Um Viertel nach elf stand Markus schon im Türrahmen, das Handy in der Faust, und sein Gesicht hatte diese Farbe wie die Wand in unserem Flur, die wir letzten Herbst gestrichen hatten und die im Baumarkt "Vanilleweiß" hieß, in Wirklichkeit aber einfach grau war, sobald die Lampe an war.
— Was hast du getan? — Seine Stimme kippte auf der zweiten Silbe. — Mama stand an der Kasse bei Edeka, wollte ein Brot zahlen, und die Karte ging nicht durch. Vor der ganzen Schlange. Frau Bertram stand direkt hinter ihr.
Ich saß auf der Bettkante und hatte die Schuhe noch an den Füßen, weil ich seit sechs Uhr morgens im Krankenhaus Schichtdienst gemacht hatte und eigentlich nur duschen und schlafen wollte. Stattdessen das hier.
— Markus, setz dich. Ich erklär's dir. Aber du hörst zu, ganz.
— Ich höre doch! Erklär mir, was das für eine Nummer war, hinter meinem Rücken!
Vor zwei Monaten hatte er mich gebeten, für seine Mutter Ingrid eine Zweitkarte zu unserem Girokonto einzurichten. Ich hatte nicht mal gezögert — meine eigene Mutter in Rendsburg bekommt seit Jahren monatlich etwas von uns, das war für mich normal, keine große Sache.
Aber dann, an einem Sonntag im Juni, waren wir bei Ingrid zum Kaffee, und ich wollte Milch für den Kuchen aus ihrem Kühlschrank holen. Ich öffnete die Tür — und blieb einfach so stehen, mit der Hand am Griff. Eine angebrochene Packung H-Milch, ein Viertel Margarine, eine Scheibe Gouda in Folie. Das war's. Dabei bekam Ingrid eine ordentliche Rente, für ihre Verhältnisse in Gelsenkirchen-Buer sogar eine gute, plus unsere monatliche Überweisung.
— Sie ist halt sparsam, — hatte Markus damals nur gesagt, den Mund voll Streuselkuchen.
— Sparsam? — Ich zog später am Abend mein Handy raus und zeigte ihm die Kontoauszüge, die ich mir online angeschaut hatte. — Dann guck dir das an. Letzten Monat wurde von der Zweitkarte ständig Bargeld abgehoben. Nicht einmal im Monat, nicht eine große Summe — drei-, viermal die Woche. Rossmann, die Apotheke am Markt, dann wieder Bargeld, wieder Bargeld.
Insgesamt war mehr Bares verschwunden, als für Lebensmittel und Medikamente überhaupt draufgegangen sein konnte.
Markus nahm mir das Handy aus der Hand, scrollte, und seine Sicherheit bekam einen Riss.
— Vielleicht legt sie was zurück?
— Wofür? Leute, die sparen, machen das anders. Das hier sah aus, als würde ständig jemand kleine Beträge aus ihr rausziehen.
Ich zog noch keine Schlüsse. Ich wollte nur nachsehen. Am Freitag hatte ich früher Feierabend, kaufte im Rewe an der Ecke ein und fuhr zu Ingrid, die Tüten in beiden Händen. Ich klingelte lang. Als sie endlich aufmachte, im Bademantel, mit einem Geschirrtuch über der Schulter, wusste ich sofort, warum es so lange gedauert hatte.
Aus dem Wohnzimmer kam Sabine — Markus' Schwester. In einem ausgeleierten Jogginganzug, die Haare zu einem losen Knoten hochgesteckt, den Fernseher im Hintergrund noch auf RTL. Sie bewegte sich durch die Wohnung, als würde sie dort schon ewig leben, nicht wie ein Gast, der auf der Durchreise ist.
Ich machte keine Szene. Ich räumte die Lebensmittel in den Kühlschrank, trank einen Kaffee aus Ingrids geblümten Tassen, die noch aus der DDR-Zeit ihrer eigenen Mutter stammten, und fuhr wieder heim. Auf der Fensterbank stand ein vertrockneter Weihnachtsstern, den niemand mehr goss.
Abends fragte ich Markus:
— Ist deine Schwester bei eurer Mutter eingezogen?
Er brummte nur: — Übergangsweise. Bis sie was Neues findet.
Übergangsweise. Seit fünf Wochen. Und genau das ließ mich hellhörig werden: Sabine war exakt eine Woche nachdem wir die Karte eingerichtet hatten, bei Ingrid eingezogen.
— Ist das Zufall? — Ich schaute Markus an, ohne meine Wut noch zu verstecken. — Deine Schwester hat gemerkt, dass bei eurer Mutter plötzlich Geld da ist, und zapft es seitdem an. Häppchenweise. Regelmäßig.
Markus verspannte sich. — Woher willst du wissen, dass sie nicht wirklich Jobs sucht?
— Weil ich noch mal hingefahren bin. Dienstags, mittags. Und sie war wieder da. Im gleichen Jogginganzug. Saß am Küchentisch und hat sich die Nägel lackiert, so ein billiges Rot von dm. Ich fragte, wie's mit der Jobsuche läuft, und sie winkte bloß ab: "Ach, wer will mich schon."
Ich hätte am liebsten geschrien. Weil seine Mutter mit leerem Kühlschrank dasaß, sich schämte, ihrer eigenen Tochter mal "nein" zu sagen — und eine erwachsene Frau einfach auf ihre Kosten lebte, während draußen der Sonnenschirm auf dem Balkon seit dem Frühjahr eingeklappt in der Ecke stand, weil Ingrid ihn nicht mal mehr aufstellen mochte, zu müde für so was.
— Wir helfen doch Mama, — sagte Markus leise.
— Nein. Wir geben Geld, das Sabine sich holt.
Er versuchte es noch einmal anzuzweifeln. Da öffnete ich weitere Bilder.
— Guck. Das ist Sabines Instagram. Ein Café am Kennedyplatz, das teuerste in der Stadt, Flat White für viereinhalb Euro. Weißt du, wann das Foto gemacht wurde? Einen Tag vor der nächsten Bargeldabhebung von Mamas Karte. Und das ist nicht der einzige "Zufall".
Markus starrte stumm auf den Bildschirm. Sein Gesicht wurde blasser.
Ich sprach jetzt fast im Flüsterton, aber jedes Wort wog schwer:
— Deine Mutter war die letzten Jahre kaum irgendwo außer beim Hausarzt. Und das Geld verschwindet. Unser Geld. Das, was wir geben, damit sie ordentlich isst, ihre Tabletten kauft und nicht jeden Cent zweimal umdrehen muss.
Markus sackte auf den Stuhl am Bettrand und legte die Hände vors Gesicht. Draußen fuhr die letzte Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof, das Quietschen der Schienen drang gedämpft durchs gekippte Fenster.
Dann hob er den Kopf, die Stimme rau: — Und was mach ich jetzt? Sie ist doch meine Schwester.
— Das ist deine Entscheidung, was du mit Sabine machst, — sagte ich. — Meine ist getroffen. Die Zweitkarte ist ab morgen gesperrt.
Er sah mich an, als hätte ich etwas Unerhörtes gesagt. — Und wovon soll Mama dann leben?
— Von genau dem Betrag, den wir ihr geben. Nur eben nicht mehr über eine Karte, die Sabine genauso greifen kann wie sie. Ich richte ihr ein eigenes Konto ein, ohne Zweitkarte für sonst wen. Das Geld geht direkt drauf, jeden Monat, dreihundertfünfzig Euro, wie bisher. Sie hebt es selbst ab, wenn sie will. Niemand sonst.
Am Samstagmorgen fuhren wir gemeinsam zur Sparkasse in Buer, Markus mit einem Aktenordner unterm Arm, in dem Ingrids Ausweiskopie, die alte Kontokarte und das gekündigte Vollmachtformular steckten. Ingrid saß daneben auf dem Plastikstuhl, die Hände im Schoß gefaltet, und sagte kein Wort, während die Sachbearbeiterin die neue Karte über den Tresen schob.
Sabine erfuhr es am selben Abend, als sie versuchte, am Automaten in der Horster Straße hundertfünfzig Euro abzuheben und die Karte einfach nicht mehr funktionierte. Sie rief bei Ingrid an, dann bei Markus, dann klingelte sie eine halbe Stunde später bei uns unten an der Haustür, im selben Jogginganzug, das Handy noch in der Hand.
— Was soll der Scheiß mit der Karte? — fragte sie, kaum dass ich die Tür einen Spalt geöffnet hatte.
— Die Karte gehört zu unserem Konto, — sagte ich. — Und das Geld, das wir eurer Mutter geben, ist für sie. Für Brot, für ihre Blutdrucktabletten, für den Friseur alle sechs Wochen. Nicht für Flat White am Kennedyplatz.
Sie wollte etwas erwidern, holte Luft — aber hinter mir stand Markus, den Aktenordner noch immer unterm Arm, und sagte nur: — Sabine, geh heim zu Mama. Aber morgen fahrt ihr beide zusammen zum Amt und meldet dich für die Wohnungssuche an. Ich helf dir bei der Bewerbung. Aber von der Karte lässt du die Finger.
Sie drehte sich um und ging, ohne ein weiteres Wort, die Treppe runter, die Absätze ihrer Hausschuhe klackten auf dem Fliesenboden im Treppenhaus.
Ingrid rief zwei Tage später an, ihre Stimme klang zum ersten Mal seit Monaten nicht müde. Sie hatte sich vom eigenen Geld ein Kilo Kirschen gekauft und den Sonnenschirm auf dem Balkon wieder aufgestellt.







