Sonnenschirm für zwölf Personen

„Wer ohne Aussteuer hier sitzt, räumt jetzt gefälligst ihr Geschirr vom Tisch!"

Renate Brockmann ließ den Blick zufrieden über die Terrasse wandern, während sie das Weinglas hob. Fünfundsechzig wurde sie heute, und der Garten in Bergisch Gladbach war extra dafür hergerichtet worden: weiße Tischdecken, ein geliehener Sonnenschirm mit dem Logo einer fremden Firma darauf, Windlichter zwischen den Rosenstöcken.

„Unserem Mareike hat's ja gutgehen lassen", verkündete sie den zwanzig Gästen. „Kam zu meinem Sohn mit zwei Koffern, keine Wohnung, kein Auto, nicht mal ein anständiges Kaffeeservice. Und jetzt sitzt sie am gedeckten Tisch. So sieht's aus, wenn man gut heiratet."

Mareike Voss rückte ihren Teller zwei Zentimeter nach rechts. Nur um die Hände zu beschäftigen.

Am langen Tisch saß fast die ganze Verwandtschaft. Sogar die Cousine ihres Mannes war aus Bonn angereist, mit einem Kuchen in Alufolie, den sie schon zweimal erwähnt hatte.

„Mama, jetzt fang nicht an", murmelte Tobias, ohne von seinem Teller aufzusehen. „Ist doch dein Geburtstag. Lass die alten Geschichten."

„Was für Geschichten? Ich sage doch nur die Wahrheit!" Renate ließ sich nicht bremsen. „Beleidige ich sie etwa? Mittellos zu heiraten ist kein Schimpfwort, das ist eine Tatsachenfeststellung. Kluge Menschen nennen die Dinge beim Namen."

Ein paar Gäste vertieften sich plötzlich in ihren Kartoffelsalat. Nur Susanne, die am Ende der Tafel saß, zog eine Augenbraue hoch und sah zu Mareike hinüber.

Mareike wusste, was jetzt kam: Tobias würde sich wieder hinter seinem „Mama, komm schon" verstecken. So wie er es seit elf Jahren tat.

Zur Hochzeit war sie tatsächlich mit leeren Händen gekommen. Ihre Mutter hatte sie allein großgezogen, war dann lange krank gewesen. Was von ihr blieb, passte in zwei Koffer und einen Karton mit Fotos, den Renate nie zur Aussteuer gezählt hatte.

Die ersten Jahre wohnten Mareike und Tobias zur Miete in Köln-Mülheim. Er wechselte den Job, suchte sich selbst, versuchte sich im Handel mit Autoteilen, suchte sich wieder selbst. Mareike arbeitete in einer Druckerei, abends half sie einer Bekannten bei Hochzeitsdekorationen. Nach ein paar Jahren gründete sie zusammen mit Susanne eine kleine Firma: Verleih von Geschirr, Tischwäsche, Klapptischen, Blumenständern und Speisenwärmern. Nichts Glanzvolles. Aber die Miete war immer pünktlich bezahlt.

Als Tobias fast ein Jahr arbeitslos war, zahlte Mareike Lebensmittel und Wohnung. Renate wusste davon nur bruchstückhaft — ihr Sohn hatte von „vorübergehenden Schwierigkeiten" gesprochen, seine Frau würde „ein bisschen aushelfen". Am Ende klang es, als trage er die Familie, und sie helfe nur ein bisschen mit. Eine bequeme Rechnung.

Zum Geburtstag wollte Renate ein Fest im Garten. Kein einfaches Beisammensein, sondern Blumen, aufeinander abgestimmtes Geschirr, warmes Essen, das nicht kalt wird, und Fotos, „wie bei anständigen Leuten".

„Mama, wird alles organisiert", hatte Tobias versprochen. Am Abend stand er dann in der Küche seiner Frau.

„Hör mal, hilfst du mir aus? Nach der Werkstattrechnung fürs Auto bin ich blank. Ich zahl's zurück, sobald die Prämie kommt."

„Und deine Mutter hört auf, mich zu erniedrigen?"

„Ach, das meint sie doch nicht so. Ist halt ihre Art zu reden."

„Hört sie auf?"

„Ich rede mit ihr. Versprochen."

Mareike sagte zu. Nicht wegen der Schwiegermutter. Wegen des Mannes, der so verbissen den erwachsenen Sohn spielte.

Sie bestellte alles über ihre eigene Firma. Ordentlich, mit Lieferschein: Anlieferzeit, Abholzeit, Inventarliste. Susanne hatte angekündigt, dass sie das Equipment nach dem Dessert abholen würden — damals eine reine Geschäftsvereinbarung, keine Rache.

Jetzt war das Dessert gegessen. Und Renate wurde immer noch nicht satt — an etwas anderem.

„Ich hab sie ja nicht gleich akzeptiert", erzählte sie den Gästen weiter. „Ein Mutterherz spürt, wer mit was zum Sohn kommt. Die eine kommt mit Erziehung und dem Rückhalt der Familie. Die andere mit leeren Händen und großen Augen."

„Dafür ist das Fest ganz gelungen", sagte Mareike.

„Das Fest hat mein Sohn ausgerichtet!", verbesserte Renate sofort. „Der ist ein Mann, mein Junge. Nicht wie manche Frauen, die nach so vielen Jahren nicht mal ein anständiges Service ins Haus gebracht haben…"

Sie kam nicht dazu, den Satz zu Ende zu bringen. Vom Gartentor her näherte sich ein weißer Transporter mit dem Aufdruck „Voss & Held Eventverleih", und Susanne stieg aus, eine Klemmbrett-Mappe unter dem Arm, in Arbeitskleidung, obwohl sie eigentlich zu Renates Geburtstag eingeladen war.

„Entschuldigt die Störung", sagte sie freundlich in die Runde. „Wir müssen das Material für den nächsten Termin abholen. Steht so im Vertrag — Abholung nach dem Dessert."

Renate blinzelte. „Was für ein Vertrag? Das ist eine Familienfeier, keine Veranstaltung."

„Für uns schon eine Veranstaltung", sagte Susanne ruhig und blätterte in der Mappe. „Zwölf Tischdecken, vierundzwanzig Gedecke, ein Sonnenschirm, sechs Windlichthalter, ein Speisenwärmer. Alles ordnungsgemäß bestellt und quittiert von — " sie sah kurz auf das Papier — „Frau Mareike Voss."

Am Tisch wurde es still, richtig still, so still, dass man das Zischen der Windlichter hörte, die im Abendwind flackerten.

Tobias wurde blass. „Mareike, sag ihr, dass das noch bis morgen bleiben kann."

„Kann es nicht", sagte Mareike und stand auf. Sie faltete ihre Serviette einmal, sauber, und legte sie neben den Teller. „Der nächste Kunde hat um acht Uhr eine Verlobungsfeier in Refrath. Wenn wir jetzt nicht abbauen, komme ich mit meiner eigenen Firma in Verzug. Das kostet mich Vertragsstrafe."

„Aber das ist doch dein Sohn, deine Familie —"

„Genau", unterbrach Mareike, und ihre Stimme blieb ruhig, fast sachlich. „Deshalb hab ich der Firma keine Mahngebühr berechnet, obwohl die Rechnung offen ist. Zweitausenddreihundert Euro, Regina — Verzeihung, Renate. Steht alles im Lieferschein. Tobias wollte das begleichen, sobald die Prämie kommt. Von der Prämie hab ich seit April nichts mehr gehört."

Sie nickte Susanne zu, und die beiden begannen, systematisch die Tischdecken abzuziehen — erst vom Beistelltisch, dann, Ecke für Ecke, vom Haupttisch, während die Gäste ihre Teller balancierten und halb aufstanden. Eine Tante griff hastig nach ihrem Sektglas, bevor die Decke unter ihm hervorgezogen wurde. Der Sonnenschirm wurde zusammengeklappt, die Windlichter in eine Kiste mit Zeitungspapier gepackt.

„Das könnt ihr doch nicht machen, mitten im Fest!", rief Renate, und zum ersten Mal an diesem Abend klang ihre Stimme nicht mehr überlegen, sondern schrill.

„Kann ich", sagte Mareike, während sie den letzten Gedeckstapel in eine Transportbox stellte. „Ich bin Geschäftsfrau. Sie haben mir gerade selbst erklärt, was das bedeutet, mittellos zu heiraten und trotzdem am gedeckten Tisch zu sitzen. Der Tisch war gemietet. Das Geschirr war gemietet. Der Schirm über Ihrem Kopf war gemietet — von meiner Firma. Ich hole nur zurück, was mir gehört, und was nicht bezahlt wurde."

Tobias stand jetzt auch, die Hände hilflos ausgestreckt. „Mareike, bitte, nicht vor allen —"

„Vor allen hat deine Mutter elf Jahre lang erzählt, was ich nicht mitgebracht habe", sagte Mareike und sah ihn an, zum ersten Mal an diesem Abend direkt. „Jetzt erzähle ich mal, was ich mitgenommen habe. Das Geschirr, die Tische, den Schirm. Und die Rechnung, die du übernimmst — heute Abend noch, per Überweisung, sonst schalte ich morgen früh unseren Anwalt ein, wegen der Verzugszinsen. Susanne hat den Vertrag dabei."

Sie zog aus der Umhängetasche eine Mappe und legte sie neben Renates leeres Weinglas, direkt neben die Kuchengabel. „Zweitausenddreihundert Euro. Kontodaten stehen unten. Bis Mitternacht, sonst läuft die Mahnung."

Renate griff nach dem Papier, ließ es aber gleich wieder sinken, als hätte es sie verbrannt. Ihre Tochter, die ganze Zeit stumm neben ihr, flüsterte etwas, das keiner verstand.

Mareike nahm die letzte Kiste vom Boden, den Karton mit den Windlichtern, in dem noch immer das Zeitungspapier raschelte, und ging zum Transporter. Susanne fuhr bereits die Rampe hoch.

An der Gartenpforte blieb Mareike kurz stehen. Der Nachbarshund bellte irgendwo zwei Grundstücke weiter, jemand hatte den Fernseher zu laut gestellt, ein Werbespot für Waschmittel drang durch ein offenes Fenster. Ganz normale Straße, ganz normaler Dienstagabend.

Sie drehte sich nicht mehr um. Der Transporter fuhr los, vorbei am Gartenzaun, an dem noch die Luftballons hingen, die Tobias am Morgen selbst aufgehängt hatte.

In der Fahrertür klingelte ihr Handy — eine Nachricht von Tobias: „Ruf mich an, bitte." Sie steckte das Telefon zurück in die Tasche, ohne zu antworten, und sah aus dem Fenster, wie Bergisch Gladbach im Rückspiegel kleiner wurde.

Um zweiundzwanzig Uhr siebzehn ging die Überweisung ein. Zweitausenddreihundert Euro, Verwendungszweck: „Ausgleich Rechnung Nr. 0417." Mareike las die Bestätigung auf dem Bildschirm, einmal, und legte das Handy neben sich auf den Beifahrersitz.

Susanne, die den Transporter fuhr, warf ihr einen kurzen Blick zu. „Und jetzt?"

„Jetzt", sagte Mareike, „liefern wir in Refrath ab. Acht Uhr, Verlobungsfeier. Die Braut hat einen weißen Sonnenschirm bestellt."

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