Es ist ein Dienstagabend im Juli, kurz vor halb neun. In der Nachbarschaft riecht es nach frisch gemähtem Rasen und nach dem Flieder, der noch entlang der Zäune blüht. Eine Frau kommt von einer Vorlesung nach Hause, den Wohnungsschlüssel schon in der Hand. Wenige Meter vor ihrer Haustür fallen Schüsse. Was danach geschieht, wird zwei Jahre später noch immer vor Gericht verhandelt.
Roman steht in der dritten Reihe des Gerichtssaals von Lwiw, den Kugelschreiber in der Brusttasche, denselben abgewetzten Kugelschreiber, mit dem er vor zwei Jahren die ersten Notizen gemacht hat. Notizen, die er nie wieder gelesen hat. Er braucht sie nicht zu lesen. Er weiß noch jedes Wort auswendig: Uhrzeit des Anrufs, 20:47. Name des Krankenhauses. Die Nummer des OP-Saals, die eine Krankenschwester ihm auf einen Zettel geschrieben hat, weil seine Hände zu sehr zitterten, um sie sich zu merken.
Seine Schwester Iryna war Sprachwissenschaftlerin, Professorin an der Polytechnischen Nationaluniversität Lwiw, früher auch Abgeordnete. An jenem 19. Juli 2024 hatte sie gerade eine Vorlesung gehalten, war zu Fuß nach Hause gegangen, den Wohnungsschlüssel schon zwischen den Fingern. Ein Mann hatte auf sie gewartet. Die Ärzte kämpften den ganzen Abend. Roman saß auf einem Plastikstuhl im Flur der Notaufnahme, die Knie gegen die Armlehne gepresst, und hörte, wie eine Tür alle paar Minuten auf- und wieder zuging. Um 23:52 kam ein Arzt heraus, ohne Kittel diesmal, und Roman wusste es, bevor der Mann den Mund aufmachte, weil der Arzt den Kittel schon ausgezogen hatte.
Sie hatte zu Lebzeiten Sätze gesagt, die niemanden kaltließen. "Ukrainisch zu sprechen bedeutet zu herrschen." "Sprache ist kein Kommunikationsmittel. Sprache ist eine Lebensform einer eigenen Nation." Roman hatte diese Sätze oft genug am Küchentisch gehört, wenn seine Schwester nach einer Fernsehsendung noch aufgedreht war und ihm, während sie Tee nachschenkte, erklärte, warum ein einziges falsch dekliniertes Wort im Radio sie mehr aufregte als die Politik im Ganzen. Er hatte darüber die Augen verdreht, mehr als einmal. Jetzt würde er viel dafür geben, sie noch einmal verdrehen zu können.
Der erste Prozesstag, ein grauer Novembermorgen, acht Monate nach der Tat. Roman zieht das einzige Sakko an, das er besitzt, zu eng über den Schultern, weil er es seit der Beerdigung nicht mehr getragen hat. Er setzt sich in die dritte Reihe, weil die ersten beiden für die Familie der Gegenseite reserviert sind, was ihn wütender macht, als er erwartet hatte. Der Angeklagte wird hereingeführt, ein Mann Mitte vierzig, der nicht in seine Richtung sieht. Roman starrt auf den Nacken dieses Mannes fast zwei Stunden lang und versucht herauszufinden, was er dort sehen soll — Reue, Gleichgültigkeit, irgendetwas —, findet aber nur einen gewöhnlichen Haarschnitt, eine Falte im Hemdkragen.
Die Anklage nennt ein Motiv, das mit Irynas politischen Äußerungen zu tun haben soll, mit ihrer Haltung zur Sprache, zum Krieg, zu jenen, die aus der Ukraine geflohen waren, statt zu bleiben. Der Verteidiger widerspricht, spricht von einer psychischen Ausnahmesituation, beantragt ein weiteres Gutachten. Vertagung. Roman steht auf, klappt seinen Ordner mit den kopierten Unterlagen zu, die er selbst über Monate zusammengetragen hat, weil er der Akte allein nicht traute, und geht die Treppe des Gerichtsgebäudes hinunter, ohne mit jemandem zu sprechen.
Im März dann etwas, das er nicht erwartet hat: eine Zeugin, eine Nachbarin, die er vorher nie gesehen hat, beschreibt, dass sie den Täter schon Tage vor der Tat mehrfach vor dem Haus gesehen habe, wie er dort stand, rauchte, wartete. Die Verteidigung wirft ihr vor, sich zu irren, verwechselt zu haben, Zeit und Datum durcheinandergebracht zu haben. Roman krallt die Finger um die Armlehne seines Stuhls, während der Anwalt der Gegenseite die Frau eine halbe Stunde lang mit Fragen bedrängt, bis sie unsicher wird und einmal "vielleicht" sagt, wo sie vorher "sicher" gesagt hatte. Roman hätte in diesem Moment am liebsten etwas gegen die Bankreihe vor ihm geschlagen. Er tut es nicht. Er schreibt stattdessen mit dem Kugelschreiber "vielleicht" in Anführungszeichen auf sein Notizblatt und starrt eine ganze Minute darauf.
Nach der Sitzung, auf der Treppe vor dem Gericht, ein Reporter mit Mikrofon, der etwas von ihm will. Roman schiebt das Mikrofon mit der flachen Hand zur Seite, nicht grob, aber bestimmt, und sagt nur: "Fragen Sie mich, wenn es ein Urteil gibt." Dann geht er zu Fuß nach Hause, vierzig Minuten, obwohl die Straßenbahn direkt vor dem Gerichtsgebäude hält.
Im Juli, zur zweiten Wiederkehr des Todestages, steht er wieder an der Stelle vor dem Haus seiner Schwester, wo jemand eine Kerze aufgestellt hat und ein Strauß Feldblumen am Zaun hängt. Er bringt seiner Nichte Sofia, zwölf Jahre alt, an diesem Nachmittag ein Buch mit, eines der acht Bücher, die Iryna geschrieben hat, mit ihrer Widmung auf der ersten Seite an eine ehemalige Studentin, die es Roman vor Jahren zurückgeben wollte und nie dazu kam. Sofia blättert darin, fragt ihn, was "Rechtschreibung als Korsett" bedeuten soll, und Roman erklärt es ihr so gut er kann, während er merkt, dass er seit zwei Jahren zum ersten Mal über die Arbeit seiner Schwester spricht, ohne dass ihm die Stimme wegbricht.
Der Verhandlungstermin im September beginnt mit einer Überraschung, von der niemand im Saal etwas geahnt hat. Der Angeklagte, der sonst stumm zwischen zwei Wachbeamten sitzt, verlangt vor der Beweisaufnahme das Wort. Der Richter nickt kurz. Der Mann steht auf, die Hände vor sich auf dem Metallgeländer der Anklagebank, und sagt, mit einer Stimme, die brüchiger klingt als bei allen vorherigen Terminen, er habe die Tat begangen. Er nennt Iryna beim Namen, nicht "das Opfer", zum ersten Mal in zehn Monaten. Er sagt, er habe vor dem Haus gewartet, weil er sie für das gehasst habe, was sie im Fernsehen über Sprache gesagt hatte, und dass er in den Monaten danach keine einzige Nacht mehr durchgeschlafen habe.
Im Saal rührt sich niemand. Der Verteidiger greift nach dem Arm seines Mandanten, zu spät, das Geständnis ist bereits gesprochen, notiert, unwiderruflich. Roman sitzt in der dritten Reihe, den Kugelschreiber zwischen den Fingern, und merkt, dass seine Hand zittert, zum ersten Mal seit dem Abend im Flur der Notaufnahme. Er schreibt nichts auf. Es gibt nichts mehr zu notieren, was er nicht schon wüsste.
Die Urteilsverkündung folgt drei Wochen später, an einem Mittwoch. Roman zieht das Sakko an, das inzwischen nicht mehr eng über den Schultern sitzt, weil er in diesen Monaten abgenommen hat, ohne es zu bemerken. Der Richter verliest die Begründung fast zwanzig Minuten lang, spricht von Vorsatz, von Heimtücke, von einem Tatmotiv, das ausdrücklich als politisch und persönlich motivierter Hass gegen die Äußerungen der Getöteten gewertet wird. Lebenslange Freiheitsstrafe. Der Angeklagte senkt den Kopf, sagt nichts. Zum ersten Mal sieht Roman etwas in seinem Nacken, das er zwei Jahre lang gesucht hat, keine Reue, eher ein Zusammensacken, als hätte etwas in ihm endgültig nachgegeben.
Roman bleibt sitzen, während sich der Saal um ihn herum leert. Die Familie der Gegenseite verlässt die ersten Reihen, ohne ihn anzusehen. Er hält den Kugelschreiber noch immer in der Hand, dreht ihn zwischen den Fingern, legt ihn dann in die Brusttasche zurück, dorthin, wo er zwei Jahre lang gelegen hat.
Auf der Treppe vor dem Gericht wartet derselbe Reporter mit demselben Mikrofon. Roman bleibt diesmal stehen. "Es ändert nichts daran, dass sie fehlt", sagt er. "Aber jetzt weiß wenigstens jeder, warum." Dann geht er, wieder zu Fuß, die vierzig Minuten nach Hause, vorbei an der Straßenbahnhaltestelle, ohne sie zu beachten.
Am Sonntag darauf sitzt er bei seiner Nichte Sofia am Küchentisch. Das Buch mit Irynas Widmung liegt zwischen ihnen, aufgeschlagen an der Stelle mit dem Satz über das Korsett. Sofia fragt, ob Onkel Roman ihr beibringen könne, wie man ein Wort richtig dekliniert, das sie in der Schule falsch geschrieben hat. Roman nimmt einen Stift vom Tisch, nicht den abgewetzten aus seiner Brusttasche, sondern einen von Sofias bunten Filzstiften, und beginnt zu erklären, langsam, geduldig, so wie Iryna es früher getan hätte. Zum ersten Mal seit dem Anruf um 20:47 spürt er, wie sich etwas in seiner Brust löst, kein Vergessen, aber ein Platz, an dem der Schmerz sich hinsetzen und bleiben kann, ohne ihn ganz auszufüllen.







