Der Hof der Möllers lag tief in der westfälischen Senke, dort, wo die Hase im April über die Wiesen trat. Im Frühjahr 1648 war der Krieg schon achtundzwanzig Jahre alt, älter als jede Hecke auf dem Grundstück. Die Leute im Dorf zählten nicht mehr die Schlachten, sondern die stummen Tage dazwischen. Anna Möller, Witwe seit zwei Jahren, machte keine Ausnahme. Sie stand jeden Morgen um vier auf, molk die drei verbliebenen Ziegen und prüfte den Vorrat an Roggen. Das war ihre Form von Gebet.
Am Morgen nach dem Gefecht an der Flussbiegung — man hatte in der Nacht nur fernes Horn und ein paar Schüsse gehört — lagen elf Männer im Hof und in der Scheune. Sieben auf Stroh, vier im Gras, alle zwischen sechzehn und vielleicht fünfundzwanzig. Die einen trugen zerfetzte Wämser in den Farben des Kaisers, die anderen blaue Röcke der schwedischen Fahne. Ein Sergeant mit blutigem Verband um den Kopf sagte, man dürfe die dort drüben nicht aufheben: Das seien die Falschen. Anna hatte ihm keine Antwort gegeben. Sie hatte einfach den Eimer genommen und war zur Hase hinuntergegangen, sauberes Wasser holen.
Lena, die Jüngere, zählte die Löffel. Johanna, die Ältere, riss Bettbezüge in Streifen. Es gab keinen Branntwein mehr, nur noch Met vom Vorjahr und einen Topf Honig, den Anna für die Hustenkinder im Dorf aufhob. Sie brach die Wabe mit den Fingern auseinander. Der Honig tropfte auf den Tisch, klebrig und dunkel wie Pech. Fieberwasser nannte sie es. Sie nahm Weidenrinde, die die Mädchen am Bach geschält hatten, und kochte daraus ein bitteres Zeug. Den Rest des Honigs verrührte sie im Met und gab jedem Mann drei Schlucke, bevor die Sonne über der Wiese stand.
Das Dorf erfuhr es schneller, als Anna Feuer machen konnte. Zuerst kam die Bäuerin Hötger, die ihre zwei Milchkannen abholte und sich weigerte, über die Schwelle zu treten. „Du weißt nicht, was du da tust“, sagte sie. „Die Katholischen hängen dich auf, und die anderen stecken den Hof in Brand.“ Anna schüttete den Met aus der Kanne zurück in ihren eigenen Krug, als müsse sie etwas zählen. Hundertvierzig Liter Milch im Monat. Die Hötgerin nahm die Kannen und ging rückwärts vom Hof, als könnte der Feind aus Annas Rocktasche springen. Der Pfarrer ließ ausrichten, man werde für die Seele der eigenen Toten beten, aber nicht im Schatten der Ketzer. Niemand half. Das war nichts Neues. Neu war, dass Anna die Tür zur Scheune offen ließ, damit die Luft zog, und dass sie nachts dreimal aufstand, um einen jungen Mann aus dem Hessischen mit kaltem Wasser abzuwaschen, bis seine Zähne nicht mehr aufeinanderschlugen.
Nach neun Tagen starb einer der Kaiserlichen, ein Bursche mit rotem Haar und einem einzigen Stiefel. Das rechte Bein war unterhalb des Knies schwarz angelaufen. Anna und die Mädchen schaufelten das Grab hinter dem Backhaus, neben dem Platz, wo ihr Mann und ihr erster Sohn lagen. Sieben Schritte von der Hintertür entfernt, direkt unter dem Apfelbaum. Lenas Hände bluteten an den Innenflächen; die Blasen waren am zweiten Tag aufgeplatzt, und sie hatte den Stiel des Spatens mit einem Streifen von ihrem Rock umwickelt. Johanna legte dem Toten zwei Steine auf die Augen, weil sie das vom Fuhrknecht gehört hatte: Damit der Leib nicht wieder hochkomme, wenn der Boden nachts arbeitet. Dann starb ein Zweiter, ein Schwede mit einem Loch in der Lunge, das beim Atmen pfiff wie ein Korken im Wind. Sie legten ihn rechts daneben. Nur eine Handbreit ließ Anna zwischen den beiden. Der Sergeant, der schon wieder sprechen konnte, verlangte, man solle die Gräber trennen, einen Graben ziehen, ein Kreuz für die Richtigen aufstellen. Anna trat an den Spaten, stellte ihn senkrecht auf und ließ die Klinge in die Erde sacken.
„Die Erde fragt nicht nach dem Wappenrock“, sagte sie. So jedenfalls hat es Johanna später erzählt. Ich meine mich an den Satz zu erinnern, als stünde er in großen Buchstaben über der Scheunentür. Ob die Mutter es wirklich gesagt hat oder ob wir es uns in den vielen dunklen Wochen zurechtgelegt haben, weiß ich nicht mehr. Aber dass sie die drei Gräber ausheben ließ, genau in einer Reihe, und dass sie selbst die Kreuze schnitzte — das weiß ich. Drei Kreuze aus Birkenholz. Auf das erste schrieb sie mit Ofenruß einen Buchstaben, der nach nichts aussah. Auf das zweite nichts. Auf das dritte nichts. Sie sagte, Gott kenne die Namen, und der Rest sei Eitelkeit.
Am fünfzehnten Tag kam der Knecht vom Gut Vorsfelde, ein Hüne mit einem gescheckten Pferd. Er brachte die Nachricht, die Schweden zögen ab, und die kaiserlichen Kompanien sollten Quartier nehmen, wo es sich lohne. Er sah die offene Scheunentür, das Stroh, die Kanne mit Weidenrindensud. Er sagte nichts, wendete das Pferd und ritt im Galopp davon. Anna rief die Mädchen ins Haus. Sie zog die eiserne Pfanne aus dem Schrank und legte das Messer auf den Tisch, nicht als Drohung, sondern nur so, wie man eine Lampe aus dem Weg stellt. Dann setzte sie sich auf die Bank am Fenster und wartete. Lena zählte die Löffel noch einmal. Es waren siebzehn. Sie wusste nicht, warum, aber sie legte sieben Löffel auf die Fensterbank, die Klinge nach innen, wie eine kleine silberne Palisade. Johanna setzte sich auf den Boden und lehnte den Rücken an die kalte Ofenklappe. So saßen sie, bis draußen die Elstern schrien. Die Rache kam nie. Oder sie kam anders.
Am Ende waren dreizehn Männer lebend vom Hof geritten oder gehumpelt. Drei blieben unter dem Apfelbaum. Johanna schrieb später auf, dass die Mutter am Tag der Abreise jedem Mann ein Stück Brot in die Hand gedrückt habe, jedem dasselbe Gewicht, ob Kaiserlicher oder Schwede, und dass ein junger Fähnrich ihr eine Münze geben wollte. Anna nahm die Münze, prüfte sie mit den Zähnen und legte sie in den Blechnapf am Brunnen, aus dem die Männer getrunken hatten. „Für den nächsten, der durstig hier vorbeikommt“, sagte sie. Der Fähnrich salutierte. Dann fiel die Tür zu.
Die Hötgerin kam eine Woche später mit einem Korb Eiern, zehn Stück, und einer Geschichte, die sie im Dorf gehört hatte: dass man auf dem Möllerschen Hof die Feinde wie Brüder begrabe. Anna nahm den Korb, zählte die Eier und gab der Bäuerin ein kleines Säckchen Salz zurück. Sie standen eine Weile an der Pforte. Anna zeigte mit dem Kinn auf die drei Kreuze hinter dem Backhaus. „Willst du die Gräber sehen?“, fragte sie. Die Hötgerin schüttelte den Kopf. Sie sah nicht hin. Aber sie fragte, welche das von dem Schwarzhaarigen sei, dem man die Hand abgenommen hatte. Anna deutete auf das mittlere. „Da liegt er“, sagte sie. „Er hat in der Nacht vor seinem Tod nach seiner Mutter gerufen. Auf Schwedisch.“ Die Hötgerin strich sich zweimal über den Rock und sagte: „Mein Gott, Anna.“ Mehr nicht. Dann ging sie. Der Korb stand noch drei Tage neben der Tür.
Lena, die Jüngere, war elf in jenem Frühjahr. Sie erinnert sich an den Geruch von Weidenrinde, der noch im Herbst in den Decken hing, als sie sie zum Lüften über die Wiese hängten. Und an die drei Kreuze aus Birkenholz, die den Winter überstanden und im nächsten Frühjahr auf der Wetterseite grau geworden waren, wie altes Silber. Am Tag vor Mariä Himmelfahrt setzte sich die Mutter zwischen die Gräber und nähte einen losen Saum an Johannas blauem Sonntagsrock. Sie blieb, bis die Mücken kamen. Dann stand sie auf, klopfte die Erde von der Schürze und ging ins Haus, um die Ziegen zu melken. Der Weidenrindensud kochte zu einer Paste ein, die sie in ein Steingutgefäß füllte und auf das Wandbrett neben dem Türbalken stellte. Das Gefäß steht noch heute dort. Lena nimmt es manchmal in die Hand, wenn sie von der Weide kommt, und atmet den Geruch ein. Er ist schärfer als jede Erinnerung.







