Die Kreidekreise auf dem Tanzboden

Als Erstes höre ich es. Dieses dumpfe Reiben, wenn ein Absatz über die staubige Holzdiele scharrt. Ich bleibe stehen, mitten auf dem zugigen Flur, und schiebe die Tür zum Saal auf.

Da drin — Friedrich, der alte Platzwart. Zum hundertsten Mal zieht er seinen Stuhl an den linken Fensterpfosten, holt das Blaue Übungskissen aus der Abstellkammer, setzt sich. Durch die blinden Scheiben fällt fahles Novemberlicht auf den Fußboden. Er schwört, die Kreidekreise, die er 1989 für die Jugendweihe aufgemalt hat, seien noch unter dem Firnis zu sehen. Ich sehe nichts. Aber ich bin seit elf Jahren die Hausverwalterin in diesem verfluchten Dorfclub, und ich habe gelernt, seinen Erzählungen ein paar Minuten zuzuhören.

„Vor vierzig Jahren“, sagt er, ohne den Blick zur Tür zu nehmen, „haben hier abends die Glühbirnen gewackelt, so haben sie getanzt. Weißt du, was ein Palast der Jugend ist, Mädchen? Das ist kein Gebäude. Das ist ein Datum im Leben von jedem, der zwischen diesen Wänden zum ersten Mal einem Menschen zu nah gekommen ist.“

Ich weiß, was er meint. Mein Mann hat mich hier angesprochen, 1994, beim Erntedankfest. Er trug ein viel zu enges Hemd und roch nach dem Rasierwasser seines Vaters. Drei Jahre später stand unser Hochzeitsbuffet genau dort, wo jetzt der Putz von der Decke bröselt. Diese Mauern sind ein Speicher. Und Speicher schließen sich nicht von allein.

Vor drei Jahren hat der Landkreis das Haus stillgelegt. Statik. Asbest in den alten Akustikplatten. Drei Kostenvoranschläge, der teuerste über 780000 Euro. Der Gemeinderat hat getagt, viermal. Beim fünften Mal haben sie die Schlösser austauschen lassen, die Sicherungskästen versiegelt und entschieden: verkaufen. Veranstaltungsverbot, Betreten verboten.

Der einzige Grund, warum der Saal noch nicht an einen Lagerhallenbetreiber aus dem Gewerbegebiet geht, ist ein zweiundzwanzig Zentimeter hoher Aktenordner im Rathaus: zwölf Anwohner aus der Siedlung haben Einspruch eingelegt, darunter Friedrich. Zwölf Einsprüche gegen den Bebauungsplan. Acht Monate Stillstand. Der Ortsvorsteher, Herr Kowalski, hat mir vor dem Bäcker gesagt, das sei „ein Problem der Generationen“.

Letzte Woche hat sich eine Investorengruppe aus Erfurt angekündigt. Sie wollen den Club abreißen und einen Pflegedienst mit Tagespflege bauen. Zahlen bar. Der Bürgermeister hat fünfmal angerufen.

Friedrich hat mir zum Abschied den dünnen Schlüssel für die Abstellkammer in die Hand gedrückt. Kupferlegierung, mit einem Hauch Grünspan. „Damit du’s weißt“, hat er gesagt. „Ich bin nicht der, der hier zumacht. Ich bin der, der zuletzt da war.“

Heute Morgen bin ich um halb sieben ins Büro, noch vor der Post. Der Schlüssel lag auf dem Schreibtisch, wo ich ihn hingelegt hatte, daneben eine Tasse mit Steinhäger, den ich nach Friedrichs Rede am Vereinsabend eingeschenkt hatte. Ausgetrunken. Neben der Tasse die alte Kasse des Dorfclubs, Baujahr 1978, Schlüssel steckt auf einmal nicht mehr.

Ich kenne jede Schublade dieses Ladens, von der abgegriffenen Klinke am Flur bis zum losen Nagel in der Saaltür, an dem sich seit jeher die Frauen die Strumpfhosen aufreißen. Und ich weiß, was in dem Ordner steht. Für die Abrissgenehmigung brauchen sie nur noch die Bestätigung, dass mindestens sechzig Prozent der Eigentümer des Erbbaurechts der Veräußerung zugestimmt haben. Bei einem Grundstück dieser Größe heißt das: die Gemeinde, ein Zweckverband, drei Erbengemeinschaften und ein private Eigner. Als Hausverwalterin habe ich die Listen gepflegt. Ich weiß, wer fehlt, um die Mehrheit zu beschaffen: Karl-Heinz Dressler, der vor zwei Jahren die alte Kegelbahn-Bar im Keller gekauft hat, bevor man ihn zur Aufgabe nötigte. Dreihunderttausend Euro hat die Gemeinde ihm geboten. Er hat gelacht. Sein Anteil ist nicht deckungsgleich mit den anderen, er hängt als Notarvertrag in Meiningen fest, fünfte Klappe, Umschlag mit Frist. Und die Frist läuft in sieben Tagen ab.

Dressler hat nie einen Grund genannt, warum er nicht verkauft. In den Protokollen steht er als „keine Angabe“. Ich habe ihn kennengelernt, als ich die neuen Zählerstände für die Stromeinspeisung an seine Kellerbar einmelden musste. Ein stiller Mann, lange Finger, gebügeltes Hemd, die Hände nach Waschpulver. Er hat auf einem Bierdeckel einen Kreis gemalt, während die alte Neonröhre über uns zischte, und gesagt: „Wissen Sie, wie viel so ein Abend im Dorf wert ist? Nichts. Und wie viel ein Feierabend? Genau das, was einer bereit ist, aufzugeben.“

Er hat nie wieder verkauft.

Aber die Frau, die jeden Morgen vor mir beim Bäcker steht, hat neulich ihre Brötchen zurückgegeben und gesagt: „Wenn der Dressler nicht unterschreibt, reißen sie es trotzdem ab. Die warten doch nur darauf, dass der Alte endlich wegzieht. Mit dem Ordner können die ihn unter Druck setzen. Und wenn der Rat erst einmal raushat, dass du die Frist kennst, dann bist du die Nächste, die vor dem Haus steht.“

Ich bin nicht die Nächste. Ich bin die, die die Post sortiert.

Gegen neun kommt der Bürgermeister auf einen Kaffee herein, mehr Schritt auf dem Kies als Ankündigung. Er will die Übergabequittung für den Schlüssel der Abstellkammer. Ich sage ihm ohne den Blick vom Monitor zu nehmen, dass der Vertrag nur wirksam wird, wenn die Bestätigung persönlich im Büro des Notars abgegeben wird, nicht bei mir im Heizungskeller. Er zieht dreimal an seiner Krawatte, einem hellblauen Ding mit Wappen von Gera-Umland.

„Frau Vollmer“, sagt er, „Sie können sich die Sentimentalität nicht leisten. Der Club ist eine Altlast mit Geschichtsvermerk. Wir brauchen die Unterschriften. Sie haben Zugriff auf die Übersichten. Warum verzögert sich das?“

Ich drehe den Kupferschlüssel auf der Handfläche. „Ich verzögere nichts. Ich verwalte den Verzug.“

Am vierten Nachmittag lässt sich Karl-Heinz Dressler von mir zur Besichtigung durch den Saal führen. Er möchte die Deckenbalken sehen. Ich soll ihm erklären, was Kernsanierung heißt. Dabei redet er wie immer im Kreis: davon, dass die Jugendlichen heute nicht mehr tanzen, sondern Filme auf ihren Telefonen anschauen, als gäbe es kein anständiges Parkett. Dass man das Leben nicht in ein Feuerwehrauto verlagern kann. Dass sein Vater in diesem Saal einmal den Stecker des Verstärkers mit einer Büroklammer repariert hat, während die Erntekönigin auf der Bühne wartete. Seine Stimme bricht nirgends, aber mir fällt das Grubenlicht auf seinen Händen auf. Die Knöchel schimmern, als hätte er sie poliert.

Ich schließe ihm die Saaltür auf. Er prüft mit dem Schuh den Nachgiebigkeitsgrad der Dielen an der Türschwelle, wie ein Arzt. Dann sieht er den braunen Umschlag, den ich auf das verblasste Notenpult der ehemaligen Dezemberfeiern gelegt habe. Ein Wisch des Ortsgerichts, dazu der Entwurf für die Veräußerungsurkunde. Das Ganze mit der falschen Adresse des Getränkelieferanten. Ich nehme den Umschlag an mich und sage, die Postmappe sei verquetscht, die Gemeindesekretärin habe sich verzettelt.

„Schon merkwürdig“, sagt Dressler. „Die Frau, die vor mir beim Bäcker steht, hat mir gestern erzählt, die Frist liefe in sieben Tagen ab. Wer weiß, was die alles behauptet, wenn die den Club erst abgerissen haben. Ihr Mann, der Ortsvorsteher-Konkurrent Kowalski, soll im Vereinsausschuss sitzen. Vielleicht ist das hier ein abgekartetes Spiel, damit niemand mehr einwendet.“

„Der Ortsvorsteher ist so wenig mein Mann, wie diese Kegelbahn Ihre Wohnstube ist“, antworte ich.

„Sehen Sie“, sagt Dressler. Er zieht den Bierdeckel aus der Hemdtasche, den von damals. Darauf der mit Kuli gezeichnete Kreis, verschmiert. „So geht die Welt: einen Kreis aufmachen. Und wer nicht tanzen will, macht die Tür zu.“

Am nächsten Morgen hat die Frau vor mir beim Bäcker ihre Brötchen wieder zurückgegeben. Diesmal bei mir.

„Wenn die Frau, die die Listen hat, nichts sagt“, flüstert sie über die Theke, „dann kaufe ich den Laden auf. Ich habe einen Estrichleger aus Apolda, der auf solche Gebäude wartet. Der legt Ihnen im Handumdrehen einen Boden hin, auf dem kein Rentner ausrutscht. Und der Bürgermeister kann dann seine Pflege-Wartelisten selbst ans Schwarze Brett nageln.“

Ich nehme ihr das Papier aus der Hand, den Stift des Bäckers, und schreibe: „Nicht hierüber. Am Montag im Ratskeller, nach der Ausschusssitzung.“ Dabei weiß ich, dass die Ausschüsse montags nicht tagen.

Montag ist heute. Um siebzehn Uhr stehe ich im Flur, mit dem Kupferschlüssel in der Manteltasche und einem blauen Hefter, in dem alle Mehrheitsanteile aufgeschlüsselt sind. Der Flur riecht nach Bohnerwachs, obwohl seit Jahren kein Wischmopp mehr angesetzt wurde. Oben klackt ein Rollladen, den niemand aufzieht. Ringsherum hängen die abgerissenen Plakate der letzten Veranstaltung: Herbstfest der Feuerwehr, 2008.

Vor der Glastür des Vorraums sammelt sich ein kleiner Trupp. Kowalski, die ehemalige Konkurrentin des Bürgermeisters, der Estrichleger aus Apolda. Wahrscheinlich der Interessent aus Erfurt mit vierköpfigem Gefolge, die Mappen offen vor dem Bauch, die Skizzen zeigen einen Neubau mit zwei Etagen, flach, erdig.

Dressler kommt zuletzt. Nicht über den Kies, sondern um die Ecke, vom Schuppen her, als hätte er dort gewartet. Er trägt den gleichen Trenchcoat wie 1994, als er hier angeblich zum ersten Mal vor zwanzig Jahren auf dem Fest gewesen sein will — da wartete er auf die Frau, mit der er zweimal getanzt hatte, und sie kam nicht. Das ist das Einzige, was er mir je über sich erzählt hat.

„Sie ist heute gekommen“, sage ich. „Der Vorsitzende vom Zweckverband, die Frau mit dem grauen Dutt und dem Einkaufsbeutel. Sie unterschreibt zuerst.“

„Wir werden sehen“, sagt Dressler.

Wir sehen es alle. Die Frau legt ihre Unterschrift auf den dünnen Bogen. Dann der Zweckverband, dann die Erbengemeinschaften, alles ordentlich nach Aktenlage. Als Letzter nimmt Dressler den Stift — nein, er nimmt keinen Stift. Er legt sein altes Klappmesser aufs Papier, so nah an die Unterschriftszeile, dass das Metall die Faser eindrückt.

„Dressler“, sagt der Bürgermeister. „Wir haben keine Zeit für Symbolik. Die Frist —“

„Eine Unterschrift“, sagt Dressler, „setze ich nur an einen Ort, an dem ich schon gespeist habe. Wo ist hier die Theke in meiner Kegelbahn? Wo ist der Zapfhahn? Wo ist Frau Vollmers alter Tanzkreis, wenn er herkommt zu Neujahr?“

Ich schließe die Tür zum Saal auf. Das Schloss springt genauso zäh, wie Friedrich es jahrelang beschrieben hat. Ich trete an das abgedeckte Rednerpult, ziehe den grauen Stoff von der Tischplatte, darunter die alten Notizbücher des Clubs, Anmeldelisten fürs Volkstanzseminar 2005. Ich lege Dressler ein einzelnes Blatt hin, die Abtretungserklärung für seinen Anteil, zugunsten keiner Investorengruppe, sondern eines gemeinnützigen Vereins zur Umnutzung als offenes Dorfhaus mit Saalbetrieb. Die Satzung haben Friedrich, die Bäckersfrau und ich beim Amtsgericht hinterlegt. Eine reine Formalität, ganze achtzehn Paragraphen.

„Sie unterschreiben“, sage ich, „auf diesem Blatt, an dieser Theke, unter dieser Decke. Oder Sie unterschreiben gar nicht, dann geht Ihr Anteil in die Rückabwicklung des Bebauungsplans, und der Club bleibt, was er jetzt ist: ein verschlossener Speicher.“

Dressler starrt auf die Zeile. Dann sehe ich seine Hand. Sie zittert so wenig, dass man es nur am Zapfhahn des stillgelegten Bierfasses erkennt — das kalte Messing schwingt leicht nach, weil das gesamte Fundament unter uns nachgibt.

„Ich habe dreißig Jahre darauf gewartet“, sagt er. „Dass einer den Kreis nicht schließt, sondern aufmacht.“

Er unterschreibt. Kein Symbol, kein Klappmesser. Nur die Vollstreckungsurkunde über den Anteil von exakt 16,7 Prozent, die ich am nächsten Morgen als Verwalterin des Vereins mit der Unterschrift von elf Gründungsmitgliedern beim Amtsgericht Meiningen einreiche, drei Stunden vor Ablauf der Frist.

Der Abrissbagger aus Erfurt biegt am Donnerstag noch in den Feldweg ein, dreht einmal die Halde entlang, dreht wieder ab. Ein Pflegedienst mit Tagespflege wird hier nicht gebaut — der Bebauungsplan fällt zurück an den Verein.

Friedrich setzt sich jede Woche mit dem Blauen Kissen an den linken Fensterpfosten und malt mit der dicken Schulkreide des letzten Rests aus der Kammer einen neuen Kreis auf die Dielen. Keine Quittung, keine Befreiung. Nur einen Kreis, unter dem sich der Staub ablagert.

Vor knapp zehn Tagen habe ich der Bäckersfrau versprochen, ich würde den Club umbauen. Nicht aus Zorn. Sondern weil die Brötchentüte in meiner Hand noch warm war, als ich die Besucherliste von 1994 aus dem roten Notizbuch abschrieb — all die Namen, die in diesem Saal getanzt haben, bevor jemand auf die Idee kam, die Türen zuzuschrauben.

Ich habe die Liste nicht abgegeben. Ich habe sie in den blauen Hefter gelegt, in dieselbe Klarsichthülle, in der der Grundstücksvertrag von 1961 steckt, getippt auf elfenbeinfarbenem Papier, mit einer übertippten Eins im Kaufpreis: 12.000 Ostmark. So viel hat der Saal damals gekostet. So viel ist ein ganzer Speicher voller Kreise wert.

Heute Abend, wenn die Bürgermeisterzeitung das Scheitern des Investorenplans meldet, werde ich nicht im Ratskeller sitzen. Ich werde den Dielenboden im Club mit Matratzenlager und Pappkartons abdecken, damit die Heizlüfter nicht die Staubschicht davonblasen, und ich werde einen einzigen Satz in das rote Notizbuch von 1994 schreiben: „Anteil von 16,7 Prozent ist eingegangen — als Geschenk an den Verein, zur Wiedereröffnung des Tanzbodens für die nächsten vierzig Jahre.“

Die Kreidekreise sind noch da. Man muss nur den Staub vorsichtig genug aufwirbeln, damit sie wieder hervortreten.

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