Er verlangte mein Auto – einen Monat später stand er mit den Schlüsseln vor meiner Tür

Katja hielt ihm wortlos den Schlüsselbund hin. Markus griff fast gierig danach, als fürchtete er, sie könnte es sich im letzten Moment anders überlegen. Er stopfte die Schlüssel in seine Jackentasche und atmete auf – so wie jemand, der eine längst überfällige Aufgabe endlich erledigt hat. „Nimm’s nicht persönlich, Katja“, murmelte er, ohne sie anzusehen. Sie zupfte nur kurz an dem Haargummi, das ihren Pferdeschwanz zusammenhielt, und nickte still. Fünfzehn Jahre lang war ein Nicken ihre Antwort gewesen. Wenn er Entscheidungen für sie beide traf. Wenn er sich eine neue Jacke kaufte und ihr versprach: „Später, irgendwann.“ Wenn er ihre Mahlzeiten aß und selbstverständlich ihr Auto nahm – jenen Wagen, den sie von dem Erbe ihrer Großmutter gekauft hatte. Das Fahrzeug lief allein auf ihren Namen. Sie bezahlte die Inspektionen und kannte den Mechaniker persönlich. Katja wusste genau, welches Öl der Motor brauchte, wann der Zahnriemen fällig war und hörte jedes verdächtige Geräusch sofort. Markus war einfach eingestiegen und losgefahren. Genau wie er durchs Leben ging.

Er beeilte sich nicht mit dem Packen. Öffnete den Kleiderschrank, schaute kurz auf die Fächer und begann dann, seine Hemden ordentlich zusammenzulegen. Als bereite er sich nicht auf einen Neuanfang vor, sondern nur auf eine Dienstreise. „Du musst mich verstehen“, sagte er und legte Pullover in den Koffer. Der massige Mann mit den breiten Schultern bewegte sich vorsichtig durch das Schlafzimmer, darauf bedacht, ihre Sachen nicht zu berühren. „Du bist eine tolle Frau, Katja. Wirklich. Nur mit uns beiden … ich weiß nicht, wie ich es erklären soll …“ Er stockte, strich sich die zurückgekämmten Haare glatt und suchte nach Worten, die nicht zu grausam klangen. Katja beendete den Satz für ihn: „Es ist langweilig geworden?“ Er presste die Lippen zusammen. „Na ja … Dir doch auch, oder? Du verschwindest jedes Wochenende im Garten, ich hänge ständig auf der Arbeit. Wir leben seit Jahren wie in einer WG. Guten Morgen, guten Abend – das war’s. Ist das etwa eine Ehe?“ Katja stand mit vor der Brust gekreuzten Armen da, ihre Haut selbst im Herbst noch sonnengebräunt von der Gartenarbeit. Die bunte Bluse, die sie am Morgen angezogen hatte, kam ihr auf einmal lächerlich vor, wie ein Festgewand in einem leeren Haus. „Und mit ihr ist es spannend?“, fragte sie leise und lächelte schwach. „Jugend inspiriert eben?“ Markus antwortete nicht. Er schloss den Koffer, richtete sich auf und sah sie so gleichgültig an, als stünde nicht seine Frau vor ihm, sondern ein altes Möbelstück, das man nicht mehr braucht. „Gibst du mir die Autoschlüssel?“, fragte er sachlich. „Ich muss ja schließlich fahren.“ Unter Katjas Rippen zog es kalt. Tief, weit unter dem Herzen. Sie sah ihn an, wie er seelenruhig die offene Hand ausstreckte. Mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der man Wechselgeld erwartet. Sie nahm den Schlüssel vom Haken an der Wand und legte ihn hinein. „Das Öl muss bald gewechselt werden“, sagte sie ruhig. „Du hast immer vergessen, welches es ist.“ Markus lächelte nur müde, hob den Koffer und ging zur Tür. Katja trat ans Fenster. Er lud das Gepäck in ihren Wagen. In ihren Kofferraum. Ließ den Motor an und fuhr langsam vom Hof. Auf dem Parkplatz blieb nichts als eine leere Fläche. Sie stand noch einen Moment dort, ging dann in die Küche und schaltete den Wasserkocher ein. Merkwürdig. Sie hatte erwartet, dass es viel mehr schmerzen würde. Stattdessen hatte sie einfach Lust auf eine Tasse heißen Tee.

Am nächsten Tag platzte Sabine in ihr Büro. Ohne zu fragen setzte sie sich auf die Tischkante und legte sofort mit ihrer rauen Stimme los: „Hast du das wirklich gemacht?“ Katja blickte verwundert auf. „Was genau?“ „Du hast ihm das Auto überlassen! Einfach so hergegeben!“ Katja zuckte mit den Schultern. „Na und?“ „Na und?!“ Sabine klatschte mit der Hand auf den Tisch. „Du hast es selbst gekauft! Von dem Geld deiner Großmutter! Er hat keinen Cent dazugegeben!“ „Ich weiß“, sagte Katja ruhig und wandte sich wieder ihrem Bildschirm zu. Sabine redete weiter, fuchtelte mit den Armen, erzählte von ihrer Cousine, die ihrem Ex auch alles hinterlassen hatte und danach fast ohne etwas dastand. Katja hörte nur halb zu. Ihr war seltsam leer zumute. Keine Erleichterung, kein Schmerz. Nur eine dumpfe Stille.

Am Abend klingelte das Telefon. Auf dem Display stand der Name ihrer Schwiegermutter. „Katjalein, wir müssen reden“, sagte Emma mit honigsüßer Stimme. „Ich komme am Samstag vorbei, ja?“ „Gut“, antwortete Katja knapp. Emma erschien früh am Morgen. Eine große, etwas ungelenke Frau, die sich in den engen Flur zwängte, ihre weite Fleecejacke auszog und geradewegs in die Küche marschierte. Bevor sie anfing, rieb sie die Handflächen aneinander – eine Angewohnheit, die Katja nur zu gut kannte. Immer wenn diese Reibebewegung einsetzte, stand eine unangenehme Unterredung bevor. „Du bist doch eine vernünftige Frau, Katja“, begann Emma. Ihr dunkles Haar war zu einer Hochfrisur getürmt, die an ein kleines Türmchen erinnerte. „Ich mache dir keinen Vorwurf. Aber Markus … er ist eben ein Mann. Er will mal etwas … Frischeres.“ Katja stellte schweigend eine Tasse Tee vor sie hin. „Wenn ihr schon auseinandergeht, dann lasst es uns anständig regeln“, fuhr die Schwiegermutter fort. „Das Auto hast du ihm schon überlassen – sehr gut. Und was ist mit dem Gartengrundstück?“ „Mit dem Grundstück?“, fragte Katja. „Na, das kleine Häuschen, das Land … Markus könnte es gut gebrauchen. Einen Grill hinstellen, am Wochenende entspannen.“ „Einen Grill …“, wiederholte Katja tonlos. Wenn sie ehrlich war, hatte Markus in fünfzehn Jahren genau zweimal Fleisch gegrillt: zu Silvester und an seinem eigenen Geburtstag. Das Grundstück hasste er insgeheim. Er nannte es immer nur „deine Beete“ und ließ sich höchstens einmal im Sommer blicken, um in der Hängematte zu liegen. Die Apfelbäume hatte noch ihr Großvater gepflanzt. Die Beete bestellte Katja allein. Sie strich jeden Sommer eigenhändig den Zaun. Ihre Hände wurden nicht am Strand braun, sondern vom Harken und Jäten. „Dieser Garten gehört mir, Emma“, sagte sie gefasst. „Er stammt aus dem Erbe meiner Großmutter. Markus hat damit nichts zu tun. Darüber werde ich nicht diskutieren.“ Die Schwiegermutter rieb sich hastig die Hände. „Formal magst du recht haben … Aber ihr wart eine Familie. Es geht doch um gemeinsames Eigentum …“ „Der Garten zählt nicht dazu“, unterbrach Katja sie kühl. „Und warum führen eigentlich Sie diese Gespräche und nicht Markus selbst?“ Emma kniff die Lippen zusammen – dieselbe Geste wie ihr Sohn. Ohne ein weiteres Wort stand sie vom Tisch auf, ließ den Tee unberührt und ging.

Eine Woche später rief Sabine aufgeregt an. „Stell dir vor, ich hab Markus gesehen! Er stand vor der Werkstatt und hat mit dem Mechaniker gestritten. Beschwert sich, dass irgendwas klappert und der Wagen bei jedem Hubbel bumst.“ Katja hörte still zu. Sie kannte den Grund. Schon im Frühjahr hatte der Mechaniker gewarnt: Die hintere linke Aufhängung war hinüber, würde noch bis zum Herbst halten und müsste dann dringend ausgetauscht werden. Katja hatte sogar schon einen Termin vereinbart. Nach Markus’ Auszug hatte sie ihn einfach abgesagt. Nicht aus Bosheit. Nur weil die Notwendigkeit für sie plötzlich entfiel. „Und seine neue Flamme“, flüsterte Sabine verschwörerisch, „soll schon total genervt sein. Der Wagen ruckelt ständig, die Klimaanlage geht nicht. Du weißt doch, dass man den Knopf auf eine bestimmte Weise drücken muss, oder?“ „Ich weiß“, sagte Katja. Sie beendete das Gespräch und sah aufs Fensterbrett. Dort standen die Tomatensetzlinge für den Garten. Im Frühjahr hatte sie jedes Pflänzchen einzeln in Töpfchen pikiert. Markus hatte nie bemerkt, wie viel Arbeit hinter den Gläsern mit eingelegtem Gemüse und Marmelade steckte, die er so gern aß. Er sah nicht, dass sie jede Saison knietief in der Erde stand. „Alleine bekommt er das nicht hin“, dachte Katja nüchtern. Er kann es nicht. Und würde es nie lernen.

An einem Samstag tauchte Markus plötzlich im Garten auf. Unangekündigt. Mit ihrem Auto. Und er kam nicht allein. Katja jätete gerade die Beete, als sie den Motor hörte. Sie richtete sich auf, zog die Arbeitshandschuhe aus und blickte zum Tor. Vor dem Zaun stand ihr Wagen. Verdreckt. Am vorderen Kotflügel prangte eine tiefe Delle, die sie noch nie gesehen hatte. Markus stieg aus, die Hände wie immer in den Taschen vergraben, die Lippen zusammengepresst, als erwiese er ihr eine Ehre. Eine junge Frau im kurzen Kleid folgte ihm. „Hey, Katja“, sagte er und betrat selbstsicher das Grundstück. „Wir waren zufällig in der Gegend.“ Katja verzichtete auf eine Widerrede. Niemand verirrte sich zufällig hierher. Das wusste sie, und das wusste auch Markus. Aber er log mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der er all die Jahre durchs Leben gegangen war. Das Mädchen inspizierte indessen neugierig das Gelände. Schlenderte über den Weg, spähte hinter das Haus, prüfte die Pforte. „Nettes Fleckchen“, sagte sie. „Das Häuschen könnte man später umbauen.“ Katja sagte nichts. Sie legte nur schweigend das Gartengerät zusammen. Markus ging derweil ins Haus. Katja hörte, wie der Kühlschrank geöffnet wurde, dann das Quietschen der Vorratskammertür. Das Mädchen trippelte hinterher. Ihre Stimmen drangen durch die dünne Wand. Seine – forsch. Ihre – kapriziös und munter. „Oh, guck mal! Erdbeermarmelade! Die nehmen wir mit, oder? Ein paar Gläser!“ Katja stand noch immer neben dem Beet. Ihre Knie waren erdig, die Sonne brannte auf den Kopf. Jede einzelne Beere für diese Marmelade hatte sie selbst gepflückt, auf den Knien rutschend. Danach stundenlang am Herd gestanden. So war es jeden Sommer gewesen. Immer.

Sie ging ins Haus. Schritt an den beiden vorbei. Öffnete die Kammer und holte Markus’ Angelruten heraus. Stellte sie neben das Tor. Dann den klappbaren Grill. Dahinter die schwere Werkzeugkiste, die Markus einmal mitgebracht und nie geöffnet hatte. Es folgten alte Turnschuhe, die seit Jahren auf der Veranda verstaubten. Markus trat auf die Schwelle und sah ihr fassungslos zu. „Was machst du da?“, fragte er irritiert. Katja richtete sich auf. Aber sie sah nicht ihn an, sondern die junge Frau. „Weißt du, was er mir in fünfzehn Jahren geschenkt hat?“, sagte sie leise. „Nichts. Keine Blumen. Keine Pralinen. Er hat nicht einmal meine Geburtstage behalten. Das Auto habe ich vom Erbe meiner Großmutter gekauft. Der Garten hier gehört mir ebenfalls. Alles wurde von meinem Großvater, meinem Vater und später von mir selbst aufgebaut. Er kam nur, um in der Hängematte zu liegen. Du bekommst einen Mann, der nicht weiß, welches Motoröl man einfüllt, der keine Ahnung hat, wo der Sicherungskasten sitzt, und der noch nie selbstständig eine Inspektion gemacht hat. In einem Monat ist der Wagen endgültig hinüber, und glaub mir, er wird nicht wissen, was er dann tun soll.“ Das Mädchen trat unsicher von einem Fuß auf den anderen und sah zu Markus hinüber. Der war dunkelrot angelaufen. Seine Nasenflügel blähten sich, die Lippen wurden zu einem schmalen Strich. Aber er brachte kein Wort heraus. „Katja … hör auf“, presste er schließlich hervor. „Da sind deine Sachen.“ Sie zeigte auf die Ansammlung am Tor. „Nimm alles mit. Und den Wagen lässt du gleich hier. Es ist meiner.“ Markus machte ein paar Schritte auf sie zu, blieb aber stehen. Zum ersten Mal in all den Jahren fand er kein Argument. Weil jedes ihrer Worte die reine Wahrheit war. Das wussten sie beide. Ein paar Sekunden stand er nur da und atmete schwer. Dann drehte er sich um und ging zum Auto. Das Mädchen folgte ihm stumm. Katja sah dem Wagen hinterher, bis er außer Sicht war. Sie hob die Angelruten auf und trug sie zurück in die Kammer. Den Grill ließ sie am Zaun stehen. Sollte er da rosten.

Einen Monat später schrieb Markus, dass er das Auto zurückbringen wolle. Erst versuchte er es mehrmals telefonisch. Katja nahm nicht ab. Dann kam die Nachricht: „Bringe den Wagen vorbei. Die Aufhängung ist endgültig im Eimer.“ Sie trat ruhig vor die Haustür. Das Auto stand am Bordstein. Mit derselben Delle im Kotflügel. Dreckig. Hinten schief und tief eingesunken. Markus wartete daneben, die Hände wie angewurzelt in den Taschen. Er hielt ihr die Schlüssel hin. Katja nahm sie, ohne Eile. „Katja …“, setzte er zögernd an. Aber sie hatte sich schon umgedreht und ging ins Haus, ohne zurückzublicken. Noch einen Moment stand er reglos da. Dann setzte er sich schwerfällig in Bewegung, in Richtung Bushaltestelle. Gebeugt, mit schweren Schritten. Ganz anders als der selbstsichere Mann von vor ein paar Wochen. Vermutlich hatte die neue Freundin schnell begriffen, dass neben ihr ein Mensch ohne Eigentum stand, ohne Wagen, ohne Grundstück und ohne die einfachsten Alltagsfähigkeiten. Und sie hatte die Konsequenz gezogen.

Katja ließ die Stoßdämpfer wechseln, machte den Wagen wieder flott und fuhr schon am nächsten Wochenende in den Garten. Die Himbeeren waren gerade reif. Einige Tage später erhielt sie eine lange Nachricht von Markus. Sie las sie bis zum Ende. Antworten tat sie nicht. Auch Emma ließ sich nicht mehr blicken. An den Abenden saß Katja auf der Veranda, eine Tasse heißen Tee in der Hand, und sah zu den Apfelbäumen hinüber, die noch ihr Großvater gepflanzt hatte. In der Vorratskammer standen die Einmachgläser jetzt in ordentlichen Reihen. Und in ihrer Brust war es endlich still. Nicht Leere. Sondern tiefer, warmer Frieden.

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Sixty & Me
Er verlangte mein Auto – einen Monat später stand er mit den Schlüsseln vor meiner Tür