Der Kater, der das Geheimnis des alten Mannes hütete

Jeden Morgen, wenn Bruno Wachtel um kurz nach sechs mit seinem Fahrrad zum Wochenmarkt in Regensburg fuhr, um den Blumenstand seiner Schwester aufzuschließen, saß dort derselbe alte Mann auf einem Klapphocker vor der geschlossenen Metzgerei. Der Duft von frisch gebackenen Brezeln zog vom Bäcker gegenüber herüber, gemischt mit dem feuchten Geruch nasser Pflastersteine — es hatte in der Nacht geregnet, wie so oft in diesem November. Der Alte hieß Ferdinand Brenner, und er verkaufte aus einem klapprigen Bollerwagen heraus ein paar Paar selbstgestrickte Wollsocken, geschnitzte Holzlöffel und kleine Tütchen mit getrocknetem Lorbeer. Die meisten Leute gingen achtlos vorbei, manche wechselten sogar die Straßenseite, um seinem Blick nicht zu begegnen.

Neben ihm hockte immer ein großer getigerter Kater, dem das rechte Ohr eingerissen war. Seine grünen Augen wirkten zu ernst für ein gewöhnliches Tier. Wenn Ferdinand mit klammen Fingern die Ware auf der Decke zurechtrückte, drückte sich das Tier an seine Seite, als wollte es nicht nur den Körper wärmen, sondern etwas, das viel tiefer saß.

Bruno kaufte manchmal Socken, die er gar nicht brauchte, oder ließ mehr Geld liegen, als ein Holzlöffel kostete. Ferdinand zählte die Münzen jedes Mal nach und versuchte, das Zuviel zurückzugeben. An einem besonders kalten Morgen, an dem sich der Nebel über der Donau kaum lichten wollte, setzte sich Bruno schließlich neben ihn auf die umgedrehte Kiste.

„Behalten Sie's, Sie sitzen doch den ganzen Tag hier draußen", sagte er und schob ihm einen Zehn-Euro-Schein hin.

„Fremdes Geld brauch ich nicht", antwortete Ferdinand ruhig. „Solang ich noch was verkaufen kann, bin ich kein Bettler."

Der Kater hieß Ruß, obwohl sein Fell eher an nasse Baumrinde erinnerte als an Kohle. Ferdinand erzählte kaum etwas von sich, aber mit dem Tier sprach er so sanft, als wäre es der einzige Mensch — der einzige, dem er noch etwas anvertrauen konnte.

An jenem Abend beobachtete Bruno, wie der Alte die unverkaufte Ware in eine ausgeblichene Sporttasche packte, den Kater in eine löchrige Decke wickelte und langsam in Richtung Hauptbahnhof verschwand. Die Neugier ließ ihn nicht los. Er folgte ihm aus einigem Abstand und stellte fest, dass Ferdinand nirgendwo nach Hause ging — beide verschwanden in einem verlassenen Lagerschuppen hinter dem Güterbahnsteig.

Am nächsten Tag brachte Bruno eine Thermoskanne Gulaschsuppe und eine Dose Katzenfutter mit. Als Ferdinand ihn vor dem Schuppen erblickte, geriet er in eine Wut, die seine sonst zitternden Hände plötzlich ganz still werden ließ.

„Wer hat Ihnen erlaubt, mir nachzuspionieren?", fragte er scharf. „Ich hab niemanden gebeten, nachzusehen, wo ich schlafe."

„Hier sollte niemand übernachten, schon gar nicht bei dieser Kälte."

„Im Obdachlosenheim nehmen die Ruß nicht auf, und ich lass ihn nicht allein. Also reden wir nicht weiter darüber."

Bruno versuchte, ihm vom Sozialamt zu erzählen, von Tierschutzvereinen, wenigstens von einer Beratungsstelle — doch Ferdinand wies jeden Vorschlag zurück. Er wollte kein Mitleid, fürchtete, man würde ihm den Kater wegnehmen, und am meisten hütete er eine kleine Ledermappe, die er selbst im Schlaf unter der Jacke trug.

Ein paar Tage später wurde es noch kälter, und Ferdinands Platz auf dem Markt blieb leer. Bruno fand den Alten im Schuppen fiebernd, mit schwerem Atem, kaum noch bei Bewusstsein. Ruß saß auf seiner Brust und fauchte jedes Mal, wenn Bruno näherkam.

Der Rettungswagen brachte Ferdinand ins Krankenhaus. Der Kater aber, aufgeschreckt von der Sirene und den fremden Händen, entwischte zwischen die Gleise. Bruno suchte bis nach Mitternacht, kroch unter Waggons, fragte Sicherheitsleute, stellte Futter vor dem Schuppen ab — Ruß blieb verschwunden, als hätte ihn der Boden verschluckt.

Im Krankenhaus fragte Ferdinand als Erstes nicht nach seinem eigenen Zustand, sondern nach dem Kater. Als er hörte, dass Ruß weg war, drehte er den Kopf zur Wand. Nach langem Schweigen bat er Bruno, ihm die Ledermappe zu bringen, die unter einem losen Brett im Schuppen lag.

„Das sind nicht meine Papiere", sagte der Alte leise. „Das ist der Beweis, dass Ruß ein Zuhause hat — nur ich hab kein Recht mehr, dorthin zurückzukehren."

In der Mappe fand Bruno Fotos eines kleinen Hauses in Wenzenbach bei Regensburg, Impfausweise für den Kater und ein notariell beglaubigtes Erbdokument, in dem Ferdinand als alleiniger Eigentümer eingetragen war. Dazwischen aber steckte ein Schreiben seiner Tochter, das den Vater als „nicht mehr zurechnungsfähig" bezeichnete und die Vollmacht über sein gesamtes Vermögen für sich forderte.

Am nächsten Morgen betrat die Tochter das Zimmer — eine Frau namens Karin Brenner-Loibl, im teuren Wollmantel, die Stimme so kühl, als wäre ihr eigener Vater keine Person mehr, sondern eine lästige Formalität. Sie legte einen neuen Aktenordner auf den Nachttisch und verlangte, dass Ferdinand eine Vollmacht unterschreibe — andernfalls werde sie dafür sorgen, dass man ihn entmündigen lasse.

„Das Haus geht sowieso an mich", sagte sie, ohne sich überhaupt zu setzen. „Und wegen der Katze mach dir keine Sorgen. Falls man sie findet, kümmert sich das Tierheim schon drum."

Ferdinand krallte sich in die Krankenhausdecke. Kein Zorn stand in seinem Gesicht, keine Angst — nur ein Schmerz, wie Bruno ihn bei Menschen gesehen hatte, die nicht ihr Vermögen verloren hatten, sondern den letzten Menschen, der ihnen nahestand.

In diesem Moment war vor der Tür lautes Miauen zu hören. Eine Pflegerin rief, im Flur laufe ein schmutziger getigerter Kater herum, den niemand einfangen könne. Ruß schoss ins Zimmer, sprang mit einem Satz auf Ferdinands Bett und drückte sich an seinen Hals. Karin wich angewidert zurück.

Dann schob sie den Ordner zu ihrem Vater hinüber und sagte, während sie Bruno direkt ansah: „Unterschreib jetzt, oder ich sorge noch heute dafür, dass ihr zwei nie wieder zusammen sein könnt."

Bruno sah auf die Papiere, dann auf die Ledermappe, die der alte Mann unter dem Kopfkissen versteckt hielt, und begriff endlich, warum Ferdinand die ganze Zeit geschwiegen hatte. Er wusste bereits, wen er anrufen musste — einen Studienfreund, der als Notar in der Altstadt praktizierte, und der einmal beiläufig erwähnt hatte, dass er sich auf Erbrecht spezialisiert habe. Bruno holte sein Handy aus der Jacke, wählte die Nummer und trat einen Schritt zur Seite, damit Karin die Bildschirmanzeige nicht sehen konnte.

Zwei Tage später saß der Notar an Ferdinands Bett und ging mit ihm gemeinsam die Mappe durch: das Erbdokument, echt und unangefochten, dazu eine ärztliche Bescheinigung, die Ferdinands volle Geschäftsfähigkeit bestätigte — Erschöpfung und Unterkühlung, nicht Verwirrtheit, hatte der behandelnde Arzt festgestellt. Karins Schreiben verlor damit jede Grundlage. Der Notar setzte eine Vollmacht auf, aber eine andere als die, die Karin gefordert hatte: Ferdinand übertrug Bruno die Verfügungsgewalt über das Haus in Wenzenbach, befristet auf ein Jahr, mit der Auflage, es instand zu setzen und für Ruß herzurichten, während er selbst sich erholte.

Als Karin drei Wochen später wieder im Krankenhaus auftauchte, um nach dem Stand der Dinge zu fragen, legte ihr Bruno den Ordner mit der notariellen Urkunde auf den Tisch. Sie las die erste Zeile, dann die Unterschrift des Notars, dann das Datum. Ihr Gesicht blieb kalt, aber die Hand, die den Ordner hielt, zitterte kurz.

„Das Haus gehört deinem Vater", sagte Bruno. „Und solange er lebt, entscheidet er, wer bei ihm wohnt und wer nicht. Du kannst gerne gehen."

Karin sagte nichts mehr. Sie stellte den Aktenordner zurück auf den Tisch, drehte sich um und verließ das Zimmer, ohne die Tür hinter sich zu schließen. Der Wind aus dem Flur ließ die Vorhänge kurz aufflattern.

Ferdinand zog Ruß näher an sich heran, strich mit dem Daumen über das eingerissene Ohr des Katers und sagte zu Bruno, ohne ihn dabei anzusehen: „Weißt du, wie das Haus heißt? Steht noch auf einem alten Schild am Gartentor — 'Zum Nussbaum'. Meine Frau hat den Namen ausgesucht, vor achtundzwanzig Jahren."

Bruno nickte nicht, sagte auch nichts Kluges dazu. Er goss nur aus der Thermoskanne, die er mitgebracht hatte, etwas Gulaschsuppe in einen Plastikbecher und stellte ihn Ferdinand auf den Nachttisch, neben die Ledermappe, die jetzt niemand mehr verstecken musste.

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