„Sie kann kein Ave Maria singen“, flüsterte Katharina – doch das Mikrofon fing jedes Wort ein. Der ganze Saal erstarrte. Ich sah, wie ihre Augen sich weiteten, als ihr klar wurde, was da eben passiert war, und dann in Panik verengten. Wochenlang hatte sie mich vor allen Leuten mittelmäßig, langweilig und schnell vergessen genannt. Jetzt warteten dreihundert Leute darauf, dass ich unter dem grellen Scheinwerferlicht zusammenbrach. Ich holte einmal tief Luft, sah ihr direkt ins Gesicht und sagte: „Bist du ganz sicher, dass ich anfangen soll?“
In dem Moment, als Katharina mir das Funkmikrofon in die Hand drückte, verstummte der Ballsaal des Hotel Adlon aus dem völlig falschen Grund. Jeder einzelne Gast wusste, dass sie wollte, dass ich mich blamiere.
Ihr Lächeln war weiß, poliert und grausam unter den riesigen Kristallleuchtern. Hinter ihr stockte die Hochzeitsband mitten im Takt. Dreihundert Gäste drehten sich auf ihren Samtstühlen um, die Gabeln über dem Kalbsfilet erstarrt, die Champagnerperlen stiegen im Glas hoch wie kleine, lautlose Warnsignale.
„Komm schon, Luise“, säuselte Katharina. „Du hast doch mal erzählt, dass du im Schulchor gesungen hast, oder?“
Ich starrte auf das Mikrofon.
Ich hatte das nie erzählt. Meine Patentante hatte das vor Jahren bei einem Familienessen fallen lassen, das Katharina niemals vergessen hatte, weil sich Demütigungen bei ihr wie die schönsten Erinnerungen einbrannten.
Katharina von Hagen war die Braut, frischgebackene Absolventin der Hochschule für Musik Hanns Eisler, und sie trug ihr Diplom wie eine Krone vor sich her. Den ganzen Abend hatte sie die Gäste bereits daran erinnert, dass sie eine „klassisch ausgebildete Stimme“ mit „europäischem Volumen“ besaß und dass Musik nichts „für Amateure“ sei.
Ich war die Cousine ihres Mannes. Die Stille. Diejenige, die laut Katharina „in der Produktion“ arbeitete – als ob ich wie eine Aushilfe Kabel wickeln würde.
Ihre Brautjungfern kicherten neben der fünfstöckigen Hochzeitstorte.
„Stell dich nicht so an“, sagte Katharina jetzt so laut, dass es der halbe Saal hören konnte. „Das ist mein Hochzeitsgeschenk von dir. Von dir an mich.“
Mein Cousin Felix stand neben ihr und verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen – sichtlich unwohl, aber stumm. Das tat mehr weh als ihr falsches Lächeln. Als wir Kinder waren, hatte ich ihn bei jedem Sommergewitter in den Schlaf gesungen. Jetzt stand er neben der Frau, die diese kleine öffentliche Hinrichtung von langer Hand geplant hatte, und rührte keinen Finger.
„Katharina“, sagte ich leise, „heute ist dein Abend.“
„Oh, ich bestehe darauf.“
Natürlich bestand sie darauf.
Vor drei Wochen hatte sie zufällig mit angehört, wie Felix zu seiner Mutter sagte, ich hätte eine „wirklich schöne Stimme“. Seitdem machte sie bei jeder Gelegenheit Bemerkungen über mich. „Schön nach den Maßstäben der Familie, oder?“, hatte sie gelacht. „So Karaoke-mäßig schön?“
Jetzt hatte sie den letzten Witz vorbereitet. Keine Probe. Keine Vorwarnung. Keine Noten. Nur ein Mikrofon, ein vollbesetzter Saal und ihr ausgehungertes Publikum.
„Was soll ich denn singen?“, fragte ich.
Katharinas Augen glitzerten gefährlich. „Ave Maria.“
Ein Raunen ging durch die Reihen. Sogar die Gäste ohne jede musikalische Ahnung wussten, dass das eine Falle war. Blank, verlangend, unerbittlich.
Ich sah zum Pianisten hinüber.
Er wandte den Blick ab.
Dann bemerkte ich die kleine schwarze Kamera neben dem Blumenbogen, ihr rotes Licht blinkte ruhig vor sich hin. Katharina hatte extra einen Videografen bestellt. Sie wollte diesen Moment für immer festhalten.
Ich lächelte.
Nicht, weil ich mutig war.
Sondern weil die Bayerische Staatsoper mich vor zwei Monaten unter meinem Künstlernamen Elena d’Aubigny als ihre neue Erste Sopranistin verpflichtet hatte.
Und Katharina mir gerade freiwillig ein Mikrofon in die Hand gedrückt hatte.
Ich legte das Mikrofon kurz auf dem nächsten Tisch ab, schob meine Clutch beiseite und richtete mich auf. Der Pianist, ein junger Mann mit einem Notenstapel für die Hochzeitslieder, saß stumm da und wagte nicht aufzublicken. Ich trat zu ihm, beugte mich kurz zu seinem Ohr und murmelte die Tonart. Ohne abzuwarten registrierte ich, wie seine Augen groß wurden, als mein Atem sein Ohr streifte – keine Frage, keine Widerrede, er nickte nur.
Dann ging ich zurück in die Mitte der Tanzfläche. Dreihundert Köpfe drehten sich, verfolgten jede meiner Bewegungen. Katharina hatte die Arme vor der Brust verschränkt, ihre Mundwinkel zu einem winzigen, überlegenen Lächeln verzogen, das gleich zerspringen würde.
Die ersten Klavierakkorde setzten ein, leise und schlicht.
Ich hob das Mikrofon.
Aus dem Augenwinkel sah ich die rote Lampe der Kamera, die jetzt direkt auf mich gerichtet war. Der Videograf stand einen halben Schritt zurück, als ahnte er, dass das hier kein gewöhnliches Hochzeitsvideo würde.
Ich öffnete den Mund und legte alles in die erste Phrase. Kein Zögern, kein Zittern – mein Atem trug den Ton sauber und weit durch den Saal. Die Akustik unter den Stuckdecken des alten Festsaals tat ihr Übriges, fing jede Nuance ein und gab sie tausendfach zurück.
Zuerst hörte man gar nichts von den Gästen. Es war diese Art von Stille, die sich wie Blei über einen Raum legt, bevor ein Gewitter losbricht. Ich sah, wie die Kellner am Rand der Tische stehen blieben, die silbernen Tabletts vergessen in der Luft. Eine ältere Dame in der ersten Reihe griff sich mit der Hand an die Perlenkette und hörte auf zu atmen.
Ich sang weiter, ließ die Töne steigen und in der Höhe ausschwingen. Es war kein singen gegen die Angst, sondern ein singen, weil die Angst auf der anderen Seite des Mikrofons saß und nicht in mir. Bei der zweiten Strophe wanderte mein Blick kurz zu Felix. Er war blass geworden, seine Hand, die zuvor Katharinas Arm gehalten hatte, war heruntergefallen und hing einfach nur noch leblos an seiner Seite. Er starrte mich an, als sähe er mich zum ersten Mal.
Katharinas Lächeln war nicht zersprungen – es war langsam in sich zusammengefallen wie ein Kartenhaus, von innen nach außen. Ihre perfekt geschminkten Lippen öffneten sich einen Spalt weit, schlossen sich wieder, und dann sah ich, wie ihr Kiefer hart wurde. Ihre Brautjungfern wechselten verstörte Blicke, tuschelten und verstummten sofort wieder, als der Sopran in die nächste, noch anspruchsvollere Passage überging.
Der Pianist lieferte mir eine federleichte Begleitung, als hätten wir wochenlang geprobt. Ich schloss für einen winzigen Moment die Augen, öffnete sie aber gleich wieder – ich wollte das hier nicht verpassen. Ich wollte jedes Detail dieser Szene in mich aufsaugen: die offenen Münder der Verwandten, die Fassungslosigkeit auf den Gesichtern von Katharinas Eltern, und vor allem die stumme Wut, die sich unter ihrer weißen Spitzenbrautkleidhaut zusammenbraute.
Das Ave Maria endete. Der letzte Ton verklang, hing noch einen Herzschlag lang als vollkommene Stille im Raum – und brach dann.
Der Applaus brandete auf, so plötzlich und heftig, dass die Kristallgläser auf den Tischen klirrten. Leute sprangen auf, einige hatten Tränen in den Augen, andere klatschten einfach nur mit offenem Mund. Der Videograf hatte seine Kamera gesenkt und applaudierte selbst, ein breites Grinsen im Gesicht.
Ich atmete ruhig aus, senkte das Mikrofon und ging langsam auf Katharina zu. Sie stand wie angewurzelt da, die Finger um den Stiel ihres Champagnerglases geklammert, dass die Knöchel weiß hervortraten.
Direkt vor ihr blieb ich stehen. Sie öffnete gerade den Mund, wollte irgendetwas sagen, doch ich kam ihr zuvor.
„Danke für die Bühne, Katharina. Hat wirklich Spaß gemacht“, sagte ich so leise, dass nur sie und Felix es hören konnten, und legte ihr das Funkmikrofon mit einem freundlichen Lächeln zurück in die Hand. Ihre Finger schlossen sich automatisch darum, ohne dass sie es zu merken schien.
Dann drehte ich mich um, nahm meine Clutch vom Tisch und ging durch die applaudierende Menge in Richtung der großen Terrassentür. Der Berliner Nachthimmel lag ruhig und klar über dem Brandenburger Tor in der Ferne. Hinter mir hörte ich noch immer das Klatschen, vereinzelt rief jemand meinen Namen, aber ich blieb nicht stehen. Felix’ Stimme irgendwo dazwischen, dünn und ungelenk, wie eine viel zu späte Regenwolke nach einem längst vorübergezogenen Sturm.
Die Terrassentür ließ ich einfach hinter mir ins Schloss fallen.







