Jonas Brenner saß auf dem winzigen Hocker seiner Tochter im Flur und weinte. Ein Mann mit einundfünfzig Jahren, breite Schultern, fast zwei Meter groß – und er passte kaum auf das Möbelstück, das eigentlich für eine Sechsjährige gedacht war. Draußen, vor dem Mehrfamilienhaus in Bremen-Walle, trommelte der Regen gegen die Fensterbank, und irgendwo im Treppenhaus roch es nach nassem Beton und dem Kohlrouladen-Essen der Nachbarin aus dem dritten Stock.
Es war ein Montag Anfang Dezember, einer von der Sorte, die einen Menschen in wenigen Stunden altern lässt. Jonas hatte das Gefühl, als hätte man ihm über Nacht zwanzig Jahre aufgebürdet.
Um kurz nach sechs hatte das Klinikum Bremen-Mitte angerufen. Seine Mutter, zwei Tage zuvor an der Hüfte operiert, war ins Koma gefallen – dabei war es ihr noch am Sonntagabend besser gegangen. Während Jonas mit quietschenden Reifen zum Parkhaus der Klinik raste, rief seine Steuerberaterin an: Das Finanzamt hatte sämtliche Geschäftskonten seiner kleinen Möbeltischlerei gesperrt. Kaum hatte er im Wartebereich der Intensivstation Platz genommen, kam eine Nachricht seines Spediteurs: Der Container mit den Massivholzplatten aus Polen hänge im Zoll fest, irgendetwas stimme mit den Begleitpapieren nicht, er solle sofort kommen.
Der eigentliche Schlag kam danach. Seine Frau Katrin rief an.
„Jonas, ich weiß, ich bin dir gegenüber wirklich im Unrecht. Aber ich liebe dich nicht mehr. Ich versuche das jetzt seit einem halben Jahr zu sagen, und ich habe mich nie getraut. Länger geht es nicht mehr. Du hättest es sowieso irgendwann erfahren – besser von mir."
„Und unser Sohn?"
„Er ist nicht von dir. Es tut mir leid."
Jonas fuhr von der Klinik direkt zum Finanzamt, um die Kontensperrung zu klären, aber das Gespräch hatte ihn aus der Bahn geworfen. Berufliche Krisen konnte er wegstecken, sogar die Krankheit seiner Mutter hatte ihn nicht umgeworfen. Aber dieser Verrat des vertrautesten Menschen – der brach etwas in ihm.
In seinem Kopf herrschte Chaos: ein stechender Schmerz, glühende Wut, eine dumpfe Leere und ein widerlicher Wunsch nach Vergeltung, alles auf einmal. Mitten auf der Kreuzung an der Waller Heerstraße riss er das Lenkrad herum – der Wagen hinter ihm konnte gerade noch ausweichen, zum Glück kam auf der Gegenfahrbahn nichts entgegen.
Zu Hause, in seiner Zweizimmerwohnung, fiel ihm erst nach einer Weile auf, dass er die Wohnungstür nicht richtig zugezogen hatte. Sie öffnete sich mit einem Knarren, das ihn zusammenzucken ließ. Er spannte sich an, bereit für irgendetwas. Stattdessen kam eine völlig durchnässte, dreckige Katze hereinspaziert.
„Wer bist du denn?", fragte Jonas erstaunt.
Der Kater kam auf ihn zu, sprang ihm auf den Schoß, legte die Vorderpfoten auf seine Schultern und sah ihn mit bernsteinfarbenen Augen an. So blieben sie etwa drei Minuten sitzen. Dann sprang das Tier herunter, lief zur Tür und schaute zurück. Jonas spürte, ohne zu wissen warum, dass er ihm folgen sollte. Der Kater führte ihn ins Treppenhaus des Nachbarhauses. Dort, im Dunkeln unter der untersten Treppenstufe, raschelte und piepste etwas. Jonas schaltete die Taschenlampe seines Handys ein. Auf einem platt gedrückten Karton lag eine weiße Katze, daneben strampelten mehrere noch nasse Kätzchen.
„Was seid ihr für winzige Kerlchen", murmelte er.
Beim genaueren Hinsehen begriff er: Die Katzenmutter hatte die Geburt nicht überlebt.
„Deshalb bist du also zu mir gekommen. Ich hab aber keine Ahnung, was man mit so kleinen Dingern macht. Na gut, wir kriegen das hin."
Er zog seine Wollmütze aus, legte ein Taschentuch hinein und bettete die Kätzchen darauf.
„Komm, Papa. Am Weserwehr, in der Nähe vom Tierheim, gibt's eine Tierarztpraxis mit Notdienst. Die sagen mir schon, was zu tun ist."
Die Tierärztin wusch die Kätzchen und zeigte ihm, wie man sie mit einer kleinen Pipette füttert. Der Kater saß die ganze Zeit auf einem Stuhl und beobachtete jeden Handgriff mit äußerster Aufmerksamkeit. Danach gingen alle gemeinsam nach Hause.
„Ihr wohnt jetzt in diesem Zimmer. Ich zieh mich um, und dann geht's ins Bad, Papa."
Jonas legte die Kätzchen in einen Karton mit einem weichen Kissen. Der Kater ertrug das Baden mit stoischer Fassung, jaulte leise, nieste laut, wenn ihm Wasser in die Nase kam, und krallte sich mal ins Handtuch, mal wieder los. Nach dem Abtrocknen schüttelte er sich und verwandelte sich in ein flauschiges, feuerrotes Fellknäuel.
„Du bist ja ein richtiger Kerl. Wie sollen wir dich nennen?"
Jonas betrachtete das sich putzende Tier mit einer Wärme, die ihm selbst fremd vorkam.
„Rusty, Simba, Garfield", zählte er die bekannten Katzennamen auf. „Nee, irgendwie passt nichts. Vielleicht Felix?"
Er dachte an einen Zeichentrickkater, den er als Kind geliebt hatte. Der Kater hielt mitten im Putzen inne, sah ihn an, und irgendetwas in seiner Miene wirkte wie ein zufriedenes Grinsen.
„Dir gefällt's auch. Dann ist das beschlossen. Ab jetzt bist du Felix. So, jetzt aber schlafen – morgen hab ich einen ganzen Berg widerlicher Sachen zu erledigen."
Jonas war schon fast eingeschlafen, als lautes Scharren ihn aufschreckte. Felix hatte den Kopf gegen den Kartons mit den Kätzchen gestemmt und schob ihn ins Schlafzimmer. Zielstrebig manövrierte er ihn in die Ecke gegenüber dem Bett, sprang selbst hinein und legte sich schützend um die Kleinen.
Eine Woche lang war Jonas kaum zu Hause, seine Steuerberaterin kümmerte sich in dieser Zeit um die Tiere. Er kehrte mit dem freigegebenen Container zurück, kam mit einem blauen Auge davon. Als Nächstes waren die Konten dran, und das ließ sich überraschend schnell klären: Ein Sachbearbeiter hatte sich bei der Steuernummer der Firma um eine einzige Ziffer vertippt, und die Pfändung war fälschlicherweise auf Jonas' Privatkonto gelandet statt auf das eines anderen Unternehmens.
Bei seiner Mutter blieb er manchmal über Nacht in der Klinik, bis man sie aus dem Koma holte und auf die normale Station verlegte. Die Genesung machte danach zügig Fortschritte, die Ärzte sprachen von einer Entlassung noch vor Weihnachten.
Was die Sache mit Katrin anging, versuchte Jonas, nicht daran zu denken. Er ließ die Dinge laufen, wie sie eben liefen – es tat einfach zu weh, sich damit zu beschäftigen. Gegen Ende Januar erhielt sein Anwalt die Ladung zum Scheidungstermin. Katrin verlangte nichts, ihr gehörte ohnehin nichts von dem, was er aufgebaut hatte. Die Scheidung ging schnell über die Bühne, nur die beiden Anwälte waren anwesend, vor dem Amtsgericht in der Ostertorstraße.
Drei Monate waren vergangen, seit Felix mit seinem Nachwuchs in die Wohnung eingezogen war – oder besser gesagt, seit sie zu gleichberechtigten Mitbewohnern geworden waren. Ohne den Kater lief in dieser Wohnung nichts mehr. Er kontrollierte alles, mischte sich überall ein, wie eine Hausdame alter Schule; nichts geschah ohne sein Plazet.
„Wird Zeit, dass die Kleinen Namen bekommen. Sie sind schon groß und immer noch namenlos", entschied Jonas eines Abends im März, während er alle vier streichelte.
Felix setzte sich mit ernster Miene daneben, und gemeinsam berieten sie zwei Stunden lang – Google half nach, wenn Jonas' Fantasie ausging, und der Kater quittierte jeden Vorschlag entweder mit interessiertem Blinzeln oder mit angewidertem Naserümpfen. Am Ende hießen die Kätzchen: Garfield, genauso rot wie der Vater, Keks, weiß mit einem rostroten Fleck zwischen den Ohren, und Motte, ein Kätzchen von einem merkwürdigen Graublau, das mit den Eltern rein gar nichts gemeinsam hatte.
„Weißt du, Felix, mir wird gerade erst klar, dass du mich damals im Dezember aus dem ganzen Elend rausgeholt hast. Ohne dich wäre ich an dem Tag wahrscheinlich einfach zerbrochen."
Jonas' Stimme wurde brüchig, seine Augen füllten sich. Felix, der auf seinem Schoß lag, richtete sich auf und legte die Pfoten wieder auf seine Schultern, genau wie an jenem ersten Abend. Die bernsteinfarbenen Augen blieben auf sein Gesicht gerichtet, reglos, fordernd fast. So verharrten sie eine Weile. Dann leckte der Kater ihm über die Nase.
„Schon gut, schon gut, ich dich auch", flüsterte Jonas und wischte sich mit dem Handrücken über die Wangen.
Zwei Wochen später unterschrieb Jonas beim Notar in der Böttcherstraße die Übertragung der Werkstattanteile, die noch auf Katrins Namen liefen, zurück auf sich selbst – ein letzter, formaler Rest aus der gemeinsamen Zeit, achtzehntausend Euro Wert, säuberlich in einer grauen Mappe dokumentiert. Er unterschrieb, klappte die Mappe zu, reichte sie über den Tisch und fuhr nach Hause, wo vier Katzen am Fenster auf ihn warteten.







