Ich wusste, dass es ein Fehler war, als sie mit diesen beiden riesigen, karierten Taschen vor der Tür stand. So ein billiges Muster, das man auf jedem Flohmarkt in Köln-Ehrenfeld sieht. Meine Schwägerin Marion drückte sich an mir vorbei, ohne zu klingeln, einfach so, mit ihrem eigenen Schlüssel. Den hatte sie sich nach dem Tod meines Mannes anfertigen lassen, weil ihr ja ein Viertel der Wohnung gehörte.
— Ich bleib jetzt, — sagte sie und knallte die Taschen auf den Flurboden. — Mindestens bis Ostern. Mal sehen.
Ich starrte auf den hellen Eichenparkett, den wir erst vor zwei Jahren hatten abschleifen lassen. Unter einer der Taschen zog sich ein langer, grauer Kratzer bis zur Wohnzimmertür. Sie sah ihn auch. Sie zuckte nicht mal mit der Wimper.
— Schuhe aus? — fragte ich.
— Nee. Is doch meine Wohnung.
Ich hängte meine Jacke an den Haken, stellte die Handtasche auf die Kommode und ging in die Küche. Marion war schon da. Sie riss die Schranktüren auf, als würde sie Inventur machen. Dann drehte sie sich um, stemmte die Hände in die Hüften.
— Wo ist der Wasserkocher? Und was gibt’s zu essen? Ich hab seit heute Morgen nichts mehr gegessen. Der Zug von Bielefeld war die Hölle.
Bielefeld. Da lebte sie. Hatte eine Zweizimmerwohnung, die jetzt an zwei Studenten vermietet war. Die Miete kassierte sie, gewohnt hat sie trotzdem nicht dort. Sie wollte „in der Stadt“ leben. In unserer Wohnung in der Südstadt. Auf ihren fünfundzwanzig Prozent.
— Wasserkocher steht links neben der Kaffeemaschine, — sagte ich. — Essen ist deins. Du bist ja keine Besucherin, hast du selbst gesagt. Der Lidl ist um die Ecke.
Sie lachte kurz auf, so ein trockenes, bellendes Lachen.
— Jetzt hör dir das an. Die Witwe von meinem Bruder gönnt mir nicht mal ’ne Scheibe Brot.
Ich sagte nichts. Im Kühlschrank lag ein fertiger Auflauf, Tomatensuppe von gestern, Käse, Butter, Eier. Aber ich wusste genau: Wenn ich heute den Tisch decke, sitzt sie morgen auf meinem Nacken und lässt die Beine baumeln. Ich hatte elf Jahre mit Ralf gebraucht, um zu lernen, dass manche Menschen Freundlichkeit mit Schwäche verwechseln.
Marion holte aus einer ihrer Taschen eine Packung Billigwurst, riss sie auf, biss ein Stück ab. Mit vollem Mund redete sie weiter.
— Ich such mir hier ’n Job. In Bielefeld gibt’s nichts. Und hier? Stadt, Leute, Möglichkeiten. Meine Wohnung bringt achthundertfünfzig kalt. Und die Nebenkosten da zahlen die Studenten.
Sie kaute, schluckte, deutete mit der Wurst in Richtung Wohnzimmer.
— Ich nehm das große Zimmer. Du kannst ja im Schlafzimmer bleiben. Familie muss zusammenhalten.
Ich schenkte mir ein Glas Leitungswasser ein. Meine Hände waren ruhig. Das war das Erste, was mir auffiel. Vor drei Jahren hätten sie noch gezittert. Jetzt nicht mehr.
— Klar, — sagte ich. — Nebenkosten teilen wir nach Anteilen. Wasser, Strom, Gas, Internet. Müllgebühren. Dein Teil sind fünfundzwanzig Prozent. Die Stadtwerke buchen am Ersten ab. Ich sag dir dann, was du mir überweisen musst.
Sie hörte auf zu kauen.
— Was? Ich soll hier zahlen? Ich bin doch nicht deine Mieterin! Ich bin Eigentümerin!
— Eben. Eigentümerin. Und Eigentum verpflichtet.
Sie knallte die Wurst auf den Tisch.
— Weißt du, was du bist? Ein kleinlicher, berechnender Mensch. Ralf hat sich mit dir rumgequält. Jetzt weiß ich auch, warum.
Ich nahm mein Glas und ging ins Schlafzimmer. Im Flur blieb ich kurz stehen und zog die Schranktür auf. Ich holte drei Bügel raus und legte sie ins untere Fach. Dann machte ich die Tür zu.
Am nächsten Morgen wachte ich um zwanzig vor sieben auf, weil jemand in der Küche mit Pfannen schepperte. Ich zog mir den Bademantel über und ging rüber. Marion stand am Herd, in einem braunen Morgenrock mit Sonnenblumen, und briet Eier. Es roch nach angebranntem Gummi. Das Fenster war zu, der Rauchmelder hatte noch nicht ausgelöst, aber er würde.
— Morgen, — sagte ich und machte das Fenster auf. Draußen fuhr die Linie 9 vorbei, es nieselte.
— Ich geh heute zum Arbeitsamt, — sagte sie. — Früh aufstehen bringt was. Willst du auch Ei?
— Aus meinem Karton?
— Meine sind im Zug kaputtgegangen.
Ich trat an den Kühlschrank, machte ihn auf. Da lag der Eierkarton von gestern, zehn Stück aus Freilandhaltung, jetzt noch sechs.
— Vier Eier, — sagte ich. — Der Karton hat zwei Euro achtundneunzig gekostet. Macht zweiunddreißig Cent pro Ei. Du schuldest mir einen Euro achtundzwanzig.
Marion stand da mit dem Pfannenwender in der Hand, die Eier brutzelten vor sich hin.
— Du bist doch krank, — sagte sie. — Weißt du das? Krank.
— Du vermietest deine Wohnung. Du bekommst achthundertfünfzig Euro im Monat. Ich arbeite als Bäckereifachverkäuferin bei Klein’s Backstube am Chlodwigplatz. Achtzehn Stunden die Woche, Mindestlohn. Warum soll ich dich durchfüttern?
Sie drehte das Gas aus, schob die Eier auf einen Teller.
— Kalt wie ein Fisch, die Frau. Mein Bruder ist besser dran da, wo er jetzt ist.
Ich ging duschen. Das Wasser war heiß, der Dampf zog durchs kleine Bad. Als ich rauskam, hatte Marion den Teller in der Spüle stehen lassen, mit angetrocknetem Eigelb. Ich stellte ihn in den Geschirrspüler und betätigte die Kurzspültaste.
So zog es sich durch den Januar. Diese Wohnung: vierundachtzig Quadratmeter, Altbau, Stuck an den Decken. Ralf und ich hatten sie vor fünfzehn Jahren gekauft, als die Preise in der Kölner Südstadt gerade anfingen, verrückt zu spielen. Jetzt ist sie vierhundertzwanzigtausend wert, und ein Viertel davon gehört Marion. Ralf hatte kein Testament hinterlassen. Er war einfach auf dem Weg zur Arbeit umgefallen, Herzinfarkt mit zweiundfünfzig. Und auf einmal war seine Schwester da, die er zwanzig Jahre lang nur zu Weihnachten gesehen hatte.
Marion versuchte jeden Trick, den es gab. Mal trank sie meine Milch. Mal nahm sie sich mein Duschgel und stellte es nicht zurück. Mal verbrauchte sie das letzte Blatt Klopapier und ließ die leere Papprolle auf dem Halter. Ich habe nichts gesagt.
Ich habe ein Heft gekauft, so ein schwarzes kariertes, für zwei Euro neunundneunzig bei Thalia. Das habe ich auf den Küchentisch gelegt. Als Marion am Abend von ihrem zweiten Vorstellungstermin zurückkam, blätterte sie darin.
— Was ist das? — fragte sie.
— Eine Aufstellung.
Ich saß auf dem Stuhl am Fenster, unter mir der Hinterhof mit den Mülltonnen und dem alten Ahornbaum. Auf dem Tisch stand eine Packung Salbeitee, die mir meine Kollegin Sema geschenkt hatte.
— Duschgel, einmal benutzt: dreißig Cent. April milch, dreißig Cent. Eine Scheibe Gouda: neununddreißig Cent. Joghurt aus dem Kühlschrank: einen Euro neunundzwanzig.
Marion starrte auf die Seite. Ich könnte schwören, sie atmete lauter.
— Du beobachtest mich. Du schreibst auf, was ich esse?! Was bist du für ein Mensch?
Ich schlug das Heft zu.
— Der Mensch, der die Wohnung bezahlt, in der du lebst.
Sie hat dann zweimal damit gedroht auszuziehen. Zweimal ist sie bis zur Tür gekommen, mit gepackter Tasche. Und zweimal ist sie wiedergekommen, weil die Miete für ihre eigene Wohnung längst für ihren alten VW Polo draufging und weil es in Köln für achthundertfünfzig kalt nichts gibt, was nicht nach Schimmel riecht.
Ende Februar dann die Sache mit dem Schrank.
Ich kam von der Frühschicht, neun Stunden auf den Beinen, die Füße taten weh, in der S-Bahn hatte ein Mann laut mit seiner Mutter telefoniert. Als ich aufschloss, hörte ich Schraubgeräusche. Marion stand im Flur vor meinem Schrank, in der einen Hand mein Akkuschrauber, in der anderen der Griff der Schranktür. Der untere Teil des Schranks war bereits abmontiert, Bretter lehnten an der Wand, auf dem Boden lagen Klammern und alte Fotos.
— Was machst du? — fragte ich.
— Ich bin dabei, das Ding abzuholen. Ist ja auch mein Schrank. Ralf hat ihn mit mir zusammen bei IKEA gekauft. Vor zwanzig Jahren. Steht ja auch in dem Haus in Bielefeld.
Sie drehte sich um und musterte den halb abgebauten Schrank. Eine Schraube fiel heraus und kullerte über den Flurboden.
— Weißt du noch, wie er da gestanden hat? Im Flur von Mama. Da habe ich mein Konfirmationskleid drin gehabt.
Ich lehnte die Handtasche an die Wand, ging in die Küche, holte zwei Schraubenzieher aus der Werkzeugschublade. Dann kam ich zurück und kniete mich vor das zweite Fach.
— Hier, — sagte ich und reichte ihr den Kreuzschlitz. — Die Rückwand ist mit zwölf Schrauben befestigt. Mach die oberen, ich die unteren. Dann können wir ihn auseinandernehmen, ohne dass die Bretter splittern.
Marion sah mich an. Sie hielt den Schraubendreher, als wüsste sie nicht, wozu er dient.
— Du hilfst mir?
— Es ist dein Schrank. Nimm ihn mit. Aber ich will nicht, dass du mir den Flurboden zerkratzt.
Wir brauchten eine halbe Stunde. Die Rückwand war aus dünnem Fichtenholz, ich hielt sie, Marion schraubte. Ihre Hand fuhr einmal aus, weil der Schraubendreher abrutschte, und sie riss sich den Knöchel am Brett auf.
— Verdammt, — zischte sie.
Ich holte ein Pflaster aus dem Bad. Das mit den kleinen Sternen, die waren noch von Ralfs letzter Erkältung übrig. Ich reichte es ihr. Sie klebte es sich auf und schraubte weiter.
Am Ende standen die Einzelteile an der Wand. Sie rief einen Bekannten mit einem Transporter an, der den Schrank am Samstag abholen wollte. Beim letzten Brett, dem mit der Kindheitsgravur, der kleine Buchstabe „M“, mit einem Nagel in die Kante geritzt, blieb sie kurz stehen.
— Weißt du, was das ist? — sagte sie, ohne mich anzusehen. — Das hab ich gemacht, als ich sieben war. Da hat Mama mir eine Ohrfeige gegeben. Und Ralf ist dazwischengegangen und hat gesagt, er war’s.
Ich sagte nichts. Draußen im Hof fing ein Hund an zu bellen. Der Müllwagen der AWB bockte rückwärts durch die enge Gasse.
— Er war der Einzige, der das für mich gemacht hat, — sagte Marion. — Der Einzige.
Dann hob sie das Brett hoch und trug es ins Wohnzimmer zu den anderen. Sie fragte nicht, ob sie das Pflaster behalten dürfe. Ich fragte nicht, ob der Schrank wirklich ihr gehörte. Ich wusste, dass Ralf und ich ihn bei IKEA gekauft hatten, in einer Nachtaktion, als wir gerade zusammengezogen waren. Vierzig Euro. Ich hatte den Kassenbon jahrelang im Flurordner, zusammen mit der Garantie für den Geschirrspüler.
Diese Nacht habe ich geschlafen wie schon lange nicht mehr. Der Schrank war weg, die Wand dahinter heller als der Rest, und ich überlegte, welche Farbe ich streichen würde. Eichenlaubgrau? Oder lieber ein warmes Fliederweiß, wie im Schaufenster von Sonnenschirm.
Am nächsten Morgen fand ich einen Zettel auf dem Küchentisch. Kein Schulheft. Ein weißer Briefumschlag, wie er auf dem Weg zur Arbeit an der Post vorbeigekommen wäre, konnte sie ihn nicht besorgt haben. Er war adressiert an „Frau Koslowski, Südtstadt, Vierte Etage links“. Innen ein Zettel, in der Mitte gefaltet, Kugelschreiber, die Schrift ein bisschen schief.
Ich solle das Heft wegwerfen, stand da. Sie wisse jetzt, dass ich sie nicht fürchten müsse. Aber sie wisse auch, dass ich lüge. Dass der Schrank nicht von IKEA gewesen sei, sondern von ihrem Vater, und dass ich ihn trotzdem abgegeben habe, weil ich ihn nicht mehr haben wolle. Und dass das in Ordnung sei. Und dass sie am Samstag, wenn der Wagen kommt, auch noch die Kisten mit den Tellern und der Vase aus der Halle mitnehmen werde, weil die Mama gehört hätten.
Darunter stand:
„Ich war immer neidisch. Nicht auf die Wohnung. Auf dich. Du hast den letzten Tag mit ihm gehabt. Ich hab nur die Beerdigung.“
PS: „Für die vier Eier. Und das Duschgel. Das war keine Bosheit. Das war meine Art, unten zu sein.“
Ich las den Zettel dreimal. Dann faltete ich ihn wieder, steckte ihn in den Umschlag und legte ihn in die Schublade unter dem Küchenmesser.
Am Samstag kam der Transporter. Ein weißer Fiat Ducato mit polnischem Kennzeichen. Der Fahrer hieß Kuba, er rauchte draußen auf der Straße eine selbstgedrehte Zigarette, während Marion und ich die Bretter nach unten trugen. Beim letzten Brett blieb sie vor der Tür stehen. Ich hielt die Wohnungstür mit dem Fuß auf.
— Ich komm nicht mehr hierher, — sagte sie.
Ich hielt einen Moment den Atem an. Der Treppenhausgeruch nach kaltem Putzmittel und fremdem Essen. Dann nickte ich.
— Ich weiß.
Sie trug das Brett nach unten. Kuba nahm es, legte es in den Laderaum, klappte die Heckklappe zu. Ich ging wieder rein, ohne mich umzudrehen. Die Wohnung war leer im Flur, und die helle Stelle an der Wand war ein Viereck aus hellerem Putz, und der Dielenboden glänzte an der Stelle, wo jahrelang der Schrank gestanden hatte.
Ich habe an dem Abend das schwarze Heft in den Papiermüll geworfen, ohne es zu öffnen. In der Küche roch es nach dem Curry, das Sema mir aus ihrer Wohnung mitgebracht hatte, und nach dem feuchten, kalten Wind, der durchs angekippte Fenster zog. Auf dem Tisch lag ein Kugelschreiber, den Marion vergessen hatte. Ein blauer Werbekuli von der Kreissparkasse.
Ich habe ihn genommen und auf den Umschlag geschrieben, unten auf den Rand, wo noch Platz war. „Ich hatte den letzten Tag. Aber du hast die zwanzig Jahre davor.“ Dann habe ich den Umschlag genommen und unter die Kuchenform von Ralfs Mutter gelegt, die ich nie benutzt habe.
Am Montag kam die Nebenkostenabrechnung. Sie war höher als erwartet, wegen der gestiegenen Fernwärmepreise. Ich habe Marions Anteil berechnet, fünfundachtzig Euro sechzig. Ich habe eine Überweisung in meinem Onlinebanking vorbereitet, Betreff „Nebenkosten Januar-März“, und als Empfänger ihre IBAN gespeichert. Dann habe ich den Betrag wieder gelöscht.
Ich habe stattdessen die zweiundvierzig Euro aus Marions Notgroschen im Flurschrank genommen, den sie in der Küche vergessen hatte, einen braunen Briefumschlag mit einem Gummiband drum. Und habe sie auf ihr altes Konto bei der Sparkasse Bielefeld zurücküberwiesen, das von früher noch in meinem Adressbuch stand.
Betreff: „4 Eier. Für das Frühstück. Damit du unten nicht mehr so tief sitzt.“







