Die Werkstattübergabe

Ich sitze seit elf Jahren an der Rezeption des TÜV-Prüfzentrums in Bielefeld, direkt an der Herforder Straße, wo die Laster morgens im Stau stehen und der Kaffeeautomat immer nach der zweiten Tasse streikt. Man sieht viel, wenn man den ganzen Tag Aktenordner stempelt und Kunden am Tresen abfertigt. Man hört noch mehr. Und an diesem Dienstag im März hörte ich eine Geschichte, die ich so schnell nicht vergesse.

Frau Renate Bosbach kam kurz vor der Mittagspause herein, mit einem Aktenordner unter dem Arm, der aussah, als hätte sie ihn zehnmal auf- und zugemacht auf dem Weg hierher. Ich kannte sie flüchtig – ihre verstorbene Schwester hatte früher die Kfz-Werkstatt Bosbach in Schildesche geführt, gleich neben der Sparkasse. Die Werkstatt kannte in dem Viertel jeder, schon wegen des alten VW-Käfers, der seit zwanzig Jahren als Deko vor der Einfahrt stand.

Sie wartete auf ihren Termin für die Ummeldung eines Fahrzeugs und fing an zu erzählen, halb zu mir, halb zu sich selbst, so wie Leute reden, wenn ihnen etwas schwer im Magen liegt. Ihr Schwiegersohn, Matthias, hatte die Werkstatt vor vier Jahren übernommen, als ihre Schwester krank wurde. Alles ganz offiziell, mit Notar, mit Handschlag, mit einem Familienessen danach bei der Pizzeria Da Vinci am Jahnplatz. Renate hatte selbst mitunterschrieben, als Zeugin, weil ihre Schwester ihr vertraute.

Und jetzt, sagte sie, während sie den Ordner auf die Ablage vor mir legte, ohne ihn zu öffnen, jetzt stehe sie vor der Werkstatt und der Code an der Bürotür sei geändert. Der alte Chevrolet Corvette-Oldtimer, den ihre Schwester nie hatte verkaufen wollen, weil er ihrem verstorbenen Mann gehört hatte – verschwunden. Verkauft, wie sich später herausstellte, für 14.000 Euro, ohne dass jemand aus der Familie gefragt worden war.

Ich hörte zu und stempelte weiter Formulare, weil ich lernen musste, dass man in diesem Job nicht alles kommentiert. Aber ich erinnere mich an eine Kleinigkeit, die mit der eigentlichen Sache gar nichts zu tun hatte: Renate trug an dem Tag zwei verschiedene Ohrringe, einen silbernen Kreis und einen kleinen goldenen Stern. Wahrscheinlich hatte sie sich morgens keine Zeit genommen hinzusehen. Diese Art von Unaufmerksamkeit gegenüber sich selbst sagt oft mehr als jedes Wort über den Zustand eines Menschen.

Sie erzählte weiter. Ihre Schwester war im Januar gestorben, an einem Dienstag, mitten im Winter, als in Bielefeld noch Schnee auf den Gehwegen lag. Danach hatte sich Matthias verändert – zumindest sagte Renate das so. Erst kamen keine Anrufe mehr zurück. Dann hieß es, die Buchhaltung sei kompliziert, man solle das nicht vermischen mit der Trauer. Dann, im März, die Ummeldung: die Werkstatt lief plötzlich allein auf seinen Namen, mit einem Datum, das noch aus dem Vorjahr stammte – aus einer Zeit, in der die Schwester schon kaum noch klar bei Verstand gewesen war, wegen der Medikamente.

Renate hatte das alles zusammengetragen wie ein Puzzle: ein Anruf bei der IHK, ein Gespräch mit dem Notar, der sich plötzlich an nichts mehr erinnern wollte, ein Blick ins Handelsregister, den ihr Enkel ihr am Laptop gezeigt hatte. Kleine Indizien, aneinandergereiht, bis das Bild feststand.

Ich fragte sie nur eine Sache, weil meine Kollegin mich schon zur Kaffeepause winkte: ob sie zur Polizei gegangen sei. Sie schüttelte den Kopf. Nicht die Polizei, sagte sie. Ein Anwalt, der auf Erbrecht spezialisiert war, eine Kanzlei am Kesselbrink, die man ihr empfohlen hatte.

Drei Wochen später kam sie wieder, für den eigentlichen Termin diesmal, und erzählte mir den Rest, während sie auf ihre Nummer wartete – 47, stand auf dem kleinen Zettel in ihrer Hand.

Die Vollmacht, mit der Matthias die Werkstatt umgeschrieben hatte, war nie notariell bei vollem Bewusstsein der Schwester bestätigt worden – der behandelnde Arzt hatte das schriftlich bestätigt, mit genauem Datum, drei Tage nach einer Chemositzung. Der Anwalt hatte binnen zwei Wochen eine einstweilige Verfügung erwirkt und die Rückübertragung der Gewerbeanmeldung veranlasst. Renate übernahm die Werkstatt treuhänderisch für die Erbengemeinschaft – sie selbst, ihr Neffe und die Tochter, die noch minderjährig war.

Sie zeigte mir ein Foto auf ihrem Handy, ohne dass ich danach gefragt hatte: der neue Schließzylinder an der Bürotür, ein Kärtchen mit der neuen PIN für die Alarmanlage, fein säuberlich in Klarsichtfolie. Und einen Kontoauszug, den sie mir nicht ganz zeigte, nur den oberen Rand – siebentausendzweihundert Euro, die Matthias binnen vierzehn Tagen zurücküberweisen musste, als Teil eines außergerichtlichen Vergleichs, sonst wäre die Sache vor Gericht gelandet.

Was mit der Corvette passierte, weiß ich nicht genau. Renate sagte nur, der Käufer habe sich kooperativ gezeigt, als er erfuhr, unter welchen Umständen der Wagen verkauft worden war, und ein Rückkaufangebot gemacht. Ob es dazu kam, hat sie mir nie erzählt, weil ihr Name danach aufgerufen wurde und sie zum Schalter musste.

Ich habe sie seitdem zweimal wiedergesehen, einmal beim Bäcker am Siegfriedplatz, einmal zufällig im Bus Richtung Sennestadt. Beim zweiten Mal trug sie zwei gleiche Ohrringe. Sie hat mich nicht erkannt, oder hat so getan, als würde sie mich nicht erkennen – kann ich ihr nicht verübeln. Man merkt sich nicht jedes Gesicht hinter einem Amtsschalter. Aber ich erinnere mich an sie, an den Ordner, an die Zahl 47 auf dem Zettel, und daran, wie sie den Aktenordner am Ende zumachte, bevor sie zum Schalter ging, ganz ruhig, so als hätte sie damit schon abgeschlossen, bevor überhaupt jemand ihren Namen gerufen hatte.

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