweimal auf den Rücken, so wie man ein junges Tier beruhigt, das man gerade aus dem Stall lässt. Dann löste er sich zuerst.

Ich ging mit Mattis zum Ausgang, wo der Internatsbus schon wartete. An der Tür drehte ich mich noch einmal um. Der Vater war nicht zum Auto gegangen. Er stand mitten auf dem leeren Bahnsteig, die Jacke seines Sohnes über dem Arm, und sah dem einfahrenden Gegenzug nach, obwohl niemand von uns darin saß.

Am Abend, zurück in Husum, legte ich die Mappe mit den Noten auf den Tisch in meinem Zimmer und strich mit dem Finger über das ausgefüllte Anmeldeformular, bevor ich es in die unterste Schublade legte, zu den Unterlagen, die ich aufhob. Draußen rüttelte der Sturm wieder an der Regenrinne. Am nächsten Morgen, auf dem Schulhof, kam Jonne auf mich zu und fragte, ob es stimme, dass Mattis jetzt in der großen Stadt singe. Ich sagte, ja, das stimme. Er nickte, holte ein Stück Kreide aus der Hosentasche und zog damit einen langen weißen Strich über den Asphalt, von der Bordsteinkante bis zur Wand. »Für den nächsten, der was Besonderes kann«, sagte er und lief zur Pausenglocke.

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