Ich heiße Matthias Brenner, bin vierundvierzig, und seit elf Jahren fahre ich für die Stadtwerke Rosenheim den Wassertrupp, der ausrückt, wenn irgendwo ein Rohr bricht. Meine Schwiegermutter, Ingeborg, wohnt seit dem Tod meines Schwiegervaters allein in der Drei-Zimmer-Wohnung in der Kufsteiner Straße, direkt über uns, und ich will erzählen, wie das wirklich war zwischen uns – nicht die Version, die meine Frau ihrer Schwester am Telefon erzählt hat.
Als Rosa und ich vor sechzehn Jahren heirateten, war Ingeborg von Anfang an misstrauisch. Ich kam aus Kufstein rüber, hatte keinen Doktortitel wie ihr verstorbener Mann, arbeitete mit den Händen, kam abends mit Chlorgeruch von der Wasseraufbereitung nach Hause. Sie hat mir das nie direkt gesagt, aber wenn sie zu Besuch kam und meine Arbeitsstiefel im Flur sah, verzog sie den Mund, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. Ich habe das geschluckt, weil ich Rosa liebte und weil eine Familie eben auch aus Menschen besteht, die man sich nicht aussucht.
Vor drei Jahren ist mein Schwiegervater Bernhard gestorben, Lungenkrebs, sechs Monate von der Diagnose bis zum Ende. Ich habe ihn zur Chemo nach München gefahren, jeden zweiten Dienstag, unbezahlten Urlaub genommen, weil Rosa den Führerschein erst mit vierzig gemacht hat und sich auf der A8 nicht traute. Das hat damals niemand groß erwähnt. Es war einfach das, was man tut.
Dann kam die Sache mit dem Kleingarten. Bernhard hatte eine Parzelle im Schrebergarten an der Simssee-Kolonie, dreihundertzwanzig Quadratmeter, mit einer alten Laube und einem Apfelbaum, den er selbst gepflanzt hatte. Im Testament stand, die Parzelle geht an Rosa. Ingeborg hat das akzeptiert, aber sie hat sich in den Kopf gesetzt, dass ich da nichts zu suchen hätte, weil ich ja "nicht von Bernhards Blut" sei. Als ich anfing, die Laube zu renovieren – neues Dach, weil es reinregnete, und einen Sonnenschirm für den Sitzplatz, weil Rosa im Sommer keinen Schatten hatte –, rief Ingeborg mich an und sagte wörtlich: "Das ist nicht dein Eigentum, Matthias. Lass die Finger davon, bis geklärt ist, wem das wirklich gehört."
Ich war zwei Nächte wach deswegen. Nicht wegen des Gartens – der ist mir ehrlich gesagt egal, ich mag lieber Fußball gucken als Unkraut jäten. Sondern weil sie mir nach elf Jahren immer noch das Gefühl gab, ein Gast in meiner eigenen Ehe zu sein. Rosa hat versucht zu vermitteln, hat gesagt, ihre Mutter meine es nicht so, sie sei einsam seit Bernhards Tod, sie klammere sich an alles, was noch von ihm übrig sei. Ich habe das verstanden. Trotzdem hat es wehgetan.
Der eigentliche Bruch kam im Mai dieses Jahres. Ingeborg stürzte in ihrer Wohnung, brach sich den Oberschenkelhals, lag drei Wochen in der Kreisklinik Rosenheim. Rosa war jeden Tag bei ihr, ich habe die Fahrten übernommen, weil Rosa nach der Frühschicht in der Apotheke am Ludwigsplatz oft zu müde zum Fahren war. Am vierten Tag im Krankenhaus, als ich mit einer Tüte von der Bäckerei Reindl kam – Ingeborgs Lieblings-Kürbiskernbrötchen –, hörte ich sie durch die angelehnte Tür zu ihrer Zimmernachbarin sagen: "Mein Schwiegersohn ist ein einfacher Mann, aber wenigstens ist er zuverlässig wie ein Handwerker eben." Kein böses Wort, aber auch keine Wärme. Ein einfacher Mann. Als wäre das alles, was ich je sein würde in ihren Augen.
Ich habe die Tüte auf den Nachttisch gestellt, die Brötchen waren noch warm, und bin gegangen, ohne reinzukommen. Rosa hat mich am Abend gefragt, warum ich so still war. Ich habe es ihr erzählt. Sie hat nichts gesagt, nur lange aus dem Küchenfenster geschaut, auf den Nachbarshund, der unten an der Laterne schnüffelte, als würde er dort etwas Wichtiges suchen.
Zwei Wochen nach der Entlassung aus der Reha-Klinik in Bad Aibling kam Ingeborg zu uns zum Essen, Rosa hatte Rouladen gemacht, wie an jedem Sonntag. Ingeborg saß am Tisch, den Rollator neben sich, und fing plötzlich an zu erzählen, wie schwer die Zeit im Krankenhaus für sie gewesen sei, wie allein sie sich fühle in der großen Wohnung, wie sehr sie Bernhard vermisse. Und dann, mitten im Satz, sagte sie zu mir: "Matthias, ich hab dir Unrecht getan mit dem Garten. Das war dumm von mir. Du warst der Einzige, der jeden Dienstag gefahren ist, nicht meine eigene Schwester, nicht die Nachbarn. Ich hatte Angst, dass ich nichts mehr von Bernhard übrig hab, wenn ich dir auch noch das lasse."
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Rosa hat unter dem Tisch meine Hand genommen.
Am nächsten Samstag bin ich mit Ingeborg zur Notarin Frau Dr. Lechner in die Kufsteiner Straße gegangen, sie wollte das schriftlich regeln: Der Garten bleibt Rosas Eigentum, aber ich bekomme ein im Grundbuch eingetragenes Nutzungsrecht auf Lebenszeit, damit niemand nach ihrem Tod je wieder in Frage stellen kann, ob ich dort einen Sonnenschirm aufstellen darf. Zweihundertdreißig Euro hat das gekostet, Ingeborg hat gezahlt, ohne dass ich fragen musste. Als wir rauskamen, roch es nach Herbst, nasses Laub auf dem Gehweg, und sie hat sich bei mir eingehakt, weil der Rollator auf dem unebenen Pflaster kippelte. Wir sind langsam zur Bushaltestelle gegangen, und sie hat kein Wort mehr über Bernhards Blut gesagt. Ich hab sie einfach halten lassen.







