Es war Ella, die anrief, nicht Sophie. Ella hatte den Namen ihrer Schwester auf dem Display gesehen und trotzdem abgenommen, weil man das eben tut, wenn die eigene Mutter seit drei Tagen tot ist.
„Wann kannst du kommen?", fragte Ella, die Stimme brüchig wie altes Papier. „Ich brauche dich einfach."
„Ach, ich weiß nicht, Schwesterherz." Sophie seufzte, als ginge es um einen verschobenen Friseurtermin. „Ich rede mit meinem Chef, aber versprechen kann ich nichts."
„Was heißt hier, du versprichst nichts? Unsere Mutter ist tot, Sophie. Wir müssen sie beerdigen."
Ella hatte selbst nicht gemerkt, wie ihre Stimme in einen Schrei gekippt war.
Das Reihenhaus in Lemgo, in dem Margarete Vogt dreißig Jahre gelebt hatte, roch noch nach ihr: Bohnerwachs, ein bisschen Lavendel, der Duft von Apfelkuchen, der sich in die Tapeten der Küche gefressen hatte. Auf dem Küchentisch stand ein Foto in einem Plastikrahmen, mit einem schwarzen Trauerband umwickelt. Ella hatte es dort hingestellt, weil sie nicht wusste, wohin sonst mit dem Bild einer Frau, die eben noch lebte und jetzt nicht mehr.
Der Anruf, der alles veränderte, war fünf Tage zuvor gekommen. Ellas Nachbarin, Frau Brenner, hatte am Telefon geweint, so sehr, dass Ella zuerst gar nicht verstand, was sie sagte.
„Ella, mein Kind, ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll. Deine Mutter — sie hat einen Schlaganfall gehabt. Ich hab sie den ganzen Tag angerufen, sie ist nicht rangegangen. Dachte, sie ist beschäftigt, hört das Telefon nicht. Dann bin ich rüber, und sie lag auf dem Küchenboden. Die Augen offen, aber sie hat nicht mehr geatmet."
Margarete war neunundfünfzig gewesen. Sechs Monate vor ihrem sechzigsten Geburtstag.
Ella hatte an diesem Morgen selbst dreimal versucht, ihre Mutter zu erreichen — zwischen zwei Terminen bei der Arbeit, kurz, hektisch, ohne nachzudenken, warum niemand abnahm. „Vielleicht hätte man sie noch retten können", dachte sie seitdem jede Nacht, wenn sie an die Decke starrte und nicht einschlafen konnte.
Ihr Chef bei der Bausparkasse, Herr Reimann, hatte sie sofort freigestellt, kaum dass sie das Wort „gestorben" ausgesprochen hatte. „Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst", hatte er gesagt, fast erleichtert, dass er nicht streng sein musste. Sophie dagegen hatte am Telefon von Überstunden geredet, von einem Projekt, das sie ihrem Chef nicht absagen könne, von einer Karrierechance, die so lange auf sich hatte warten lassen.
Zur Beerdigung kam Sophie trotzdem — zwei Tage zu spät, mit einer Reisetasche und der Ankündigung, dass sie an Tag sieben schon wieder zurück müsse. „Mein Chef hat mir nur eine Woche gegeben", sagte sie, als müsse man ihr dafür noch dankbar sein.
Auf dem Friedhof, am frisch aufgeschütteten Grab, hatte Ella geweint, die Hände vors Gesicht geschlagen, während die Tränen zwischen ihren Fingern durchliefen und lautlos in den nassen Kies fielen.
„Ella, stell dich nicht so an", hatte Sophie gemurmelt. „Der Mensch ist gestorben, ist doch klar. Muss man deswegen gleich einen Fluss heulen?"
„Was sagst du da?"
„Ich sage, wenn man so um jeden trauert, reichen die Tränen nicht für ein ganzes Leben. Mama ist weg. Damit muss man sich abfinden."
Ella hatte an diesem Tag zum ersten Mal die Katze gesehen. Schwarz-weiß, schlank, mit einem Blick, der zu genau auf das Foto am Holzkreuz gerichtet war, um Zufall zu sein. Sie war einfach zum Grab gegangen, hatte den Kopf gehoben und die Fotografie betrachtet — dann, als sie Schritte hörte, war sie verschwunden.
„Streunerkatzen auf dem Friedhof, das gibt's überall", hatte Ella sich gesagt und war weitergegangen.
Zwei Tage später traf Ella auf dem Friedhof Frau Brenner, die mit einer Gießkanne zwischen den Gräbern unterwegs war.
„Wie geht's dir, mein Kind? Hältst du durch?"
„Ich versuch's, Frau Brenner. Es tut so weh."
„Das glaube ich dir. Eine Mutter zu verlieren tut doppelt weh, weil niemand sie ersetzen kann. Ach, sie hätte noch so viele Jahre gehabt. Nicht mal Enkel hat sie noch erlebt." Die Nachbarin wischte sich die Augen. „Übrigens — was machst du mit der Katze? Nimmst du sie zu dir?"
„Welche Katze? Mama hatte doch keine Katze."
„War die nicht bei ihr im Hof?"
„Nein, im Hof war nie eine Katze. Aber auf dem Friedhof, da hab ich schon zweimal eine gesehen. Schwarz-weiß. Sehr hübsch."
„Dann ist sie's." Frau Brenner schlug sich an die Stirn. „Ich hab doch ein Foto — Margarete mit der Katze auf der Bank. Eine Woche vor ihrem Tod hab ich das gemacht. Wollte es ihr bringen, hab's dann vergessen. Komm mit, ich geb's dir."
In der kleinen Küche von Frau Brenner, zwischen einem Radio, das leise den WDR laufen ließ, und einem Teller mit angebissenem Streuselkuchen, zeigte sie Ella das Foto.
„Deine Mutter hat die Katze aus Bielefeld mitgebracht, als sie zur Vorsorgeuntersuchung dort war. Ich hab die beiden vor dem Supermarkt getroffen."
„Aber sie hatte doch seit ihrer Kindheit eine Allergie."
„Genau das hab ich auch gedacht. Da läuft sie, die Katze auf dem Arm, niest, hustet, die Augen tränen — und lächelt dabei. Wie hier." Frau Brenner deutete auf das Bild. „Sie hat sie geliebt. Ins Haus durfte die Katze nicht, aber draußen sind sie oft zusammen spazieren gegangen. Sie hat euch beiden — dir und Sophie — extra nichts erzählt, damit ihr nicht kommt und sie mitnehmt."
Auf dem Foto saß Margarete auf einer Bank unter einem Fliederstrauch, die Katze im Arm, und lachte — richtig lachte, mit Falten um die Augen, die Ella schon fast vergessen hatte.
„Wenn du kannst", sagte Frau Brenner leise, „kümmer dich um sie. Das wäre, als würdest du die Liebe deiner Mutter weitertragen, die sie nicht mehr verschenken konnte."
Sechs Tage brauchte Ella, um die Katze überhaupt zu Gesicht zu bekommen. Sie kam jeden Nachmittag, setzte sich neben das Grab, wartete. Am sechsten Tag, als sie in die Hocke ging und weinte, kam das Tier aus dem Gebüsch neben dem Nachbargrab hervor, setzte sich lautlos neben sie und schaute auf das Foto.
„Du bist gekommen", flüsterte Ella. Sie nannte die Katze Mimi, und schon am nächsten Tag saß Mimi auf dem Küchentisch, direkt neben dem Rahmen mit dem schwarzen Band, und rührte nichts an — sie sah nur zu.
Der eigentliche Bruch kam am Abend vor Sophies Abreise. Sie hatte sich mit einer Maklerin aus Detmold in Verbindung gesetzt.
„Ella, hör zu. Für das Haus kriegen wir hundertfünfzigtausend Euro, wenn wir jetzt verkaufen. Je länger es leer steht, desto weniger ist es wert."
„Kati — ich meine Sophie —, wir sind noch nicht mal im Erbschein. Das dauert mindestens ein halbes Jahr. Und ich will das Haus nicht verkaufen. Das ist unsere Erinnerung."
„Erinnerung, aha. In fünf Jahren fällt das Ding zusammen, dann bleibt gar nichts mehr übrig außer Schutt."
„Nicht, wenn man sich drum kümmert."
„Und wer soll das machen? Ich sicher nicht. Ich komm hier nie wieder her."
„Ich kümmere mich drum. Und ich komme oft her, weil hier unsere Mutter begraben liegt."
„Moment mal. Du willst dir das ganze Haus unter den Nagel reißen? Mir gehört genauso die Hälfte!"
„Ist ja gut", sagte Ella. „Innerhalb von sechs Monaten zahle ich dir die Hälfte des Werts aus. Ich kaufe deinen Anteil. Passt dir das?"
„Passt", sagte Sophie und lächelte plötzlich, als sei nie ein Streit gewesen. „Übrigens, was soll die Katze hier im Haus?"
Ella erzählte ihr alles — von der Katze aus Bielefeld, von den Besuchen am Grab, von dem Versprechen.
„Du spinnst wohl", schnaubte Sophie. „Die hat bloß nach Futter gesucht, und du machst draus gleich einen Kinofilm. Und überhaupt — hast du mal überlegt, dass diese Katze schuld an Mamas Tod sein könnte? Sie hatte doch seit Kindesbeinen diese Allergie."
„Nein. Sie hatte einen Schlaganfall. Das hat mit der Allergie nichts zu tun."
An diesem Abend, beim Gedenkessen, stellte Sophie den Bildrahmen einfach auf den Schrank, ganz oben, unter die Decke, weil „das so üblich sei" — sie hatte es im Internet gelesen. Daneben ein Schnapsglas mit Kirschlikör, obwohl Margarete zeitlebens keinen Alkohol angerührt hatte. Ella schwieg. Morgen würde Sophie abreisen, und sie würde alles wieder an seinen Platz stellen.
Mitten in der Nacht wachte Ella auf, weil sie sich beobachtet fühlte. Mimi saß auf dem Schrank, direkt neben dem Foto, und sah sie mit diesem seltsam ruhigen Blick an. Dann hob sie eine Pfote, stieß das Schnapsglas herunter — es zerbrach auf dem Dielenboden — und sprang erst danach hinunter.
Ella musste lächeln. Diese Katze kannte ihre Mutter besser als deren eigene Tochter.
Am nächsten Morgen fuhr Sophie zurück nach Bielefeld, nicht ohne noch einmal an die versprochenen fünfundsiebzigtausend Euro zu erinnern. Ella blieb bis zum neunten Tag, dann nahm sie Mimi mit in ihre Wohnung nach Detmold. Aber es sollte nicht das letzte Mal in Lemgo sein: Zum vierzigsten Tag kam sie wieder, dann alle zwei, drei Wochen. Sie pflegte den Garten, kümmerte sich um das Grab, erzählte ihrer Mutter, was sich in ihrem Leben tat.
Das halbe Jahr, das Ella Sophie versprochen hatte, verging schneller als gedacht. An einem regnerischen Dienstag im März saß Ella beim Notar in der Detmolder Innenstadt, einen Aktenordner vor sich, in dem der Grundbuchauszug, die notarielle Erbauseinandersetzung und ein Kontoauszug über die überwiesenen fünfundsiebzigtausend Euro lagen. Sophie war nicht mitgekommen — „hab keine Zeit, schick's mir per Überweisung" — und Ella tat genau das: eine Zahlung, ordentlich dokumentiert, mit Verwendungszweck „Abfindung Miterbin, Grundstück Lemgo".
Zwei Wochen später rief Sophie an, weil sie über eine gemeinsame Bekannte gehört hatte, dass Ella das Haus renovieren ließ — neues Dach, frischer Außenputz.
„Was investierst du da so viel Geld rein? Hättest ja auch einfach verkaufen können, hättest du mehr rausgeholt."
„Kati", sagte Ella — und diesmal korrigierte sie sich nicht mehr, sie meinte es wie einen alten Spitznamen, ohne Groll —, „das Haus gehört jetzt mir. Ganz allein. Du hast deinen Anteil bekommen, ordentlich, mit Unterschrift beim Notar. Was ich damit mache, ist meine Sache."
Am anderen Ende blieb es einen Moment still.
„Ich hätte auch gern noch Anteil an der Zukunft davon", sagte Sophie schließlich, halb im Scherz, halb nicht.
„Die Zukunft gehört dem Haus, in dem Mama begraben liegt, und der Katze, die jeden Abend auf ihrem Kissen schläft. Nicht dir und nicht mir. Ruf mich an, wenn du mal vorbeikommen willst — Kaffee ist immer da."
Ella legte auf. Draußen vor dem Notariat regnete es in diesem feinen Detmolder Nieselregen, der nie ganz aufhört und nie ganz stark wird. Sie steckte den Aktenordner in ihre Tasche, zog die Kapuze über den Kopf und ging zur Bushaltestelle, von der sie in eineinhalb Stunden zu Hause sein würde — dort, wo Mimi am Fenster saß und wartete, wie sie es jetzt jeden Tag tat.







