Der Zweitschlüssel

Drei Monate lang hatte mein Sohn Jan mich nicht angerufen. Ich redete mir ein, er wäre einfach überlastet – die neue Stelle im Sankt-Johannes-Hospital, das Kind, die Wohnung in Hombruch. Aber am Samstagmorgen, am Käsewagen auf dem Wochenmarkt am Hansaplatz, nahm mir meine Nachbarin Frau Kowalski den letzten Rest Selbstbetrug ab.

Sie balancierte ihr Fahrrad mit einer Hand, in der anderen baumelte eine Tüte vom Bäcker. „Renate, dein Jan parkt neuerdings jeden Samstag vor dem Haus von Gisela Waldmann. Ich dachte, das wusstest du.“

Gisela Waldmann. Die Mutter von Sarah, Jans Frau. Sie wohnt in der Saarlandstraße, gleich hinter dem Hansaplatz. Kaum fünf Minuten zu Fuß von meiner Wohnung entfernt. Samstags besucht er also seine Schwiegermutter. Nur bei mir klingelt das Telefon nicht.

Ich zahlte die drei Euro zwanzig für ein Bauernbrot, ließ das Wechselgeld in die Manteltasche fallen und ging nach Hause. Auf dem Weg blieb ich an der Ecke zur Saarlandstraße stehen. Da stand tatsächlich sein grauer Skoda Octavia. Vorn der Kindersitz, hinten die kleine Schramme an der Stoßstange. Ich zog die Jacke enger und drehte um.

In meiner Küche roch es nach angebranntem Kaffee. Die rote Geranie auf dem Fensterbrett hatte braune Blattränder, weil ich seit Wochen vergessen hatte zu gießen. Ich goss sie nicht. Ich setzte mich an den Küchentisch und scrollte durch alte Nachrichten.

Einunddreißig Jahre lang hatte ich in der Änderungsschneiderei am Westenhellweg Kleider und Anzüge genäht. Meine Hände waren ruhig, solange sie Stoff und Nadel hielten. Nur bei meinem Sohn wurden sie zu etwas anderem.

Jan war mein einziges Kind. Sein Vater hatte uns verlassen, als Jan acht war – nicht gestorben, sondern mit einer Verkäuferin aus dem Kaufhof nach Flensburg gezogen. Zurück blieben unsere Wohnung am Hansaplatz und Unterhaltszahlungen, die alle drei Monate eintrafen. Ich bin dort geblieben, all die Jahre. Also war ich alles. Mutter, Vater, Schneiderin, Köchin.

Als Jan sich auf dem Bolzplatz den Arm brach, schlief ich auf einem Stuhl neben seinem Krankenhausbett. Als er in Mathe abrutschte, saß ich mit ihm bis Mitternacht über den Aufgaben. Ich dachte, solche Dinge vergisst man nicht.

Dann kam Sarah. Eine ruhige Frau, die bei jeder Begrüßung erst die Zimmertemperatur zu prüfen schien. Sie arbeitete in der Verwaltung des Sankt-Johannes-Hospitals, und Jan hatte sie kennengelernt, als er wegen seines Knies beim Orthopäden saß. Vor drei Jahren heirateten sie, und bald war Lotta da. Erst ein Jahr und sieben Monate alt, mit Locken, die immer nach Baby-Shampoo rochen.

Es fing nicht sofort an. Zuerst verstummte Sarah, wenn ich die Küche betrat. Jan sagte: „Mama, bitte“ – in einem Ton, den ich nur zu gut kannte. Dann kamen sie seltener. Die Gespräche wurden kürzer. Und dann war dieses Ostern.

Sie kamen zum Frühstück. Sarah brachte einen gekauften Kartoffelsalat mit, in einer Plastikschale aus dem REWE. Ich sagte nichts dazu. Aber als Lotta nach dem Ei mit Mayonnaise langte und Sarah es erlaubte, rutschte es mir heraus: „Das ist viel zu schwer für ihren Magen.“

Sarah presste die Lippen aufeinander. Jan schob die Gabel über den Teller, ohne zu essen. Als ich abspülte, hörte ich aus dem Wohnzimmer ihre Stimme: „Siehst du? Sie weiß es immer besser. Immer.“

Im Mai sagte ich etwas über den Kinderwagen, darüber, dass Kinder zu meiner Zeit noch im Hof spielten. Sarah ging ins Bad. Jan sagte zu mir: „Mama, du gibst Sarah bei jedem Treffen das Gefühl, eine schlechte Mutter zu sein. Jedes Mal.“

Ich war empört. Ich hatte nie gesagt, sie sei eine schlechte Mutter. Ich hatte nur geholfen. Geraten. Ich hatte so viele Jahre allein ein Kind großgezogen – da meinte ich, ich hätte ein Recht darauf.

Im Juni begann das Schweigen. Jan antwortete kurz, er sei auf der Arbeit, er rufe zurück. Er rief nicht zurück. Nachrichten blieben ungelesen. Drei Monate ohne einen einzigen Anruf von meinem einzigen Sohn. Und dann Frau Kowalski am Käsewagen.

Gisela Waldmann war die Mutter von Sarah. Lehrerin im Ruhestand, immer mit einer selbstgebackenen Quiche dabei. Ich kannte sie von der Hochzeit. Sie hatte mit allen gesprochen und niemanden belehrt. Als Lotta während der Reden zu weinen begann, hatte Gisela sie einfach auf den Arm genommen und war in den Flur gegangen. Ohne einen Kommentar. Ohne einen Ratschlag.

Eine Woche lang schlief ich nicht. Ich lag im Dunkeln und machte lange Listen mit Vorwürfen. Was ich alles für Jan geopfert hatte. Dass Sarah ihn gegen mich aufgebracht hatte. Das klassische Drehbuch, nicht wahr? Aber in einer Nacht kam mir ein anderer Gedanke. Leise und schmerzhaft, wie eine Nadel unter dem Fingernagel.

Was, wenn Sarah ihn mir nicht weggenommen hatte? Was, wenn ich selbst ihn vertrieben hatte?

Am Morgen setzte ich mich mit dem Tee an den Küchentisch und las all meine Nachrichten an Jan aus dem letzten Jahr.

„Lotta muss mehr Gemüse essen.“

„Kommt Sonntag vorbei, ich koche Hühnerbrühe, Lotta sieht so blass aus.“

„Arbeitet Sarah noch oder ist sie immer noch krankgeschrieben?“

Nicht eine einzige: „Wie geht es dir, mein Junge?“ Nicht eine: „Ich vermisse dich.“ Nur Ratschläge, Hinweise, Bemerkungen.

Mir wurde übel.

Gisela gab keine Ratschläge. Sie backte Quiche und hörte zu. Sie musste nicht beweisen, dass sie es besser wusste. Sie musste nicht alles kontrollieren, um sich gebraucht zu fühlen. Ich musste das. Mein ganzes Leben lang musste ich das. Denn als mein Mann nach Flensburg abhaute, war das Einzige, was mir blieb, unentbehrlich zu sein. Nur ist unentbehrlich nicht dasselbe wie geliebt.

Ich rief nicht sofort an. Zwei Wochen brauchte ich, um den Hörer zu heben. Schließlich wählte ich nicht Jans Nummer. Ich rief Gisela an.

„Gisela, hier ist Renate, Jans Mutter“, sagte ich, und meine Stimme riss wie ein Faden, der zu stark gespannt wurde. „Ich wollte nur fragen … geht es ihnen gut? Ist Lotta gesund?“

Es raschelte kurz. Dann ihre Stimme, weich: „Es geht ihnen gut, Frau Behrens. Rufen Sie Jan an. Er wartet.“

„Er wartet?“

„Er ist Ihnen nicht böse. Er ist müde. Das ist ein Unterschied.“

Ich saß lange am Küchentisch. Der Tee mit Zitrone wurde kalt. Draußen rumpelte die Straßenbahnlinie 4 über den Hansaplatz. Leute fuhren mit ihren Tüten nach Hause. Ich wählte die Nummer meines Sohnes.

Ein Klingeln. Zwei. Drei. Meine Finger wurden feucht wie damals, wenn ich teuren Seidenstoff zuschneiden musste – ein falscher Schnitt, und alles war ruiniert. Vier Klingeln.

„Ja? Mama?“

Die Stimme klang müde, aber nicht fremd. Nicht feindselig.

„Jan, ich … wollte dir sagen, dass es mir leidtut. Nicht wegen eines Satzes – wegen allen. Und du musst nicht vorbeikommen, wenn du nicht willst. Aber ich wollte, dass du es weißt.“

Am anderen Ende blieb es lange ruhig. Im Hintergrund hörte ich Lotta. Etwas schepperte, etwas fiel zu Boden.

„Am Sonntag habe ich frei“, sagte er schließlich. „Wir könnten vorbeikommen. Aber, Mama …“

„Ich weiß“, unterbrach ich. „Keine Ratschläge. Versprochen.“

Ich versprach nicht, mich an einem einzigen Tag zu ändern. Einunddreißig Jahre Gewohnheiten verschwinden nicht nach einem Telefonat. Aber ich nahm mir vor, mir beim nächsten Mal, wenn ich Sarah sagen wollte, wie sie Lotta füttern soll, auf die Zunge zu beißen. Lieber eine blutige Zunge als ein Telefon, das nie wieder klingelt.

Nach dem Auflegen blieb ich im Flur stehen. Neben dem Telefon stand die kleine Keramikschale aus dem Urlaub auf Rügen. Darin lag der Zweitschlüssel zu Jans Wohnung. Seit vier Jahren lag er dort. Jan hatte ihn mir gegeben, als sie die Wohnung in Hombruch übernahmen, für Notfälle.

Ich hatte ihn nie für Notfälle benutzt. Ich hatte ihn benutzt, um unangekündigt vorbeizukommen. Um aufzuräumen. Um Tupperdosen mit Suppe in den Kühlschrank zu stellen. Um Zettel dazulassen: „Lotta sollte mehr Obst essen.“

Ich zog den Schlüssel aus der Schale. Das rote Plastikband war an einer Stelle ausgefranst. Ich holte einen Briefumschlag, schrieb mit dem Kuli „Für Jan und Sarah“ darauf und legte den Schlüssel hinein. Dazu einen Zettel: „Der gehört euch. Ich komme nur noch, wenn ihr mich einladet.“

Ich zog die Schuhe an, fuhr mit der Straßenbahnlinie 4 bis zur Haltestelle nahe Hombruch und trug den Umschlag die letzten Meter zu Fuß bis zu ihrem Haus. Ich schob ihn durch den Briefschlitz. Dann fuhr ich zurück. Ohne mich umzudrehen.

Am Sonntag klingelte es um kurz nach zwei. Ich machte die Tür auf. Jan stand da, den Umschlag in der Hand. Der Schlüssel baumelte an dem roten Band. Sarah stand hinter ihm, Lotta auf der Hüfte.

Jan hob den Umschlag. „Mama, das war nicht nötig.“

Ich deutete auf die Schale im Flur. „Doch. Die Schale bleibt leer. Ihr habt jetzt den Schlüssel.“

Sarah streckte die Hand aus. „Gib ihn mir. Ich hänge ihn neben unsere Tür, an den Haken, wo die Einkaufsbeutel hängen.“

Jan gab ihr den Schlüssel. Lotta griff nach dem roten Band. Sarah ließ sie danach fassen. Wir gingen in die Küche. Auf dem Tisch stand der Kuchen vom Bäcker, kein Kartoffelsalat. Keiner sagte etwas über Lotta.

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