Als meine Großmutter Ingeborg vor drei Jahren in ihrem Reihenhaus in Lemgo starb, fand ich im Vorratsschrank neben dem Kartoffelfach ein Marmeladenglas mit vertrocknetem Grünzeug. Kein Etikett, nur ein Gummiband um den Deckel. Ich wollte es wegwerfen – Krempel für den Sperrmüll, dachte ich. Meine Tante Sibylle nahm es mir aus der Hand, noch bevor der Deckel richtig aufging.
„Das ist Spitzwegerich", sagte sie. „Den hat sie jeden Sommer am Bahndamm gesammelt. Seit ich denken kann."
Ich kannte die Pflanze nur als das Unkraut, das zwischen den Gehwegplatten vor unserem Haus wuchert, das man mit dem Fugenkratzer rausreißt, bevor die Nachbarn schräg gucken. Schmale, geriffelte Blätter, ein unscheinbarer brauner Ährenkolben obendrauf. Nichts, worüber man ein zweites Mal nachdenkt.
„Wirf das nicht weg", sagte Sibylle noch einmal, fester diesmal, und stellte das Glas auf den Küchentisch, zwischen die Kartons, die schon für die Altkleidersammlung gepackt waren. „Mutter hätte dir was erzählt."
„Mutter ist tot, Sibylle."
„Eben deshalb."
Sie setzte sich, die Hände um das Glas gelegt, als könnte ihr jemand das letzte Stück Ingeborg noch wegnehmen. Draußen trommelte Regen gegen die Scheiben, im Radio liefen die Verkehrsmeldungen für die A2. Sibylle erzählte, wie Ingeborg als Kind in einem Dorf bei Detmold aufgewachsen war, wo der Arzt drei Ortschaften weiter wohnte und man sich nicht wegen jeder Schürfwunde auf den Weg machte. Wenn eines der Kinder sich beim Spielen aufschlug, zerrieb man ein Blatt vom Wegrand zwischen den Fingern, bis der Saft austrat, und presste es auf die Wunde. „Das zieht", habe Ingeborg immer gesagt.
Ich nickte höflich, steckte das Glas in meine Tasche, damit Sibylle Ruhe gab, und dachte mir insgeheim: Kräuterkram vom Bahndamm, was soll das schon bringen.
Zwei Winter später hustete mein Sohn Elias sich durch die dritte Erkältung seit November. Bellend, nachts schlimmer als tagsüber. Ich stand um halb drei mit ihm auf dem Arm im dunklen Flur unserer Bielefelder Wohnung, sein Brustkorb bebte bei jedem Atemzug, und ich zählte im Kopf durch, wie weit die Notaufnahme in der Kinderklinik entfernt war und ob ich das Auto in der Kälte überhaupt noch anbekäme.
Der Kinderarzt hatte tags zuvor nur die Schultern gehoben. „Viren, das muss durch. Hustensaft aus der Apotheke, viel trinken, abwarten." Der Saft stand im Bad, halb leer, und half nichts.
In dieser Nacht, mit Elias' Kopf schwer an meiner Schulter und dem Pfeifen in seiner Lunge, das ich noch durch zwei geschlossene Türen hörte, dachte ich zum ersten Mal wieder an das Glas. Es stand seit zwei Jahren ungeöffnet im Küchenschrank, hinter der Nudelsauce, weil ich es nicht übers Herz brachte, es wegzuwerfen, aber auch nicht wusste, was ich damit anfangen sollte.
Ich legte Elias hin, sobald der Husten kurz nachließ, und rief Sibylle an. Kurz vor drei Uhr morgens.
„Was hat Mama da reingetan, in den Sirup? Ich weiß noch, Blätter und Honig, aber wie?"
Sibylle, aus dem Schlaf gerissen, brauchte einen Moment. Dann diktierte sie mir am Telefon, was sie noch wusste: klein geschnittene Blätter, Schicht für Schicht mit Honig ins Glas, zwei Wochen ziehen lassen. „Das dauert aber. Das hilft dir heute Nacht nicht."
„Ich weiß."
„Ruf den Notdienst, wenn er schlecht Luft kriegt. Das andere ist kein Ersatz für einen Arzt, das hat Mama auch immer gesagt."
Ich saß mit dem Telefon in der Hand in der dunklen Küche und wog beides gegeneinander ab – die kalte Vernunft, die sagte, ein Erkältungshusten sei kein Notfall, und die Angst, die keine Vernunft kennt. Ich hörte auf Elias' Atem durch die offene Tür. Er hatte sich beruhigt, schlief unruhig, aber er schlief. Ich blieb sitzen, bis der Himmel grau wurde, und beschloss, es an diesem Wochenende endlich anzusetzen – nicht als Wundermittel, sondern weil ich das Gefühl hatte, etwas tun zu müssen, das mehr war als Warten.
Am Samstag fuhr ich mit Elias zum Bahndamm, an dem Ingeborg fünfzig Jahre zuvor gesammelt hatte, nur zwei Kilometer weiter östlich. Er fand es albern, in Gummistiefeln zwischen den Brennnesseln zu stehen. „Wie bei Oma früher", sagte er, obwohl er sie nie kennengelernt hatte. Er half trotzdem, pflückte ein halbes Einkaufsnetz voll, hielt mir jedes zweite Blatt hin und fragte, ob das die richtige Sorte sei.
Zu Hause schichteten wir die Blätter mit Honig ins Glas, genau wie Sibylle es beschrieben hatte. Es roch leicht grasig, kaum nach etwas Besonderem. Zwei Wochen später, abgeseiht, gab ich Elias abends einen Löffel. Er verzog das Gesicht wegen der Konsistenz, nicht wegen des Geschmacks.
Über Nacht besser wurde der Husten nicht, das will ich nicht behaupten. Aber die Nächte wurden ruhiger, Woche für Woche, und ich fing an, den Löffel abends zum festen Teil der Routine zu machen – neben dem Hustensaft aus der Apotheke, nicht statt seiner. An dem Wespenstich, den er sich im Sommer darauf am Handgelenk holte, probierte ich das Nächste aus, das Sibylle mir erzählt hatte: ein zerriebenes Blatt auf die Einstichstelle. Er jammerte trotzdem noch zwanzig Minuten auf dem Balkon, aber die Schwellung ging schneller zurück, als ich es von früheren Stichen kannte.
Das Marmeladenglas mit dem vertrockneten Wegerich steht heute nicht mehr hinter der Nudelsauce, sondern vorne im Küchenschrank, direkt neben dem Kaffee. Ich habe die letzten Blätter aus Ingeborgs alter Sammlung mit unserer eigenen Ernte gemischt, sodass etwas von ihr noch dabei ist, wenn wir im nächsten Winter wieder husten. Sibylle hat sich vorgenommen, das Rezept endlich aufzuschreiben, nach Jahrzehnten, in denen es nur mündlich weitergegeben wurde – von einer Küche in die nächste, während draußen die Regionalbahn vorbeifährt und keiner hinschaut.







