Es begann an einem Dienstagabend, als es nach Bratkartoffeln und abgestandenem Bier roch. Ich stand in der Küche unserer Altbauwohnung in der Dortmunder Nordstadt, dritter Stock, kein Aufzug. Draußen zog die Straßenbahn die Bornstraße entlang, und ich hörte, wie unten im Hof jemand mit einem leeren Einkaufswagen die Pflastersteine bearbeitete.
Meine Schwiegermutter war einfach so da. Kein Anruf, keine Nachricht, nichts. Sie stand im Flur, noch im Mantel, und hielt mir eine Tüte mit eingelaufenen Äpfeln aus ihrem Kleingarten entgegen.
„Du kochst doch so gern. Die sind von gestern.“
Sie ging an mir vorbei in die Küche, nahm den Deckel vom Topf und rührte einmal um. Dann setzte sie sich an unseren Esstisch, als hätte ich sie eingeladen.
Mein Mann Felix kam um halb acht. Er küsste mich flüchtig und setzte sich direkt neben seine Mutter. Die beiden redeten über den Ölpreis, über den Nachbarn von gegenüber, über den neuen Verputz am Hinterhaus. Ich stand am Herd und schälte Kartoffeln, die ich nie kochen wollte.
So ging das Monate. Manchmal kam sie zweimal die Woche. Sie machte sich einen Kaffee, räumte in meinen Schubladen um, weil „das da besser liegt“, und blieb, bis der Tatort vorbei war. Ich zog mich immer öfter ins Schlafzimmer zurück und tat so, als hätte ich Kopfweh. Felix sagte, ich solle nicht so empfindlich sein. Seine Mutter habe es nicht leicht gehabt, damals in Marl, als der Vater sich aus dem Staub machte, da könne man sie jetzt nicht einfach vor die Tür setzen.
Dann starb Felix. Herzinfarkt, mit sechsundvierzig, am Hochofen in Duisburg-Huckingen. Die Belegschaft sammelte für den Kranz. Meine Schwiegermutter stand bei der Beerdigung im schwarzen Mantel neben mir und drückte meine Hand, bis mir die Finger wehtaten.
Vier Wochen später erfuhr ich, dass die Werkstatt in Hörde, die Felix von seinem Vater übernommen hatte, schon seit anderthalb Jahren auf ihren Namen lief.
Ich saß im Flur auf der Truhe, in der wir die Winterdecken lagerten, und las den Brief vom Notar dreimal. Den vierten Satz der ersten Seite konnte ich auswendig: „Die Übertragung des Handelsgewerbes in der Rechtsform des Einzelunternehmens erfolgte gemäß § 25 HGB im Wege der vorweggenommenen Erbfolge.“
Einzelunternehmen. Vorweggenommene Erbfolge. Das hieß: Es gab nichts zu erben. Felix hatte mir nichts hinterlassen als die Miete, die am Ersten fällig war.
Am Samstag stand meine Schwiegermutter vor der Tür. Sie brachte einen Napfkuchen mit Schokoladenguss und sagte, ich sähe blass aus. Ich erwähnte die Werkstatt.
Sie legte den Kuchen auf die Kommode im Flur, sah mich an und sagte: „Die Werkstatt ist nichts für dich. Das hat schon mein Mann immer gesagt: Autos sind Männersache.“
Ich ging nicht ins Bad, um zu weinen. Ich ging in die Küche und machte die Besteckschublade auf. Da lagen noch seine Socken, die er immer beim Fernsehen auszog und auf den Stuhl neben sich legte. Ich nahm die Socken und tat sie zu den Altkleidern.
Dann ging ich nach Hause. Ich meine: Ich blieb in der Wohnung, aber ab diesem Moment lebte ich woanders. Ich kündigte den Telefonanschluss, den sie mitbenutzt hatte. Ich ließ das Schloss zur Kellertür austauschen, denn dort lagen die Reifen von Felix’ altem Audi 80, und sie hatte einen Zweitschlüssel. Ich gab beim Bäcker an der Ecke Bescheid, dass ich keine Brötchen mehr für sie zurücklegen lassen wollte, und der Bäcker, ein wortkarger Mann mit grauen Haaren und einer von Mehl weißen Schürze, verstand sofort.
Das Schönste war die Sache mit dem Napfkuchen. Ich kaufte eine Form mit demselben Durchmesser,backte fünf Stück und brachte sie ins Seniorenheim an der Borsigstraße, wo ich sie der Stationsleiterin für den Gemeinschaftsraum in die Hand drückte. „Für die Bewohner“, sagte ich. „Von jemandem, der auch mal gern öfter eingeladen worden wäre.“ Ich wusste, dass meine Schwiegermutter donnerstags dort beim Singen aushalf und die Kuchen sehen würde. Das kostete mich siebzehn Euro und die Rückfahrt mit dem Bus.
Aber die Werkstatt. Die Werkstatt ließ mich nicht los. Ich dachte an den Ölfleck auf dem Betonboden, an die abgegriffene Kurbel an der Hebebühne, an das Firmenschild neben der Tür, das Felix’ Vater 1979 mit weißer Farbe auf ein Stück Blech gemalt hatte. Sechsundvierzig Jahre lang hatten Männer in dieser Straße gewusst, wo sie hinkommen müssen, wenn das Getriebe klemmt.
Ich ging dort vorbei. Es war ein Mittwoch, kurz nach Mittag. Vor dem Tor stand ein junger Mann und rauchte. „Ist der Chef da?“
Er sah mich an wie eine Fremdkörperanzeige. „Wen suchen Sie?“
„Frau Behrens“, sagte ich.
„Kenn ich nicht.“
Hinter ihm aus der Halle kam ein älterer Typ in Latzhose, am T-Shirt war der Schriftzug einer Reifenmarke, die es nicht mehr gibt. „Die Frau vom Chef“, sagte er halb zu mir, halb zu dem Jungen. „Wegen dem Anwalt, oder?“
Ich fragte, was für ein Anwalt.
Er nahm mich mit in den Aufenthaltsraum. Der Kalender an der Wand zeigte noch den März. Auf dem Tisch stand ein Pappbecher mit kaltem Kaffee, daneben eine Packung Kekse, die Felix kurz vor seinem Tod gekauft haben musste; er aß diese Sorte immer beim Papierkram.
Der Mann hieß Karl. Er arbeitete seit zweiundzwanzig Jahren in der Werkstatt. Er wusste von den Zahlungen: Seit dem Frühjahr, sagte er, kämen jeden Monat Leute vorbei, die Geld wollten. „Die Alte hat die Bude übernommen und dann auf Risiko gefahren wie ein Azubi am ersten Tag.“ Er nannte keine Summe. Aber er sagte das Wort „Liquiditätsengpass“, und ich sah, wie er dabei auf die Kekse schaute, so wie Felix immer auf die Kekse schaute, wenn er eigentlich etwas anderes sagen wollte.
Ich setzte mich auf den Stuhl am Fenster. Die Heizung summte, wie sie in jedem Herbst summte, seit ich Felix kannte. Draußen auf dem Hof stand ein Golf mit abgeklebter Scheibe, daneben lag ein Ersatzrad, das seine besten Tage lange hinter sich hatte.
Am nächsten Tag rief ich einen Anwalt an. Nicht irgendeinen. Den, der Felix’ Verträge gemacht hatte, solange Felix noch Verträge machte, bevor seine Mutter sie übernahm. Er kannte die Firma. Er kannte die Bücher. Und er bestätigte mir, was ich längst ahnte: Die Übertragung enthielt eine Rückforderungsklausel. Falls die Erbin den Betrieb verkommen ließ oder die laufenden Verbindlichkeiten nicht mehr bediente, konnte die Übertragung unter bestimmten Voraussetzungen rückgängig gemacht werden. Bestimmte Voraussetzungen, die einen langen Atem brauchten, aber etwas, woran man arbeiten konnte.
Ich dachte an die Socken in der Altkleidertonne.
Ich nahm den Napfkuchen-Trick als Blaupause. Wenn sie die Werkstatt als ihr Reich betrachtete, dann sollte sie sie auch führen wie eine Landesherrin: Ich trug jeden Beleg zusammen, den ich in unserer Wohnung fand. Überweisungen an Teilehändler, Mahnungen, die Felix’ Schreibtischschublade vollgestopft hatten wie tote Blätter im Laubfänger. Ich ordnete sie nach Jahren, nach Beträgen, nach Fälligkeit. Ich kaufte einen Hefter für drei Euro fünfzig und machte eine Tabelle mit Spalten für Name, Datum, Summe.
Dann kam der Abend mit dem Anruf.
Meine Schwiegermutter rief an, um mir zu sagen, dass Felix’ Handynummer an die Werkstatt übertragen worden sei. „Damit die Kunden den Betrieb erreichen“, sagte sie. „Das war auch in seinem Sinne.“
Ich fragte sie, warum sie mir das erst jetzt sage.
Sie machte eine Pause. Im Hintergrund hörte ich einen Fernseher und das Klappern einer Stricknadel.
„Du verstehst das nicht“, sagte sie. „Das ist nichts für dich.“ Als säße ich noch in der Küche mit den eingelaufenen Äpfeln.
Ich antwortete nichts. Aber in mir sortierte sich etwas. Es war kein Gefühl. Gefühle waren etwas für Sonntagnachmittage. Es war eine Entscheidung, die sich anfühlte wie das Einrasten der Motorhaube: einmal fest zugedrückt, dann saß es.
Der Anwalt stellte beim Amtsgericht einen Antrag auf Akteneinsicht. Die Firma hatte Schulden, die niemand mehr schönreden konnte, und die Liste der Gläubiger war lang. Der Mann am Empfang der Kfz-Innung in Dortmund-Mitte, ein kleiner Mensch mit Leberfleck an der Schläfe, drückte mir ein Formular in die Hand und sagte, ich solle die Fristen beachten. Ich beachtete Fristen.
Was ich in den nächsten Wochen lernte, war dies: Meine Schwiegermutter konnte die Werkstatt nicht führen. Sie konnte Kuchen schneiden und beim Singen aushalten, aber die Ölkosten einer Werkstatt in Hörde gehen pro Monat gegen die Decke, und ein einzelner Mann in Latzhose, der den Mund nicht aufbekommt, ist keine Hilfe, wenn die großen Rechnungen kommen. Ich redete mit dem Steuerberater, den Felix gehabt hatte, einem müden Mann, der seinen Kugelschreiber auf dem Tisch drehte und zweimal dieselbe Frage stellte, bevor er mir den Umsatz nannte.
Ich fragte nicht nach Felix’ Träumen. Ich fragte nach Zahlen. Sie waren schlecht.
Eines Morgens, ich weiß noch, es war der erste kalte Tag des Jahres, an dem die Leute wieder Handschuhe trugen, klingelte es. Meine Schwiegermutter stand vor der Tür, ohne Ankündigung, wie immer. Sie hatte einen Brief in der Hand.
„Was hast du getan?“, fragte sie.
Ich bat sie herein. Ich bot ihr Kaffee an. Sie blieb stehen.
„Die Pfändung“, sagte sie. „Das kommt von dir.“
Ich sagte: „Nein. Von den Leuten, denen du das Geld schuldest. Ich habe nur verhindert, dass es stillschweigend verschwindet.“
Sie warf den Brief auf den Boden.Das Papier rutschte über das alte Fischgrätparkett, bis es an der Fußleiste liegen blieb. Draußen ratterte wieder die Straßenbahn.
Ich bückte mich nicht. Ich sah sie an und dachte an den Napfkuchen, an die eingelaufenen Äpfel, an die Socke, die noch immer irgendwo zwischen leeren Marmeladengläsern und kaputten Hausschuhen steckte, wenn sie nicht längst zu Fasern verarbeitet war.
„Die Werkstatt“, sagte ich, und meine Stimme war ruhiger, als ich erwartet hatte, „bekomme ich zurück. Nicht, weil ich sie brauche. Sondern weil du mir nie einen Schlüssel gegeben hast, obwohl ich jeden Abend dastand und das Essen warm hielt, wenn du mit deinem Sohn über Gott weiß was geredet hast.“
Sie sagte: „Du warst nie eine richtige Familie für ihn.“
Ich ging zum Schrank im Flur, holte den Hefter und legte ihn auf den Tisch. „Da drin ist alles. Jede Mahnung, jede Überweisung, jedes fehlende Datum. Wenn du willst, lesen wir es zusammen. Wir haben Zeit. Bis der Gerichtsvollzieher kommt.“ Das mit dem Gerichtsvollzieher stimmte so nicht, aber es wirkte. Es wirkte, weil sie die Zahlen fürchtete und ich sie beherrschte.
Sie blieb keine halbe Stunde. Beim Hinausgehen nahm sie den Brief vom Boden, faltete ihn zweimal und steckte ihn in die Manteltasche. An der Tür drehte sie sich noch einmal um. Ich dachte, jetzt kommt etwas über Felix, über seine Kindheit, über den bösen Vater, der ging, als er fünfjährig war, über das, was in Marl passierte und nie jemand so nannte, was es war. Aber sie sagte nur: „Du hast dir die Haare anders gemacht.“
Ich hatte sie nicht anders gemacht. Ich hatte sie nur nicht mehr offen getragen, sondern zu einem Knoten, den ich mit einer von Felix’ alten Krawattenbändern festband.
Am Tag der Verhandlung trug ich diese Krawattenband noch immer. Der Anwalt sprach von zwölf Monaten, die der Betrieb in ihrer Verantwortung gelaufen war, von dreizehn überfälligen Positionen, von einem Bankguthaben, das nicht mehr existierte, und von dem persönlichen Gespräch, das mein Mann mit mir nie geführt hatte. Die Gegenseite redete von einem Familienbetrieb.
Das Gericht entschied nicht sofort. Die Richterin, eine Frau mit rotblonden Haaren und einer Kette aus hellen Holzperlen, fragte, ob ein Vergleich in Betracht komme. Ich sah zu meiner Schwiegermutter hinüber. Sie trug den schwarzen Mantel von der Beerdigung. Ihre Hände lagen auf ihrer Handtasche wie zwei Gegenstände, die sie nicht ablegen wollte.
Ich habe dann etwas getan, von dem mein Anwalt abriet. Ich schlug vor, die Werkstatt an einen Dritten zu verkaufen. Die Schulden deckten uns beide. Meine Schwiegermutter sah mich an, als hätte ich ihr ein Kissen ins Gesicht gedrückt. Ich sprach von einem Käufer aus Bochum, der Interesse signalisiert hatte; das stimmte, aber ich hatte es lange geheim gehalten, wie manche Leute eine Telefonnummer unter dem Fußboden verstecken.
Sie sagte: „Dann haben wir alle nichts mehr.“
Ich rechnete vor: Nach Abzug der Verbindlichkeiten blieben etwas mehr als vierzigtausend Euro. Der Anwalt strich mit dem Finger über eine Zeile, als würde erst jetzt etwas hineinpassen.
Meine Schwiegermutter beugte sich vor. „Und was ist mit mir?“
„Elf Jahre“, sagte ich. „Elf Jahre bin ich in dieser Familie herumgestanden wie ein Schirmständer. Immer im Flur, immer zur Stelle, immer unsichtbar. Du hast nicht einmal gemerkt, dass ich den kleinen Riss in der Treppenhauswand jeden Tag beim Hochgehen anschaue. Dass ich die Briefkästen auseinanderhalten kann, bevor ich die Hausnummer lese. Dass ich weiß, wann der Aufzug im Haus gegenüber das letzte Mal repariert wurde. Du weißt nichts über mich. Aber ich weiß, was eine Werkstatt kostet.“ Ich schob den Hefter über den Tisch.
Die Verhandlung wurde vertagt.
Vier Wochen später unterschrieben wir den Kaufvertrag. Der Käufer war ein stiller Mann mit Hosenträgern und dicken Brillengläsern, der in seiner Freizeit historische Feuerwehrautos restaurierte. Ich mochte ihn auf Anhieb.
Das Geld wurde aufgeteilt. Meine Schwiegermutter bekam ihren Anteil und sah aus, als hätte man ihr den Boden unter der Küchenwaage weggezogen. Sie fuhr mit dem Taxi zurück nach Marl, weil ihr der Bus zu unbequem war. Ich stand vor dem Amt und roch die trockene Luft aus den Lüftungsschächten.
Am nächsten Donnerstag fuhr ich mit der U41 nach Hörde. Vor der Werkstatt standen zwei Arbeiter und schraubten das alte Blechschild ab. Einer von ihnen fragte mich, ob ich einen Schlüssel für das Rolltor hätte. Ich hatte ihn nicht. Ich stand nur da, bis das Schild in einem Karton lag, die Buchstaben zur Seite weisend.
Ich kaufte mir am Kiosk eine Apfelschorle und trank sie auf der Mauer vor dem Betrieb. Der Ölfleck war noch da. Er war der einzige Teil der Geschichte, den kein Vertrag mitnahm.
Am Abend zu Hause zog ich das Krawattenband aus dem Haar. Es war aus dunkelblauem Stoff und hatte kleine eingewebte Punkte. Ich wickelte es um ein leeres Einmachglas und stellte das Glas ins Fenster, wo es das Sonnenlicht einfängt, wenn die Straßenbahn an der Haltestelle anfährt. Dann goss ich die Blumen vom Fensterbrett, die von Felix noch gepflanzt worden waren, und kippte das letzte Restwasser aus dem Untersetzer in den Abfluss, damit die Mücken nicht wiederkommen.
Die Türklingel blieb den ganzen Abend still. Nicht weil ich wartete. Sondern weil ich endlich wusste, dass niemand mehr unangemeldet kam. Und wenn doch, würde ich an der Gegensprechanlage einfach sagen: „Der dritte Stock hat jetzt einen anderen Namen am Klingelschild.“ Ich müsste es nur noch austauschen. Vielleicht nächste Woche. Vielleicht auch erst, wenn die Farbe an der neuen Wohnungstür getrocknet ist; ich hatte ein Schild gekauft, weiß, mit schwarzer Schrift, für sechs Euro zwanzig, das lag noch im Auto, nein, nicht im Auto, in der Schublade, wo früher die vielen Schlüssel lagen.







