Was mein Schweigen wirklich bedeutet hat

Ich heiße Jonas Brenner, ich bin einunddreißig. Vor sechs Jahren habe ich Ingrid Vollmer geheiratet, die damals zweiundfünfzig war. Wir haben uns in einem Yogastudio in Freiburg kennengelernt, Montag- und Donnerstagabend, Kurs für sanfte Beweglichkeit. Ich habe dort unterrichtet, weil ich mit dem Physiotherapiestudium nicht durchkam und Geld brauchte, nicht weil ich einen Plan hatte. Ingrid saß immer in der zweiten Reihe, rechts am Fenster, mit einer grauen Matte, die schon an den Ecken ausgefranst war.

Die Leute haben ihr gesagt, ich sei hinter dem Erbe her. Dem Haus in der Wiehre, den Sparkonten, dem Ferienhaus an der Ostsee bei Ahrenshoop. Ich habe das damals nicht bestritten, weil man sowas nicht bestreiten kann, ohne wie ein Lügner zu klingen. Aber ich habe für sie gekocht, ich habe ihr die Verspannungen im Nacken weggerieben, ich habe ihr jeden Abend einen Tee gebracht. Kamille, Honig, ein bisschen was extra, das ich in der Apotheke in der Kaiser-Joseph-Straße besorgt hatte, ein pflanzliches Beruhigungsmittel, das man dort ohne Rezept bekommt, wenn man nett fragt.

Ich will nicht behaupten, dass es harmlos war. Es war nicht harmlos. Aber es war auch nicht das, wonach es am Ende ausgesehen hat.

Ingrid hatte seit dem Tod ihres ersten Mannes Schlafprobleme, das wusste jeder, der sie kannte. Sie ist nachts aufgestanden, hat in der Küche gesessen, manchmal bis vier Uhr, und am nächsten Tag war sie fertig, gereizt, hat wegen Kleinigkeiten geweint. Ich dachte, wenn sie durchschläft, geht es ihr besser. Das war der Gedanke. Nicht besonders klug, das weiß ich jetzt. Aber es war keine Berechnung, es war Erschöpfung — meine eigene. Ich war einunddreißig Jahre alt und lebte mit einer Frau, die Angst vor der Nacht hatte, und ich wusste keinen anderen Weg, als sie ruhigzustellen, damit wenigstens einer von uns beiden schlafen konnte.

An dem Abend, an dem alles kippte, hatte ich einen Kurs bei Freunden vorbereitet, ein Detox-Getränk aus Ingwer und Kurkuma, nichts Verbotenes. Ich sagte ihr, sie solle schon rauf gehen, ich käme nach. Sie ging, ohne ein Wort zu verlieren. Ich dachte, sie schläft. Ich wusste nicht, dass sie an der Tür stand.

Am nächsten Morgen war der Tee unangerührt. Sie sagte, sie sei nicht müde gewesen. Ich habe sie gedrängt, sie solle ihn trotzdem trinken. Ihre Augen wurden schmal, ihre Finger klopften einmal, zweimal auf die Tischkante. Ich habe das damals als eine ihrer schlechten Nächte abgetan. Erst später habe ich verstanden: Sie hatte mich längst beobachtet.

Eine Woche später saß ich am Küchentisch in der Wohnung in der Wiehre, Blick auf die Dreisam, draußen regnete es, dieser feine Freiburger Landregen, der nie richtig aufhört. Ingrid legte eine Plastiktüte auf den Tisch. Darin die Flasche, halb leer, ohne Etikett. Neben der Tüte ein Laborbefund von einer Praxis in der Belfortstraße.

„Du wusstest, was das ist", sagte sie. Keine Frage.

Ich habe nicht gelogen. Ich hätte es tun können, aber ich war so müde von der ganzen Heimlichkeit, dass ich einfach gesagt habe: Ich wollte, dass du dir keine Sorgen mehr machst. Ich wollte, dass du schläfst.

„Indem du mir die Wahl genommen hast", sagte sie.

Ich hatte darauf keine Antwort, die nicht armselig geklungen hätte. Ich habe mit den Schultern gezuckt, weil mir in diesem Moment die Worte für sechs Jahre fehlten, in denen mir niemand gesagt hatte, wie man es anders macht.

Ingrid hat mich nicht angeschrien. Das war das Schlimmste daran. Sie hat sich einen Anwalt genommen, eine Kanzlei am Bertoldsbrunnen, und binnen zehn Tagen war ich raus aus der Wohnung, raus aus dem gemeinsamen Konto, dem ich ohnehin nie etwas hinzugefügt hatte. Sie hat das Schloss zur Ostseehütte in Ahrenshoop wechseln lassen, das erfuhr ich von einem Nachbarn, nicht von ihr. Die Flasche ging als Beweismittel an die Polizei, es gab eine Anzeige wegen Körperverletzung durch das heimliche Verabreichen des Mittels, am Ende ein Vergleich, eine Geldstrafe, kein Prozess. Meine Mutter hat mir am Telefon gesagt, ich solle froh sein, dass es nicht schlimmer kam. Ich war nicht froh. Ich war leer.

Ich lebe jetzt in Karlsruhe, arbeite als medizinischer Bademeister in einer orthopädischen Praxis, verdiene zweitausendeinhundert Euro netto im Monat, wohne allein in einer Einzimmerwohnung in der Oststadt. Ich habe drei Jahre gebraucht, um wieder mit jemandem zu sprechen, ohne dass ich zuerst überlege, was die Person hören will. Ich rufe Ingrid nicht an. Ich habe einmal einen Brief geschrieben, unbeantwortet geblieben, was ich verstehe.

Manchmal, wenn ich abends Tee mache — nur Kamille, nichts sonst, ich achte penibel darauf —, stelle ich die Tasse auf den Tisch und lasse sie einfach stehen, bis sie kalt wird. So, wie Ingrid es an jenem Regentag mit ihrer Tasse gemacht hat: den Becher hingestellt, die Hände in den Schoß gelegt, gewartet, bis ich selbst begriff, was ich getan hatte.

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