Der Sonnenschirm auf Ines’ Balkon in Rothenburg ob der Tauber

Dreiundvierzig Jahre verheiratet, und plötzlich ging meine Frau jeden Abend früher ins Bett – bis ich begriff, dass es nicht an Müdigkeit lag.

Ich heiße Georg, bin einundsiebzig, und wohne mit meiner Frau Hannelore in einem Reihenhaus am Stadtrand von Rothenburg ob der Tauber. Zweiundvierzig Jahre Ehe, im November wären es dreiundvierzig geworden. Wir hatten immer verschiedene Rhythmen: ich ein Nachtmensch, sie schon in jungen Jahren am liebsten um halb zehn im Bett. Trotzdem sind wir jahrzehntelang gemeinsam schlafen gegangen, mehr oder weniger. Das änderte sich vor etwa vierzehn Monaten.

Erst ging sie um Viertel nach zehn. Dann um zehn. Irgendwann, im Frühling, schon um halb zehn, kaum dass der Abwasch fertig war. Ich blieb unten im Wohnzimmer, die Fernbedienung in der Hand, und dachte mir nichts dabei. Draußen bellte der Nachbarshund Waldi jeden Abend um dieselbe Zeit, wenn die Mülltonnen rausgestellt wurden, das war so verlässlich wie eine Kirchturmuhr. Ich schaute Tatort-Wiederholungen, Bundesliga-Zusammenfassungen, irgendeine Talkshow über Rentenpolitik. Ich dachte, Hannelore sei einfach erschöpft vom Garten, von den Enkelkindern, vom Alter eben.

Eines Abends brauchte ich das Ladekabel für mein Handy und ging ins Schlafzimmer. Halb elf. Sie saß aufrecht im Bett, die Nachttischlampe an, ein Buch von Charlotte Link aufgeschlagen auf den Knien. Kein bisschen müde. „Ich dachte, du schläfst schon", sagte ich. „Nein", sagte sie, und mehr kam nicht.

Das wiederholte sich. Immer dasselbe Bild: wach, lesend, die Tür fast angelehnt. Mir wurde klar, dass es nicht um Schlaf ging. Sie floh vor irgendetwas im Wohnzimmer – und das war ich.

An einem Sonntagabend im März habe ich sie direkt gefragt, was los sei. Sie klappte das Buch zu, legte es auf die Bettdecke und sagte: „Ich habe es satt, jeden Abend das zu schauen, was du schauen willst." Ich war ehrlich überrascht. Wir besitzen zwei Fernseher, einen unten, einen im Gästezimmer. Ich fragte, warum sie den nicht einfach benutze. „Weil wir danach essen und dann verschwindet jeder in ein anderes Zimmer, als hätten wir uns nichts mehr zu sagen."

Das Gespräch, das folgte, war unangenehm, aber notwendig. Hannelore erklärte mir, dass unser Alltag seit meiner Pensionierung vor drei Jahren geschrumpft sei auf ein paar immer gleiche Handlungen: Ich vor dem Fernseher, Fußball, Nachrichten, Dokumentationen über den Zweiten Weltkrieg. Sie saß danebem, obwohl es sie meistens nicht interessierte. Irgendwann hatte sie aufgehört, überhaupt noch etwas dazu zu sagen, und war einfach mit einem Buch nach oben verschwunden. „Wir reden seit Monaten keine zwanzig Minuten am Stück mehr miteinander", sagte sie. Ich wollte das für übertrieben halten. Dann versuchte ich, mich an unser letztes langes Gespräch zu erinnern. Mir fiel keins ein.

Wir lebten zusammen, aßen zusammen, kauften zusammen im Edeka ein, saßen sogar im selben Auto zum Arzt. Aber die meiste Zeit teilten wir uns nur den Raum, nicht das Gespräch. Ich fragte sie, ob sie meiner überdrüssig sei. „Ich bin überdrüssig, wie wir leben", antwortete sie. Das war nicht dasselbe, aber es traf mich trotzdem hart.

Ein paar Tage lang war ich richtig wütend. Was für mich eheliche Ruhe gewesen war, nannte sie Langeweile, und das fühlte sich an wie ein Vorwurf, den ich nicht verdient hatte. Ich habe eine Nacht auf der Couch verbracht, unter der alten Wolldecke mit dem Hirschmuster, die ihre Mutter noch gehäkelt hatte, und dabei die Straßenlaterne vor dem Fenster angestarrt, bis es dämmerte.

Hannelore gab am nächsten Morgen zu, dass auch sie falsch gehandelt hatte, indem sie sich jeden Abend wortlos zurückgezogen hatte, statt etwas zu sagen. Wir haben klein angefangen. Zweimal pro Woche bleibt der Fernseher nach dem Essen aus. Manchmal reden wir, manchmal spielen wir Skat zu zweit, was albern klingt, aber funktioniert, manchmal gehen wir noch eine Runde die Tauber entlang, bis zum alten Doppelbrücken-Blick und zurück, das dauert genau vierzig Minuten.

Wir machen auch wieder Dinge getrennt. Ich schaue weiter meine Spiele. Sie ist einem Lesekreis in der Stadtbücherei beigetreten, jeden zweiten Donnerstag. Das Merkwürdige ist: Seitdem vermissen wir uns wieder ein bisschen, wenn der andere nicht da ist. Und genau das hat uns gutgetan.

Vor zwei Wochen, an einem lauen Abend im August, saß Hannelore draußen auf dem Balkon unter dem alten grünen Sonnenschirm, den wir seit fünfzehn Jahren haben und den ich eigentlich schon zweimal wegwerfen wollte, weil der Stoff an einer Ecke eingerissen ist. Sie hatte die Beine hochgelegt und schlief tatsächlich, das Buch war ihr aus der Hand gerutscht. Ich weckte sie sanft, halb aus Sorge, halb aus Neugier, ob wieder etwas nicht stimmte. Sie lachte nur. „Heute bin ich wirklich einfach müde." Und diesmal glaubte ich ihr sofort, ohne nachzufragen.

Es klingt nach einer kleinen Geschichte. Kein Seitensprung, keine Trennung, keine große Krise. Aber mir ist klar geworden, wie leicht man die Abwesenheit von Streit mit echtem Glück verwechseln kann. Manchmal zerbricht ein Paar nicht mit einem Knall. Es hört einfach irgendwann auf, sich anzuschauen.

Am Dienstag danach hat Hannelore etwas gemacht, das mich mehr überrascht hat als alles zuvor: Sie ist zum Vermieter unserer alten Garage gegangen, die wir seit Jahren nur als Abstellraum für mein Werkzeug nutzen und für die wir monatlich sechzig Euro zahlen, und hat den Mietvertrag gekündigt. Fristgerecht, zum Jahresende. Stattdessen hat sie mit dem Geld, das dabei frei wird, schon einen Kurs für Aquarellmalerei an der Volkshochschule gebucht, zwölf Termine, dreiundneunzig Euro. Als ich sie fragte, warum sie das ohne mich entschieden habe, sagte sie nur, sie habe genug Jahre lang mitgetragen, was mir wichtig war, und jetzt trage eben ich ein Stück mit, was ihr wichtig ist. Die Garage steht seit letzter Woche leer, der neue Mieter hat schon den Schlüssel. Ich habe mein Werkzeug in den Keller geräumt und nichts dazu gesagt.

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Sixty & Me
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