Sie trat in die Falle – und stellte ihm die Quittung

An diesem Sonntag roch der Wald nach Freiheit und Moder. Ich war allein, nur mein altes Pilzmesser mit dem Freiburger Stadtwappen in der Tasche. Der Nordschwarzwald hing voller feuchter Schwaden, das Laub vom Vorjahr glitschig unter den Sohlen. Dann, in einer Senke voller verdorrter Brombeerranken, sah ich es: ein schneeweißer Schlangenleib, der sich immer wieder in dasselbe unsichtbare Hindernis warf.

Irgendein Idiot hatte eine Angelschnur quer durchs Gebüsch gespannt. Das Tier – eine Albino-Schlange, wie ich später erfuhr – hatte sich darin verwickelt, so heftig, dass sich das Nylon bei jeder Drehung tiefer in die Schuppen schnitt. Es zappelte nicht aggressiv, nur verzweifelt. Ich kannte die Regel: Finger weg von allem, was du nicht kennst. Aber Wegsehen und weitergehen war in diesem Moment keine Option.

Ich kniete mich ins feuchte Moos, klappte das Messer auf und hielt mit der linken Hand die Schnur straff, während ich mit der rechten Millimeter für Millimeter durchtrennte. Meine Finger waren klamm, der Kratzer von einem Dorn brannte, aber ich murmelte vor mich hin, hauptsächlich um mich selbst zu beruhigen. Nach ein paar Minuten gab die letzte Faser nach. Die Schlange glitt mit einem einzigen fließenden Zug davon, kein Fauchen, kein Zischen – einfach weg.

Ich atmete aus und richtete mich auf. Gleich würde ich zum Parkplatz zurücklaufen, mir im Auto die Hände desinfizieren und diesen Trip unter ‚unnötigste Rettungsaktionen des Jahres‘ abhaken. Genau da hörte ich das Keuchen.

Ein Mann in einer speckigen Lederjacke stapfte den Hang herunter, eine leere Transportbox unter dem Arm. Er war schweißgebadet, rot im Gesicht. „Hey! Du hast meine Schlange freigelassen! Die war über zweitausend Euro wert! Die zahlt du jetzt – bar, oder ich hol die Polizei!“

Mein Gehirn brauchte zwei Sekunden, um zurückzuschalten. Der Kerl behauptete, das sei sein privates Zuchttier, das ihm kurz vorher aus dem Auto gerutscht sei. Und er meinte das ernst. Er war schon dabei, seine Geldbörse zu zücken, als wolle er mir die Summe vorrechnen.

Ich griff in meine Jackentasche. Nicht nach Geld. Sondern nach meinem Smartphone. Während der ganzen Aktion hatte ich, ohne groß nachzudenken, ein kurzes Video laufen lassen – ursprünglich für die Wandergruppe, um die Verrücktheit zu dokumentieren. Jetzt drückte ich auf ‚Teilen‘, gab die Mailadresse der örtlichen Polizeiwache ein und tippte auf Senden. Das Video zeigte eindeutig, dass die Schlange in einer wilden Schlinge hing, kilometerweit vom nächsten Haus entfernt, und dass dort nirgends ein Terrarium stand.

Der Mann riss die Augen auf, als er das Display sah. Seine Wut kippte in pures Entsetzen. „Bist du verrückt? Wenn die erfahren, dass ich die nicht angemeldet hab, nehmen die mir alle Tiere weg! Dafür krieg ich ein Bußgeld, das ruinier ich mich!“

„Dann sollten Sie jetzt einen Anwalt anrufen“, sagte ich, und meine Stimme war ruhig, obwohl mein Puls hämmerte.

Eine halbe Stunde später stand ein Streifenwagen auf dem Waldparkplatz. Kurz darauf kam auch eine Frau von der Unteren Naturschutzbehörde, die an diesem Wochenende Bereitschaft hatte. Der Polizist sah sich das Video an, stellte dem Mann ein paar Fragen und bat um die Genehmigung. Der hatte nichts. Keine Papiere, kein Sachkundenachweis, keine Registrierung. Die Beamtin füllte einen Bogen aus und erklärte ihm, dass er mit einem Bußgeld von fünftausend Euro rechnen müsse – zusätzlich werde die gesamte Haltung überprüft.

Ich verabschiedete mich, bevor der Mann mich noch einmal ansprechen konnte. Im Wagen warf ich das Pilzmesser ins Handschuhfach. Es hatte einen Sprung in der Klinge, aber ich beschloss, es nicht wegzuwerfen. Der Parkplatz leerte sich langsam, und als ich den Motor anließ, sah ich im Rückspiegel, wie der Mann immer noch neben seinem leeren Kasten stand und dem Kombi der Amtsträger hinterhersah – fünftausend Euro ärmer und mit dem Wissen, dass ich das Video niemals löschen würde.

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Sie trat in die Falle – und stellte ihm die Quittung