Das Medaillon, das sein Gesicht erbleichen ließ

Mit siebenundsechzig dachte ich, das Schlimmste in meinem Leben sei längst vorbei – der Krieg um die Rente, die kaputte Hüfte, die Stille in der Wohnung. Dann starb meine Tochter Klara in der Nacht, als sie ihr drittes Kind zur Welt brachte. Die Ärzte retteten die kleine Lilli. Meine Tochter konnten sie nicht retten. Drei Wochen nach der Beerdigung standen die Mädchen vor meiner Tür. Die achtjährige Milena hielt eine Packung Windeln, die fünfjährige Janne biss sich auf die Lippe, und Lilli schrie in der Babyschale, dass die Wände wackelten. Ihr Vater war nicht dabei. Eine Stunde später kam eine SMS von ihm: „Ich schaff das nicht. Tut mir leid.“ Dann löschte er seine Nummer.

Von da an waren die drei mein ganzer Tag und meine ganze Nacht. Das Geld war so knapp, dass ich den Kaffeesatz zweimal aufgoss. An manchen Morgen musste ich mich am Küchentisch festhalten, bevor ich den ersten Schritt machen konnte, so sehr schmerzten meine Knie. Aber ich machte weiter. Schulbrote schmieren, Fläschchen wärmen, Vormundschaftstermine, jeden Cent umdrehen – und versuchen, den Mädchen ein Zuhause zu geben, in dem sie sich sicher fühlten. So, wie Klara es sich gewünscht hätte.

An einem brütend heißen Julinachmittag, als Janne und Lilli auf der Picknickdecke im Hof dösten, kam Milena zu mir. Sie drehte einen Grashalm zwischen den Fingern. „Oma?“, sagte sie leise. „Ich weiß, wir haben nicht viel Geld. Aber könnten wir vielleicht mal irgendwo hingehen, wo man richtig schwimmen kann? In ein echtes Becken, mit Chlor und so?“ Sie versuchte, es beiläufig klingen zu lassen, aber ihre Augen funkelten. Diese Kinder hatten so viel verloren. Sie hatten einen einzigen schönen Sommertag verdient.

Also zählte ich die Scheine, die ich hinter der Keksdose versteckt hatte, ignorierte den Stapel unbezahlter Rechnungen daneben und kaufte vier Tageskarten für das kleine Familienhotel am Stadtrand von Schwerin. Es hatte einen beheizten Außenpool, eine Liegewiese und einen Kiosk, der Wassereis für einen Euro fünfzig verkaufte – für Milena und Janne der Gipfel des Luxus.

Als wir ankamen, rannten die beiden Großen sofort ins flache Becken. „Oma, guck mal!“, schrie Janne, bevor sie mit voller Kleidung ins hüfthohe Wasser sprang. Ich saß mit Lilli auf dem Schoß am Beckenrand, die Beine im Wasser, und hielt die Kleine fest, die vor Vergnügen quietschte. Für einen Moment war alles leicht.

Dann schrie jemand von der anderen Seite des Beckens.

„Können Sie das Kind nicht beruhigen? Das ist ja nicht auszuhalten!“

Ich drehte mich um. Ein Mann um die vierzig, mit teurer Sonnenbrille und einem Handtuch über der Schulter, das locker das Doppelte meiner gesamten Badekleidung gekostet haben musste, starrte mich an. Lilli hatte angefangen zu quengeln – sie bekam einen Zahn und das Wasser war ihr wohl ein bisschen zu kalt. Sie weinte nicht einmal richtig, es war eher dieses leise, herzzerreißende Jammern, das jedes Großmutterherz weich werden lässt. Diesen Mann offenbar nicht. Er trug eine dunkle Brille und schien die drei Kinder, die er seit Monaten nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte, keinen Moment zu erkennen.

„Entschuldigen Sie“, sagte ich und versuchte, Lilli zu wippen. „Sie kriegt gerade Zähne. Das hört gleich wieder auf.“

„Ich bin hier Gast und habe für Ruhe bezahlt“, blaffte er. „Wenn Sie das nicht in den Griff kriegen, nehmen Sie das Kind und gehen Sie woanders hin. Das ist kein Kindergarten hier.“ Seine Stimme war laut genug, dass Milena und Janne im Becken erstarrten. Milena sah zu mir herüber, ihr Gesichtsausdruck zwischen Angst und Trotz. Ich spürte, wie mir das Blut in die Wangen schoss, und drückte Lilli fester an mich, bis sie unwillig quengelte.

Ich stand auf, das nasse Baby auf der Hüfte, und wollte gerade etwas erwidern, als ein junger Kellner in blütenweißer Schürze an den Beckenrand trat. In seiner Hand baumelte ein kleines ovales Medaillon an einer dünnen Silberkette. Mein Herz setzte einen Schlag aus.

„Entschuldigung“, rief er in die Runde, „das hat der Bademeister am Boden gefunden. Gehört das jemandem?“

Ich griff mechanisch an meinen Hals – nichts. „Ja, das ist meins!“, stieß ich hervor. Der Kellner kam zu mir herüber und reichte es mir. Ich klappte den Anhänger auf; das wohlbekannte leise Klicken klang mir sofort in den Ohren. Innen war ein winziges Foto von Klara, eingeklebt an dem Tag, als sie achtzehn wurde. Sie lachte darauf, die Haare vom Wind verweht, das Kinn frech nach vorn gereckt.

Ein Schatten fiel über das Foto. Der grobe Mann stand jetzt dicht neben mir. Er hatte die Sonnenbrille abgenommen. Sein Blick hing an dem Bild. Sein Gesicht wurde plötzlich kreidebleich. Ich sah seine Augen – und erkannte sie. Es war die gleiche grünbraune Farbe wie Jannes. Es war Philipp. Der Mann, der meine Tochter geschwängert und sitzen gelassen hatte. Der Vater meiner Enkelkinder, der in jener Nacht spurlos verschwunden war, als Lilli geboren wurde und Klara starb.

„Du“, flüsterte ich. Mehr brachte ich nicht heraus.

Er wich einen Schritt zurück, als hätte ich ihn geohrfeigt.

Milena zog an meinem nassen Rocksaum. „Oma? Wer ist das?“ Ihre Stimme war dünn vor Verunsicherung. Sie hatte ihren Vater seit jener Nacht nicht mehr gesehen, und der Mann mit dem teuren Haarschnitt und dem gestärkten Hemd wirkte völlig fremd auf sie.

Ich gab Lilli an Janne weiter, die meine Enkelin fast aus den Armen rutschte, so zitterte ich. Dann ging ich auf Philipp zu, Schritt für Schritt. Der Chlorgeruch stieg mir in die Nase, vermischt mit seinem teuren Rasierwasser. „Du hast mir eine SMS geschickt und dich davongeschlichen wie ein Dieb in der Nacht“, sagte ich. Meine Stimme war leise, aber ich spürte, wie meine Finger sich zu einer Faust ballten. „Du hast drei Kinder zurückgelassen, die ihre Mutter verloren hatten. Und jetzt stehst du hier und beschwerst dich über ein weinendes Baby? Dein Baby?“

Er sagte nichts, starrte nur auf das Medaillon in meiner Hand. Seine Finger schlossen sich um den Rand seiner Sonnenbrille, so fest, dass die Knöchel weiß wurden.

Ich spürte, wie die Blicke anderer Gäste auf uns lagen. Ein Mann mit einer fleckigen Schürze, wahrscheinlich der Bademeister, trat unschlüssig von einem Fuß auf den anderen. Der Kellner neben ihm schien zu begreifen, dass hier etwas Größeres verhandelt wurde als ein simpler Fundsachefall. Keiner sagte ein Wort.

Philipp hob endlich den Kopf. Sein Gesicht war jetzt nicht mehr bleich, sondern fleckig rot. „Ich wollte nicht… ich konnte damals nicht…“, presste er hervor. „Du hast doch keine Ahnung, wie das für mich war!“

Da lachte ich auf. Es war kein gutes Lachen. „Für dich? Du konntest nicht? Und ich konnte? Mit siebenundsechzig? Mit drei kleinen Mädchen, die jeden Morgen fragen, wann Mama wiederkommt, obwohl sie auf dem Friedhof Blumen hingelegt haben?“ Ich zeigte auf meine Enkelinnen, die dicht beieinanderstanden, Janne hielt die zappelnde Lilli, Milena hatte die Fäuste geballt. „Sieh sie dir an. Sieh Janne an. Sie hat deine Augen. Milena hat deine Art, mit den Fingern zu trommeln, wenn sie nervös ist. Und Lilli? Lilli hat noch nie das Gesicht ihres Vaters gesehen. Aber weißt du was? Sie hat auch noch nie geweint, weil sie dich vermisst hat. Dafür habe ich gesorgt. Jede Nacht. Jede einzelne Nacht, während du deine Ruhe bezahlt hast.“

Er zuckte zusammen, als hätten meine Worte ihn körperlich getroffen. Einen Moment lang dachte ich, er würde etwas sagen, sich vielleicht sogar entschuldigen. Stattdessen ließ er seine Hand sinken, drehte sich um und ging. Sein teures Handtuch hinterließ er auf der Liege. Der Kellner bückte sich, hob das Medaillon auf, das ich vor Aufregung fallen gelassen hatte, und legte es mir behutsam in die Hand. „Alles in Ordnung, meine Dame?“, fragte er leise. Ich nickte nur und hielt mir das kalte Metall an die Brust.

Die Stille hielt noch eine halbe Minute an. Dann drückte Janne mir Lilli in die Arme, lief zum Beckenrand und sprang mit einem Platsch ins Wasser, der die halbe Liegewiese bespritzte. „Oma! Komm rein! Das ist total warm!“, rief sie. Milena schaute mir prüfend ins Gesicht, als wolle sie abschätzen, ob ich zerbrechlich sei. Ich zwinkerte ihr zu, so fest ich konnte. Da rannte auch sie los, in einem Wirbel aus nassem Haar und gesprenkelten Badeanzügen.

Ich stieg die Treppe ins Becken, Lilli fest an mich gedrückt. Das Wasser schloss sich um meine schmerzenden Knie, milderte den Druck. Lilli patschte mit der flachen Hand auf die Oberfläche und lachte glucksend. Ich sah zu den anderen Gästen hinüber – eine Frau mittleren Alters lächelte mir zu, der Bademeister nickte kurz, und der Kellner rief vom Kiosk herüber, das Wassereis gehe heute aufs Haus.

Ich drückte meine Lippen auf Lillis flaumigen Kopf und roch das Chlor, die Sonnenmilch und etwas, das ganz nach einem Neuanfang duftete. Vor mir planschten meine beiden Großen, so unbeschwert wie damals, wenn Klara und ich an einem See am Stadtrand waren. Ich hielt das Medaillon in der geschlossenen Faust, spürte die kleine Beule des Fotos gegen meine Handfläche. Es war noch ganz warm.

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