Ludwig Brenner hatte diese Kassette drei Jahre lang in einer Zigarrenkiste liegen. Nicht versteckt, aber auch nicht gezeigt. Man wusste in Leipzig 1987 nie genau, wer zuhörte, wenn man ein Lied über die eigene Heimat schrieb, das nicht nach der vorgeschriebenen Liebe zum Staat klang, sondern nach etwas Eigenem, Ungenehmigtem.
Er war Toningenieur beim Rundfunk, hatte tagsüber Nachrichtensendungen zusammengeschnitten und abends, in der kleinen Wohnung am Connewitzer Kreuz, mit einer geliehenen Gitarre und einem Kassettenrecorder dieses eine Stück aufgenommen. Der Kühlschrank in der Küche nebenan brummte während der ganzen Aufnahme mit, man hört es noch heute, wenn man genau hinhört, ein leises Vibrieren unter der zweiten Strophe. Seine Nachbarin klopfte damals gegen die Wand, weil sie um halb elf noch die Gitarre hörte, und er spielte trotzdem zu Ende.
Der Text hatte eine Zeile, die ihm selbst Sorgen bereitete: "Unsere Flamme ist noch nicht erloschen." Wer die verbotenen alten Lieder kannte, die man nur noch aus Erzählungen der Großeltern kannte, erkannte darin sofort einen Anklang. Brenner wusste das. Er zeigte die Aufnahme niemandem, bis sein alter Studienfreund Matthias Vogt, der beim Sender als Musikredakteur arbeitete, eines Abends bei ihm zu Besuch war, eine Flasche Rotkäppchen-Sekt mitbrachte, weil er Geburtstag hatte, und beiläufig fragte, ob Ludwig in letzter Zeit noch etwas Eigenes geschrieben habe.
Ludwig zögerte. Dann legte er die Kassette ein.
Vogt sagte lange nichts, drehte nur sein Glas in der Hand. Schließlich fragte er, ob er das Band mitnehmen dürfe, um es "einem Kollegen vorzuspielen". Der Kollege war Reiner Kessler, stellvertretender Chefredakteur der Morgensendungen. Kessler hörte es sich zweimal an, in seinem Büro mit der Espressomaschine, die immer klemmte, und sagte dann etwas, das Vogt nie vergaß: "Das kriegen wir nie durch die Redaktionskonferenz."
Also warteten sie. Der eigentliche Chefredakteur, ein vorsichtiger Mann namens Dr. Ahrens, der jede Playlist persönlich absegnete, fuhr im Frühjahr 1988 für zehn Tage zu einer Dienstreise nach Moskau. Kessler nutzte die Gelegenheit. Er ließ das Band remastern, notdürftig, mit dem billigen Bandgerät im Schnittraum drei, und plante es für die Morgensendung ein — jenes Format, das um sieben Uhr die Pendler auf dem Weg zur Arbeit erreichte.
Er legte den Titel so, dass er exakt um 7:58 Uhr enden würde, zwei Minuten vor dem Zeitzeichen, als letzter Programmpunkt vor den Nachrichten. Kein Zufall. Ein Song, der die Hörer mit einem Gefühl entließ, bevor irgendjemand eingreifen konnte.
Die Telefone klingelten den ganzen Vormittag. Nicht mit Beschwerden — mit Fragen, wer das gesungen habe, ob es das Lied noch einmal geben würde, ob man die Aufnahme kaufen könne. Als Dr. Ahrens zehn Tage später zurückkam und von der Sache erfuhr, saß er eine Stunde mit geschlossener Tür in seinem Büro. Dann kam er heraus und sagte nur, man solle eine ordentliche Studioversion produzieren. Mehr nicht.
Aus den zwei Minuten Instrumentalteil wurde später sogar die Erkennungsmelodie einer Sendereihe. Und im selben Jahr, kaum zu glauben, lief eine gekürzte Fassung sogar einmal im Vorabendprogramm des DDR-Fernsehens, in einer Musiksendung, deren Redakteure offenbar nicht genau wussten, was sie da programmiert hatten — oder es genau wussten und es trotzdem taten.
Ludwig selbst erfuhr von alldem zunächst nur aus zweiter Hand. Er stand an diesem Morgen an der Straßenbahnhaltestelle Bayrischer Platz, es nieselte, ein Rentner neben ihm hatte das Autoradio eines wartenden Trabant so laut gestellt, dass die halbe Haltestelle mithörte — und erkannte die eigene Stimme erst, als die zweite Strophe kam. Er stieg nicht in die Bahn ein. Er blieb einfach stehen, die Aktentasche in der Hand, und hörte sich selbst zu, wie einem Fremden.
Ein Jahr später stand er auf einer kleinen Bühne in Erfurt, bei einem Straßenmusikfestival, das die Stadtverwaltung mehr geduldet als genehmigt hatte, und sang das Lied außer Konkurrenz, weil die Jury sich nicht traute, es offiziell zu bewerten. 1989 erschien es schließlich auf einer Kassette, die ein kleines Label in Hannover presste — der Vertrieb lief über einen westdeutschen Cousin von Vogt, der die Bänder im Kofferraum seines Opel Kadett über die Grenze brachte, versteckt unter einer Kiste mit gebrauchten Schallplatten.
Die eigentliche Anerkennung kam erst nach der Wende. 1994, bei der ersten freien Kommunalwahl in Leipzig, sang eine junge Chorleiterin namens Petra Reimann das Lied vor dem Alten Rathaus, spontan, mit einem kleinen Kassettenrecorder als Begleitung, weil die geplante Band nicht rechtzeitig aufgebaut hatte. Zwei Jahrzehnte später, 2015, brachte eine Leipziger Indie-Band namens Federleicht eine reduzierte, fast folkige Coverversion heraus, nur Gitarre und Stimme, aufgenommen in einer alten Fabrikhalle in Plagwitz. 2018 folgte eine Rockband aus Halle mit einer schnelleren, elektrischen Fassung samt Musikvideo, das am Tag der Deutschen Einheit veröffentlicht wurde. Und in einer Castingshow sang 2019 ein Sechzehnjähriger namens Jonas Wechsler die Ballade in der Live-Show, mit brechender Stimme bei der letzten Zeile, und gewann am Ende die Staffel.
Ludwig Brenner ist heute vierundsiebzig. Er lebt noch immer in Leipzig, mittlerweile in Gohlis, in einer Altbauwohnung mit einem Balkon voller Geranien, um die sich seine Frau kümmert, während er in der guten Stube das alte Tonbandgerät repariert, das ihm niemand wegnehmen will, obwohl es längst kaputt ist.
Als ihn ein Lokalradio-Journalist letztes Jahr fragte, warum er in den vierzig Jahren danach nur noch neun weitere Lieder veröffentlicht habe, obwohl er nach eigener Aussage über hundertfünfzig geschrieben hat, holte er keine Antwort aus dem Kopf. Er stand auf, ging zum Schrank im Flur, zog eine Kiste mit beschrifteten Kassetten heraus — jede mit Datum, jede ungehört seit Jahrzehnten — und sagte, während er den Deckel wieder schloss: "Die anderen waren nicht fertig. Man merkt es, wenn ein Kind noch nicht laufen kann. Man stellt es nicht einfach auf die Straße."







