Sonnenschirm-Deal: Wie Meike Brandts für 2,80 Euro Pfand einen Rechtsstreit gewann

Der Regen kam schräg von der Alster, trieb über den Innenhof der Wohnanlage in Hamburg-Winterhude und ließ die Markise vor dem Café an der Ecke flattern wie ein nasses Segel. Meike Brandts stand mit dem Müllwagen der Hausverwaltung zwischen den Mülltonnen, in orangefarbener Warnweste, als der silberne Porsche Cayenne rückwärts aus der Tiefgarage schoss und ihr die Sackkarre unter den Füßen wegriss.

Sie fiel nicht — sie sprang zur Seite, das Kinn schlug gegen den Tonnendeckel, und der Geschmack von Blut mischte sich mit dem von nassem Metall. Die Fensterscheibe des Cayenne surrte herunter.

„Sind Sie blind? Wissen Sie, was so eine Stoßstange kostet?"

Karin Vossberg, fünfzig, Perlenkette über dem cremefarbenen Blazer, den Ehering ihres Mannes Holger Vossberg — Inhaber von Vossberg Bauträger GmbH — so groß, dass er beim Gestikulieren am Lenkrad klackte. Sie war auf dem Weg zu ihrem Friseurtermin in der Milchstraße gewesen. Jetzt saß sie fest zwischen zwei Mülltonnen und einer Frau in Arbeitskleidung, die sich nicht rührte.

Meike wischte sich das Blut vom Kinn, zog aus der Innentasche ihrer Weste eine laminierte Karte und ging auf das Auto zu, statt zurückzuweichen.

„Ich bin nicht wegen der Stoßstange hier, Frau Vossberg. Ich bin die vorläufige Insolvenzverwalterin der Vossberg Bauträger GmbH. Und die Kaskoversicherung für diesen Wagen wurde vor genau elf Minuten vom Kreditinstitut storniert."

Der Wind drehte, und mit ihm der Geruch: nasses Laub, kalter Asphalt, aus der Kellerluke des Nachbarhauses drang Rührei-Duft, irgendwo bellte der Dackel vom vierten Stock, der sonst nur beim Postboten anschlug. Ein ganz gewöhnlicher Dienstagmorgen im November, bis auf das, was jetzt kam.

Karin erstarrte, die Hand noch auf dem Lederlenkrad. „Was reden Sie da für einen Unsinn?"

„Ihr Mann geht seit sechs Uhr fünfzehn nicht mehr ans Telefon. Um sieben Uhr vierzig hat das Finanzamt Hamburg-Nord sämtliche Geschäftskonten der Holding sperren lassen. Achtzehn Komma sechs Millionen Euro offene Forderungen von Subunternehmern — Trockenbauer, Elektriker, drei Handwerksbetriebe aus Bergedorf, die seit April auf ihr Geld warten."

„Sie lügen." Karins Stimme kippte ins Schrille. Sie öffnete die Tür, stieg aus, die Absätze ihrer Stiefeletten versanken sofort in der Pfütze. Der beigefarbene Trenchcoat sog sich sofort mit Wasser voll. „Wissen Sie überhaupt, wer mein Mann ist?"

„Ich weiß es genau." Meike richtete sich auf. Der nasse Blaumann zog an den Schultern, aber sie stand fest. Aus der Brusttasche zog sie ein zweites Dokument, mit dem roten Stempel des Amtsgerichts Hamburg. „Holger Vossberg, Geschäftsführer der Vossberg Bauträger GmbH. Gesamtforderungssumme: achtzehn Millionen sechshunderttausend Euro. Ab heute null Uhr sind alle Verfügungen über das Firmenvermögen unwirksam — Paragraph 21 der Insolvenzordnung."

Ein nervöses Lachen entfuhr Karin. Sie riss die Handtasche von der Schulter, kramte einen Umschlag heraus, den sie eigentlich für den Friseur bereithielt, zog Scheine heraus und warf sie Meike vor die Füße, direkt in die schmutzige Pfütze.

„Zweihundert Euro. Für die Weste und eine Salbe für Ihr Kinn. Und jetzt aus dem Weg, bevor ich die Polizei rufe."

Die Scheine sogen sich sofort mit dem grauen Regenwasser voll. Meike sah nicht einmal hin.

Ein paar Passanten blieben stehen, ein Mann mit Aktentasche zückte sein Handy, eine Joggerin in Regenjacke verlangsamte den Schritt. Aus dem geöffneten Fenster über der Bäckerei lief leise das Nachrichtenradio, irgendwas über die Deutsche Bahn und Verspätungen.

„Das ist doch absurd!" Karin trat einen Schritt näher, ihr Zeigefinger zitterte. „Mein Mann hat die besten Anwälte der Stadt. Bis heute Abend sind Sie Ihren Job los."

„Ihr Mann hat gerade ein größeres Problem als mich." Meike steckte die Dokumente zurück. „Das Bordsystem hat die Kaskoversicherung dieses Wagens automatisch storniert, weil auf dem Geschäftskonto keine Deckung mehr vorhanden ist. Sie fahren also gerade ohne gültige Versicherung — und haben eben eine Amtsperson im Dienst touchiert."

„Sie spinnen." Aber Karins Hände zitterten schon, als sie zurück zum Wagen stolperte. Die Tür fiel mit einem dumpfen Schlag zu. Der Motor heulte auf, unter den Hinterrädern spritzte Wasser hoch. Sie legte den Rückwärtsgang ein, wollte um jeden Preis aus der engen Hofeinfahrt raus.

Meike wich keinen Zentimeter zurück. Sie stand still, drei Meter vor dem Kühlergrill.

Da kam es — ein metallisches Kreischen unter dem Wagenboden. Die beim Zusammenstoß beschädigte Kraftstoffleitung riss unter dem Druck endgültig durch. Benzin spritzte auf den heißen Auspuffkrümmer. Ein dumpfer Knall ließ den ganzen Hof erzittern, schwarzer Rauch quoll unter der Motorhaube hervor, Sekunden später schlugen orangerote Flammen durch die Ritzen der Stoßstange.

„Raus aus dem Auto! Jetzt!" Meike war schon bei der Fahrertür, riss sie auf, noch bevor die Zentralverriegelung reagieren konnte. Karin, wie gelähmt, ließ sich am Arm herausziehen, stolperte rückwärts über die Bordsteinkante, während der Cayenne hinter ihr in Flammen aufging. Die Hitze trieb die kleine Menschentraube auseinander, jemand rief nach der Feuerwehr, der Dackel vom vierten Stock bellte jetzt wie am Spieß.

Karin saß auf der nassen Treppe vor dem Hauseingang, Mascara in schwarzen Bahnen über die Wangen, der Trenchcoat ruiniert, und starrte auf das brennende Auto, als würde es ihr ganzes Leben verbrennen. Vielleicht tat es das auch.

Die Feuerwehr aus Winterhude war neun Minuten später da, löschte den Wagen bis auf ein verkohltes Gerippe. Die Polizei nahm Karins Aussage auf — und stellte dabei fest, dass tatsächlich keine gültige Versicherung mehr bestand. Ein Strafzettel kam noch am selben Tag.

Zwei Wochen später saß Meike in ihrem Büro am Steintorweg, sechster Stock, Blick auf die Binnenalster, die im Spätherbstlicht grau und ruhig dalag. Auf dem Schreibtisch lag der Aktenordner „Vossberg Bauträger GmbH — Insolvenzverfahren", daneben eine Excel-Tabelle mit den Namen der wartenden Handwerksbetriebe.

Holger Vossberg saß ihr gegenüber, ohne Krawatte, das Hemd am Kragen zerknittert. Karin daneben, diesmal ohne Perlenkette, die Hände im Schoß gefaltet.

„Es gibt einen Weg, das zu regeln", sagte Holger leise. „Wenn Sie ein bisschen Zeit geben, kann ich—"

„Die Zeit ist abgelaufen, Herr Vossberg." Meike schob ihm einen Vertrag über den Tisch. „Das Grundstück in Bergedorf, das noch nicht belastet ist — es geht in die Insolvenzmasse. Die Firma Reintke Trockenbau bekommt daraus vierhunderttausend Euro, die ihr seit April zustehen. Die restlichen Handwerksbetriebe folgen nach Rangliste."

Karin öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Kein Wort kam.

Meike zog ein weiteres Blatt hervor — die Freigabeerklärung für das private Konto, das noch auf Karins Namen lief, unberührt von der Sperre, weil es ihr allein gehörte. „Das hier bleibt Ihnen. Was Sie damit machen, ist Ihre Sache. Aber die Firma gehört jetzt den Gläubigern."

Sie tippte auf ihrem Tablet die Kontonummer der Firma Reintke Trockenbau ein und bestätigte die erste Überweisung — vierhunderttausend Euro, die elf Monate lang auf einer Mahnliste gestanden hatten. Auf dem Bildschirm blinkte kurz die Bestätigung, dann verschwand sie.

Draußen vor dem Fenster fuhr die Alsterfähre gemächlich am Anleger vorbei, ein grauer Fleck auf grauem Wasser. Karin stand auf, sah sich noch einmal im Büro um, als suchte sie etwas, das ihr gehören sollte — und ging, ohne dass jemand ihr die Tür aufhielt.

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