Wenn das Sitzen zur stillen Gefahr wird

„Herr Doktor, was ist nach sechzig gefährlicher – Zucker oder Salz?"

Dr. Reinhard Krammer, seit achtzehn Jahren Hausarzt in einer Praxis nahe dem Marktplatz von Freiburg, hatte diese Frage schon oft gehört. Draußen zogen die ersten Regenwolken über die Dächer der Altstadt, im Wartezimmer lief leise das Radio, und Herr Ostermann, sechsundsechzig, pensionierter Bankangestellter, saß ihm gegenüber mit einer Liste von Blutwerten in der Hand.

Krammer schob seine Brille hoch.

„Beides spielt eine Rolle, keine Frage. Aber wenn ich Ihnen die eine Gewohnheit nennen müsste, die den meisten Menschen über sechzig jeden Tag unbemerkt Kraft raubt – dann wäre das weder Zucker noch Salz."

„Sondern?"

„Erzählen Sie mir erst, was letzten Donnerstag passiert ist. Ihre Frau hat mich angerufen."

Ostermann rutschte auf dem Stuhl hin und her, als würde ihn das Sitzen selbst schon stören. „Das war nichts. Ich bin im Café Journal gesessen, hab meinen Kaffee ausgetrunken, wollte aufstehen und zahlen – und bin einfach nicht hochgekommen. Saß da wie festgeklebt, die Beine wollten nicht. Erst beim zweiten Versuch, mit den Händen an der Tischkante."

„Und dann?"

„Dann hat die Kellnerin gefragt, ob alles in Ordnung ist. Vor drei anderen Gästen. Ich hab gesagt, das Knie zwickt, und bin schnell raus." Er drehte die Blätter mit den Blutwerten in der Hand, faltete die obere Ecke um, glättete sie wieder. „Meine Frau meint, ich soll das mal abklären lassen. Ich dachte, es liegt am Zucker. Hab seitdem keinen Kuchen mehr angerührt."

Krammer lehnte sich zurück. „Wie lange saßen Sie in dem Café, bevor Sie aufstehen wollten?"

„Keine Ahnung. Anderthalb Stunden vielleicht. Ich war mit dem alten Brummer da, wir haben über den FC verhandelt, wie jeden Donnerstag."

„Und davor, an dem Tag?"

Ostermann überlegte, den Blick auf die Blutwerte gerichtet, als stünde die Antwort dort. „Frühstück am Küchentisch, dann die Tagesschau-Wiederholung im Sessel. Kreuzworträtsel auf dem Tablet, vielleicht eine Stunde. Mittagessen. Danach bin ich mit dem Hund der Nachbarin raus, zwanzig Minuten, weil mein Foxterrier vor zwei Jahren gestorben ist und ich keinen neuen wollte. Und dann eben ins Café."

„Zwischen dem Mittagessen und dem Café – was war da?"

„Sessel. Zeitung. Ich hab wahrscheinlich zwei Stunden am Stück gesessen, bevor ich losgegangen bin. Und im Café dann nochmal anderthalb."

Krammer nickte langsam und schrieb etwas auf seinen Block, ohne den Blick zu heben. „Herr Ostermann, das mit den Beinen im Café – das war kein Zucker. Das waren Muskeln, die seit Stunden nichts zu tun hatten und dann plötzlich Arbeit leisten sollten."

„Aber ich geh doch jeden Tag mit dem Hund raus. Zwanzig Minuten, manchmal mehr."

„Und das ist gut so. Nur: Zwanzig Minuten Gehen wiegen keine sechs Stunden Sitzen auf. Der Körper legt keinen Vorrat an. Was er heute Vormittag an Bewegung bekommen hat, hilft den Beinen am Nachmittag im Café nicht mehr."

Ostermann schwieg, drehte die Blätter wieder in der Hand.

„Nach sechzig", sagte Krammer, „bauen Muskeln viel schneller ab, wenn sie zu lange stillhalten. Das passiert nicht in einer Woche. Das zieht sich über Jahre – bis man eines Tages in einem Café sitzt und beim Aufstehen merkt, dass die Beine nicht mehr mitziehen. Genau das haben Sie letzten Donnerstag erlebt."

„Vor der Kellnerin", murmelte Ostermann. „Vor dem Brummer. Ich hab so getan, als wär nichts."

„Das kenne ich. Die meisten sagen erstmal, das Knie zwickt."

Er stand auf, ging um den Schreibtisch herum und setzte sich auf die Kante. „Es gibt einen Ausweg, der nicht kompliziert ist. Jede Stunde eine Unterbrechung. Beim Kreuzworträtsel nach zwanzig Minuten aufstehen und die Kaffeemaschine anstellen. Beim Telefonieren durch die Küche laufen statt im Sessel zu sitzen. Im Café mit dem Brummer alle vierzig Minuten kurz zur Theke gehen und nachfragen, wie lange es noch dauert, auch wenn Sie es gar nicht wissen wollen. Nur damit die Beine zwischendurch wieder wissen, was sie tun sollen."

„Das reicht? So simpel?"

„Simpel ja. Leicht durchzuhalten, das ist die andere Frage." Krammer griff nach dem Rezeptblock. „Testen Sie es zwei Wochen. Wenn Sie merken, dass es beim Aufstehen noch klemmt, kommen Sie wieder, dann schauen wir genauer hin – Blutbild, vielleicht die Schilddrüse."

Ostermann steckte die Blutwerte in seine Jackentasche und blieb an der Tür stehen, die Hand schon auf der Klinke. „Und was mach ich mit dem Brummer? Der fragt bestimmt, warum ich ständig zur Theke laufe."

„Sagen Sie ihm, Sie zahlen eine Runde. Das nimmt keiner übel."

Draußen rauschte die nächste Straßenbahn am Fenster vorbei. Ostermann öffnete die Tür, drehte sich noch einmal halb um, als wollte er etwas sagen, ließ es dann aber und ging hinaus ins Wartezimmer, wo das Radio immer noch leise lief.

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