Als Ingrid Bühler an diesem Samstagvormittag die Wohnungstür öffnete, stand eine schwangere Frau vor ihr, die redete, als würde sie ein bestelltes Paket abholen, keinen fremden Ehemann.
„Klaus sagt, Sie leben schon lange wie Mitbewohner zusammen. Ich komme bald ins Klinikum, also lassen Sie uns das friedlich regeln, ohne Theater."
Bis vor wenigen Minuten hatte der Samstag Ingrid nur Ruhe versprochen. Die Kinder waren aus dem Haus, endlich beide: der Sohn hatte seine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker in Stuttgart begonnen, die Tochter studierte seit dem Wintersemester in Leipzig. Die Dreizimmerwohnung in Mannheim-Neckarau war zum ersten Mal seit fünfundzwanzig Jahren leer, und Ingrid hatte sich vorgenommen, den Tag mit Klaus im Schrebergarten zu verbringen, den Sonnenschirm aufzustellen, vielleicht Rhabarberkuchen zu backen. Klaus war früh los, angeblich zur Werkstatt in der Seckenheimer Straße — Ölwechsel, Bremsbeläge, das Übliche.
Und dann klingelte Jasmin. Die Trainerin aus dem Fitnessstudio am Neckarauer Übergang, wo Klaus seit einem halben Jahr Mitglied war. Sie legte ein Ultraschallbild und einen Mutterpass mit Stempel auf die Anrichte im Flur, neben die Schale mit den Autoschlüsseln.
Ingrid arbeitete seit Jahren als Praxismanagerin bei einem Facharzt für Innere Medizin am Marktplatz. Solche Dokumente kannte sie auswendig. Ein Irrtum war ausgeschlossen.
Jasmin sprach ruhig, fast wie bei einer Terminvergabe. Männer bräuchten eben „Feuer", und Klaus habe ihr oft erzählt, wie ausgelaugt er sei, wie eintönig sein Leben geworden sei. Sie wolle das Kind nicht ohne Vater großziehen, deshalb solle Ingrid ihn „ohne Streit gehen lassen".
Ingrids Mund wurde trocken. Die Geräusche aus dem Treppenhaus, ein bellender Hund zwei Stockwerke tiefer, das Surren des Aufzugs — alles klang, als käme es durch Wasser zu ihr. Sie stand auf, ohne ein Wort zu sagen, und deutete zur Tür. Etwas in ihrem Gesicht ließ Jasmin verstummen, die Papiere zusammenraffen und hinauseilen, so hastig, dass sie den Mutterpass fast liegen ließ.
Als die Tür ins Schloss fiel, kehrte die Stille zurück. Aber es war nicht mehr die Stille des Zuhauses. Es war die Stille nach einem Schlag.
Ingrid setzte sich an den Küchentisch, auf dem noch die Wachstuchdecke mit den kleinen Kornblumen lag, die sie vor Jahren auf dem Wochenmarkt gekauft hatte. Vor ihrem inneren Auge zogen zweiundzwanzig Ehejahre vorbei. Windeln, durchwachte Nächte, Elternabende, die abbezahlte Eigentumswohnung, Nudeln mit Butter am Monatsende, Campingurlaube am Bodensee, damit für Nachhilfestunden noch Geld übrig blieb. Sie hatten gewartet, bis die Kinder groß waren. Hatten gedacht: dann beginnt unsere Zeit. Klaus aber hatte offenbar beschlossen, ein anderes Leben zu beginnen — mit neuen Laufschuhen, einer Sporttasche, Abendtrainings und einer jungen Trainerin, die ihn bewunderte.
Am Abend kam er heiter nach Hause, pfiff eine Melodie vor sich hin und trug eine Schachtel aus der Konditorei am Marktplatz. Windbeutel mit Vanillecreme — ihre Lieblingssorte.
„Warum sitzt du im Dunkeln? Schlecht drauf? Ich hab dir was Süßes mitgebracht. In der Werkstatt war heute eine Riesenschlange, ich kam kaum durch."
Ingrid stand auf, schaltete den Wasserkocher ein, holte zwei Tassen aus dem Schrank. Dann fragte sie leise:
„Und, wie geht's Jasmin? Und eurem Kind?"
Die Schachtel rutschte ihm aus den Händen. Der Deckel sprang auf, die Creme verschmierte sich auf dem Karton und dem Küchenboden. Klaus wurde blass.
„Ingrid, was redest du da? Welche Jasmin? Wer hat dir so einen Unsinn erzählt?"
„Sie war heute Vormittag hier. Hat einen Mutterpass mitgebracht. Hör auf zu lügen."
Die Pause danach war kaum auszuhalten. Dann brach das Geständnis heraus, ein schmutziger Wortschwall: ein Fehler, eine Midlife-Crisis, „der Teufel hat mich geritten", er habe die Familie nie verlassen wollen. Er versuchte näherzukommen, redete jämmerlich, verhaspelte sich, suchte Ausreden. Als er merkte, dass es nichts brachte, wurde er plötzlich angriffslustig.
„Und was hast du erwartet? Schau dich doch an. Immer müde, immer nur Arbeit, Kochtöpfe, Putzen. Du siehst mich doch gar nicht mehr als Mann an. Ich bin für dich wie ein Möbelstück. Mir hat das Feuer gefehlt, das Leben hat mir gefehlt!"
Diese Worte trafen härter als der Verrat selbst. Ingrid sah den Mann an, mit dem sie mehr als zwei Jahrzehnte gelebt hatte, und erkannte zum ersten Mal nicht den vertrauten Menschen, sondern jemanden, der jahrelang von ihrer Kraft gezehrt und ihr nun die eigene Lüge zum Vorwurf gemacht hatte. Sie dachte an die Nachtschichten in der Praxis, mit denen sie den Kindern das Studium mitfinanziert hatte. Daran, wie sie den Haushalt gestemmt hatte, während er sich „erholte". Daran, dass ihre Erschöpfung ihm als Rechtfertigung gedient hatte.
Klaus redete weiter, rechtfertigte sich, wurde wütend, wartete auf Tränen, auf ein Drama, auf irgendetwas, woran er sich hätte festhalten können. Ingrid aber blieb still, wischte mit einem Lappen die Cremespur vom Boden, faltete ihn zusammen und legte ihn neben die Spüle.
Am Montag ging sie in ihrer Mittagspause zu einer Fachanwältin für Familienrecht in der Breite Straße, deren Kanzlei sie schon lange kannte, weil eine Kollegin dort einmal beraten worden war. Die Eigentumswohnung stand auf beide Namen, das war das eine. Aber das Sparbuch mit den zweiundvierzigtausend Euro, das sie über Jahre aus ihrem eigenen Gehalt angelegt hatte, ohne dass Klaus je einen Cent dazugetan hatte, lief allein auf ihren Namen. Sie ließ sich schriftlich bestätigen, dass dieses Konto ihr Eigenvermögen war und in eine Scheidung nicht als gemeinsames Gut einfließen würde.
Am Mittwoch ließ sie das Schloss der Wohnungstür austauschen, während Klaus bei der Arbeit war. Der Schlüsseldienst in der Rheinauer Straße erledigte es in zwanzig Minuten. Sie legte einen neuen Schlüssel in einen Umschlag, dazu einen Zettel mit der Adresse der Anwältin und dem Termin für das Erstgespräch zur Scheidung, den sie bereits für ihn mitvereinbart hatte. Den Umschlag klebte sie an die Außenseite der Tür, auf Augenhöhe, dort, wo er ihn beim Ankommen nicht übersehen konnte.
Als Klaus abends vor der verschlossenen Tür stand und mehrfach klingelte, blieb es drinnen still. Er rief auf ihrem Handy an. Sie ließ es klingeln, bis es von selbst verstummte, und stellte in aller Ruhe den Sonnenschirm zusammen, den sie am Morgen doch noch in den Schrebergarten gebracht hatte, weil sie beschlossen hatte, den Nachmittag dort allein zu verbringen, mit einem Stück Rhabarberkuchen und einer Thermoskanne Kaffee, während zwei Meisen sich an der Vogeltränke stritten, die ihre Tochter ihr vor Jahren zum Muttertag geschenkt hatte.







