Ich heiße Bernd Alscher, ich bin Notar in Ludwigsburg, dreiundsechzig Jahre alt, und in meinem Beruf beglaubigt man normalerweise Testamente, Hausverkäufe, manchmal eine Scheidung. Was ich vor elf Jahren erlebt habe, gehört nicht in diese Kategorie. Es war ein Dienstagnachmittag im November, draußen roch es nach nassem Laub und Kohlenrauch aus dem Nachbarhaus, und ich hatte eigentlich um vier Uhr Feierabend machen wollen, weil meine Frau Karten für die Staatsoper hatte.
In meinem Wartezimmer saß ein alter Mann mit einer braunen Aktentasche auf den Knien. Er hieß Anvar Rachimow, war neunundachtzig Jahre alt, und seine Enkelin hatte den Termin gemacht, weil er, wie sie sagte, "endlich Ordnung machen wollte, bevor es zu spät ist". Ich dachte an ein Testament. Es war etwas anderes.
Er wollte eine eidesstattliche Erklärung beglaubigen lassen — für ein deutsches Bundesarchiv, für eine Anfrage, die seine Enkelin, eine Historikerin namens Dilnoza, seit Monaten stellte. Es ging um seine Militärakte aus den Jahren 1942 bis 1945. Er wollte schriftlich festhalten, was er erlebt hatte, solange sein Kopf noch klar war.
Ich habe in meinem Berufsleben viele Menschen weinen sehen, aber selten so, wie er es tat: ohne Geräusch, die Tränen liefen einfach, während seine Stimme völlig ruhig blieb, fast trocken, als würde er ein Protokoll vorlesen. Ich schenkte ihm Wasser ein aus der Karaffe, die ich für solche Momente immer bereithalte, und er trank nicht davon. Er hielt das Glas nur in beiden Händen, so als bräuchte er die Wärme.
Er erzählte, wie er im Winter 1941 in einem Lager irgendwo bei Chelm in Gefangenschaft geraten war, sechzehn Jahre alt, aus Samarkand, mit gefälschtem Geburtsjahr in den Papieren, weil er sich freiwillig gemeldet hatte, um seinen älteren Bruder zu begleiten. Dreitausendzweihundert Kalorien am Tag hätte ein Erwachsener gebraucht, sagte er, als hätte er die Zahl sein Leben lang mit sich herumgetragen — sie bekamen an guten Tagen dreihundert. Er sagte, im Januar 1942 seien in seiner Baracke von hundertzwanzig Männern siebenunddreißig gestorben, einer nach dem anderen, und die Leichen habe man morgens zum Appellplatz getragen, weil man sonst keine Essensration für sie bekam. Als ein deutscher Feldwebel ihm anbot, sich zu einer "turkestanischen Einheit" zu melden, gegen eine warme Jacke und Brot, habe er nicht über Politik nachgedacht. Er habe an seine Mutter gedacht, die er wiedersehen wollte.
Zwei Jahre lang bewachte er Eisenbahnbrücken in der Nähe von Lyon, in Frankreich, weit weg von jeder Front, die er kannte. Er sagte, er habe nie geschossen, außer einmal in die Luft, um französische Partisanen zu warnen, bevor sie in eine deutsche Patrouille liefen — er habe sie gewarnt, nicht verraten, das betonte er zweimal. Ob das stimmte, konnte ich nicht prüfen. Das ist nicht meine Aufgabe als Notar. Ich beglaubige die Unterschrift, nicht die Wahrheit dahinter.
Was mich damals aus der Fassung brachte, war eine Nebensache. Während er sprach, klingelte draußen im Flur mein nächster Termin an der Rezeption, eine Frau, die ihren Bausparvertrag ändern wollte, und meine Assistentin Frau Ehrlich klopfte zweimal leise an, um mich zu erinnern. Ich winkte ab. Ich hatte das Gefühl, wenn ich diesen Mann jetzt unterbreche, unterbreche ich etwas, das seit fünfundachtzig Jahren darauf wartet, ausgesprochen zu werden.
Er erzählte, wie er 1945 in der amerikanischen Zone bei Stuttgart in ein Lager kam, und wie ihn ein sowjetischer Verbindungsoffizier drei Tage lang verhörte. Er sei nicht erschossen worden, wie viele glaubten, dass es allen so erging. Er wurde zurückgeschickt, kam nach Taschkent, wurde neun Jahre lang nicht als vollwertiger Bürger behandelt, durfte nicht studieren, arbeitete in einer Ziegelei. Erst nach Stalins Tod, sagte er, habe man aufgehört, ihn jeden Monat zur Meldestelle zu bestellen.
Dann öffnete er die braune Tasche und legte drei Dinge auf meinen Schreibtisch: eine vergilbte Fotokopie seines Wehrmachtsausweises, die ihm ein deutscher Archivar vor zwei Jahren geschickt hatte; einen Brief seiner Enkelin auf Deutsch, den sie für ihn übersetzt hatte, weil er die Sprache nie richtig gelernt hatte; und einen Umschlag mit einer Kopie eines Rentenantrags bei einer deutschen Stiftung für NS-Zwangsarbeiter — es ging um eine Entschädigung von etwa zweitausendsiebenhundert Euro.
Ich griff nach dem Wehrmachtsausweis, um die Kopie zur Akte zu nehmen, und da sah ich es: das Geburtsdatum auf dem Dokument stimmte nicht mit dem überein, das er mir gerade für die eidesstattliche Erklärung diktiert hatte. Zwei Jahre Differenz. Ich legte den Stift hin.
"Herr Rachimow", sagte ich, "hier steht ein anderes Jahr als in Ihrer Erklärung."
Er sah zur Tasche, nicht zu mir. Dilnoza, die bis dahin schweigend neben ihm gesessen hatte, beugte sich vor. "Das ist wichtig für den Antrag", sagte sie. "Die Stiftung prüft jede Abweichung. Wenn die Angaben nicht übereinstimmen, wird die Akte zurückgestellt, manchmal für Jahre. Er hat nicht mehr Jahre."
"Ich kann nur beglaubigen, was er unterschreibt", sagte ich. "Nicht, welches Jahr das richtige ist."
Anvar stellte das Wasserglas ab, so vorsichtig, als könnte der Tisch zerbrechen. "Ich war sechzehn", sagte er. "Ich habe geschrieben, ich sei achtzehn gewesen, damit man mich mit meinem Bruder gehen ließ. Die Deutschen haben geglaubt, was auf dem Papier stand. Seitdem stimmt kein Papier mehr mit mir überein."
Dilnoza legte ihm die Hand auf den Arm. "Dedushka, wenn wir das falsche Alter beglaubigen lassen, ist die ganze Erklärung angreifbar. Sag ihm das echte Jahr."
"Das echte Jahr steht nirgends", sagte er, zum ersten Mal lauter. "Es steht in keiner Akte der Welt. Nur in mir."
Ich saß zwischen den beiden, den Stempel schon in der Hand, und wusste für einen Moment nicht, was meine Aufgabe hier eigentlich war. Ein Notar beglaubigt Übereinstimmung, keine Erinnerung. Aber vor mir saß ein Mann, dessen Erinnerung die einzige Akte war, die noch atmete.
Ich schlug vor, beide Jahreszahlen in die Erklärung aufzunehmen: das im Wehrmachtsausweis vermerkte Datum und, als Zusatz, die eigene Erklärung des Antragstellers, dass dieses Datum aus Gründen der damaligen Umstände von seinem tatsächlichen Geburtsjahr abweiche. Keine Lüge, kein Widerspruch — nur zwei Wahrheiten, die nebeneinanderstehen durften. Dilnoza schrieb es auf Deutsch mit, während ihr Großvater ihr die Worte auf Usbekisch zurief, weil er sicher sein wollte, dass nichts von dem verlorenging, was er meinte.
Erst danach unterschrieb er. Ich beglaubigte seine Unterschrift unter der eidesstattlichen Erklärung. Das ist alles, was mein Amt vorsieht: ich bestätige, dass diese Person vor mir gesessen und mit klarem Verstand unterschrieben hat. Ich stempelte, ich trug es ins Urkundenregister ein, ich nahm die Gebühr von zwölf Euro fünfzig entgegen, die er in kleinen Münzen aus einem Portemonnaie zählte, das er offensichtlich seit Jahrzehnten benutzte.
Bevor er ging, fragte ich ihn — mehr aus Neugier als aus beruflichem Interesse, was ich eigentlich nie tue —, warum er das jetzt, mit neunundachtzig, noch klären wollte. Er sagte, seine Enkelin schreibe an einer Doktorarbeit über die turkestanischen Legionäre, und sie habe ihn gebeten, seine Geschichte nicht mit ins Grab zu nehmen. "Sie will wissen, wer ich war, bevor sie in den Akten nur liest, was die Deutschen über mich geschrieben haben."
Ich reichte ihm den Mantel, der über der Stuhllehne hing, ein grauer Wollmantel mit abgewetzten Ärmeln, und begleitete ihn zur Tür, obwohl das eigentlich Aufgabe von Frau Ehrlich gewesen wäre. Draußen wartete der alte Passat, Motor lief, wegen der Kälte. Dilnoza stieg aus, um ihm über die Stufen zu helfen, und er wehrte ihre Hand kurz ab, bevor er sie doch nahm.
Zwei Jahre später schickte Dilnoza mir einen Brief, adressiert an die Kanzlei, mit einem kurzen Absatz auf Deutsch: der Rentenantrag sei bewilligt worden, die Zahlung sei im Frühjahr eingegangen, ihr Großvater habe das Geld nicht angerührt, sondern es seinem Urenkel für die Ausbildung zurückgelegt. Ihre Doktorarbeit, schrieb sie, sei fast fertig; ein Kapitel trage den Titel, den er selbst vorgeschlagen habe: "Das Jahr, das nirgends steht."
Ich bin an jenem Abend nicht mehr rechtzeitig in die Oper gekommen. Meine Frau war nicht böse — ich hatte ihr am Telefon nur gesagt, ein Klient habe länger gebraucht als geplant. Ich habe ihr nicht erzählt, worum es ging. Manche Akten trägt man besser allein nach Hause.







