Elke Brandt war siebenundvierzig, arbeitete als Pflegedienstleiterin in einer Klinik in Stralsund und fuhr jeden Morgen um Viertel vor sechs dieselbe Strecke: über die B96 Richtung Rügendamm, vorbei am Kaufland, wo die Bäckereifiliale schon Licht machte, während der Rest der Stadt noch schlief. An diesem Dienstag im September lag Nebel über der Fahrbahn, so dicht, dass die Rücklichter vor ihr wie verwaschene rote Punkte wirkten.
Sie sah das Tier erst, als der Wagen vor ihr auswich. Ein graues Etwas, kaum größer als eine Faust, kauerte zwischen den Fahrspuren, den Schwanz eng an den Körper gepresst, während links und rechts die Lkw aus dem Fährhafen vorbeidonnerten. Ein Kater, vielleicht vier Monate alt, komplett durchnässt vom Tau.
Elke bremste, ohne nachzudenken, schaltete die Warnblinkanlage ein und stieg aus, mitten auf der Fahrbahn, den Blazer noch über dem Arm, weil sie eigentlich zur Frühbesprechung wollte. Ein Sattelschlepper hupte lang und wütend. Sie hob trotzdem die Hand, lief geduckt zu dem Tier, das bei jedem Schritt weiter in Richtung Leitplanke rutschte, als könnte es sich dort irgendwie in Sicherheit bringen. Als sie es endlich zu fassen bekam, krallte es sich durch den Ärmel ihrer Bluse, drei rote Striemen, die noch tagelang zu sehen sein würden.
Im Auto, auf dem Beifahrersitz, hörte das Tier nicht auf zu zittern. Elke fuhr nicht zur Klinik. Sie fuhr zur Tierarztpraxis am Frankenwall, klopfte gegen die noch verschlossene Glastür, bis eine Sprechstundenhilfe im Kittel öffnete und sie beide, Frau und Kater, hereinließ.
Der Tierarzt, ein ruhiger Mann namens Dr. Wachs, der die Praxis von seinem Vater übernommen hatte, fand einen Mikrochip. Der Kater hieß Mauzi, gemeldet auf eine Adresse in Grimmen, knapp dreißig Kilometer entfernt. Er war seit elf Tagen als vermisst gemeldet.
Elke rief die Nummer aus der Chipregistrierung noch aus dem Wartezimmer an, während draußen ein Kanarienvogel in einem Käfig gegen das Glas eines Aquariums pickte, das offenbar zur Deko diente und niemandem gehörte. Am anderen Ende meldete sich eine Frau, die erst gar nicht glauben wollte, dass ihr Kater lebte, dann weinte, dann fragte, wie viel sie schulde.
Genau da begann die eigentliche Geschichte.
Die Katzenbesitzerin hieß Bettina Sürth, alleinerziehend, zwei Kinder, arbeitete in Teilzeit an der Kasse eines Getränkemarkts. Sie hatte, wie sich herausstellte, bereits vor zehn Tagen eine Vermisstenanzeige beim Tierschutzverein aufgegeben und eine Belohnung von hundertfünfzig Euro ausgelobt, Geld, das sie eigentlich für die Klassenfahrt ihres Sohnes zurückgelegt hatte. Als sie in der Praxis ankam, außer Atem, die Autotür noch offen auf dem Parkplatz, wollte sie Elke das Geld sofort in die Hand drücken. Elke lehnte ab. Zweimal, dann ein drittes Mal, energischer.
Es blieb nicht bei der Ablehnung. Die Tierarztrechnung, Untersuchung, Entwurmung, eine kleine Wunde am Pfotenballen, die genäht werden musste, belief sich auf hundertneunzig Euro. Bettina wollte auch das zahlen, konnte es aber, wie sich am Tresen zeigte, mit der EC-Karte nicht, weil das Konto im Minus war. Sie stand da, rot im Gesicht, vor der Sprechstundenhilfe, während hinter ihr in der Warteschlange ein Mann mit einem Dackel ungeduldig auf die Uhr sah.
Elke zahlte die Rechnung. Ohne ein Wort darüber zu verlieren, zog sie ihre eigene Karte aus der Tasche, tippte die PIN ein und sagte nur, das mache man doch nicht anders. Bettina protestierte, versprach, in Raten zurückzuzahlen, zwanzig Euro im Monat, vielleicht sogar dreißig. Elke schrieb ihr die IBAN nicht auf.
Die Geschichte hätte hier enden können, eine nette Randnotiz, hätte nicht drei Wochen später ein Mann bei Elke vor der Wohnungstür in der Frankenstraße gestanden. Reinhard Sürth, Bettinas Exmann, der seit der Trennung kaum Kontakt zu den Kindern hielt, hatte über Umwege von der Sache gehört und witterte eine Gelegenheit. Er behauptete, der Kater sei ursprünglich sein Geschenk gewesen, damals, vor der Scheidung, und forderte nun, dass ihm die "Fundprämie" zustehe, die er sich offenbar selbst ausgedacht hatte, weil er glaubte, Elke habe von Bettina längst Geld bekommen. Vierhundertzwanzig Euro nannte er, eine Zahl, die er sich, wie sich später zeigte, aus der angeblichen Tierarztrechnung plus einer erfundenen Aufwandsentschädigung zusammengerechnet hatte.
Elke ließ ihn nicht einmal in den Flur. Sie stand in der Tür, die Kette noch eingehakt, den Spalt keine zwanzig Zentimeter breit, und sagte ihm, er solle sich an Bettina wenden, wenn er Geld wolle, aber nicht an sie, die für ein fremdes Tier ausgelegt habe, was ihm offenbar noch nie eingefallen wäre zu tun.
Er kam trotzdem wieder, zweimal, rief einmal sogar in der Klinik an, wo Elke arbeitete, und verlangte am Empfang, mit der Pflegedienstleitung verbunden zu werden, um "eine Sache wegen einer Katze zu klären". Die Kollegin an der Anmeldung, eine junge Frau namens Jasmin, die noch in der Ausbildung war, notierte sich Datum und Uhrzeit des Anrufs, weil ihr das Ganze komisch vorkam, und legte den Zettel in Elkes Fach.
Elke ging nicht zur Polizei, das wäre, wie sie später zu Bettina sagte, zu viel der Sache. Aber sie ging zu einem Anwalt, den sie über eine Kollegin kannte, und ließ sich schriftlich bestätigen lassen, dass sämtliche Auslagen, die hundertneunzig Euro Tierarztkosten, freiwillig und ohne Anspruch auf Rückzahlung geleistet worden waren, dokumentiert mit der Originalquittung aus der Praxis am Frankenwall. Diese Bestätigung, zusammen mit einem kurzen Brief, ließ sie Reinhard Sürth per Einschreiben zustellen, mit der klaren Formulierung, dass jede weitere Kontaktaufnahme als Belästigung gewertet und angezeigt werde.
Zwei Wochen später stand Bettina mit Mauzi im Körbchen vor Elkes Tür, diesmal ohne Vorankündigung. Sie brachte keinen Umschlag mit Geld, das hatte sie sich abschminken lassen, sondern einen selbstgebackenen Streuselkuchen und einen Zettel, auf dem in krakeliger Schrift ihres achtjährigen Sohnes stand: Danke, dass Sie Mauzi gerettet haben. Reinhard hatte sich seitdem nicht mehr gemeldet, weder bei ihr noch bei Elke.
Mauzi saß, längst wieder aufgepäppelt, mit dickerem Fell und einer kleinen Narbe an der Pfote, im Körbchen und schnurrte, als hätte er die Nacht auf der nebligen B96 nie erlebt.







