Ein Sommer voller Sonnenblumen an der Fuggerstraße

Ich fahre seit elf Jahren Post in der Fuggerstraße in Augsburg, und ich sage Ihnen: Man sieht viel, wenn man jeden Tag um kurz nach acht dieselben Gartenzäune abfährt. Man merkt, wenn eine Ehe kippt, weil plötzlich zwei Namen am Klingelschild fehlen. Man merkt, wenn jemand krank wird, weil auf einmal Pakete von der Apotheke kommen. Und man merkt, wenn sich eine Straße verändert. Das mit Frau Herzog habe ich von Anfang an mitbekommen, sozusagen aus erster Reihe, vom Fahrradsattel aus.

Renate Herzog wohnt im Eckhaus, Nummer vierzehn, seit ihr Mann vor drei Jahren gestorben ist, lebt sie allein dort. Rentnerin, früher Verwaltungsangestellte beim Landratsamt, so hat sie es mir mal erzählt, als ich ihr ein Einschreiben bringen musste und sie unterschreiben. Ein schmales Reihenhaus, Garten hintendran, vielleicht vierzig Quadratmeter, mehr nicht. Ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet dieser Streifen Erde mal der Grund wird, warum die halbe Straße im August auf der Straße steht und Ableger tauscht wie andere Leute Kuchenrezepte.

Angefangen hat es, glaube ich, im April letzten Jahres. Ich weiß es noch, weil an dem Samstag der FC Augsburg gegen Mainz gespielt hat und ich mir gedacht hab, na, hoffentlich ist die Herzog nicht wieder draußen und will reden, ich muss zum Anpfiff zu Hause sein. War sie aber doch, kniete im Beet hinterm Zaun, mit Gartenhandschuhen, die viel zu groß für ihre Hände waren, wahrscheinlich noch die von ihrem Mann. Sie hat mir erzählt, sie hätte in der Drogerie eine Samentüte gesehen, Sonnenblumen, mit einem albernen Bild drauf, und einfach gedacht: die will ich vom Küchenfenster aus sehen. Kein großer Plan. Kein Ehrgeiz. Nur eine Reihe Löcher im Boden und ein bisschen Hoffnung.

Wochenlang, glaub ich, ist nichts passiert. Ich hab sie öfter draußen stehen sehen, Kaffeetasse in der Hand, im Bademantel, und sie hat auf die nackte Erde gestarrt, als würde Zureden helfen. Dann, irgendwann Anfang Mai, waren da grüne Spitzen. Und ihr Nachbar, ein pensionierter Elektriker namens Kurt Wessling, hat sich über den Zaun gelehnt und gefragt, was das werden soll. Sie hat gesagt, sie hoffe, Sonnenblumen. Er hat gelacht und gesagt, dann lernen sie's halt zusammen. Das hab ich nicht selbst gehört, das hat mir später die Frau vom Kiosk erzählt, die kennt jeden hier.

Was ich selbst gesehen habe: wie die Dinger im Juni innerhalb von zwei Wochen über den Zaun geschossen sind. Im Juli war ich mit dem Fahrrad da vorbei und musste tatsächlich bremsen, weil ein ganzer Wald von gelben Köpfen über den Lattenzaun hing, mindestens zwei Meter hoch, manche höher. Ich hab mein Rad angehalten und die Post für Nummer vierzehn kurz auf den Gepäckträger gelegt, nur um zu gucken. Roch nach nassem Erdreich und irgendwie süßlich, wie frisch gemähter Rasen, der zu lange in der Sonne lag.

Ab da ging's Schlag auf Schlag. Ein kleines Mädchen mit rosa Fahrradhelm, ich glaub, sie heißt Lotta, wohnt zwei Straßen weiter, blieb jeden Tag stehen und starrte die Blumen an, als wären es Riesen aus einem Märchenbuch. Irgendwann hat Frau Herzog ihr eine Blume abgeschnitten. Dann kamen mehr Leute. Ein älteres Paar aus der Marienstraße, zwei Schülerinnen, die sich vor den Blüten für ihre Abifeier fotografiert haben. Ich hab mal einen Zettel im Briefkasten von Nummer vierzehn gesehen, lag oben auf der restlichen Post, keine Ahnung, wer den reingesteckt hat: „Ihre Sonnenblumen machen meinen Arbeitsweg schöner. Danke." Ohne Namen. Ich hab's ihr durchs Fenster gezeigt, sie hat nur gelächelt und den Zettel in ihre Rezeptschublade gelegt, das weiß ich, weil sie's mir erzählt hat.

Wessling, der Nachbar, hat irgendwann ein Vogelhäuschen an einen der Zaunpfosten geschraubt. Zwei Tage später waren Stieglitze da, dann Schmetterlinge, dann Bienen, ein regelrechter Betrieb. Und Frau Herzog hat angefangen, samstags morgens einen Eimer mit frisch geschnittenen Sonnenblumen an den Gartenzaun zu stellen, mit einem handgeschriebenen Schild: „Bitte eine mitnehmen, wenn's Freude macht." Ich hab den Eimer sonntags, wenn ich privat mal vorbeigelaufen bin, nie voll gesehen. Immer leer, dafür standen manchmal kleine Zettel drin. Und ab August lag daneben plötzlich ein zweiter Korb, den hatte jemand mit Samentüten gefüllt, Tomaten, Basilikum, Wildblumenmischung, mit der Notiz: „Dachten, wir helfen anderen Gärten wachsen." Frau Herzog hat einen neuen Korb dazugestellt, beschriftet: „Samen mitnehmen. Freude pflanzen."

Ende August hat der Verein für Stadtteilgestaltung ihren offenen Gartentag veranstaltet, so was gibt's hier öfter, Leute laufen durch fremde Vorgärten und gucken sich Rosenbeete an. Ich war zufällig mit dem Rad unterwegs, freier Samstag, hab mir das angeschaut, halb aus Neugier, halb weil meine Streckenkollegin meinte, da müsse ich hin, das würde ich nicht glauben. Und tatsächlich: vor Nummer vierzehn stand eine Schlange. Die Organisatoren hatten kleine Papierbänder verteilt, keine echte Auszeichnung, nur zum Spaß, Kategorien wie „Buntester Garten" oder „Bester Gemüsegarten". Frau Herzogs Band hat einfach gestanden: „Preis fürs Lächeln der Nachbarschaft." Sie hat laut gelacht, als sie's gelesen hat, ich stand direkt daneben mit meiner Posttasche, hab's mitgekriegt.

Im Oktober sind die Blüten dann verblasst, wie das eben so ist. Ich hab noch gesehen, wie Lotta mit dem Fahrrad kam und ziemlich enttäuscht auf die vertrockneten Stängel geschaut hat. Frau Herzog hat ihr gesagt, die kommen nächstes Jahr wieder. Im November, bei eisigem Wind, ich musste die Kapuze meiner Postjacke festhalten, hab ich gesehen, wie sie die Samenköpfe abgeschnitten und in kleine Papiertüten gepackt hat, jede mit dem Satz beschriftet: „Bis zum Frühling." Die hat sie in den Korb gelegt. Am nächsten Morgen, als ich die Post austrug, war der Korb leer.

Was dann im nächsten Frühling passiert ist, das ist eigentlich der Grund, warum ich diese Geschichte überhaupt erzähle. Ich fuhr im Mai meine Runde, und in der Marienstraße, in der Blücherstraße, sogar drüben am Kirchplatz, überall standen dieselben grünen Triebe in den Vorgärten. Manche Leute hatten Kübel auf dem Balkon, weil sie gar keinen Garten hatten. Bis Juli, als ich meinen Sommerurlaub schon fast angetreten hatte, zählte ich beim letzten Ausliefern über vierzig blühende Sonnenblumenstauden allein auf dieser einen Straße. Wessling stand vor seinem Zaun, als ich vorbeifuhr, hat die Straße rauf- und runtergeschaut und gerufen: „Wissen Sie was? Ich glaub, ihre Blumen sind umgezogen." Frau Herzog stand daneben, Kaffeetasse in der Hand, genau wie an jenem ersten Samstag im April, und hat nur genickt.

Ich hab an dem Tag keine Zeit gehabt stehenzubleiben, meine Tasche war noch halbvoll und die Uhr lief. Aber ich bin extra ein Stück zu Fuß gegangen, das Rad geschoben, nur um durch die Straße zu laufen und mir das anzusehen. Vierzig Sonnenblumenfelder wegen einer Samentüte aus der Drogerie für zwei Euro neunzig. Das hätte mir keiner geglaubt, wenn ich's nicht selbst jeden Tag gesehen hätte, vom Sattel aus, Zaun für Zaun.

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