An dem Morgen, als mein Bruder vierundsechzig geworden wäre, saß ich in meiner Küche in Hamburg-Eimsbüttel und aß kalte Zitronentorte vom Vortag. Tom hatte Zitronentorte geliebt, und ich hatte es nicht übers Herz gebracht, den Tag einfach so verstreichen zu lassen. Auf dem Handy lief der Gedenkpost der Fangruppe. 214 Kommentare, fast alle mit Kerzen-Emoji. Einer war um 7:14 Uhr morgens gekommen, nur mit den Initialen N.B. und einem einzelnen roten Herzen. Draußen klatschte Regen gegen die Kastanie im Hof, im Hausflur flackerte die Lampe wie seit Ostern.
Dann klingelte es.
Ich machte die Tür auf. Vor mir stand eine Frau um die dreißig, nasse Haare, eine Klarsichthülle unterm Arm. Sie hatte einen schmalen Mund, so einen wie unsere Mutter. „Sie sind Katrin Brandt? Ich bin Nele Berg. Ich bin Toms Tochter.“
Ich ließ sie erst mal nicht rein. Tom hatte zwei Töchter, Paula und Fiona, die sind am 26. Dezember 2004 in Khao Lak ertrunken, zusammen mit ihm und seiner Frau Ellen. Was sollte das jetzt? Sie schob mir die Klarsichthülle entgegen. „Da sind Briefe. Und Fotos von ihm und meiner Mutter.“
Obenauf lag ein Foto: Tom vor einem Ü-Wagen, daneben eine blonde Frau mit Headset, im Hintergrund das NDR-Logo. Darunter drei Briefe in Toms Handschrift. Ich kenne seine Handschrift. Er machte aus jedem kleinen t ein Kreuz. In einem Brief stand: „Wenn das Kind kommt, will ich für euch beide da sein. Egal, was das Management sagt.“
Ich trat zur Seite. Im Flur roch es nach nassem Hund, obwohl ich keinen habe. Vielleicht war es die Nachbarin von unten.
Nele erzählte. Ihre Mutter war Regieassistentin beim NDR, 1993, bei einer Fernsehgala. Affäre mit Tom. Sie wurde schwanger. Tom habe es gewusst, habe Briefe geschrieben und Kassetten besungen. Dann sei sein Management gekommen. Plötzlich hieß es, er könne nicht mehr kommen. Ihre Mutter bekam Geld und einen Vertrag, in dem stand, dass sie keine Ansprüche stellt. Danach hat sie sich nie wieder gemeldet.
„Warum bist du jetzt hier?“, fragte ich.
„Weil er heute vierundsechzig geworden wäre. Ich hab unter den Post einen Kommentar geschrieben und wieder gelöscht. Ich will nicht berühmt werden. Ich will nur wissen, wo sein Grab ist.“
„Ohlsdorf, Feld 14, nahe Kapelle 6. Da liegen alle vier.“
Sie bedankte sich und wollte gehen. Ich hielt sie nicht auf. Aber als sie die Treppe runter war, blieb ich am Fenster stehen und schaute ihr hinterher, bis der Regen sie verschluckte.
Am Nachmittag kroch ich auf den Dachboden. Da stand die Kiste mit der Aufschrift „Tour 1993/94“. Laminierte Presseausweise, Setlists, ein lederner Taschenkalender. Und ganz unten eine TDK-Kassette. Auf dem Etikett, in Toms Handschrift: „für N., 1994“. Ich trug sie in die Küche, kramte den alten Kassettenspieler aus dem Schrank über dem Kühlschrank und drückte auf Play.
Toms Stimme. Er sang ein Wiegenlied: „Schlaf, kleine Nele, der Mond über der Elbe passt auf…“ In der zweiten Strophe kam eine Zeile über eine Zahnlücke. Nele hatte genau diese Lücke zwischen den oberen Schneidezähnen.
Ich rief Lothar Voss an, Toms Manager. Er wohnt draußen in Blankenese, aber am Telefon war er sofort laut. „Die Berg? Ach Gott, die hab ich doch damals bezahlt. Sag der, sie soll verschwinden. Wenn die Presse das mitkriegt, war alles umsonst.“
„Du hast für Tom unterschrieben, nicht wahr?“
Kurze Pause. Dann: „Katrin, ich wollte seine Karriere retten. Ellen hätte ihn verlassen, die Plattenfirma hätte ihn fallen lassen. Ich hab dem Mädchen und ihrer Mutter 50.000 Mark gegeben und einen Verzicht unterschrieben. Tom war auf Tour. Was hätte er denn machen sollen?“
Ich legte auf.
Zwei Tage später hatte ich einen Termin beim Notar am Alsterufer. Nele bat ich hin, und Lothar schickte ich die Adresse mit dem Satz: „Komm, wenn du deine Unterschrift erklären willst.“
Der Notar saß im dritten Stock, das Fenster ging zum Wasser. Nele saß schon da, die Hände um einen Pappbecher Kaffee gelegt. Ich legte zwei Dokumente auf den Tisch. Das erste war der Widerruf von Lothars Vollmacht, unterzeichnet von mir. Das zweite war ein Übertragungsvertrag: die Hälfte der künftigen GEMA-Ausschüttungen aus Toms Katalog an Nele Berg, dazu eine Einmalzahlung von 412.000 Euro als Nachzahlung für zwanzig Jahre, in denen sie ausgeschlossen worden war.
„Du musst nur unterschreiben“, sagte ich zu Nele. „Dann teilen wir uns ab dem nächsten Quartal. Die 412.000 sind rückwirkend. Das ist keine Wiedergutmachung. Es ist dein Anteil.“
Nele las den Vertrag Zeile für Zeile. Dann zog sie den Stift aus der Halterung und unterschrieb.
Lothar kam herein, den Mantel noch an. Er sah den Notar, dann den Vertrag. „Bist du wahnsinnig? Ich hab dir gesagt, die Sache ist erledigt. Die kann froh sein, dass Tom sie nie öffentlich gemacht hat. Und du gibst ihr jetzt die Hälfte?“
Ich antwortete nicht. Ich entsperrte mein Handy, öffnete die Banking-App und tippte die erste Überweisung ein. 120.000 Euro an Nele Berg. Dann drehte ich den Bildschirm zu Lothar. Er beugte sich vor und las die Summe. Seine Krawatte saß schief.
„Deine Vollmacht ist widerrufen“, sagte ich. „Das hier ist die Bestätigung. Ab heute unterschreibst du für Tom keinen Cent mehr.“
Ich schob Nele den Widerruf über den Tisch. Lothar griff danach, aber sie war schneller und faltete ihn in ihre Handtasche.
Ich tippte auf „Jetzt überweisen“. Das Handy summte. Auf Neles Handy erschien eine Benachrichtigung von ihrer Bank. Sie las die Summe, dann legte sie das Handy mit dem Bildschirm nach unten auf den Tisch.
„412.000“, sagte sie. „Das ist zu viel.“
„Nein“, sagte ich. „Das sind zwanzig Jahre, in denen du nicht fragen durftest.“
Ich legte die Kassette neben ihren Kaffee. „Und das hier gehört dir. Er hat sie für dich geschrieben. Ich war auf dem Dachboden.“
Nele nahm die Kassette in die Hand und drehte sie um. Auf der Rückseite stand in Toms Schrift noch ein Satz: „Schlaf gut, kleine Zahnlücke.“
Lothar stand da und rührte sich nicht. Ich steckte die Bankkarte zurück ins Portemonnaie, stand auf und hielt Nele die Tür auf. Draußen hatte der Regen aufgehört. Die Alster roch nach nassem Stein und Fischbrötchen vom Kiosk unten.
Wir fuhren nach Ohlsdorf. Nele legte die Kassette auf den Grabstein, neben die nassen Rosen. Sie ließ sie da, ohne sie abzuspielen.







