Renate Voglers Werkstatt in Bielefeld-Sennestadt für fünftausend Euro gestohlen

Die Nachricht kam an einem Dienstagvormittag Anfang September, während in der Kfz-Werkstatt in Bielefeld-Sennestadt der Kaffeeautomat wieder einmal nur lauwarmes Wasser durch die Filtertüte drückte. Renate Vogler, siebenundfünfzig, stand am Empfangstresen und hörte zu, wie ihr Steuerberater am Telefon dreimal denselben Satz wiederholte, als hoffte er, sie beim vierten Mal besser zu verstehen.

„Die Werkstatt läuft nicht mehr auf Ihren Namen, Frau Vogler. Seit Montag ist Ihr Schwiegersohn alleiniger Geschäftsführer."

Sie legte den Hörer neben die Kasse, nicht auf die Gabel, einfach neben die Kasse, und schaute durch die Glastür in die Halle, wo ein Golf mit aufgebocktem Heck stand und ein Lehrling die Bremsscheiben wechselte, ohne zu ahnen, dass gerade irgendwo in einer Kanzlei in Gütersloh ein Stempel unter ein Dokument gesetzt worden war, das ihr Lebenswerk neu verteilte.

Sechzehn Jahre hatte sie den Betrieb aufgebaut, nachdem ihr Mann bei einem Auffahrunfall auf der A2 gestorben war. Sechzehn Jahre lang hatte sie montags um sechs die Rollläden hochgezogen, hatte Ersatzteile bei Emil Radek bestellt, dem Großhändler aus Herford, der ihr immer einen Kaffee mitbrachte, wenn er persönlich vorbeikam. Und vor vier Jahren hatte sie ihren Schwiegersohn Jonas Berger als Mitgesellschafter aufgenommen, weil ihre Tochter Pia schwanger war und die junge Familie ein zweites Standbein brauchte. Vierzig Prozent hatte sie ihm überschrieben. Eine Geste des Vertrauens, dachte sie damals.

Jetzt, so erklärte der Steuerberater, habe Jonas über eine Sonderklausel im Gesellschaftsvertrag — eine, die Renate beim Notartermin überflogen, aber nie wirklich verstanden hatte — seine Anteile auf einhundert Prozent aufgestockt. Ein Vorkaufsrecht, das griff, weil Renate vor zwei Jahren wegen eines Bandscheibenvorfalls sechs Wochen krankgeschrieben war und die Geschäftsführung offiziell ruhen ließ. Die Klausel besagte: Bei mehr als vier Wochen Ausfall der Geschäftsführerin kann der Mitgesellschafter die Anteile zum Nominalwert übernehmen. Nominalwert. Fünftausend Euro für einen Betrieb, der letztes Jahr zweihunderttausend Euro Umsatz gemacht hatte.

Renate fuhr an diesem Abend nicht nach Hause. Sie fuhr zu ihrer Schwester nach Herford, saß am Küchentisch, vor sich eine Tasse Pfefferminztee, die kalt wurde, während draußen der Nachbarhund bellte, weil der Mülltonnenwagen durch die Straße rumpelte. Ihre Schwester Ingrid sagte nur: „Und Pia? Was sagt Pia dazu?"

Das war die eigentliche Wunde. Pia, ihre Tochter, hatte am Telefon gestottert, hatte gesagt, sie habe von nichts gewusst, Jonas habe das „für die Familie" gemacht, „damit die Werkstatt nicht insolvent geht, falls dir nochmal was passiert, Mama". Als hätte eine Bandscheibe sie zur Belastung gemacht, die man vertraglich absichern musste. Renate hörte in Pias Stimme etwas, das sie nicht einordnen konnte — Scham vielleicht, oder einfach nur Angst vor dem eigenen Mann.

Drei Wochen lang ging Renate trotzdem jeden Morgen zur Werkstatt. Jonas ließ sie rein, das schon, er brauchte ja jemanden, der die Kunden kannte, der wusste, welcher Mercedes-Fahrer aus Halle empfindlich auf Wartezeiten reagierte und welcher BMW-Kunde aus Sennestadt eigentlich nur reden wollte, wenn er sein Auto abholte. Aber er sprach mit ihr wie mit einer Angestellten. Er änderte das Passwort für das Buchhaltungsprogramm. Er hängte ein neues Firmenschild über die Tür, auf dem nur noch „Berger Kfz-Technik" stand, das Vogler war verschwunden.

An einem Freitag im Oktober, es regnete in Strömen, das Wasser lief in Bächen über den Werkstatthof, kam Emil Radek mit einer Lieferung Bremsbeläge und fragte an der Theke beiläufig: „Sagen Sie, Frau Vogler, wie laufen die Zahlen so, seit der neue Chef übernommen hat?" Renate zuckte mit den Schultern. Aber die Frage blieb hängen. Sie hatte in den vergangenen Wochen die Kontoauszüge nicht mehr gesehen — Jonas hatte sie aus dem Umlauf genommen —, aber sie kannte die Zahlen der letzten sechzehn Jahre auswendig, kannte jeden Stammkunden, jede Wartungsvereinbarung, jeden Leasingvertrag mit den umliegenden Speditionen.

Sie rief noch am selben Nachmittag eine Anwältin an, Frau Dr. Selin Aydogan, deren Kanzlei in der Bielefelder Innenstadt lag, über einer Apotheke, deren Leuchtreklame grün blinkte, wenn man die Treppe hochstieg. Zwei Stunden saß Renate dort, den Gesellschaftsvertrag auf dem Tisch ausgebreitet, während Frau Dr. Aydogan mit einem gelben Textmarker Zeile für Zeile durchging.

„Die Klausel ist wirksam", sagte die Anwältin schließlich, „das ist das Problem. Aber sie deckt nicht alles ab, was er getan hat. Er hat den Kundenstamm, die Lieferantenverträge und die Marke ohne Ihre Unterschrift auf die neue GmbH übertragen. Das ist ein anderer Vorgang. Dafür brauchte er Ihre Zustimmung als vormalige Mitgesellschafterin — und die hat er nie eingeholt."

Renate erinnerte sich an einen Nachmittag im August, an dem Jonas sie gebeten hatte, „schnell mal was zu unterschreiben, reine Formsache, für die Kfz-Innung". Sie hatte unterschrieben, ohne zu lesen, weil sie gerade einem Kunden am Telefon erklärte, warum sein Auspuff nachbestellt werden musste. Frau Dr. Aydogan nickte, als Renate das erzählte, und sagte, dass genau dieses Dokument möglicherweise die entscheidende Lücke sei — es könne sein, dass die Übertragung des Kundenstamms formal fehlerhaft erfolgt war, weil die eigentliche Zustimmungserklärung fehlte.

Die Sache zog sich über den Winter. Weihnachten verbrachte Renate allein in ihrer Wohnung in der Stieghorster Straße, aß Klöße aus der Packung, während im Fernsehen eine Wiederholung von „Ein Schnitzel für alle" lief, und Pia meldete sich nur mit einer SMS: „Frohes Fest, Mama." Kein Anruf. Renate stellte die Kerze am Fenster trotzdem an, wie jedes Jahr, auch wenn niemand vorbeikam, um sie zu sehen.

Im Februar kam der Termin vor dem Landgericht Bielefeld. Jonas erschien im grauen Anzug, den er sich offenbar extra für diesen Tag gekauft hatte, Pia saß zwei Reihen hinter ihm, die Hände im Schoß gefaltet, und sah ihre Mutter kein einziges Mal direkt an. Frau Dr. Aydogan legte dem Gericht die Unterlagen vor: die fehlende Zustimmungserklärung, die Kontoauszüge, die Renate sich in einer schlaflosen Nacht doch noch von der Bank hatte aushändigen lassen, und den ursprünglichen Gesellschaftsvertrag mit der fragwürdigen Klausel.

Der Richter sprach kein Urteil, das die Klausel selbst kippte — die war und blieb wirksam, Jonas behielt seine hundert Prozent an den Gesellschaftsanteilen. Aber er stellte fest, dass die Übertragung des Kundenstamms, der Lieferantenverträge und des Markennamens „Vogler Kfz-Technik" ohne wirksame Zustimmung erfolgt war und rückabgewickelt werden musste. Praktisch bedeutete das: Jonas durfte die leere Hülle einer GmbH behalten, samt Hebebühne, Werkzeug und dem angemieteten Grundstück an der Herforder Straße. Aber die eigentlichen Kunden, die Verträge mit drei Speditionen aus Sennestadt und der Name, unter dem sechzehn Jahre lang Vertrauen gewachsen war — das alles gehörte wieder Renate.

Sie unterschrieb den Vergleich mit einem Kugelschreiber, den ihr die Anwältin reichte, an einem Tisch im Gerichtsflur, während draußen ein Reinigungswagen über den Linoleumboden fuhr und irgendwo eine Tür quietschte. Am nächsten Montag mietete sie zweihundert Meter weiter eine kleinere Halle an, ehemals ein Reifenlager, roch noch nach Gummi und Diesel, und ließ ein neues Schild anbringen: „Vogler Automobiltechnik — seit 1993". Emil Radek war der Erste, der mit seinem Lieferwagen vorfuhr, stellte eine Kiste Bremsbeläge ab und sagte: „Na, dann wollen wir mal, Frau Vogler."

Von den vierzig Stammkunden, die vorher bei Jonas' Betrieb registriert waren, kündigten achtunddreißig innerhalb der ersten drei Wochen ihre Verträge dort und wechselten zu Renate. Jonas rief zweimal an. Beim ersten Mal wollte er über eine Kooperation reden. Beim zweiten Mal fragte er, ob sie ihm nicht wenigstens die Ersatzteil-Lieferantenkontakte überlassen könne, weil sein Betrieb sonst „keine Perspektive" habe. Renate hörte sich das am Telefon in der neuen Halle an, während der Lehrling — sie hatte ihn mitgenommen, er hatte gekündigt, sobald er von der neuen Adresse erfuhr — eine Ölwanne unter einem Passat austauschte.

„Die Kontakte sind an die Firma gebunden, Jonas", sagte sie, „und die Firma bin jetzt wieder ich."

Sie legte auf. Draußen fuhr ein Bus der Linie 25 vorbei, die Bremsen quietschten leicht am Haltepunkt, ein Geräusch, das sie inzwischen besser kannte als jedes andere in dieser Straße. Pia schrieb ihr im März eine lange Nachricht, in der sie um ein Treffen bat. Renate antwortete drei Tage später mit einem einzigen Satz: „Komm Sonntag zum Kaffee, aber ohne ihn." Sie stellte zwei Tassen auf den Tisch, nicht drei, und wartete, ob ihre Tochter allein kommen würde.

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