Als ich um kurz vor sechs an diesem Dienstag im März auf dem Küchenboden aufwachte, roch es nach verbranntem Kaffee und nach dem Linoleum, das seit der Renovierung 2019 nie richtig sauber wurde. Über mir hing das Gesicht von Tobias, meinem Mann, blass wie die Wand hinter ihm.
„Sabine? Sabine, hörst du mich?"
Ich hörte ihn. Ich hörte auch die Kaffeemaschine, die noch immer tropfte, und irgendwo draußen einen Müllwagen, der die blauen Tonnen leerte. Ganz normaler Dienstag in Bielefeld. Nur lag ich eben auf dem Boden.
Fünf Jahre vorher war ich eine andere Frau gewesen. Ich leitete die Rezeption einer Zahnarztpraxis in der Innenstadt, fuhr im Sommer mit meiner Schwester zum Wochenende an den Möhnesee, buk Käsekuchen nach dem Rezept meiner Oma, tanzte manchmal allein in der Küche zu alten WDR-4-Hits, wenn Tobias abends noch unterwegs war. Die Erschöpfung damals war eine ehrliche Erschöpfung. Man aß etwas, duschte, und am nächsten Morgen war man wieder da.
Tobias war Elektriker, angestellt bei einer mittelständischen Firma in Gütersloh. Gutes Gehalt, ordentliche Kollegen, ein Firmenwagen, den er stolz jeden Freitag wusch. Dann, im Herbst 2023, ging die Firma insolvent. Er sagte, das sei nur vorübergehend. Ein, zwei Monate. Dann wurden es sechs. Dann anderthalb Jahre.
Am Anfang hielt ich zu ihm mit ganzer Kraft. Setzte mich abends neben ihn aufs Sofa und sagte, wir schaffen das, das ist nur eine schlechte Phase. Er umarmte mich, weinte manchmal in meine Schulter. Ich hatte Mitleid, echtes Mitleid. Aber diese schlechte Phase begann alles aufzufressen.
Ich übernahm zusätzliche Schichten am Empfang, half samstags in einem Getränkemarkt beim Einräumen aus. Die Miete für unsere Dreizimmerwohnung in der Herforder Straße wartete nicht. Der Kredit für den gebrauchten Passat auch nicht. Dazu die Medikamente für Tobias' Mutter, die in einem Pflegeheim in Herford lebte und deren Eigenanteil monatlich bei knapp vierhundert Euro lag. Tobias suchte angeblich Arbeit, aber es endete immer bei „die haben sich nicht gemeldet", „das war nichts für mich", „für den Lohn arbeite ich nicht".
Dann kam die Gereiztheit. Schlaflosigkeit. Er fuhr bei Kleinigkeiten aus der Haut. Ich hatte Angst, zu laut zu sprechen, Angst zu fragen, Angst, von der Arbeit nach Hause zu kommen und schon an der Tür zu erraten, welche Stimmung mich erwartete.
„Bedräng mich nicht", zischte er einmal, als ich vorsichtig nach einem Vorstellungsgespräch fragte. „Glaubst du, ich will das so?"
Also hörte ich auf zu fragen. Und fing an zu tragen. Für ihn und für mich. Ich stand um Viertel vor fünf auf, machte Brote, wusch Wäsche, kaufte ein, hetzte zur Praxis. Abends kochte ich Kartoffelsuppe oder Nudeln mit Ei, weil es billiger war. Danach setzte ich mich mit dem Taschenrechner hin und rechnete, ob es bis zum Monatsende reichte. Manchmal fehlten dreißig Euro, manchmal zweihundert. Ich verkaufte den Goldring meiner Großmutter bei einem Ankäufer am Jahnplatz, um die Rate zu decken. Niemandem erzählte ich davon.
Das Schlimmste war nicht einmal die Erschöpfung. Das Schlimmste war, dass ich verschwand. Ich rief niemanden mehr an. Schminkte mich nicht mehr. Kaufte mir nichts außer Duschgel im Angebot bei Rossmann. Als meine Kollegin Petra einmal sagte: „Sabine, du lachst gar nicht mehr", traf mich das wie eine Bloßstellung, als hätte sie mich bei etwas sehr Persönlichem ertappt.
Und dann fand ich die Nachrichten. Kein klassischer Seitensprung — vielleicht tat es genau deshalb so weh. Auf Tobias' altem Handy, das ich zu einem Ankaufportal bringen wollte, öffneten sich Chats mit seiner Schwester Katja.
„Sag Sabine nichts, sonst macht sie wieder Theater."
„Wenn sie mich nicht so unter Druck setzen würde, käme ich klar."
„Sie spielt gern die Leidende."
Ich saß auf dem Flurboden zwischen den Schuhen und las es dreimal. Die Leidende. Ich. Eine Frau, die sich seit zwei Jahren keine neuen Schuhe gekauft hatte, weil man ihm „Zeit lassen musste".
Als er nach Hause kam, hielt ich das Handy in der Hand.
„Bin ich also das Problem?"
Er sah mich an und wusste sofort Bescheid.
„Hast du in meinen Sachen rumgeschnüffelt?"
Diesen Moment vergesse ich nicht. Keine Entschuldigung. Keine Scham. Nur Wut darüber, dass ich die Wahrheit gesehen hatte.
„Rumgeschnüffelt? Tobias, ich finanziere diesen ganzen Haushalt!"
„Ja, und das reibst du mir ständig unter die Nase!"
„Weil ich keine Kraft mehr habe!"
„Dann geh doch ins Hotel, wenn's dir hier so schlecht geht!", warf er hin.
Danach war es so still, dass mir die Ohren wehtaten. Er stand in der Küchentür, das Gesicht gerötet, und ich sah uns plötzlich von außen. Kein Ehepaar mehr. Keine Partnerschaft. Nur eine Frau, die unterging, und ein Mann, der sich an ihren Armen festklammerte, um selbst nicht abzusaufen.
In jener Nacht schloss ich zum ersten Mal die Schlafzimmertür ab. Draußen bellte der Nachbarshund, wie fast jeden Abend, und irgendwo im Treppenhaus roch es nach dem Gulasch von Frau Ohlmeier aus dem zweiten Stock. Eine Woche lief ich wie ferngesteuert durch den Alltag. In der Praxis verwechselte ich zwei Terminkarten, und meine Chefin schickte mich zum Sitzen.
„Sabine, du machst dich noch kaputt", sagte sie. „Jemandem zu helfen darf nicht aussehen wie langsames Sterben."
Da weinte ich wie ein Kind, im Lager zwischen den Kartons mit Einmalhandschuhen und Mundschutz.
Ich zog vorübergehend zu meiner Tante nach Detmold. Nur für eine Weile, redete ich mir ein. Einen Koffer, die Unterlagen, einen Pullover nahm ich mit. Tobias hielt mich nicht einmal zurück. Am Abend schrieb er nur: „Wenn's dir wieder besser geht, komm zurück, dann reden wir vernünftig."
Wenn's mir besser geht. Als hätte ich eine Grippe und kein ausgebranntes Herz.
Vier Monate vergingen. Ich nahm ab. Fing wieder an durchzuschlafen. Hörte mein eigenes Lachen wieder und war selbst überrascht davon. In Detmold hatte meine Tante einen alten Kanarienvogel, der jeden Morgen um sechs zu singen begann, noch bevor der erste Bus durch die Straße fuhr — und dieses dumme, viel zu fröhliche Zwitschern brachte mich manchmal ohne Grund zum Lachen.
Den Groll trage ich noch in mir, denn ich habe ihn geliebt. Vielleicht liebe ich diese frühere Version von ihm noch ein wenig, die von vor Jahren. Aber ich weiß jetzt: Liebe ohne Grenzen kann einem die Haut abziehen.
Im Juni erhielt ich Post von einer Kanzlei aus Bielefeld, an die ich mich Wochen zuvor gewandt hatte. Ich hatte einen Anwalt beauftragt, die Trennung der gemeinsamen Konten zu regeln und meinen Anteil am Passat auszahlen zu lassen — den Wagen hatte ich zur Hälfte mitfinanziert, das stand schwarz auf weiß im Kaufvertrag von 2021. Zwölftausend Euro. Genau diese Summe stand am Ende in der Vereinbarung, die ich in der Küche meiner Tante auf dem Wachstuchtisch unterschrieb, neben dem Kanarienvogelkäfig, während draußen Regen gegen die Fensterscheibe klopfte.
Tobias rief an, als der Anwalt ihm das Schreiben zugestellt hatte. Ich stand mit dem Handy in der einen und der Unterschriftenmappe in der anderen Hand.
„Sabine, das kannst du mir nicht antun. Ich brauche das Auto für Vorstellungsgespräche."
„Dann bewirb dich mit dem Bus, Tobias. Ich habe zwei Jahre für dieses Auto bezahlt, während du zu Hause gesessen hast."
„Du bist wirklich kalt geworden."
„Nein", sagte ich. „Ich habe nur aufgehört, für etwas zu zahlen, das ich nie bestellt habe."
Er kam noch einmal persönlich vorbei, eine Woche später, stand vor der Tür meiner Tante mit dem Übergabeprotokoll für den Wagen in der Hand, weil die Bank auf der Unterschrift beider Halter bestand. Ich reichte ihm den Stift durch den Türspalt, ohne ihn hereinzubitten. Er unterschrieb, seine Hand zitterte dabei, und schob das Blatt zurück, ohne aufzusehen.
Ich schloss die Tür, drehte den Schlüssel zweimal um, wie es meine Tante immer tat. Aus der Küche kam das Zwitschern des Kanarienvogels, viel zu fröhlich für diesen Nachmittag, und draußen, hinter dem nassen Fenster, fuhr irgendwo ein Bus vorbei, dessen Bremsen quietschten wie jeden Tag um diese Zeit.







