Die Katze, die siebzehn Jahre lang schnurrte

Ich hätte nie gedacht, dass ein Sonntagnachmittag im November so enden würde. Draußen nieselte es gegen die Küchenfenster, und im Backofen brutzelte der Rinderbraten, den ich seit dem frühen Morgen vorbereitet hatte. Klara lag auf ihrem Stammplatz neben der Heizung im Wohnzimmer, die Pfoten unter den Körper gezogen, den Schwanz locker um sich gelegt.

Um halb eins hörte ich den Schlüssel in der Tür. Nicht Martins Schlüssel — den hatte er ja selbst. Es war der Zweitschlüssel, den seine Mutter Irene vor elf Jahren einfach behalten hatte. Damals hatte ich nichts gesagt. Wir waren frisch verheiratet, ich wollte keine Spannungen.

Irene kam herein wie immer: Mantel auf den Haken im Flur, Taschen auf die Kommode, die Augen sofort durch die Wohnung wandernd. Ihre Schwester Brigitte folgte ihr mit eingezogenem Kopf, so wie sie es immer tat.

„Es riecht wieder nach Tier", sagte Irene statt einer Begrüßung.

Ich trat aus der Küche, noch mit der Schürze um den Hals. Klara hatte sich beim Geräusch der Tür nicht gerührt — mit siebzehn Jahren hörte sie kaum noch etwas, und die Augen waren milchig geworden. Sie schlief einfach weiter.

„Guten Tag, Irene. Brigitte. Der Braten ist gleich fertig."

Irene sah an mir vorbei ins Wohnzimmer. „Martin! Hast du das Fenster heute überhaupt geöffnet? Man bekommt ja keine Luft hier drin."

Martin saß auf dem Sofa, die Füße auf dem Couchtisch, das Handy in der Hand. Er zuckte mit den Schultern. „Hab ich, Mama."

Irene ging ins Wohnzimmer, blieb neben Klara stehen. „Und das Vieh liegt immer noch mitten im Weg."

Ich biss mir auf die Innenseite der Wange. Klara war kein Vieh. Sie war die Katze, die ich mit neun Jahren aus einem Pappkarton an der Bushaltestelle in der Steinstraße geholt hatte. Die Katze, die auf meinem Bett schlief, als meine Eltern sich scheiden ließen. Die Katze, die mich begrüßte, wenn ich nachts von der Spätschicht im Krankenhaus kam, egal um welche Uhrzeit.

„Sie schläft nur", sagte ich. „Ich bringe sie gleich ins Schlafzimmer."

„Das wird ja auch langsam Zeit."

Ich wollte mich schon bücken, da holte Irene mit dem Fuß aus. Es war kein kräftiger Tritt, eher ein Stoß mit der Schuhspitze. Aber Klara war alt und leicht. Sie rutschte über den Laminatboden und stieß mit der Hüfte gegen das Tischbein. Ein dünner, klagender Laut kam aus ihrer Kehle.

Ich hörte das Blut in meinen Ohren rauschen.

„Was hast du gerade gemacht?", fragte ich. Meine Stimme klang selbst in meinen Ohren fremd.

Irene drehte sich halb um. „Was denn? Das Tier hätte mir beinahe die Beine zerkratzt."

„Sie hat dich nicht angefasst. Sie hat geschlafen."

Brigitte stand noch im Durchgang zum Flur und presste ihre Handtasche mit beiden Händen gegen den Bauch. Martin legte das Handy zur Seite.

„Katrin", sagte er. „Reg dich nicht auf."

Ich ging zu Klara, hob sie hoch. Sie zitterte. Ihr Herz schlug so schnell, dass ich es durch das Fell spürte. Siebzehn Jahre alt. Bewegungseingeschränkt, fast blind, aber jedes Mal, wenn ich nach Hause kam, stand sie an der Tür und rieb ihren Kopf an meinem Knöchel.

„Deine Mutter hat meine Katze getreten", sagte ich zu Martin.

„Sie hat sie nicht getreten. Sie hat sie weggeschoben."

„Martin." Ich wartete, bis er mich ansah. „Ich habe es gesehen. Genau wie du."

Er schwieg einen Moment. Dann sagte er: „Bring die Katze weg, dann reden wir."

Ich trug Klara ins Schlafzimmer, legte sie auf die alte Wolldecke auf meiner Bettseite. Ihre Pfoten zuckten. Ich blieb eine halbe Minute bei ihr, strich mit dem Finger über die Stelle zwischen den Ohren, bis ihr Atem ruhiger wurde. Dann ging ich zurück.

In der Küche tropfte der Wasserhahn. Der Geruch von angebranntem Braten zog durch die Wohnung.

Irene saß jetzt im Sessel neben dem Bücherregal, Brigitte auf der Kante des Sofas, Martin lehnte am Fensterbrett.

„Also", begann Martin. „Ich will, dass du dich bei meiner Mutter entschuldigst."

Ich sah ihn an, als würde ich ihn zum ersten Mal richtig sehen. Elf Jahre Ehe. Elf Jahre Urlaube an der Ostsee, Renovierungen, Familienfeste. Ich hatte für seine Mutter Torten gebacken, wenn sie Geburtstag hatte. Ich hatte ihr bei der Steuererklärung geholfen. Ich hatte geschwiegen, wenn sie meine Wohnung als „ungepflegt" bezeichnete, weil Klara Haare verlor.

„Das meinst du nicht ernst."

„Doch, Katrin. Du hast sie vorhin angegangen. Das geht nicht."

„Sie hat meine Katze getreten."

„Es ist eine Katze", sagte Martin.

Da war er. Der Satz. Ich hatte ihn elf Jahre lang kommen sehen, in kleinen Andeutungen, in Wegwerfbemerkungen, in seiner Art, Klara nicht zu beachten, wenn er von der Arbeit kam.

„Geh zu ihr", sagte Martin. „Und sag, dass es dir leidtut."

Ich sah zu Irene. Sie saß da, die Beine übereinandergeschlagen, und betrachtete ihre Fingernägel. Sie wusste, wie das ausging. Sie hatte es immer gewusst.

„Nein", sagte ich.

Martin stieß sich vom Fensterbrett ab. Er kam auf mich zu, blieb einen halben Meter vor mir stehen. Ich sah die kleine Narbe über seiner linken Augenbraue, die er sich beim Umzug vor sieben Jahren geholt hatte. Ich kannte jeden Zentimeter dieses Gesichts.

„Du entschuldigst dich", sagte er. „Oder du kannst gleich deine Sachen packen."

Brigitte machte ein Geräusch, als hätte ihr jemand die Luft abgedrückt. Irene hob den Kopf, halb gelangweilt, halb zufrieden.

Ich spürte, wie etwas in meinem Brustkorb aufbrach. Es war kein Zorn. Zorn wäre einfach gewesen. Es war die Erkenntnis, dass der Mann, mit dem ich elf Jahre lang einen Tisch, ein Bett und ein Konto geteilt hatte, mich für seine Mutter eintauschte, ohne zu zögern.

„Ich packe nichts", sagte ich. „Ich gehe."

Ich drehte mich um, ging ins Schlafzimmer, holte meine Reisetasche aus dem Schrank. Klara lag zusammengerollt auf der Decke und atmete schwer. Ich nahm sie vorsichtig hoch, legte sie in die Transportbox, die seit Jahren unbenutzt neben dem Kleiderschrank stand.

Als ich zurück ins Wohnzimmer kam, stand Martin noch an derselben Stelle.

„Was soll das werden?", fragte er.

„Ich fahre zu meiner Schwester."

„Und die Katze?"

„Die nehme ich natürlich mit."

Irene lachte leise. „Wegen so einem Vieh wirft die Ehe hin."

„Nein", sagte ich. „Nicht wegen der Katze. Wegen dir."

Ich zog mir die Jacke an, nahm die Transportbox, meinen Autoschlüssel. Martin folgte mir in den Flur.

„Katrin, überleg dir das. Du kannst nicht einfach gehen."

„Du hast mir gesagt, ich soll die Sachen packen."

„Das war nicht so gemeint."

Ich blieb an der Tür stehen, die Hand auf der Klinke. Es roch nach verschmortem Rinderbraten und nach Martins Aftershave, das er seit zehn Jahren benutzte. „Doch, Martin. Das war genau so gemeint. Das war schon immer so gemeint."

Ich fuhr die A4 Richtung Köln, Scheibenwischer auf Stufe zwei, die Transportbox auf dem Beifahrersitz. Klara jammerte eine Weile, dann schlief sie ein. Meine Schwester Daniela wartete schon an der Tür, als ich um kurz nach drei vor ihrem Haus in Lindenthal hielt.

In den folgenden Tagen funktionierte ich: Termine beim Notar, Gespräche mit der Bank, die Ummeldung. Ich schlief in Danielas Gästezimmer, Klara lag in der Transportbox neben dem Bett, bis sie sich traute, den Raum zu erkunden.

Der Brief von Martins Anwalt kam vier Wochen später, ein Tag nach meinem Geburtstag. Martin verlangte die Hälfte der Wohnung, die wir gemeinsam finanziert hatten. Ich rief meine Anwältin an, eine Frau mit kurz geschnittenen blonden Haaren und einer ruhigen, präzisen Art. Sie hörte sich meine Version an, machte Notizen, stellte Fragen. Am Ende schob sie mir ein Blatt Papier über den Schreibtisch.

„Der Kredit läuft auf Sie beide", sagte sie. „Da er die Wohnung behalten will, kann er Sie auszahlen. Dreihundertachtzigtausend Euro hat ein Gutachter geschätzt. Ihr Anteil wären hundertneunzigtausend."

Ich sah auf das Blatt. Elf Jahre Raten. Elf Jahre zurückgestellte Urlaube, verschobene Anschaffungen, Berechnungen am Küchentisch.

„Wie lange dauert die Abwicklung, wenn ich das Geld nehme?", fragte ich.

„Mit Widerspruchsfrist und Grundbuchänderung, drei bis vier Monate. Eher länger, wenn er auf Zeit spielt."

„Und wenn ich verzichte?"

Sie sah mich an. „Dann ist es in zwei Wochen erledigt. Aber das wären hundertneunzigtausend Euro, Frau Weber."

„Ich weiß, was es kostet", sagte ich.

Zwei Tage später saß ich in Martins Wohnzimmer — das einmal unseres gewesen war. Irene war auch da, natürlich. Sie hatte auf dem Sofa Platz genommen, als gehörte es ihr, die Handtasche neben sich wie ein Schoßhund.

„Das ist großzügig", sagte ich und legte den Kaufvertrag auf den Tisch. „Dein Anwalt hat gute Arbeit geleistet."

Martin griff nach dem Papier, las, nickte. „Du kriegst deine hundertneunzigtausend. Dann ist es erledigt."

„So ist es."

Ich holte einen zweiten Bogen aus der Mappe. „Und hier steht, dass ich auf die Hypothek und meinen gesamten Anteil verzichte. Ab heute."

Martin runzelte die Stirn. Irene beugte sich vor.

„Was ist das?", fragte sie.

„Ein Vertrag", sagte ich. „Ich verzichte auf meinen Anteil an der Wohnung. Heute, vor euch beiden. Keine Zahlung, keine Raten, keine Anwälte mehr, keine Briefe mehr, kein einziges Telefonat mehr. Martin behält die Wohnung, und ich behalte meine Ruhe."

Martin sah mich misstrauisch an. „Und was willst du dafür?"

Ich schloss die Mappe, stand auf. „Nichts von euch. Ich will nur, dass diese elf Jahre heute enden — sofort, nicht in vier Monaten, in denen dein Anwalt mir noch mal erklärt, was eine Katze wert ist."

Irene lachte. „Wegen der paar Wochen verzichten Sie auf hundertneunzigtausend Euro?"

„Sie waren heute Morgen noch der Meinung, meine Katze sei ein Vieh, das im Weg liegt", sagte ich. „Ich habe keine vier Monate Zeit, mit Ihnen über meinen Anteil zu verhandeln."

Martin stand ebenfalls auf. „Warte. Du kannst doch nicht einfach auf hundertneunzigtausend Euro verzichten, nur um schneller weg zu sein."

„Das ist mein Anteil", sagte ich. „Ich mache damit, was ich will."

Ich war schon an der Tür, als er nachhakte: „Aber warum? Du arbeitest im Krankenhaus, du verdienst gut, aber nicht so gut, dass du auf so viel Geld verzichten müsstest."

Ich drehte mich noch einmal um. „Weil ich weiß, was Geld wert ist, Martin. Und ich weiß, was es nicht wert ist."

Draußen vor dem Haus schlug mir der Novemberwind entgegen. Ich setzte mich ins Auto, legte die Hände aufs Lenkrad und blieb einen Moment sitzen. Der Regen lief in Bahnen über die Windschutzscheibe. Auf dem Beifahrersitz lag die Transportbox, leer. Klara war bei Daniela, auf ihrem neuen Platz neben dem Bad, wo die Fußbodenheizung am wärmsten war.

Am Abend saß ich mit Daniela auf ihrem Balkon. Wir waren in Decken gewickelt, zwischen uns standen zwei Becher Glühwein, auf dem Boden lag ein roter Wollknäuel, mit dem Klara gespielt hatte, bis sie eingeschlafen war.

„Bist du dir sicher, dass du das Richtige getan hast?", fragte Daniela.

Ich nahm einen Schluck. Der Glühwein war süß und brannte im Hals. „Ich weiß es nicht", sagte ich.

Daniela sah mich an. „Und was fühlst du jetzt?"

Ich blickte auf Klara. Sie hatte sich im Schlaf auf den Rücken gedreht, die Pfoten entspannt, der Bauch entblößt. Seit Monaten hatte ich sie nicht mehr so ruhig atmen sehen.

Draußen zogen die Wolken ab, und für einen Moment schob sich der Mond zwischen den Dächern von Lindenthal hindurch, klein und blass über den Fernsehantennen.

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