Der Sonnenschirm auf der Terrasse

— Renate, bist du zu Hause? — Die Stimme kam vom Gartentor, und ich erkannte sie sofort: Bärbel, meine Nachbarin seit fünfundzwanzig Jahren. Ich trat aus der Küche auf die Terrasse. Bärbel stand mit zwei vollen Einkaufstaschen vom Rewe an der Hecke, den Rock voller Grasflecken, und in ihrem Gesicht war etwas, das ich lange nicht gesehen hatte — eine kaum zu bändigende Aufregung.

— Bin da, Bärbel, komm rein. Warum stehst du auf der Straße rum?

— Nur kurz, ich wollte fragen, wie's dir geht. Ist Klaus wieder unterwegs?

— Irgendwo, wie üblich. — Ich lehnte mich an den Türrahmen und spürte den Wind vom Neckar, der über den Rasen strich. — Den Rasenmäher hat er stehen lassen, mitten auf halbem Weg. Ich sag schon gar nichts mehr, hat ja keinen Sinn.

Der Nachbarshund von den Meiers, ein alter Dackel namens Fritz, trottete an der Hecke vorbei und schnüffelte an Bärbels Einkaufstasche, als hätte er dort etwas gerochen. Sie schob ihn mit dem Fuß sanft zur Seite.

— Renate, hör zu. — Sie kam näher, die Stimme jetzt leiser, fast verschwörerisch. — Ich hab eine Neuigkeit. Aber erschrick nicht. Der Uwe ist bei mir zu Besuch. Er hatte geschäftlich in der Stadt zu tun, ist auf einen Tag vorbeigekommen.

Etwas in meiner Brust zog sich zusammen, so fest, dass ich nach Luft schnappen musste. Ich griff nach dem Türrahmen.

— Uwe? Hier?

— Sitzt gerade bei mir im Garten, unter meinem großen Sonnenschirm, dem roten, erzählt von seinem Leben. Hat eine eigene Firma, ist verheiratet, hat schon Enkelkinder. Aber nach dir hat er gefragt. Gleich als Erstes — wie es dir geht, ob alles in Ordnung ist.

— Was hast du ihm gesagt? — Meine Stimme brach, und ich spürte, wie mir das Blut ins Gesicht schoss.

— Was sollte ich sagen? Dass du an der Realschule unterrichtest, dass die Mädchen erwachsen sind und ausgezogen sind. Renate, er will dich sehen. Nur kurz Hallo sagen. Komm mit rüber, wir decken gerade den Tisch fürs Abendessen.

— Wie soll ich denn so kommen, Bärbel? Schau mich an. Ich bin nicht mal richtig angezogen, und nachher muss ich noch die Hühner füttern… Und Klaus kann jeden Moment zurückkommen.

— Lass die Hühner doch für eine Stunde! Uwe fährt heute Abend schon wieder zurück. Wann seht ihr euch sonst noch mal?

Ich stand da mit der Hand auf der kalten Türklinke und dachte an einen Sommer vor achtundzwanzig Jahren, als Uwe mit dem Motorrad seines Vaters vor unserem Haus in Ludwigsburg vorgefahren war und mich zum Tanz in die Stadthalle mitgenommen hatte. Damals hatte ich geglaubt, wir würden heiraten. Dann kam sein Studium in München, dann sein Schweigen, dann — nach zwei Jahren ohne ein einziges Wort — die Nachricht, dass er eine andere geheiratet hatte. Ich hatte Klaus genommen, weil er da war, weil er fragte, weil das Dorf erwartete, dass eine Frau mit sechsundzwanzig nicht länger allein bleibt.

— Gut, — sagte ich schließlich. — Gib mir zehn Minuten.

Ich zog das blaue Kleid an, das ich seit dem Schulfest im Mai nicht mehr getragen hatte, band die Haare zurück und ging über den schmalen Trampelpfad zwischen unseren Grundstücken zu Bärbels Garten. Der Duft von gegrilltem Fleisch hing in der Luft, irgendwo lief leise das Radio, Nachrichten vom SWR.

Uwe saß unter dem roten Sonnenschirm, ein Bierglas vor sich, und als er mich sah, stand er auf. Er war grauer geworden, hatte um die Augen mehr Falten, aber die Art, wie er den Kopf leicht schräg hielt, wenn er jemanden ansah — die hatte sich nicht verändert.

— Renate.

— Uwe.

Wir setzten uns, Bärbel brachte Teller, redete über dies und das, über den Sommer, über die Ernte, während Uwe und ich uns gegenübersaßen wie zwei Menschen, die nicht wissen, wo sie anfangen sollen. Er erzählte von seiner Firma für Fensterbau in Stuttgart, von seiner Frau Sabine, von den zwei Enkeln. Ich erzählte von der Schule, von meinen Töchtern Jana und Miriam, die eine in Köln, die andere in Hamburg.

— Und Klaus? — fragte er schließlich, und in seiner Stimme lag keine Häme, nur eine ehrliche Frage.

— Klaus ist Klaus, — sagte ich und lachte, aber es klang hohl.

Als es dunkel wurde, brachte mich Uwe bis zum Gartentor. Wir standen dort, wo vor achtundzwanzig Jahren sein Motorrad gestanden hatte, und er sagte etwas, das ich seit Wochen mit mir herumtrage: dass er es bereue, nie geschrieben zu haben, dass er zu feige gewesen sei, mir die Wahrheit über seine Heirat direkt zu sagen, dass er all die Jahre gedacht habe, ich hätte ein glückliches Leben.

Ich sagte nichts dazu. Ich strich mit dem Daumen über den Türgriff des Gartentors, dort, wo der Lack schon vor Jahren abgeblättert war, und ging zurück zu meinem Haus. Im Garten stand der Rasenmäher immer noch genau dort, wo Klaus ihn stehen gelassen hatte, mit einem Handtuch über dem Sitz gegen den Tau. Klaus selbst kam erst nach elf zurück, roch nach Zigaretten und dem Bier, das er sich beim Stammtisch im "Krug" jeden Donnerstag gönnte, obwohl draußen August war.

— Wo warst du so lang? — fragte er, ohne mich richtig anzusehen, während er die Schuhe auszog.

— Bei Bärbel. Es gab Besuch.

Er zuckte nur mit den Schultern, ging ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher ein. Kein Wort mehr. Genau wie immer.

In dieser Nacht lag ich wach neben einem Mann, der seit Jahren nicht mehr fragte, wie mein Tag gewesen war, der die Hälfte der Arbeit im Garten liegen ließ, weil sie ihm "keinen Spaß" mache, der glaubte, dass eine warme Mahlzeit auf dem Tisch und ein Dach über dem Kopf genug seien, um eine Ehe am Leben zu halten. Ich zählte die Risse in der Zimmerdecke, die ich seit Jahren nicht hatte streichen lassen, und dachte an Uwe, der nach achtundzwanzig Jahren als Erstes gefragt hatte, ob es mir gut gehe.

Am nächsten Morgen, während Klaus noch schlief, setzte ich mich an den Küchentisch, wo die Kaffeetasse von gestern noch stand, ungespült, mit einem Rand aus getrocknetem Milchschaum, und holte den Ordner mit unseren Papieren aus der Kommode. Das Haus stand seit der Erbschaft von meiner Mutter allein auf meinen Namen — ein Umstand, den Klaus nie gestört hatte, solange er darin wohnen und leben konnte, wie es ihm passte. Ich rief meine Anwältin an, Frau Dr. Brenner aus Ludwigsburg, mit der ich seit dem Streit um das Erbe meiner Mutter vor drei Jahren zu tun hatte, und vereinbarte einen Termin für den Nachmittag.

Als Klaus aufwachte und in die Küche kam, saß ich schon angezogen da, den Ordner vor mir auf dem Tisch, die Autoschlüssel in der Hand.

— Was ist los? — fragte er, halb noch im Schlaf.

— Ich fahre zu Frau Dr. Brenner. Wegen der Scheidung.

Er lachte kurz, ein trockenes, ungläubiges Lachen. — Wegen was? Weil der Uwe zu Besuch war? Renate, sei doch nicht kindisch.

— Es geht nicht um Uwe, Klaus. Es geht darum, dass ich seit zwölf Jahren allein diesen Haushalt trage, allein die Rechnungen im Kopf behalte, allein zur Elternsprechstunde gehe, während du beim Frank am Stammtisch sitzt. Das Haus gehört mir. Ich werde es nicht länger mit jemandem teilen, der es nicht einmal für nötig hält, den Rasen fertig zu mähen.

Er stand in der Tür, die Hand noch am Türrahmen, und sagte nichts mehr. Ich fuhr zu Frau Dr. Brenner und unterschrieb die ersten Papiere.

Zwei Tage später kam der Schlüsseldienst aus der Stuttgarter Straße, ein junger Mann mit einer Ledertasche voller Werkzeug, der binnen zwanzig Minuten das alte Schloss an der Gartenpforte gegen ein neues austauschte. Er reichte mir zwei frisch geschnittene Schlüssel, noch mit scharfen Kanten, die sich kühl und ungewohnt in meiner Hand anfühlten. Ich steckte einen davon sofort in die Tasche meiner Kittelschürze, den zweiten legte ich in die Schublade der Kommode, zu den Papieren.

Klaus zog zu seinem Bruder nach Bietigheim, mit zwei Koffern und dem alten Werkzeugkasten, den er sich nie die Mühe gemacht hatte aufzuräumen. An dem Nachmittag, als er die Koffer aus dem Flur trug, blieb an der Wand neben der Garderobe ein heller Rechteckfleck zurück, dort, wo jahrelang sein Anglerposter gehangen hatte. Ich stellte am Abend die Kommode ein Stück zur Seite, sodass der Fleck verdeckt war, und ging hinaus in den Garten.

Der Rasenmäher stand noch immer auf halbem Weg, das Handtuch längst vom Tau durchnässt. Ich zog es weg, hängte es über den Zaun zum Trocknen, setzte mich auf den Sitz und mähte die restliche Fläche zu Ende, Reihe für Reihe, bis der ganze Rasen gleichmäßig kurz war und in der Abendsonne wie frisch gebürstet aussah.

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