Ich heiße Hans-Joachim, bin zweiundsiebzig, und seit elf Jahren sitze ich jeden Morgen um kurz nach sieben mit meinem Kater Möppel auf der kleinen Bank neben dem Wasserhahn und trinke meinen Kaffee aus dem blauen Emaillebecher. Mein Schrebergarten liegt in Chemnitz, Anlage „Am Sonnenberg“, Parzelle 18. Rechts von mir wohnen seit vierzehn Jahren Kurt und Greta Brandt. Kurt ist achtundsechzig, pensionierter Bauingenieur, ein Mann, der keine Tür leise schließt. Greta ist vierundsechzig, ehemalige Gemeindeschwester, und sie besitzt eine uralte Nähmaschine ihrer Mutter. Das wusste ich, weil ich das Klackern manchmal bis an meinen Haselstrauch hörte, wenn der Wind von Osten kam.
An diesem Samstagmorgen trug ich gerade Eimer für die Tomaten, als nebenan die Autotür knallte. Kurts alter Mercedes-Diesel röhrte, dann hörte ich seine Stimme, unüberhörbar: „Dann mach’s dir gemütlich. Ich schau mal, ob der Zaun von außen hält. Sicherer ist sicherer.“ Das Schloss schnappte. Der Motor brummte davon.
Ich dachte mir nichts dabei. Kurt redete oft laut, und Greta war eine Seele von Frau, die für jeden Kuchen backte. Ich wässerte meine Akeleien, band die Clematis hoch, und Möppel legte sich in die Morgensonne auf den warmen Stein neben dem Kräuterbeet. Es muss gegen elf gewesen sein, als ich ein Schraubenquietschen hörte. Erst dachte ich an die Wildscheren von Parzelle 16, der junge Mann dort schneidet seine Hecke gern am Samstag. Aber das Geräusch kam von rechts. Ich stellte den Eimer ab und schaute durch den Johannisbeerbusch.
Greta stand an ihrem Gartentor. Sie hatte einen verrosteten Maulschlüssel in der Hand und schraubte die massiven Scharnierbolzen aus dem Torpfosten. Die sehen aus wie für ein Scheunentor übrig geblieben, viel zu sperrig für einen Schrebergarten. Ich wollte gerade rufen, ob ich helfen solle, aber ihr Nacken war so angespannt wie ein Zeltseil vor dem Sturm, und sie setzte den Schlüssel an wie jemand, der nicht zum ersten Mal mit Werkzeug hantierte. Ich blieb stumm. In einem Schrebergarten mischt man sich nicht in fremde Tore.
Sie legte das schwere Tor auf die Wiese, ging in den Schuppen, kam mit ihrer eigenen Kette zurück, der dicken mit dem Vorhängeschloss, die sonst über der Regentonne lag. Sie zog die Kette durch die Torösen, ließ das Schloss zuschnappen und steckte den Schlüssel in die Schürzentasche. Dann drehte sie sich um und verschwand im Haus.
Was danach geschah, habe ich nicht verstanden bis zu dem Moment, als die Hemden auftauchten.
Ich weiß noch, ich bückte mich nach meiner Gartenschere, und als ich wieder hochkam, hing über die gesamte Länge des Maschendrahtzauns von Parzelle 17 eine dunkelblaue Hemdenbrust neben der nächsten. Kurts Hemden. Alles frisch gebügelt, auf den Kleiderbügeln, die Bügelfalten so scharf wie bei einer Warenprobe im Textilkaufhaus. Dazwischen Steppjacken, eine Regenjacke, dann die Gummistiefel, davor eine perfekte Reihe aus vier Paar Anglerstiefeln. Später kamen drei japanische Spinnruten dazu, angeschnallt am Zaun wie Gardinenstangen. Dazwischen eine akkurate Kollektion von Baseballkappen, und als Letztes, direkt am Tor, ein schwerer Werkzeugkoffer, der sich nur mit einem Ruck aufklappen ließ, weil er bis oben hin mit Akkuschraubern, Steckschlüsseln und Schachteln voll gefüllt war.
Ich bin kein Mensch, der gafft. Aber da stand ich nun, die Kelle in der Hand, und Möppel saß auf der Mauer und rieb seinen Kopf an einem der herunterhängenden Hemdärmel. Es sah aus wie ein Flohmarkt am falschen Ort, nur sauberer. Der Wind zog leicht, und die Ärmel winkten hin und her, als riefen sie ihren Besitzer.
Kurt kam am Sonntag kurz nach zwölf. Ich hatte den Sonntagsbrötchenbeutel auf der Bank liegen und pellte gerade ein Ei, da hörte ich den Diesel. Er war nicht allein. Jemand rief: „Das ist er, der Zaun. Ich dachte, Sie hätten Interesse an einem soliden Wochenendgrundstück, aber ich sehe gerade, hier ist noch ein Umzug im Gange.“ Das muss der Interessent gewesen sein, ein Herr in hellem Sommeranzug, der einen Aktenkoffer in der Hand hielt.
Dann wurde es kurz still. Aber das war keine Ruhe, das war die Stille, bevor ein Glas runterfällt. Danach kam ein Geräusch, das ich Kurt nie zugetraut hätte: Er kreischte. „Greta! Greta, bist du bescheuert?! Mach sofort das Tor auf!“ Er rüttelte an der Kette, so heftig, dass die Maschen des Zauns klirrten. Einige Hemden fielen auf die Erde. Der Interessent trat einen Schritt zurück, als wolle er mit dem ganzen Anwesen nichts mehr zu tun haben.
Greta kam aus dem Haus. Sie trug ihre Kittelschürze mit den Rosenknöpfen, und in der rechten Hand hielt sie einen gelben Aktenordner wie eine Mappe, die man bei der Bank abgibt. Sie ging gemächlich den Weg zum Tor. Dann beugte sie sich vor, schob den Ordner durch die Lücke unter dem Tor, und ich hörte, wie das Plastik über den Schotter schabte und direkt vor Kurts Schuhen liegen blieb. Sie richtete sich wieder auf. Ihr Rücken war kerzengerade.
„Du wolltest doch, dass ich lüfte, Kurt“, sagte sie. Keine Spur von Wut in der Stimme, eher wie ein Protokoll. „Hab ich gemacht. Deine Sachen hängen draußen. Die Bügelfalten frisch. Du kannst sie gleich mitnehmen, sonst wird’s nass.“
Kurt hob den Ordner auf. Seine Hand zitterte, als er die Blätter durchblätterte. Ich konnte von der Bank aus nicht erkennen, was drinstand, aber der Herr im Sommeranzug beugte sich vor und las mit. Dann sagte der Herr: „Hören Sie, Herr Brandt, ich glaube, Sie haben hier noch eine interne Klärung nötig. Ich melde mich, wenn sich die Umstände geändert haben.“ Er klappte seinen Aktenkoffer zu, ging zu dem silbernen BMW auf dem Weg vor dem Zaun und fuhr in einer Staubwolke davon. Ein Rad streifte dabei fast die Anglerstiefel.
Kurt stand da. Er hielt den Ordner an den Rändern fest, als müsse er etwas zerreißen. „Das ist alles nur ein Entwurf“, sagte er. „Vorvertrag. Nichts unterschrieben. Greta, komm raus, wir setzen uns hin, wir reden. Wie zivilisierte Menschen.“
Greta drehte sich zu ihm hin. „Der Vertrag betrifft Parzelle 17. Die gehört mir zur Hälfte. Aber du wolltest sie ja lieber auf deinen Namen schreiben lassen, weil das damals wegen der Steuern so günstiger war. Weißt du noch? Ich war dagegen. Du hast gesagt: Ich verstehe nichts davon.“ Sie stockte nicht, sie schaute ihn nicht an, sie betrachtete ihre Nähmaschine, die sie inzwischen auf die kleine Terrasse direkt vor das Haus gestellt hatte. Ich konnte sie von meiner Bank aus sehen, die alte Singer mit dem Fußpedal, und daneben stand ein Stuhl. „Heute Nachmittag kommen deine Kisten auf den Kompost, wenn du sie nicht abholst.“
Mehr sagte sie nicht. Sie setzte sich auf den Stuhl, stellte die Füße auf das Pedal und nähte. Das Klackern war gleichmäßig, ohne Hektik. Der Wind trug es zu mir herüber.
Kurt fluchte, schlug mit der flachen Hand gegen den Zaun, trat ein paar Kiesel beiseite. Dann sammelte er seine Sachen ein. Ich hörte das Scheppern der Bügel, das Zuschnappen seiner Handschuhfächer, das Klackern des Werkzeugkoffers. Einmal rief er noch: „Das ist nicht rational!“ Greta antwortete nicht. Das Klackern der Nadel ging weiter.
Gegen halb zwei war sein Auto voll. Die Hemden lagen auf dem Rücksitz, die Spinnruten ragten aus dem halb geöffneten Fenster nach hinten wie Angelantennen. Kurt stieg ein, der Diesel röhrte, und dann fuhr er die Allee hinunter in Richtung Ausfahrt. Ich sah ihm nach, bis der Wagen zwischen den Kastanien verschwand. Neben mir lag Möppel auf dem warmen Pflasterstein und leckte sich die Pfote.
Als ich am nächsten Morgen mit dem Eimer ans Tor kam, war an Parzelle 17 kein Vorhängeschloss mehr außen am Tor. Nur die Kette von gestern baumelte lose, aber das Tor selbst hing wieder in den Angeln, die Bolzen fest angezogen. Durch die Maschendrahtmaschen sah ich Greta auf der Terrasse sitzen. Vor ihr stand eine leere Kaffeetasse, daneben der gelbe Ordner, und sie nähte an einem Stoff, den ich nicht erkannte. Das Pedal ging auf und ab.
Ich habe dann die Tomaten gegossen, den Salat nachgesät und Möppel sein Frühstück gegeben. Die Anlage roch nach nassem Gras und Holunderblüten, und irgendwo rief ein Nachbar nach seinem Hund. Um kurz vor neun klappte ich meinen Sonnenschirm auf und dachte kurz daran, dass ich Greta fragen könnte, ob sie von meinem Apfelkuchen ein Stück wolle. Der war noch vom Freitag. Aber dann fiel mir ein, dass auf meiner Packung steht: „Zu Besuch bitte nur, wenn genug für alle da ist.“ Für alle hätte es nicht gereicht.
Also blieb ich sitzen, hörte dem Klackern zu und wickelte ein Kabel um die Rolle zurück, das schon seit Mai lose am Spalier hing.







