Der Hund saß auf dem kalten Asphalt und sah mich an. Nicht winselnd, nicht zerrend. Einfach nur ruhig, mit diesem Blick, der mich schon die ganze Beerdigung über verfolgt hatte. Als hätte er begriffen, dass von mir nichts mehr zu erwarten war.
Ich hatte Grom nie gewollt. Mein Onkel Dieter, der Bruder meiner Mutter, hatte ihn vor sechs Jahren aus dem Tierheim in Witten geholt. Ein schwarzer Mischling, fast hüfthoch, mit grauem Bart und Ohren, die auf jedes Geräusch reagierten, bevor ich es hörte. Onkel Dieter nannte ihn Grom – nach irgendeinem slawischen Donnergott, den er in einer Dokumentation aufgeschnappt hatte. Der Hund bewachte die Zweizimmerwohnung in der Herner Straße, als wäre sie ein Palast.
Dann kam der Schlaganfall. Drei Wochen Intensivstation, dann die Beerdigung auf dem Hauptfriedhof an einem Dienstag, an dem es ununterbrochen regnete. Meine Mutter konnte nicht hin, sie lag mit dem Rücken flach. Also stand ich allein am Grab, während der Pfarrer Sätze sagte, die ich nicht hörte, und ich an die Wohnung dachte.
Ich wusste, dass Onkel Dieter kein Testament hinterlassen hatte. Das bedeutete: Ich war der einzige Erbe. Meine Mutter wollte nichts, sie hatte ihm seit Jahren nicht mehr geschrieben. Und plötzlich war da diese Summe in meinem Kopf: 180.000 Euro. So viel war die Wohnung laut Immobilienportal wert, minimum. Dazu die kleine Garage hinten im Hof.
Ich brauchte das Geld. Nicht aus Gier – ich steckte mit meiner Autowerkstatt in den Miesen, die Bank drohte mit der Zwangsversteigerung des Geländes in Langendreer. Die Miete für die Halle war seit vier Monaten offen. Ich hatte zwei Kinder, die ich nur jedes zweite Wochenende sah, und Unterhalt, der pünktlich gezahlt werden musste, egal ob die Werkstatt lief oder nicht.
Also stand ich nach der Beerdigung vor der Wohnungstür, schloss mit Onkel Dieters Schlüssel auf und ließ den Hund in den Flur.
Grom legte sich sofort neben die Tür, auf die gleiche Stelle, wo sein Napf gestanden hatte. Der Napf war weg. Meine Cousine hatte am Tag zuvor aufgeräumt und alles Brauchbare mitgenommen. Sie hatte mir geschrieben: »Den Hund musst du dir überlegen.«
Ich hatte mir den Hund nicht überlegt. Ich hatte drei Tage Zeit, bis der Makler zur Wertermittlung kam. Danach würde ich die Wohnung leeren, streichen lassen, aufhübschen. Man bekommt sechstausend mehr, wenn keine dunklen Ecken mehr da sind. Ich hatte alles durchgerechnet; ich habe einen Taschenrechner auf dem Handy, den ich öfter benutze als die Telefon-App.
Aber der Hund machte alles kompliziert. Er jaulte nicht, er bellte nicht. Er saß im Flur und sah zu, wie ich die Möbel wertschätzte, die mir nichts sagten. Ein Ohrensessel von 1994. Ein Röhrenfernseher, den der Sperrmüll nicht einmal mitnehmen würde. Bücherregale mit Eisenbahn-Literatur und VHS-Kassetten.
Dreimal täglich ging ich mit Grom raus. Ich hatte keine Lust, aber ich konnte den Geruch von Hundescheiße nicht ertragen. Er zog nicht an der Leine, pinkelte zweimal pro Runde, schnüffelte an den gleichen Ecken wie immer. Ein Hund, der in der Zeit stehen geblieben war, während die Zeit meinen Onkel mitgenommen hatte.
Am zweiten Tag fand ich das Adressschild am Halsband. Ein rechteckiges Messingplättchen, das ich vorher nie beachtet hatte. »Grom. Falls verloren – bitte zurückbringen.« Darunter die Anschrift. Onkel Dieter hatte es anfertigen lassen, als ob der Hund jederzeit verloren gehen könnte. Ich drehte das Plättchen in den Fingern. Auf der Rückseite war eine Telefonnummer eingraviert. Die Nummer von Onkel Dieters Festnetzanschluss, die in vier Tagen abgemeldet würde.
Da hörte ich zum ersten Mal seit meiner Kindheit auf, an die Zahlen zu denken.
Am dritten Tag brachte ich Grom in die Tierklinik an der Castroper Straße. Ich hatte die Adresse vorher im Internet nachgesehen. Eine kleine Praxis mit klingelnder Glastür und dem Geruch von Desinfektionsmittel und nassem Fell. Ich trug die Lederjacke, die ich zur Beerdigung getragen hatte, und hatte mir am Morgen einen Kaffee an der Tankstelle geholt. Der Regen war in der Nacht in Schneeregen umgeschlagen.
Die Frau hinter dem Tresen hieß Sonja Krause, das stand auf einem Schild an der Wand. Sie hatte kurze graue Haare und trug eine Lesebrille an einer Kette über der Brust. Sie blickte auf meinen Hund, dann auf mich.
»Ich wollte fragen, ob Sie ihn vorübergehend aufnehmen können.«
Ich hatte mir den Satz im Auto zurechtgelegt. Aber als ich ihn aussprach, klang er nach einer Lüge, die ich mir selbst nicht abkaufte.
Sonja Krause schob die Tastatur zur Seite und beugte sich über den Tresen. »Wie lange vorübergehend?«
»Eine Woche. Höchstens zwei. Ich muss die Wohnung auflösen, verstehen Sie? Ich hab zwei Kinder, die Wochenenden, mein Job…«
»Wie heißt er?«
»Grom.«
Der Hund hob den Kopf, als hätte er geglaubt, ich hätte schon aufgegeben, ihn je wieder beim Namen zu nennen.
Die Frau schnaubte leise. »Und was soll aus ihm werden nach der einen Woche?«
»Ich finde eine Lösung. Ein neuer Besitzer. Was weiß ich. Er hat keine Papiere. Er ist ja kein Rassehund.«
»Ein Hund braucht keine Papiere, um ein Zuhause zu brauchen.«
Das war genau der Satz, den ich nicht hatte hören wollen. Ich zog den Reißverschluss der Jacke höher, obwohl es in der Praxis warm genug war. Meine Handflächen waren feucht. Ich dachte an die Halle in Langendreer, an den Brief der Bank, der im Handschuhfach lag. Ich dachte an 180.000 Euro, die mir zustanden, weil ich der Einzige war, der noch übrig blieb.
»Wissen Sie was«, sagte ich. »Ich lass ihn hier. Ich komm wieder, wenn ich die Wohnung geregelt hab.«
Sonja Krause stand langsam auf und kam um den Tresen. Sie kniete sich vor Grom, nahm sein Gesicht in beide Hände. Der Hund atmete ruhig. Sie las das Schild, das ich vorher in der Hand gehalten hatte. Dann sah sie mich an, und ich sah an ihrem Blick, dass sie mich durchschaut hatte. Nicht als Erben. Als den Mann, der ein Tier weggibt, weil es ihn an das erinnert, was er nicht sein konnte.
»Ihre Nummer«, sagte sie.
Ich nannte sie. Sie tippte sie in den Computer, während Grom an ihrer Hand schnupperte.
»Ich melde mich, wenn ich was weiß«, sagte ich. Aber ich wusste schon, dass ich es nicht tun würde. Ich würde nicht anrufen. Ich würde die Wohnung verkaufen, die Garage abstoßen, die Schulden bezahlen. Und Grom würde irgendwo bleiben, wo man sich besser um ihn kümmerte als ich.
Als ich zur Tür ging, bellte er nicht. Das war das Schlimmste. Er bellte nicht einmal.
Ich machte die Glastür auf, spürte den kalten Wind, hörte den Verkehr auf der Castroper Straße. Dann blieb ich stehen. Vor mir parkte ein grauer Opel Corsa, der mir gehörte. Darin lagen die Papiere von der Bank, die Schlüssel zur Wohnung, der Taschenrechner. Ich konnte einsteigen und wegfahren.
Aber ich drehte mich noch einmal um. Die Frau stand noch immer neben dem Hund. Meine Hand lag auf dem Türgriff. Ich wollte etwas sagen, irgendetwas Richtiges. Doch stattdessen fiel mir ein, wie mein Onkel mit mir an der Ruhr gestanden hatte, als ich zehn war, und mir erklärt hatte, dass ein Hund nie vergisst, wer zu ihm gehört.
Ich musste schlucken. Dann zog ich die Tür hinter mir zu und stieg ins Auto.
Der Wagen war kalt. Ich ließ den Motor an, aber ich fuhr nicht los. Ich sitze da und halte das Lenkrad fest, und im Seitenspiegel sehe ich die Glastür, die sich nicht öffnet.
Dann fahre ich zurück zur Wohnung, weil es nichts anderes zu tun gibt. Ich stelle den Wecker auf sechs Uhr. Ich muss früh ausmisten, bevor der Makler kommt. Zwei Wochen, denke ich. Zwei Wochen, und die Halle ist bezahlt, die Kinder kriegen ihre neuen Betten, und keiner kann mir mehr vorwerfen, dass ich ein Versager bin.
In der Nacht fällt Schneeregen. Ich träume von einem Telefon, das klingelt, aber wenn ich abhebe, ist nur Rauschen.
Am nächsten Morgen ruft die Praxis an. Sonja Krause. Ihre Stimme ist sachlich.
»Herr Brenner? Ihr Hund ist heute Nacht weggelaufen. Die Reinigungskraft hat die Tür offen gelassen. Wir haben das Gelände abgesucht. Ich rufe an, weil es Ihr Hund ist.«
»Er ist nicht mein Hund«, sage ich. Aber ich sage es zu langsam, und in der Leitung knackt es.
»Er stand in Ihrem Namen im System«, sagt sie. »Wenn Sie ihn finden, geben Sie Bescheid. Ich hab die Nachbarn informiert. Falls er hier in der Gegend unterwegs ist.«
Ich lege auf. Ich sitze am Küchentisch in der Wohnung meines Onkels, vor mir ein halber Becher kalter Kaffee, daneben der Taschenrechner mit der Zahl 178.400, die ich am Vorabend eingetippt hatte. Und ich starre auf das Adressschild, das ich eigentlich hatte an der Garderobe hängen lassen wollen.
Ich nehme den Schlüssel vom Haken. Der Schneeregen hat über Nacht aufgehört, aber die Straßen sind nass. Ich laufe die Herner Straße entlang, vorbei an Penny-Markt, vorbei an der alten Kioskbude, wo Onkel Dieter immer die Ruhr-Nachrichten und für Grom eine halbe Fleischwurst kaufen ließ.
Ich pfeife. Zweimal. Es klingt erbärmlich.
Am Nachmittag finde ich ihn. Nicht an der Wohnung, nicht an der Klinik. Er sitzt vor der verschlossenen Garage im Hinterhof, auf dem Stück Beton, das Onkel Dieter jeden Samstag gefegt hatte, als hätte es je einen Sinn gehabt. Grom ist durchnässt, seine Pfoten voller Dreck, aber er sitzt vor dem Tor, als warte er darauf, dass mein Onkel es öffnet.
Als er mich sieht, legt er den Kopf schief.
Ich setze mich neben ihn auf den kalten Boden. Direkt vor dem Tor. Ein Mann in einer zu dünnen Lederjacke, ein nasser Hund, eine Garage, in der noch die alte Werkbank steht, die niemand will.
Ich rufe Sonja Krause an.
»Ich hab ihn gefunden«, sage ich. »Ich behalte ihn. Aber ich bräuchte jemanden, der ihn am Wochenende nimmt, wenn ich die Kinder hab. Meine Exfrau ist allergisch.«
Am Telefon ist erst Stille. Dann: »Bringen Sie ihn morgen zur Untersuchung. Ich schick Ihnen die Kosten vorher.«
Ich lege auf. Ich weiß, dass sie mir die Kosten nicht schicken wird, jedenfalls nicht vorher. Und ich weiß, dass ich am Montag trotzdem wiederkomme, mit einem Hund, der nicht hört, aber immer da ist.
Der Makler kauft die Wohnung für 179.000. Ich zahle die Bank, die Miete, die offenen Rechnungen. Mir bleiben 11.400. Davon kaufe ich den Kindern Betten und Grom das teuerste Hundebett, das es im Fressnapf gibt. Er liegt trotzdem jede Nacht vor der Tür auf dem Boden.
Vierzehn Monate später stehe ich mit ihm vor der Tierklinik, weil er sich eine Zehenverletzung eingetreten hat. Die Glastür geht auf, die Frau mit der Lesebrille an der Kette lächelt nicht. Sie sieht Grom, dann mich.
»Herr Brenner«, sagt sie. »Wie es aussieht, kommt er öfter zu Besuch, als Sie es vorhatten.«
Ich nehme das Adressschild von seinem Halsband und halte es hoch.
»Ich will es neu gravieren lassen«, sage ich. »Die alte Nummer stimmt nicht mehr.«
Dann schreibe ich meine Handynummer auf einen Zettel und lege ihn neben die Kasse. Grom hebt den Kopf und stupst die Tür mit der Nase auf, als hätte er geahnt, dass es dort immer warm ist.
Ich nehme beim Rausgehen keinen Taschenrechner mehr mit. Nur den Hund.







