# Schuld, die man mit Wasser begleicht

Der Winter war trocken – Schnee fiel einmal im Januar und schmolz gleich wieder, als hätte er es sich anders überlegt. Erika Brandt bemerkte das, weil sie jeden Morgen mit einer Tasse Kaffee auf die Terrasse trat und den Wasserstand im Brunnen kontrollierte. Sie wohnte am Rand von Feldkirchen, im Chiemgau, in dem Haus, das sie von ihren Eltern geerbt hatte, und unter dem Garten hatte sie etwas, dessen Wert ihr erst vor drei Jahren richtig bewusst geworden war: eine Quelle. Nichts Magisches, kein Märchen – gewöhnliches, kaltes Wasser, das schon aus dem Hang floss, als ihr Großvater noch mit der Blechkanne in den Wald zum Pilzesammeln ging.

Der Schwiegersohn Tobias kam am Samstag, parkte den silbernen Passat mitten auf dem Rasen, was Erika nicht ausstehen konnte, und trat ohne Klopfen ein, wie er es in den letzten zwei Jahren immer öfter tat.

„Ich muss mit dir über die Quelle reden", sagte er, noch bevor er die Schuhe auszog.

Erika stellte den Wasserkessel auf den Herd. „Welche Quelle?"

„Tu nicht so, als wüsstest du nicht Bescheid. Die unten hinter dem Obstgarten. Ich hab mit einem von der Mineralwasserabfüllerei in Bad Reichenhall gesprochen, der meinte, so eine Quelle sei so viel wert wie eine Eigentumswohnung in München."

Tochter Sabine saß am Tisch und starrte auf ihren Teller. Sie war mit dem zweiten Kind schwanger und stimmte in letzter Zeit allem zu, was Tobias sagte, weil ihr die Kraft für Streit fehlte. Erika sah das, und es tat ihr mehr weh als die Frechheit mit dem geparkten Auto.

„Die Quelle gehört zum Grundstück", sagte Erika. „Und das Grundstück steht auf meinen Namen."

„Noch", antwortete Tobias mit diesem Lächeln, das Erika nie leiden konnte – als hätte er gerade eine Wette gewonnen, von der sie gar nicht wusste, dass sie lief.

*

Zwei Wochen später kam ein Brief von der Notarin aus Traunstein, Frau Dr. Hillmayer. Formelle Sprache, aber klarer Inhalt: Tobias fragte an, ob es eine Möglichkeit gebe, „der kommenden Generation" den Zugang zur Wasserquelle auf Frau Brandts Grundstück zu sichern, eventuell durch eine Grunddienstbarkeit zugunsten der Enkelkinder. Unterschrieben mit Sabines Namen, obwohl Erika sofort merkte, dass der Satzbau nicht von ihrer Tochter stammte.

An diesem Abend rief Erika ihre Schwester Renate in Rosenheim an.

„Er will mir das Wasser wegnehmen, Renate. Nicht das Haus, nicht den Garten – nur das, was unter der Erde liegt und was noch nie jemanden interessiert hat, bis es wie ein Geschäft aussah."

„Und Sabine?"

„Sabine schweigt. Sitzt da, streicht sich über den Bauch und schweigt."

Renate sagte eine Weile nichts, dann meinte sie: „Dann lass es dir nicht einfach nehmen. Geh zu einem Anwalt."

*

Erika hatte noch etwas, wovon Tobias nichts wusste. Vor einem Jahr, als ihr Mann Heinz gestorben war, hatte sie mit der Gemeinde Feldkirchen eine Vereinbarung geschlossen – die Gemeinde kaufte ihr das Recht ab, sich für die öffentliche Wasserversorgung an die Quelle anzuschließen, weil die Hausbrunnen in trockenen Jahren versiegten und die Leute im Dorf Wasser in Kanistern von Tankwagen holen mussten. Der Preis war nicht hoch, sechstausend Euro im Jahr als Sachleistung, aber es gab eine Bedingung, die Erika selbst hineinschreiben ließ: Die Quelle bleibt ihr Eigentum, und keine dritte Person darf ein Recht daran erwerben, solange sie nicht selbst anders entscheidet.

Tobias wusste davon nichts, denn den Vertrag hatte Erika allein beim Notar unterschrieben, ohne Familie, drei Monate nach der Beerdigung, als alle dachten, sie würde nur „Papierkram nach dem Vater erledigen".

*

Die Spannung entlud sich einen Monat später, bei der Taufe des Enkels Jakob in der kleinen Kirche in Piding, wohin die Familie seit jeher fuhr. Nach der Zeremonie versammelten sich alle in Erikas Garten, weil anderswo kein Platz gewesen wäre, und Tobias, nach zwei Bier, brachte es vor der ganzen Familie zur Sprache.

„Erika, ich finde, es ist Zeit, das vernünftig zu regeln. Sabine und die Kinder haben ein Recht auf das Wasser, irgendwann wird das ihr Haus sein."

Erika stand am Grill, die Grillzange in der Hand, und drehte sich um – eines der wenigen verbotenen Wörter erlaubte sie sich hier, weil der Moment sonst nicht funktioniert hätte.

„Tobias, das Haus wird eines Tages Sabine gehören, das stimmt. Aber das Wasser darunter gehört seit elf Monaten der Gemeinde Feldkirchen. Ich habe das Bezugsrecht verkauft. Sechstausend Euro im Jahr, für zwanzig Jahre im Voraus, mit der Bedingung, dass ich allein die Quelle verwalte und niemand sonst Zugang dazu hat, solange ich lebe."

Es wurde so still im Garten, dass man den Hund der Nachbarn Huber hinterm Zaun bellen hörte.

„Das hast du ohne uns unterschrieben?", fragte Tobias, und seine Stimme kippte einen halben Ton höher, als er wollte.

„Ich hab das als Witwe unterschrieben, die wusste, dass irgendwann jemand kommt, der den Preis des Wassers vor dem Preis der Familie berechnet." Erika legte die Grillzange auf den Grillrost. „Die Notarin hat eine Kopie, die Gemeindeverwaltung hat eine Kopie, und du hast jetzt deine Antwort."

Sabine hob den Kopf vom Kinderwagen, sah Tobias zum ersten Mal an diesem Nachmittag direkt an, nicht auf den Teller. „Den Brief hab ich nicht geschrieben", sagte sie leise, aber so, dass alle es hörten. „Unterschrieben hab ich, weil du ihn mir unter die Nase gehalten und gesagt hast, ich soll nicht kompliziert tun."

Tobias öffnete den Mund, aber es kam nichts heraus. Er stellte sein Bier so heftig auf den Tisch, dass etwas auf die Decke schwappte, und ging zum Auto. Niemand hielt ihn auf.

Erika fuhr am nächsten Tag nach Traunstein, zur Notarin Hillmayer, und ließ dem Vertrag noch einen Nachtrag hinzufügen: Eine Kopie der Vereinbarung hinterlegte sie zusätzlich in einem Bankschließfach auf Sabines Namen, mit dem Vermerk, dass ausschließlich die Tochter Zugang dazu habe – unabhängig davon, wer in diesem Moment ihr Ehemann sei. Sabine zog drei Wochen später zu Erika, mit Jakob auf dem Arm und dem zweiten Kind unterm Herzen, und Tobias kam nur einmal vorbei, um einen Karton mit seinen Sachen abzuholen, den Erika ihm schon gepackt am Gartentor übergab.

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