Als ich an jenem Nachmittag die Wohnungstür aufstieß, hörte ich nichts. Kein Fauchen. Kein Kratzen. Nur dieses warme, gleichmäßige Schnurren, das ich seit Monaten nur kannte, wenn ich allein mit ihm war. Ich trat in den Flur, stellte die Tüte mit Medikamenten ab. Im Schlafzimmer war es dunkel. Ich blieb auf der Schwelle stehen, wollte nicht stören. Und dann sah ich es.
Oskar lag auf Jonas' Brust. Er hatte die Pfoten unter den Körper gezogen, die Augen halb geschlossen, und er schnurrte, als wäre das sein Platz. Seit Wochen.
Ich weiß noch, wie ich die Hand auf den Türrahmen legte. Nicht weil ich mich festhalten musste. Sondern weil ich für einen Moment nicht sicher war, ob ich wirklich vor meiner eigenen Tür stand.
Weiter zurück.
Oskar kam zu mir, als ich fünfundzwanzig war. Ich hatte die kleine Wohnung in Berlin-Pankow gerade übernommen, zwei Zimmer, Altbau, Fenster zum Innenhof. Meine Schwester hatte mir den Tipp gegeben: Wenn du allein wohnst, hol dir eine Katze. Die bringt Ruhe rein. Am Ende war es weniger Ruhe als ein kleiner Mitbewohner, der um halb sechs morgens auf mein Kopfkissen stieg und mit der Pfote an meiner Nasenspitze rüttelte, bis ich aufstand.
Oskar wurde aus einem winzigen grauen Fellknäuel ein massiger Kater mit breiten Schultern und einem Gesicht, das aussah, als hätte er nie in seinem Leben Unsinn gemacht. Er fauchte nie. Vor Fremden versteckte er sich nicht. Wenn meine Freundinnen zu Besuch kamen, sprang er auf den Sessel, rollte sich auf den Rücken und ließ sich den Bauch kraulen, als wäre er ein Hund in einem Katzenkörper. Meine Mutter nannte ihn den Gentleman.
Dann lernte ich Jonas kennen. Auf einer Geburtstagsparty, die ich fast abgesagt hätte. Er saß auf dem Balkon, allein, trank ein Bier und schaute auf die Straße. Ich stellte mich dazu, weil ich keine Lust auf die laute Küche hatte. Wir redeten bis zwei Uhr nachts. Über schlechte Filme, über die Frage, warum man als Erwachsener nie mehr Zeit für sich hat, über seine Arbeit in einem kleinen Architekturbüro in Kreuzberg.
Drei Wochen später kam er in meine Wohnung. Es regnete, wir waren durchnässt, und ich bot ihm an, sich bei mir zu trocknen. Oskar saß im Flur, leckte sich gerade die Pfote. Als Jonas die Tür hinter sich zuzog, erstarrte der Kater. Die Ohren gingen nach hinten. Der Rücken machte einen Buckel. Und dann kam aus diesem Tier, das ich noch nie hatte fauchen hören, ein Geräusch wie ein defekter Luftdruckmesser.
„Krass", sagte Jonas. „Der mag mich."
Er grinste, aber ich sah, dass er zurückwich. Er hatte Respekt. Oskar verschwand unter dem Sofa und war nicht mehr herauszulocken. Jonas legte sich flach auf den Boden, streckte die Hand aus. „Komm, Großer. Ich tu dir nichts." Unter dem Sofa kam nur ein tiefes, warnendes Knurren.
Ich dachte: Das gibt sich. Fremde Gerüche, fremde Stimme. Er braucht Zeit.
Er brauchte keine Zeit. Er brauchte genau sechs Monate. Aber das wusste ich damals noch nicht.
Jonas kam jetzt fast jeden Abend vorbei. Er arbeitete lange, ich arbeitete im Verlag am Hackeschen Markt. Wir aßen meistens spät, tranken Wein auf dem kleinen Balkon, und Oskar beobachtete uns aus dem Schlafzimmer. Er fauchte, sobald Jonas den Flur betrat. Er zog sich zurück, bis Jonas ging. Und wenn die Tür ins Schloss fiel, kam er heraus, sprang auf meinen Schoß und drückte den Kopf gegen meine Hand, als wollte er sagen: Endlich weg.
Jonas versuchte alles. Er kaufte die teuersten Katzenleckerlis, die er im Supermarkt finden konnte. Er legte sie vor das Sofa und ging rückwärts davon, wie ein Verhandler. Oskar wartete, bis Jonas im Bad war, schoss vor, schnappte sich das Leckerli und verschwand wieder.
„Immerhin", sagte Jonas. „Er nimmt Essen von mir."
Er saß einmal eine halbe Stunde auf dem Boden, ein Buch in der Hand, den Rücken zum Sofa. Oskar kam heraus, Schritt für Schritt. Jonas drehte sich nicht um. Er wartete. Oskar schnupperte an seinem Ärmel, hob die Pfote – und schlug zu. Drei dünne rote Linien auf Jonas' Handrücken.
„Okay", sagte Jonas. „Das ist eine klare Ansage."
Meine beste Freundin Carolin, die selbst zwei Kater hat und deren Balkon aussieht wie ein Kletterpark für Fellnasen, war überzeugt: „Er ist eifersüchtig. Du gehörst ihm. Jetzt teilt er dich mit einem Fremden. Das ist ein Machtkampf."
Meine Mutter sah es anders. Sie wohnt in Bielefeld, kam alle zwei Monate zu Besuch und brachte Oskar immer ein Spielzeug mit. „Vielleicht spürt er einfach, dass Jonas nicht gut für dich ist", sagte sie am Telefon. „Tiere haben da so ein Gefühl."
Dieser Satz setzte sich fest. Auch wenn ich es nicht wollte. Ich lag nachts wach, Oskar an meine Seite gekuschelt, und dachte: Was weiß er, was ich nicht weiß? Jonas war zuverlässig, er meldete sich, wenn er sich verspätete, er brachte mir Tee, wenn ich erkältet war, er merkte sich, dass ich den Kaffee schwarz trinke, aber nur nachmittags. Es gab keinen Grund zur Sorge. Außer dass meine Katze ihn nicht ausstehen konnte.
Nach fünf Monaten zog Jonas halb bei mir ein. Seine Zahnbürste stand neben meiner. Seine Sneaker blockierten den Flur. Seine Hemden hingen in meinem Kleiderschrank, obwohl er seine eigene Wohnung in Kreuzberg behielt. Oskar teilte die Wohnung in zwei Zonen auf. Wenn Jonas im Schlafzimmer war, lag Oskar in der Küche. Wenn Jonas die Küche betrat, wechselte Oskar in den Flur. Sie lebten wie zwei Parteien, die einen Waffenstillstand geschlossen haben, aber keine Sekunde vergessen, dass sie Konkurrenten sind.
Dann kam der Mittwoch im November. Jonas stand auf, trank einen Schluck Kaffee, setzte sich wieder. „Mir ist kalt", sagte er. Zwei Stunden später maß ich 39,8. Am Abend war es über vierzig. Ich legte ihn ins Bett, gab ihm Tee, den er nicht anrührte. Oskar blieb in der Küche, auf seinem Kratzbaum, die Augen auf die Schlafzimmertür gerichtet.
In der Nacht hörte ich Jonas husten. Dieser tiefe, bellende Husten, der im Brustkorb steckt. Ich lag neben ihm, fühlte seine Stirn. Sie glühte. Oskar saß im Flur, direkt vor der halb offenen Tür. Er ging nicht hinein. Er saß nur da, den Kopf zur Seite geneigt, und lauschte.
Am nächsten Tag wurde es schlimmer. Der Arzt kam, hörte die Lunge ab, sagte, es sei eine schwere Grippe. Ich müsse aufpassen, wenn es auf die Atemwege gehe. Oskar war verschwunden. Er lag unter dem Bett, wo sein alter Korb stand.
Am dritten Tag musste ich in die Apotheke. Ich zog die Jacke an, sah Oskar kurz an. Er lag im Flur, die Pfoten seitlich ausgestreckt, und beobachtete mich. „Ich bin in zwanzig Minuten wieder da", sagte ich, mehr zu mir selbst. Er blinzelte.
Es wurden vierzig. Die Apotheke am Helmholtzplatz hatte eine Schlange, die sich bis zur Tür zog. Ich hetzte nach Hause, die Tüte in der Hand, und als ich die Tür aufstieß, hörte ich nichts. Nur dieses Schnurren.
Ich stand im Schlafzimmer. Oskar lag auf Jonas' Brust. Er hatte die Pfoten unter den Körper gezogen. Seine Augen waren geschlossen. Er schnurrte, als wäre das sein Job. Jonas schlief. Sein Gesicht war blass, die Haare klebten an der Stirn, aber sein Atem ging ruhiger. Der Kater bewegte sich mit jedem Atemzug, hob sich, senkte sich. Ein grauer Hügel auf einem kranken Brustkorb.
Ich blieb stehen. Ich konnte nicht. Ich wollte nicht. Die Tüte rutschte mir fast aus der Hand. Oskar machte ein Auge auf. Er sah mich an. Dann schloss er es wieder und schnurrte weiter, als hätte er nie etwas anderes getan.
Ich setzte mich auf den Flur. Auf den kleinen Hocker, auf dem ich sonst meine Schuhe zuband. Und weinte. Nicht weil ich traurig war. Sondern weil ich begriff, dass Oskar die Entscheidung getroffen hatte, die ich mir nicht erlaubt hatte.
Als Jonas aufwachte, eine Stunde später, hörte ich seine Stimme. „Äh… hallo?"
Ich ging hinein. Jonas lag da, vollkommen still, die Augen weit. Er zeigte mit dem Kinn auf seine Brust, ohne den Kopf zu bewegen. „Ist das wirklich gerade?", sagte er leise.
„Ja."
„Ich trau mich nicht zu atmen."
Oskar hob den Kopf, gähnte ausgiebig, streckte eine Pfote aus und legte sie auf Jonas' Schlüsselbein. Dann ließ er den Kopf wieder sinken. Jonas begann zu lachen, ein schwaches, hohles Geräusch aus einem kranken Hals.
„Er ist warm", sagte er.
„Du hast Fieber."
„Nein. Er. Hier." Er legte eine Hand auf Oskars Rücken. Der Kater regte sich nicht. Sein Schnurren wurde lauter.
Nach fünf Tagen stand Jonas wieder auf. Er war dünner geworden, aber der Husten war fast weg. Er trank seinen Kaffee im Stehen, wie immer. Oskar saß neben ihm, die Vorderpfoten parallel, und schaute zu ihm auf. Kein Fauchen. Keine angelegten Ohren. Nur diese ruhige, konzentrierte Art.
Jonas beugte sich hinunter, streckte die Hand aus. Oskar zuckte nicht. Er drückte den Kopf gegen Jonas' Fingerspitzen, forderte die Berührung ein. Der Kater, der sechs Monate lang die Krallen gezeigt hatte, lag jetzt abends auf Jonas' Schoß, wenn er am Laptop saß. Er markierte seine Kleidung. Er schlief in seinem Pullover, den Jonas über den Sessel gelegt hatte. Und wenn Jonas nach Hause kam, lief Oskar zur Tür, den Schwanz aufgerichtet, und miaute.
Eines Abends saßen wir auf dem Sofa. Oskar lag auf Jonas' Bauch. Beide schauten auf den Fernseher, die Augen halb geschlossen. Ich stand am Herd, wollte einen Tee machen, und drehte mich um. Da erinnerte ich mich an die Schlüssel. Jonas hatte seine eigene Wohnung in Kreuzberg, aber seine Sachen waren längst hier. Seine Zahnbürste. Seine Klamotten. Er hatte nie einen eigenen Schlüssel für meine Wohnung gehabt. Er klingelte immer.
Ich ging zum Schrank. Ich nahm den Ersatzschlüssel, den ich für Notfälle in der Küchenschublade aufbewahrte. Ein einzelner Schlüssel an einem hellgrünen Band. Ich spürte das kalte Metall. Sechs Monate. So lange hatte ich gebraucht, um zu verstehen, dass Oskar nicht gegen Jonas war. Er hatte nur gewusst, dass dieser Mann bleiben würde. Und dass man einem, der bleibt, nicht mehr ausweichen kann.
Ich ging ins Wohnzimmer. Jonas sah mich an, Oskar schnurrte auf seinem Bauch. „Hier", sagte ich. „Der gehört jetzt dir."
Ich legte den Schlüssel auf den Tisch vor ihn. Das grüne Band leuchtete im Fernsehlicht. Jonas nahm ihn, drehte ihn in der Hand um, als wäre es ein Dokument, das er prüfen musste.
„Sechs Monate", sagte ich. „So lange hat es gedauert, bis er dich akzeptiert hat. Ich war bei vier. Aber ich habe mich nicht getraut."
Jonas lachte. „Oskar war bei null. Er hat mich nie gefragt."
Oskar machte ein Auge auf, wedelte träge mit dem Schwanz und ließ den Kopf wieder sinken. Das Schnurren wurde tiefer. Draußen fuhr die Tram die Raumerstraße entlang, und irgendwo im Hof kläffte der kleine Jack Russell von Frau Schneider, der nie genug vom Tag hatte.
Ich setzte mich zu ihnen. Unser Kater lag zwischen uns, und die Schlüssel lagen auf dem Tisch.







