Ich bin Notarfachangestellte, seit siebzehn Jahren, in einer Kanzlei in der Josephspitalstraße, gleich hinterm Sendlinger Tor. Man sieht viel, wenn man den ganzen Tag Unterschriften prüft. Meistens ist es Routine: Erbschaften, Scheidungswohnungen, Firmenübertragungen. Aber der Fall mit Frau Herzog vergesse ich nicht so schnell.
Es war ein Dienstag im Oktober, kurz vor Feierabend, und ich wollte eigentlich nur noch die Akten für den nächsten Tag ordnen. Draußen hatte es den ganzen Tag genieselt, die Kastanien vor dem Fenster ließen ihre Blätter fallen, und aus dem Radio in der Teeküche lief noch der Verkehrsfunk — Stau auf der A96, wie jeden Abend. Da klingelte das Telefon. Ein Anrufer, der sich als Rechtsanwalt vorstellte, ein gewisser Herr Brandt, fragte, ob wir für eine Frau Katrin Herzog schon einmal eine Vollmacht beurkundet hätten. Zur Eigentumsübertragung einer Wohnung in Bogenhausen.
Mein Chef nahm den Anruf an, ich saß nur daneben und tippte ein Übergabeprotokoll. Aber ich hörte mit, weil der Name mir bekannt vorkam — Frau Herzog hatte vor drei Jahren bei uns die Eigentumswohnung notariell übertragen bekommen, nach der Scheidung von ihrem ersten Mann. Zwei-Zimmer-Wohnung, Klenzestraße, mit Balkon zur Isar. Damals hatte sie mit zittrigen Fingern unterschrieben, aber am Ende doch gelächelt, weil sie es endlich geschafft hatte, allein zu stehen.
Mein Chef sagte dem Anwalt, nein, keine Vollmacht, keine Unterschrift, nichts liege vor. Er legte auf und schüttelte den Kopf. „Da braut sich was zusammen", meinte er nur, und wir dachten beide, damit wäre die Sache für uns erledigt.
Am nächsten Morgen stand Frau Herzog selbst in der Tür. Ich erkannte sie kaum wieder — keine Wut im Gesicht, eher diese Art von Ruhe, die man hat, wenn man die ganze Nacht nachgedacht hat und am Ende auf ein Ergebnis gekommen ist. Sie trug einen nassen Trenchcoat, hatte einen Aktenordner unterm Arm, und roch nach dem Kaffee, den sie sich offenbar unterwegs am Bäckerstand geholt hatte, in einem dieser Pappbecher mit dem Logo drauf.
Sie hatte einen Termin, den wir eigentlich erst für den Nachmittag hatten, aber sie fragte, ob es früher gehe. Mein Chef nahm sie dazwischen.
Was ich von der ganzen Geschichte weiß, habe ich in Fetzen zusammengesetzt — aus dem, was sie am Empfangstresen erzählte, während sie auf ihn wartete, und aus dem, was später im Aktenvermerk stand. Ich erzähle es so, wie es bei mir hängengeblieben ist.
Katrin Herzog, zweiundvierzig, Grafikdesignerin, seit sechs Jahren mit einem Mann namens Sebastian Reiner verheiratet. Die Wohnung in der Klenzestraße gehörte ihr allein — gekauft und abbezahlt, noch bevor sie Sebastian überhaupt kannte. Seine Mutter, Ingrid Reiner, wohnte draußen in Freising und kam eigentlich nur zu Weihnachten und manchmal an einem verlängerten Wochenende. Diesmal war sie fünf Tage früher angereist, ohne Ankündigung, mit der Begründung, sie müsse „mal wieder nach dem Rechten sehen".
Am Abend vorher, erzählte Frau Herzog am Empfang, während sie auf den Anruf ihres Anwalts wartete und dabei mit dem Kaffeebecher in der Hand am Fenster stand, sei sie von der Arbeit nach Hause gekommen und habe ihre Schwiegermutter am Schreibtisch im Arbeitszimmer stehend vorgefunden — den Laptop gerade zugeklappt, mit diesem Gesichtsausdruck, den man hat, wenn man ertappt wird und trotzdem so tut, als wäre nichts. Sie hatte damals nicht weiter nachgefragt. Aber am nächsten Tag rief eben jener Anwalt an — nicht bei ihr, sondern bei uns, weil Ingrid Reiner ihm eine Kopie von Katrins Personalausweis und Unterlagen zur Wohnung gegeben hatte, mit der Behauptung, ihre Schwiegertochter wolle die Wohnung „ordnungsgemäß" auf den Sohn übertragen lassen.
Als Frau Herzog das bei uns im Wartebereich am Telefon mit dem Anwalt klärte, hörte ich nur ihre Seite. Sie fragte ruhig, fast sachlich: „Welche Unterlagen genau haben Sie bekommen?" Dann eine Pause. Dann: „Eine Ausweiskopie. Von mir. Ohne mein Wissen." Ihre Stimme kippte nicht, sie wurde eher leiser und fester zugleich.
Ich hatte in diesem Moment gerade Kaffee nachgeschenkt und blieb im Flur stehen, mit der Kanne in der Hand, weil ich spürte: Das ist einer dieser Momente, in denen jemand gerade begreift, dass eine ganze Ehe aus einer einzigen Formulierung besteht — „sie versteht es schon noch" — die sechs Jahre lang wiederholt wurde, jedes Mal, wenn die Schwiegermutter eine Grenze überschritt.
Ihr Mann rief sie an, während sie bei uns saß. Sie nahm ab, ich hörte nur ihre Antworten. „Ja." — „Nein, das ist mir nicht gleichgültig." — „Du hast es gewusst, oder?" Eine lange Pause. Dann legte sie auf, ohne sich zu verabschieden, und drehte das Telefon zweimal in der Hand, bevor sie es zurück in die Manteltasche steckte.
Mein Chef bat sie dann ins Besprechungszimmer. Ich brachte Wasser, wie immer, zwei Gläser, und sah auf dem Tisch den Ordner liegen, den sie mitgebracht hatte — Grundbuchauszug, Kaufvertrag von 2019, ihr Scheidungsurteil von der ersten Ehe. Sie hatte alles fein säuberlich sortiert, mit bunten Reitern beschriftet, in einer Handschrift, die trotz allem sehr ordentlich aussah.
Mein Chef prüfte den Grundbuchauszug und bestätigte: Alleineigentümerin, keine Belastungen, keine Vollmacht zu ihren Gunsten oder zulasten hinterlegt. Er riet ihr, sofort schriftlich beim Anwalt der Schwiegermutter zu widersprechen und für den Fall vorzusorgen, dass jemand versuchen sollte, mit einer gefälschten Unterschrift zu arbeiten. Sie sagte einen Satz, den ich mir gemerkt habe, weil er so gar nicht nach Drama klang, eher nach einer Feststellung: „Ich habe sechs Jahre gewartet, dass er ‚Nein' zu ihr sagt. Jetzt sage ich es."
Zwei Wochen später kam sie noch einmal, diesmal zur Beurkundung der Scheidungsfolgenvereinbarung. Ich hatte im Vorfeld mit der Terminvergabe zu tun, deshalb weiß ich, dass ihr Mann tatsächlich mitkam — nicht um zu streiten, eher um dabei zu sein. Er wirkte müde, hatte den Kragen seines Hemds schief zugeknöpft, so als hätte er sich in Eile fertiggemacht. Er sagte im Wartebereich nur einmal etwas zu ihr, während ich am Empfang Kaffee für die Wartenden nachfüllte: „Ich habe die Ausweiskopie bei meiner Mutter in der Tasche gefunden. Ich dachte, du hättest zugestimmt." Sie antwortete nicht darauf. Sie blätterte in ihren Unterlagen weiter, so als hätte sie den Satz schon einmal gehört und brauchte keine zweite Fassung davon.
Die Unterschrift unter dem angeblichen Übertragungsentwurf, den die Schwiegermutter dem Anwalt gegeben hatte, stellte sich übrigens als Fälschung heraus — mein Chef hatte das mit einem Schriftvergleich klären lassen, weil Frau Herzog darauf bestand, es amtlich festzuhalten, „damit niemand hinterher behauptet, ich hätte es mir nur eingebildet". Wer genau unterschrieben hatte, wurde nie offiziell geklärt. Ich vermute, das war ihr am Ende auch nicht mehr wichtig.
Was mir im Gedächtnis geblieben ist: Am Tag der Beurkundung brachte Frau Herzog einen Aktenordner mit — nicht den alten, den ich schon kannte, sondern einen neuen, dunkelblauen, mit einem Aufkleber „WOHNUNG — NUR ICH" drauf, in ihrer eigenen Handschrift. Sie legte ihn vor sich auf den Tisch, öffnete ihn, zog den Kaufvertrag, das aktuelle Grundbuchblatt und eine Vollmachtswiderrufserklärung heraus, die sie schon vorab beim Anwalt der Schwiegermutter hatte zustellen lassen. Mein Chef bestätigte noch einmal mündlich, dass die Wohnung ausschließlich in ihrem Namen im Grundbuch stand, unbelastet, und dass keinerlei Übertragung stattgefunden hatte oder stattfinden würde. Dann unterschrieb sie die Scheidungsfolgenvereinbarung — mit einem Kugelschreiber, den sie selbst mitgebracht hatte, weil sie, wie sie sagte, „nichts mehr nehmen wollte, was mir jemand anderes hinstellt".
Ihr Mann unterschrieb ebenfalls, ohne ein Wort. Danach reichte er ihr noch einmal die Hand, sie schüttelte sie kurz, mehr aus Höflichkeit als aus Wärme, und ging.
Ich hörte später von der Kollegin aus der Terminvergabe, dass die Schwiegermutter noch einmal versucht hatte, in der Kanzlei anzurufen, um „das Missverständnis aufzuklären". Mein Chef ließ ihr ausrichten, sie könne sich schriftlich an ihren eigenen Anwalt wenden, wenn sie Fragen zu einer Immobilie habe, die ihr nicht gehöre.
Was ich erst später erfuhr, und zwar von Frau Herzog selbst, war die Sache mit den Schlössern. Noch am Tag der Beurkundung hatte sie einen Schlüsseldienst in der Baaderstraße angerufen, einen dieser Betriebe mit dem gelben Schriftzug am Lieferwagen, und um einen Termin „so schnell wie möglich" gebeten. Der Monteur kam am nächsten Morgen, Viertel nach neun, mit einer Werkzeugtasche und einem Klemmbrett, auf dem er sich den Namen an der Klingel notierte. Er tauschte den Zylinder an der Wohnungstür aus, dazu den am Kellerabteil, weil Ingrid Reiner bei ihrem letzten Besuch auch dort unten gewesen war, um „ein paar alte Kartons zu sortieren". Es dauerte knapp vierzig Minuten. Frau Herzog bezahlte bar, hundertachtzig Euro, ließ sich die Quittung geben und steckte sie in genau jenen dunkelblauen Ordner, hinter den Grundbuchauszug, auf einem eigenen Reiter, den sie noch am selben Abend beschriftete: „SCHLÜSSEL — NEU, seit 14.11."
Ich habe Frau Herzog danach nur noch einmal gesehen, ein paar Monate später, zufällig, in der Drogerie in der Reichenbachstraße. Sie stand an der Kasse, kaufte irgendein Katzenfutter — sie hatte sich, glaube ich, einen Kater zugelegt — und wir grüßten uns kurz. Sie sah entspannter aus als bei uns im Büro. Kein großes Gespräch, nur ein Nicken, eine Bemerkung über das Wetter. An ihrem Schlüsselbund, das sah ich, als sie nach dem Portemonnaie kramte, hing jetzt nur noch ein einziger Schlüssel, glänzend, offensichtlich neu geschnitten. Dann bezahlte sie, steckte das Wechselgeld ein und ging mit ihrer Tüte hinaus, in Richtung Isar.







