Claudia stand an meiner Wohnzimmertür und hielt den Griff ihres Aktenkoffers fest, als müsste sie mir gleich den Kaffee aus der Hand schlagen. Auf dem Tisch lagen zwei Blätter: eine Vollmacht, mit der sie Zugriff auf mein Konto bekäme, und ein Antrag auf einen Platz im Seniorenheim am Stadtrand. Draußen vor dem Fenster zog ein Lastkahn über die Donau, und ich hörte die Möwen am Grieser Spitz kreischen.
„Du verstehst das nicht“, sagte Claudia. „Mit sechsundsiebzig allein in dieser Wohnung? Das ist unverantwortlich. Thomas macht sich Sorgen. Die Ärzte auch.“
Thomas. Mein Sohn. Er hatte schon dreimal angerufen und mich gefragt, ob ich die Tabletten genommen hätte. Als ob ich je welche verschrieben bekommen hätte.
Ich stand auf, ging in die Küche und schenkte mir Wasser ein. Der Hahn tropfte – seit elf Jahren, ich hatte mich dran gewöhnt. Die Katze vom Nachbarsjungen strich mir um die Beine; sie kam jeden Morgen, weil ich ihr ein Stück Leberwurst zusteckte, obwohl Claudia das für Geldverschwendung hielt.
„Du hast keine Ahnung, wer ich bin“, sagte ich zu Claudia, die mir gefolgt war. „Du hast mich nie gefragt. Du willst nur mein Haus und meine Rente.“
Sie seufzte. „Das ist Unsinn. Wir wollen dir helfen.“
Ich lachte, rau in der kleinen Küche. Dann holte ich meine Schlüssel aus der Schublade, nahm meine rote Stofftasche und ging zur Tür.
„Wohin willst du?“, rief Claudia.
„Ich muss zum Notar“, sagte ich.
Das war gelogen. Ich musste zu Annemarie, die im Café am Haidplatz saß und auf mich wartete. Aber Claudia wusste nichts von Annemarie. Sie wusste überhaupt nichts von dem Leben, das ich geführt hatte, bevor Thomas auf die Welt kam und sein Vater bei einem Arbeitsunfall in der Fabrik starb. Sie kannte nicht die Nächte im Kellerclub, wo ich mit zwanzig in einer Band gesungen hatte. Nicht den Lederrock, den ich damals trug, bis meine Mutter ihn im Ofen verbrannte.
Annemarie saß am Fenster, als ich ankam. Sie war siebenundachtzig, trug eine Brille mit dicken Gläsern, aber sah sofort, dass etwas los war.
„Grete, du kommst zu spät“, sagte sie. „Der Kellner wollte schon abräumen. Dein Cappuccino ist kalt.“
Ich setzte mich. Der Kellner – ein junger Mann aus Syrien, der immer ein freundliches Wort hatte – brachte mir einen neuen. Ich nahm einen Schluck und erzählte Annemarie von Claudia, von der Vollmacht, vom Heim.
Annemarie hörte zu und rührte in ihrem Tee. Dann sagte sie: „Du hast mir nie von dem Grundstück erzählt.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Es gibt nichts zu erzählen. Das Haus in der Altstadt gehört mir seit siebenundvierzig Jahren. Thomas will es verkaufen. Claudia will mich ins Heim stecken. Sie denken, ich merke das nicht.“
„Und was willst du?“
Ich sah aus dem Fenster. Auf dem Haidplatz standen Studenten mit Rucksäcken und lachten. Einer spielte auf einer Gitarre ein altes Lied, das ich kannte. Der Wind trug die Melodie herein.
„Ich will, dass die junge Frau, die ich war, nicht umsonst gelebt hat“, sagte ich.
Annemarie griff in ihre Handtasche und holte einen zerknitterten Zettel heraus. „Mein Neffe arbeitet bei einer Stiftung. Die fördern junge Musikerinnen. Wenn du das Haus spendest, bekommen sie ein Probenhaus. Und du bekommst eine Wohnung auf Lebenszeit im selben Gebäude. Du musst nur unterschreiben.“
Ich sah auf den Zettel. Dann lachte ich wieder. „Und was ist mit Claudia? Sie wird toben.“
„Claudia hat keinen Anspruch auf dein Eigentum, solange du geistig klar bist“, sagte Annemarie. „Und du bist die klarste Frau, die ich kenne.“
Ich trank meinen Cappuccino aus. Draußen begann es zu regnen, und die Studenten packten ihre Sachen zusammen. Ich zahlte und ging nach Hause.
Der nächste Schlag kam eine Woche später. Claudia stand wieder vor meiner Tür, diesmal mit Thomas. Sie sahen aus wie zwei Gerichtsvollzieher. Thomas trug einen Anzug, den er nur bei Beerdigungen anhatte.
„Mama, wir müssen reden“, sagte Thomas. Seine Stimme klang flach, als hätte Claudia sie ihm eingeblasen.
Ich bat sie herein. Der Regen prasselte gegen das bleiverglaste Fenster im Flur. Claudia legte ihren Aktenkoffer auf den Tisch und öffnete die Schlösser.
„Wir haben eine Betreuung beim Amtsgericht beantragt“, sagte sie. „Der Termin ist schon eingetragen. Ein Gutachter wird dich befragen. Wenn du kooperierst, kannst du vielleicht in der Wohnung bleiben. Wenn nicht, entscheidet der Richter über deinen Wohnort. Das Verfahren läuft, Grete, ob du willst oder nicht.“
Ich spürte, wie mir die Papiere auf dem Tisch mit einem Mal schwerer vorkamen als jede Urkunde, die ich je unterschrieben hatte. Ein Gutachter, ein Richter, ein Aktenzeichen – das war kein Streit mehr, den ich mit einem Satz beenden konnte.
„Und wenn der Gutachter feststellt, dass ich klarer bin als ihr beide?“, fragte ich, um meine Stimme fest zu halten.
„Das wird er nicht“, sagte Claudia. „Du verschenkst dein Haus an Fremde. Kein Gericht der Welt hält das für vernünftig.“
Ich sah Thomas an. Er schaute auf seine Schuhe. Die Schuhe waren neu, aus dunkelbraunem Leder, mit einer Naht an der Seite. Ich hatte sie ihm zum sechsundvierzigsten Geburtstag geschenkt, aber er hatte sie nie getragen, weil Claudia sie für altmodisch hielt.
„Thomas“, sagte ich. „Weißt du, wer ich bin?“
Er hob den Kopf. „Du bist meine Mutter.“
„Ich war Sängerin“, sagte ich. „Ich bin mit siebzehn nach München gefahren, allein, mit dem Nachtzug. Ich habe in einer Bar gesungen, die längst abgerissen ist. Ein Plattenlabel wollte mich unter Vertrag nehmen, aber ich wurde schwanger mit dir, und der Vertrag war weg, bevor er unterschrieben war. Dein Vater hat mich geschlagen, und ich bin trotzdem geblieben, bis er starb. Ich habe dein Studium bezahlt, mit Geld, das ich im Schichtdienst verdiente. Und jetzt stehst du hier und willst mich entmündigen lassen, weil deine Frau Angst vor der Erbschaftssteuer hat.“
Claudia wurde rot. „Das ist eine Frechheit! Und es ändert nichts an der Sache. Der Antrag ist gestellt.“
Ich ging zum Schrank, holte eine Mappe heraus und legte sie auf den Tisch. Darin lag eine notariell beglaubigte Urkunde, unterschrieben drei Tage zuvor. Daneben eine ärztliche Bescheinigung vom Chefarzt der Uniklinik, die meine volle Geschäftsfähigkeit bestätigte, ausgestellt erst gestern, nachdem ich selbst darum gebeten hatte, mir jeden Zweifel zu nehmen.
„Ich habe das Haus einer Stiftung übertragen“, sagte ich. „Die Stiftung heißt ‚Donauklang‘. Sie bekommen die Immobilie, die auf dreihundertsiebzigtausend Euro geschätzt wurde. Ich bekomme die Wohnung im Erdgeschoss auf Lebenszeit. Mietfrei. Und diese Bescheinigung hier geht morgen früh per Boten an das Amtsgericht. Euer Antrag wird sich erledigt haben, bevor der Gutachter überhaupt einen Termin findet.“
Thomas blinzelte. Claudia riss die Urkunde an sich und las sie zweimal. Ihre Lippen bewegten sich lautlos.
„Das kannst du nicht tun“, sagte sie leise. „Das ist unser Erbe.“
„Euer Erbe?“, fragte ich. „Ich lebe noch, Claudia. Ich bin keine Leiche mit Kalender. Ich habe dieses Haus mit meinem Mann gekauft, als wir beide in der Textilfabrik schufteten. Ich habe die Raten bezahlt, als er tot war. Ich habe auf neue Schuhe verzichtet, damit Thomas Fußballschuhe bekam. Erzähl mir nichts von Erbe.“
Thomas setzte sich auf den Stuhl. Er wirkte alt. Die Falten um seinen Mund waren tiefer als bei mir.
„Mama, es tut mir leid“, sagte er.
„Ja“, sagte ich. „Das glaube ich dir. Aber es ändert nichts. Die Papiere sind beim Notar. Ich habe einen Anwalt. Und du, Claudia, kannst jetzt gehen. Die Tür ist offen.“
Claudia stand auf. Sie zitterte, als sie ihren Aktenkoffer nahm. An der Tür drehte sie sich um. Ihre Augen waren feucht, aber ich sah keinen Schmerz darin, nur Wut.
„Du bist eine egoistische alte Frau“, sagte sie.
„Ich bin eine Frau, die einmal jung war“, sagte ich. „Und ich habe gelernt, nein zu sagen.“
Dann schloss ich die Tür hinter ihr.
Der Regen hörte auf, als ich am Fenster stand. Die Katze kam aus dem Hinterhof und rollte sich auf dem Fensterbrett zusammen. Ich öffnete die unterste Schublade des Schranks und holte eine Schachtel hervor. Darin lagen Briefe, vergilbt und mit getrockneten Blumen gepresst. Einer war von meinem Vater, der mir zum Abitur gratulierte, obwohl er vorher gesagt hatte, Mädchen bräuchten das nicht. Ein anderer, mit Berliner Stempel, war von dem Jungen, dem ich mit siebzehn geschrieben hatte, bevor ich nach München fuhr – er hatte nie geantwortet, weil seine Mutter die Briefe abfing, und ich hatte es erst Jahre später erfahren, in einer einzigen Zeile, die er mir schließlich doch noch schickte. Ich hatte darauf nie mehr geantwortet. Manche Türen lässt man zu, wenn man längst eine andere aufgestoßen hat.
Ich legte die Briefe zurück in die Schachtel und stellte sie auf den Tisch. Draußen begann die Laterne am Haidplatz zu flackern. Ich nahm meinen Schlüssel, steckte ihn in die Jackentasche und ging die Treppe hinunter. Auf der Straße riss der Wind an meiner Einkaufstasche. Ich musste Annemarie erzählen, dass es vollbracht war. Und dann wollte ich an der Donau sitzen, auf der Bank bei der Steinernen Brücke, und dem Wasser zusehen, das seit Jahrhunderten dieselbe Richtung floss. Nur die Boote wechselten. Und die Menschen darauf.
Als ich am Ufer stand, klingelte mein Telefon. Es war Thomas. Er sagte, er wolle mich besuchen, ohne Claudia. Ich hörte seine Stimme, als stünde er neben mir.
„Komm vorbei“, sagte ich. „Ich backe einen Zwetschgenkuchen. Aber bring deine Schuhe mit, die neuen. Die müssen eingelaufen werden.“
Ich legte auf und schaute auf den Fluss. Der Kahn war längst weitergezogen. Aber die Möwen kreisten noch über dem Grieser Spitz, und eine davon landete auf dem Geländer neben mir, als wüsste sie, dass ich früher immer Brotkrumen dabeihatte. Ich griff in meine rote Stofftasche, tastete zwischen Portemonnaie und Schlüsselbund – und fand tatsächlich, eingewickelt in Papier, ein Stück vom Brötchen des Morgens. Ich brach es in kleine Stücke und warf sie der Möwe zu, eins nach dem anderen, bis meine Hand leer war.







