Der Schlüssel mit dem Herzanhänger

Der Zug aus Hamburg hatte zwölf Minuten Verspätung. Johanna trat in die Bahnhofshalle von Bremen, die Luft roch nach nassem Asphalt und Kaffee aus dem Automaten. Unter dem Arm trug sie eine schmale Ledermappe mit einem Dokument, das sieben Jahre Schweigen beenden sollte.

Sieben Jahre. Sie zählte die Stufen zur Straßenbahn. Auf der Anzeige stand Linie 4, Abfahrt in drei Minuten. Fahrpreis zwei Euro achtzig. Sie hatte Kleingeld in der Manteltasche.

Damals, am Grab der Mutter, hatte Helene geschrien: Du hast ihr das Haus weggenommen. Johanna hatte geantwortet: Ich habe nichts genommen. Sie hat es mir überschrieben. Helene hatte den Blumenstrauß auf den Boden geworfen. Die weißen Rosen lagen im Schlamm.

Jetzt bog die Straßenbahn in die Straße ein, in der Helene wohnte. Drei Stockwerke Altbau, davor ein Fahrradständer mit einem rostigen Damenrad. Im zweiten Stock brannte Licht. Johanna sah auf die Uhr: halb acht.

Sie klingelte. Zweimal. Dreimal. Die Sprechanlage knackte, dann Helenes Stimme: Wer ist da?

Ich bin’s.

Ein langes Zögern. Dann der Summer.

Die Tür zum Treppenhaus war offen. Johanna ging hinauf, die Ledermappe gegen die Brust gedrückt. Auf dem Treppenabsatz im zweiten Stock stand der Nachbar mit seinem Hund — einem alten Dackel mit blauem Halsband. Der Mann grüßte. Johanna war schon an der Wohnungstür und klingelte.

Helene machte die Tür einen Spalt breit auf. Was willst du?

Lass mich rein. Es dauert fünf Minuten.

Hast du die Wohnung auch schon überschrieben?

Johanna schob die Mappe in den Türspalt. Nein. Aber das Haus in Schwachhausen. Auf deinen Namen.

Helene riss die Tür auf. Die Kette war noch vorgelegt. Sie sah auf die Mappe, dann auf Johannas Gesicht.

Du lügst.

Sieh selbst.

Helene nahm die Mappe. Sie schlug sie auf dem Küchentisch auf. Der Notarvertrag, Seite drei, ihr Name in Druckbuchstaben: Helene Brandt, wohnhaft in Bremen. Unterschrieben von Johanna vor drei Tagen in Hamburg. Notarsiegel blau.

Das ist eine Kopie, sagte Helene. Original ist beim Notar in der Kanzlei. Du kannst morgen anrufen und es bestätigen lassen.

Helene setzte sich auf den Küchenstuhl. Er wackelte, wie immer. Der Kühlschrank summte.

Warum?

Weil Mama es falsch gemacht hat. Sie hat dir nie gesagt, dass ich damals in Hamburg zwei Jobs hatte, um ihre Behandlung zu bezahlen. Sie hat dir gesagt, ich hätte euch verlassen.

Helene zog die Kette vom Hals. Ein kleiner goldener Anhänger — ein Herz, halb abgeblättert. Sie legte ihn auf den Vertrag.

Ich weiß es seit drei Jahren, sagte sie. Ich wusste nur nicht, wie ich es dir sagen soll.

Johanna setzte sich ihr gegenüber. Der Regen schlug gegen das Fenster. Auf dem Fensterbrett lag eine tote Fliege.

Dann weißt du auch, dass das Haus dir gehört, sagte Johanna. Die Hälfte war deine von Anfang an. Mama hat es dir nur nie überschrieben, weil sie wütend war. Weil sie dachte, du verdienst das Geld für dich.

Vierhundertzwanzigtausend, sagte Helene leise. So viel war es letztes Jahr wert.

Ist es immer noch. Aber es ist egal. Es ist zu deiner Sicherheit.

Helene stand auf. Sie ging zum Herd, füllte den Wasserkocher, drückte den Knopf. Das Geräusch von kochendem Wasser füllte die Küche. Sie drehte sich um.

Und wenn ich es nicht annehme?

Johanna zog den Reißverschluss ihrer Tasche auf, holte einen Schlüssel heraus — mit einem Herzanhänger aus Plastik, das sie als Kind auf dem Jahrmarkt gewonnen hatte. Sie legte ihn auf den Vertrag, neben die Kette.

Dann wirf ihn weg. Aber er ist der einzige, den ich noch habe.

Sie stand auf. Der Wasserkocher klickte aus. Helene nahm den Schlüssel.

Johanna ging zur Tür. An der Garderobe hing ein Kinderfoto von ihnen beiden auf dem Rücken eines Esels im Tierpark. Helene hatte das Geldstück, das man in den Automaten warf. Johanna hatte die Zügel.

Ich bin in der Pension Adler gegenüber, sagte Johanna. Zimmer sieben. Falls du reden willst.

Sie zog die Tür hinter sich zu. Der alte Dackel im Treppenhaus winselte.

Am nächsten Morgen, um halb neun, rief Helene in der Notarkanzlei an. Die Sekretärin bestätigte: Die Überschreibung war am Montag beurkundet worden, Eigentum gehe zum Ersten des Folgemonats über.

Helene legte den Hörer auf. Sie zog den Vorhang zurück; draußen fuhr die Straßenbahn Linie 4 vorbei. Auf dem Fensterbrett lag der Schlüssel mit dem Herzanhänger. Daneben der goldene Anhänger ihrer Kette.

Sie steckte den Schlüssel in die Innentasche ihrer Jacke. Sie ging die drei Stockwerke hinunter, über den Hof, zum Haus der Pension Adler. Vor Zimmer sieben blieb sie stehen. Sie klopfte zweimal.

Drinnen rührte sich nichts. Dann Schritte. Die Tür ging auf.

Johanna hatte noch den Mantel an. In der Hand einen Kaffeebecher.

Du kommst früh, sagte sie.

Helene hob den Schlüssel. Ich nehme ihn.

Dann setzte sie sich auf das Bett, stellte den Kaffeebecher auf den Nachttisch, und die beiden Schwestern schwiegen, während draußen die Linie 4 klingelte.

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