„Franzi, du isst ja gar nichts." Bettina Hartmann beugte sich über den Tisch, ihre Ringe klackten gegen das Weinglas. „Nimm dir vom Braten. Klaus braucht was Anständiges im Magen, nicht immer nur Salat aus deinen Tupperdosen."
„Danke, Bettina, ich bin satt." Ich zwang mir ein Lächeln ab, das sich anfühlte wie eingetrocknetes Marzipan. „Hab in der Werkstatt schon was gegessen."
Klaus saß neben mir und drehte sein Bierglas im Kreis, ohne mich anzusehen. Er hatte sich den ganzen Abend seltsam benommen — lachte zu laut über die Witze seines Onkels Peter, checkte alle fünf Minuten sein Handy, rieb sich die Handflächen. Als seine Mutter aufstand, um die Teller in die Küche zu tragen, folgte er ihr hastig. Auf dem Rückweg streifte er die Tischdecke, und aus seiner Jackentasche fiel ein schwerer Gegenstand auf die Dielen des Ludwigsburger Reihenhauses.
Es klimperte gegen das Stuhlbein. Ich bückte mich schneller als er. Direkt neben meinem Schuh lag ein Schlüsselbund an einem dicken Ring, dazu ein kleiner silberner Anhänger — ein grau glasierter Ton-Vogel, den ich selbst vor vier Jahren getöpfert hatte, als wir gerade unsere erste Kfz-Werkstatt in Bietigheim eröffneten. Das waren die Schlüssel zu meiner leerstehenden Zwei-Zimmer-Wohnung in der Schorndorfer Straße. Den Satz hatte ich Klaus vor drei Wochen gegeben, damit er kontrolliert, ob der Handwerker die Küchenfliesen ordentlich verlegt.
„Gib her." Klaus riss mir den Bund aus den Fingern, sein Gesicht bekam sofort rote Flecken. „Bin irgendwie ungeschickt heute. Die Tasche hat ein Loch."
„Warum hast du die Schlüssel überhaupt mitgebracht?" fragte ich leise und wischte mir die Finger an der Serviette ab. „Morgen ist Werktag, wolltest du danach vorbeifahren?"
„Ja, genau." Er stopfte den Bund tief in die Hosentasche und suchte mit den Augen seine Mutter. „Die Steckdose im Flur muss noch geprüft werden. Mama meinte, ich soll das Werkzeug von Onkel Peter holen. Vergiss es einfach."
Bettina kam mit einer riesigen Sahnetorte aus der Bäckerei zurück, deren Cremerosen in der Zimmerwärme schon leicht zerliefen. Sie strahlte, als hätte sie im Lotto gewonnen. Vanessa, ihre dreiunddreißigjährige Tochter, saß mir gegenüber, umarmte plötzlich ihre Mutter und sagte, für alle hörbar: „Mama, du bist die Beste. Ohne dich würden Leon und ich immer noch in dieser feuchten Bude bei Fremden hocken. Jetzt wird alles anders."
Die Verwandtschaft murmelte zustimmend, Onkel Peter hob sein Glas. Ich schaute zu Klaus. Er studierte angestrengt das Muster der Tapete hinter meinem Kopf. In mir breitete sich ein ungutes, klebriges Gefühl aus, wie Zugluft aus einem Keller.
„Na dann — auf ein neues Leben!" rief Bettina und sah mich dabei triumphierend an. „Dass jeder sein eigenes, ehrliches, familiäres Plätzchen hat. Ohne Groll!"
Ich sagte nichts. Stellte nur die unberührte Kaffeetasse zurück auf die Untertasse.
Drei Tage später kam ich gegen halb elf abends von der Werkstatt nach Hause. Im Flur unserer Mietwohnung roch es nach fremdem Essen. Auf dem Schuhregal standen Bettinas Gartengummistiefel, verkrustet mit Erde vom Schrebergarten. Sie selbst war schon weg, aber auf dem Küchentisch stapelten sich Einmachgläser mit sauren Gurken, jedes mit einem handgeschriebenen Etikett.
Klaus saß am Laptop und klickte lustlos herum.
„Mama war da?" Ich zog den Mantel aus, jede Bewegung schmerzte im Rücken. „Ohne Bescheid zu sagen? Ich hab doch gesagt, ich bin gerade in der Buchhaltungswoche, ich komm völlig fertig heim."
„Ach komm, Franzi." Er drehte sich nicht mal um. „Die Frau hat aus reiner Nächstenliebe die Gläser mit dem Bus quer durch die Stadt geschleppt. Hättest ruhig mal Mitleid mit einer alten Frau. War nur fünf Minuten da, hat die Schlüssel abgegeben."
„Welche Schlüssel?"
„Na die von der Schorndorfer Straße. Die ich ihr dagelassen hab, als ich das Werkzeug geholt hab. Vergessen?"
Ich ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank. Reste von gestrigem Flammkuchen, eine angebrochene Milchpackung. Mir wurde flau. Ich erinnerte mich, dass ich vor zwei Wochen bemerkt hatte, jemand hätte die Farbeimer im Wohnzimmer umgestellt. Damals dachte ich, das war der Handwerker beim Aufräumen. Ich hatte einfach geschwiegen. Es war leichter, nicht nachzufragen, weil gerade die dritte Filiale in Vaihingen anstand und mein Kopf voll war mit Mietverträgen und Regalbestellungen.
„Klaus wird schon wissen, warum er da was verschoben hat", dachte ich damals. Ein dummer, müder Fehler. Der Fehler eines erschöpften Menschen, dem es leichter fällt, wegzuschauen, als eine Auseinandersetzung anzufangen.
Am Samstag fuhren wir zum Einkaufen. Klaus fuhr, die Stirn in Falten, wechselte ständig die Spur ohne Blinker.
„Franzi, hör mal", begann er, als wir im Stau auf der B27 standen. „Vanessa hat gestern wieder geweint. Der Vermieter erhöht die Miete für das WG-Zimmer von 480 auf 620 Euro. Und der Unterhalt vom Ex bringt gerade mal 300 im Monat. Dazu die ständigen Extrakosten im Kindergarten, mal für Vorhänge, mal fürs Bastelmaterial."
„Und was will sie machen?"
„Lass sie doch was dazuverdienen. Sie sitzt eh nur halbtags in der Bücherei."
„Wie soll das gehen mit kleinem Kind?" Klaus riss genervt am Lenkrad. „Du urteilst nach dir selbst. Du bist unsere Geschäftsfrau, knallhart. Vanessa ist anders, sensibel, zart. Mama schläft nachts nicht mehr ihretwegen, der Blutdruck geht hoch. Wir sind eine Familie, Franzi. Dir läuft's gut, drei Standorte, du hast den Kredit für den Golf ein halbes Jahr früher abbezahlt. Man könnte auch mal menschlich sein."
„Menschlich wie genau?" Ich sah ihn an. „Ich kauf Leon jede Saison neue Klamotten. Zum Geburtstag hab ich Vanessa hundert Euro geschenkt. Was schulde ich noch?"
„Keiner sagt, dass du was schuldest", brummte er, den Blick aufs Handy geheftet. „Manche haben's dick, manche haben nix. Lass gut sein. Mit dir kann man über sowas eh nicht reden."
Abends rief Bettina an. Ich saß mit dem Laptop auf dem Sofa, glich Belege ab für eine Lieferung Ersatzteile — irgendwo fehlten 900 Euro, mein Kopf brummte.
„Franzi, mein Schatz." Bettinas Stimme troff vor Süße. „Wie geht's dir denn? Schuftest du wieder zu viel in deinen Werkstätten? Du musst auf dich achten, du bist ja unser Ein und Alles."
„Hallo, Bettina. Alles gut. Was gibt's?"
„Ach nichts, ich hab nur Streuselkuchen gebacken, Klaus meinte, den magst du. Wollt ich fragen — fahrt ihr morgen zur Schorndorfer Straße? Der Handwerker Metin ist doch fertig, oder? Sieht bestimmt schick aus jetzt, geräumig."
„Ist fertig", sagte ich, während sich in mir ein dünner Draht spannte. „Wir fahren morgen nicht hin. Ich lass nächste Woche eine Reinigungsfirma kommen, danach vermiete ich die Wohnung. Ich brauch das Geld, ich hab ein Lager in Vaihingen im Auge, für die Werkstatterweiterung."
Am anderen Ende blieb es lange still. Ich hörte Bettina scharf ausatmen, im Hintergrund klapperte Geschirr.
„Vermieten also." Ihre Stimme wurde trocken, flach wie Pappe. „An Fremde also. Dann machen die wieder alles dreckig, rauchen, ruinieren dir die neue Tapete. Lohnt sich das überhaupt, wegen dem bisschen Geld?"
„450 Euro im Monat sind kein bisschen Geld, Bettina. Das ist reiner Gewinn, den ich reinvestiere."
„Na dann." Sie hüstelte kurz, giftig. „Unsere Geschäftsfrau eben. Gut, ruh dich aus. Den Kuchen ess ich dann selbst, wenn euch nicht mal danach ist, was die Mutter kocht."
Sie legte auf. Ich schaute zu Klaus, der im Schlafzimmer lag und so tat, als würde er ein Video auf seinem Handy anschauen. Der Bildschirm warf ein helles Rechteck an die Schranktür. Ich wollte hingehen, fragen, warum seine Mutter so auf meine Pläne mit meinem eigenen Eigentum reagiert. Aber für den nächsten zähen Streit fehlte mir die Kraft. Ich klappte den Laptop zu und legte mich hin, die Decke bis über den Kopf gezogen.
Am Mittwoch ging Klaus früher zur Arbeit und ließ seine Arbeitsjacke auf dem Flurschrank liegen — die schwere mit den vielen Taschen, die er im Lager trug. Er hatte stattdessen die leichte Windjacke angezogen, weil es plötzlich warm geworden war. Bevor ich losging, wollte ich seinen Garagenschlüssel aus der Jacke in meine Tasche umpacken, damit er nicht rumliegt. Meine Finger stießen auf ein Stück steifes Papier in der Seitentasche. Ich zog es raus, dachte, es wäre ein alter Tankstellenbon.
Es war eine Quittung vom Schlüsseldienst „Schlüssel-Express" in der Stuttgarter Straße. Datum: letzter Donnerstag. Unter „Leistung" stand: „Anfertigung von drei Sicherheitsschlüsseln nach Abdruck." Summe: 78 Euro. Unterschrift: Klaus' hingekritzelter Schriftzug.
Zusammen mit der Quittung fiel ein schmaler Kassenbon von XXXLutz heraus. Liefertermin: kommenden Samstag, also morgen. Die Lieferadresse stand in klaren schwarzen Buchstaben darauf: „Schorndorfer Straße 22, Wohnung 14." Empfängerin: „Bettina H." Auf der Liste: eine graue Schlafcouch, eine Malm-Kommode, ein Kinderschreibtisch mit Rabatt.
Ich stand in dem leeren Flur, die Papiere in der Hand. Draußen hupte jemand, ein Nachbar knallte die Autotür zu. 78 Euro für Schlüssel. Möbel für die Schorndorfer Straße. Mein Mann hatte Kopien meiner Wohnungsschlüssel machen lassen, sie seiner Mutter gegeben, und die beiden hatten hinter meinem Rücken meine Wohnung eingerichtet.
Meine Hände zitterten nicht. Es war eine seltsame, kalte Leere in mir, wie in der Werkstatt nach Feierabend, wenn das große Neonlicht aus ist und nur die Notbeleuchtung brennt.
Ich steckte die Bons sorgfältig in mein eigenes Portemonnaie, direkt neben Ausweis und Grundbuchauszug, den ich seit dem Vermietungsvorhaben immer bei mir trug. Ich rief Klaus nicht an. Schrieb keine wütende WhatsApp. Ich fuhr zur Werkstatt, kontrollierte die neue Reifenlieferung mit meiner Kollegin Yasmin und setzte mich an den Schreibtisch.
Gegen 14 Uhr kam eine Nachricht von Klaus in unserem Chat: „Franzi, bleib heut Abend länger mit den Jungs an der Garage, Metins Auto ist kaputt, Motor muss zerlegt werden. Wird spät, mach dir keine Sorgen."
Ich tippte zurück: „Alles klar. Viel Erfolg mit der Reparatur."
Dann rief ich die Reinigungsfirma an, die für nächste Woche gebucht war.
„Guten Tag, hier ist Franziska Berger. Können Sie die Grundreinigung in der Schorndorfer Straße vorziehen, auf heute Abend? Ja, es ist dringend. Ich zahl den Express-Zuschlag. 60 Euro? In Ordnung, ich erwarte Ihr Team um 17 Uhr."
Als ich vor dem Haus ankam, stand schon der weiße Transporter der Reinigungsfirma da. Die Frauen in blauen Overalls schleppten Eimer und Industriestaubsauger rein. Ich ging in den vierten Stock, schloss mit meinem eigenen Schlüssel auf. In der Wohnung roch es nach frischer Farbe und Kleber. Im Wohnzimmer, mitten auf dem frisch verlegten Laminat, stapelten sich drei riesige Kartons mit dem Logo von XXXLutz. Die Couch war schon aufgebaut — offenbar hatten die Lieferanten einen eigenen Schlüssel gehabt. Eine graue, billige Cordcouch nahm die ganze Wand am Fenster ein.
„Wo sollen wir zuerst putzen?" fragte die Vorarbeiterin und stellte den Wischmopp in den Flur.
„Fangt in der Küche an", sagte ich und ging ins kleine Zimmer. „Den Flur bitte auch gründlich, hier ist nur Baustaub."
Ich setzte mich auf die Fensterbank. Draußen dämmerte es über der Reihenhaussiedlung, auf dem Spielplatz schaukelte eine junge Mutter eine leere Schaukel an. Mein Handy vibrierte. Bettina rief an.
„Franzi, hallo nochmal!" Ihre Stimme troff wieder vor Zuckerguss. „Habt ihr morgen um 16 Uhr Zeit? Wir wollen ein kleines Familienessen machen. Es gibt einen schönen Anlass, richtig festlich! Vanessa backt einen Kuchen, Onkel Peter kommt auch vorbei. Kommt bitte, wir feiern richtig."
„Wo denn, Bettina? Im Restaurant?"
„Wieso Restaurant, nur Geld verschwenden!" Sie lachte kurz, triumphierend. „Vor Ort seht ihr's schon. Die Adresse schick ich per SMS. Klaus kennt den Weg. Kommt einfach, ohne deine Ausreden aus dem Betrieb. Wir warten!"
Sie legte auf. Eine Minute später kam die SMS mit der Adresse: „Schorndorfer Straße 22, Wohnung 14. Nicht zu spät kommen!"
Ich steckte das Handy in die Manteltasche. Zog den zweiten Schlüsselbund raus, den ich morgens aus Klaus' Jacke genommen hatte. An dem dicken Ring baumelte derselbe silberne Anhänger mit dem grauen Ton-Vogel, den ich einmal selbst geformt hatte. Der Vogel war grau, mit einem leicht verlaufenen Flügel — ich hatte damals die Trocknungszeit vor dem Brennen nicht abgewartet. Jetzt wirkte dieser Anhänger auf mich wie ein Kennzeichen für eine fremde, dreiste Übergriffigkeit in meinem Leben. Ich löste ihn vom Ring und steckte ihn tief in meine Handtasche, zu den Dokumenten.
Am Samstag um 16 Uhr war es laut vor Wohnung 14 in der Schorndorfer Straße. Ich stieg die Treppe hoch, ohne Aufzug, atmete gleichmäßig. Durch die angelehnte Metalltür drang Bratengeruch und Onkel Peters lautes Lachen. Ich schob die Tür auf und trat ein.
Im Flur stand auf meinem neuen Fußabtreter schon ein Berg fremder Schuhe: Bettinas ausgetretene Pumps, Vanessas billige Sneaker, Onkel Peters schwere Arbeitsstiefel. Im Wohnzimmer, um einen Küchentisch herum, den sie offenbar vom Schrebergarten mitgebracht hatten, saß die ganze Verwandtschaft. Auf meiner neuen grauen Couch lümmelte der fünfjährige Leon mit einem Tablet und wischte mit klebrigen Fingern über den Stoff.
Bettina stand mitten im Raum in ihrem besten Kleid mit Glitzerfäden. Als ich hereinkam, verstummte das Lachen für eine Sekunde, dann breitete Bettina die Arme aus.
„Da ist ja Franzi! Unsere Geschäftsfrau ist da!" rief sie den Verwandten zu. „Komm, setz dich, Franzi. Wir richten uns hier gerade so schön ein. Siehst du, wie gut die Couch passt? Als wär sie immer schon da gewesen!"
Ich blieb im Türrahmen stehen, den Mantel noch an.
„Was passiert hier, Bettina?" fragte ich. Meine Stimme klang überraschend ruhig, ohne jede Hysterie.
Bettina erstarrte kurz, setzte dann aber sofort ihr mildes, mütterlich-weises Gesicht auf. Sie ging zu Vanessa, die mit gesenktem Kopf dasaß, die Handtasche fest umklammert.
„Franzi, warum tust du so fremd?" Bettina lächelte herablassend, als spräche sie zu einem unvernünftigen Kind. „Ist doch alles klar. Vanessa ist mit dem Kleinen endlich aus der feuchten WG raus. Wir haben gestern die Sachen rübergebracht. Klaus hat beim Schrankaufbau geholfen. Deine Wohnung stand doch leer, schöne Renovierung, Metin hat gute Arbeit gemacht. Sollen doch nicht Fremde für ein Butterbrot da einziehen, oder? Familie hilft Familie. Wir haben Vanessa halt eine kleine Einweihungsfeier gemacht. Ganz privat, im Familienkreis."
Klaus wandte sich hastig ab und studierte plötzlich mit besonderem Eifer das Muster der Tischdecke. Onkel Peter räusperte sich in die Faust und starrte aus dem Fenster.
„Klaus", rief ich. „Sieh mich an."
Er drehte sich nicht um. Nur seine Schultern zuckten.
„Franzi, musst du jetzt vor allen eine Szene machen?" Bettina zog die Stirn kraus, ihre Stimme bekam den vertrauten Befehlston einer, die als Verwaltungsangestellte im Landratsamt zwanzig Jahre lang andere herumkommandiert hat. „Setz dich doch einfach hin. Wir haben das alles menschlich geregelt. Vanessa zahlt dir Miete, ehrlich, jeden Cent! Sie überweist am Ersten des Monats, hat ja jeder Online-Banking. Vanessa steht allein mit dem Kind da, in einer fremden Bude, und du hast drei Werkstätten, verdienst dir das locker nach! Du hast weder Katze noch Kind, wozu brauchst du dieses Riesenhaus?"
Ich machte drei Schritte auf den Tisch zu. Die Verwandtschaft verstummte. Selbst der fünfjährige Leon hörte auf, aufs Tablet zu tippen, und sah mich an.
„Ich habe Vanessa nicht erlaubt, hier zu wohnen", sagte ich und sah Bettina direkt in die Augen. „Und Klaus habe ich nicht erlaubt, über meine Schlüssel zu verfügen. Das ist meine Wohnung. Auf meinen Namen eingetragen, gekauft mit meinem Geld — sechs Jahre bevor ich diese Familie überhaupt kannte."
„Wie redest du denn?" Bettina schnaufte scharf, ihr Gesicht lief rot an. „Wir haben das für dich mit reinem Herzen gemacht! Ich rette Vanessa, mir blutet das Herz, ich kann nicht schlafen, wenn mein Enkel in dieser Absteige zwischen Trinkern aufwächst! Du bist herzlos, Franzi. Denkst nur an deine Ersatzteile, an deinen mickrigen Gewinn! Klaus hat's erlaubt, er ist doch hier der Ehemann, oder? Er darf wohl mitreden in der Familie!"
„In dieser Wohnung hat er nichts mitzureden." Ich wandte mich an Vanessa. „Steh auf, bitte."
Vanessa zuckte zusammen, sah ängstlich zu ihrer Mutter.
„Steh auf und gib mir den Schlüsselbund, den Klaus dir gegeben hat", wiederholte ich, die Hand ausgestreckt.
„Mama…", stammelte Vanessa und drückte sich gegen die Stuhllehne.
„Wag es ja nicht!" fuhr Bettina dazwischen, stellte sich zwischen mich und ihre Tochter. „Sie gibt dir gar nichts! Klaus, sag doch was! Was sitzt du da wie ein Häufchen Elend, während man deine Mutter und Schwester rausschmeißt?"
Klaus hob endlich den Kopf. Sein Gesicht war grau, elend, die Lippen zitterten.
„Franzi… können wir das nicht später besprechen, zu Hause?" sagte er leise, fast wimmernd. „Warum vor allen… Mama wollte doch nur Vanessa helfen. Nur vorübergehend, bis Leon in die Schule kommt, dann ziehen sie wieder aus. Jetzt mach doch nicht so eine—"
Ich hörte nicht weiter zu. Ging um Bettina herum, streckte die Hand aus und zog den schweren Schlüsselbund aus Vanessas halb offener Jackentasche. Die Schlüssel klimperten. Es waren die drei Duplikate vom Schlüsseldienst in der Stuttgarter Straße.
„Fertig", sagte ich und steckte den Bund in meine Handtasche. „Die Feier ist vorbei. Onkel Peter, helfen Sie Bettina, die Sachen vom Tisch zu räumen. Vanessa, nimm dein Kind und pack. In einer halben Stunde soll hier niemand mehr sein."
„Das kannst du nicht—" Bettina rang nach Luft, ihre gespielte Sicherheit einer Frau, die gewohnt war, über andere zu bestimmen, fiel in sich zusammen wie ein Luftballon mit einem Loch.
Es wurde still. Bettina starrte mich an, mit aufgerissenen Augen, in denen zum ersten Mal in all den Jahren echter Schock lag. Sie fand kein einziges Wort.
Ich drehte mich um und ging zur Tür. An der Schwelle blieb ich stehen, ohne mich umzudrehen.
„Klaus, die Schlüssel zu unserer Mietwohnung legst du auf die Kommode. Deine Sachen packe ich heute Abend und stelle sie in den Flur. Mit jemandem, der mir Schlüssel klaut, um seiner Mutter zu gefallen, lebe ich nicht mehr zusammen."
Ich verließ die Wohnung und zog die Tür fest hinter mir zu. Die Schritte auf den Betonstufen hallten scharf und trocken nach.
Der Schlüsseldienst kam etwa vierzig Minuten nach meinem Anruf. Der Mann legte sein Werkzeug schweigend im Flur aus, nahm einen neuen Zylinder aus der Originalverpackung und begann zu arbeiten. Das metallische Schleifen beruhigte irgendwie.
Die Verwandtschaft war fünfzehn Minuten zuvor gegangen. Sie waren still die Treppe runter, hintereinander, Onkel Peter trug die zusammengelegte Tischdecke, Bettina führte den verstummten Leon an der Hand. Klaus ging als Letzter, mit Vanessas Tasche. Er sah mich kein einziges Mal an.
Ich saß auf der Fensterbank im kleinen Zimmer. In der leeren Wohnung roch es noch nach Putzmittel und ein bisschen nach dem gebratenen Hähnchen, das Bettina in einer Plastikbox auf der Küchenfensterbank vergessen hatte.
„Fertig, gnädige Frau", sagte der Schlüsseldienst-Mann und stand auf, wischte sich die Hände am Lappen ab. „Hier fünf neue Schlüssel. Die alten können Sie wegwerfen, die passen jetzt nirgendwo mehr. Macht 210 Euro."
Ich zahlte per Sofortüberweisung mit dem Handy. Der Mann packte sein Werkzeug ein, verabschiedete sich höflich und zog die schwere Tür hinter sich zu.
Ich blieb allein. Ging in die Küche, nahm die Hähnchenbox und warf sie in den Mülleimer unter der Spüle. Hinterher flog die halbleere Kräuterlikörflasche, die Onkel Peter vergessen hatte. Ich rückte das Handtuch am Heizkörper zurecht.
Dann öffnete ich meine Handtasche, holte die Dokumente aus dem Innenfach und nahm den kleinen silbernen Anhänger mit dem grauen Ton-Vogel heraus — den, den ich vom Bund meines Mannes abgezogen hatte. Der Vogel war unperfekt, mit dem verlaufenen Flügel, überzogen von feinen Brandrissen. Ich legte ihn auf die leere Fensterbank im Wohnzimmer. Auf dem grauen Kunststoff der Fensterbank wirkte der Vogel klein und einsam.
Aber das war sein Platz. Mein Platz.
Ich trat ans Fenster. Draußen war es dunkel, nur eine Laterne vor dem Hauseingang warf schwaches Licht auf die Ecke einer alten Garage. Am nächsten Tag musste ich zur neuen Filiale in Vaihingen, die Lieferung von Bremsscheiben abnehmen und den Dienstplan durchgehen. Es gab viel zu tun.
Zwei Wochen später fand ich in der Post einen Brief von Klaus. Kein Anruf, keine SMS — ein handgeschriebener Brief, wie aus einer anderen Zeit. Ich las ihn einmal, faltete ihn wieder zusammen und legte ihn in die Schublade neben die Scheidungsunterlagen, die ich bereits bei der Notarin in der Wilhelmstraße hinterlegt hatte. Die Wohnung in der Schorndorfer Straße vermietete ich zum Ersten des nächsten Monats an ein junges Paar aus Marbach, das dort einziehen wollte, sobald der Mietvertrag unterschrieben war. 450 Euro monatlich, Kaution zwei Monatsmieten, überwiesen auf mein eigenes Konto, das nur meinen Namen trug.







